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Mutiges Paar machte Brief publik
Niedersachsen: Schwulem Ehepaar anonym Kopfschüsse und KZ angedroht
Das erste in der evangelischen Landeskirche Hannover getraute gleichgeschlechtliche Paar hat einen extremen Drohbrief erhalten – nicht zum ersten Mal.

Der anonyme Brief enthielt u.a. ein mit eingezeichneten Kopfschüssen verunstaltetes Zeitungsbild des Paares bei seiner Trauung. Die Frädermanns wollen sich nicht einschüchtern lassen und machten die Drohung öffentlich
- Von Norbert Blech
22. Januar 2018, 14:13h 4 Min.
Wenige Wochen nach ihrer Heirat durch Upgrade ihrer Lebenspartnerschaft sowie ihrer Trauung in der evangelischen Kirche haben Andreas Frädermann und sein Gatte Andreas einen extrem hasserfüllten Brief erhalten, in dem den 37- und 49-jährigen Männern gar mit Ermordung gedroht wird.
Das Paar betreibt seit einigen Jahren in Eldagsen, einem kleinen von der Stadt Springe eingemeindeten Ort in Niedersachsen mit knapp über 3.300 Einwohnern, einen Friseursalon. Die beiden hatten schon vor rund vier Jahren nach Eingehung der Lebenspartnerschaft einen ähnlichen Drohbrief erhalten.
Ihre Ehe ist bereits die dritte gleichgeschlechtliche im knapp 29.000 Einwohner zählenden Springe; alle Paare hatten sich zuvor bereits verpartnern lassen. Die Trauung durch einen Pastor in Rente, der bereits vor vier Jahren einen Segnungsgottesdienst für das Paar leitete, fand im Dezember allerdings in einer Kapelle in einem anderen Ortsteil statt, weil der Pfarrer der Heimatgemeinde sie nicht durchführen wollte. Dennoch fühlen sich der in dem Ort geborene 37-Jährige und der aus Bremen hinzugezogene 48-Jährige, die seit der Verpartnerung den gleichen Vor- und Nachnamen tragen, in Eldagsen wohl und akzeptiert.
"Untermenschen nach Plötzensee"
Doch ein wohlwollender Bericht der Lokalzeitung über die kirchliche Trauung sowie ein Vorbericht wenige Wochen zuvor sorgte jetzt wohl für einen erneuten anonymen Drohbrief an die beiden Männer – der Verfasser hatte darin unter anderem ein Bild des Paares aus der Zeitung ausgeschnitten und dazu Kopfschüsse auf die Männer eingezeichnet.
"Wie war die Arschfickernacht? Schön den Pimmel in den Arsch gesteckt und voll mit Scheiße wieder rausgezogen?", heißt es in dem mit Schreibmaschine verfassten Brief. Die beiden Männer seien "Untermenschen" und gehörten "nach 'Plötzensee' an den Fleischerhaken", so der unbekannte Verfasser in Anspielung auf die Hinrichtungsstätte der Nazis in Berlin. "Abartige Männer sind und bleiben immer ekelhafte Schweine. Schwule sind krank im Hirn, nicht normal und gehören in die Verbrennungsanlage von KZ Buchenwald!" In das Konzentrationslager hatten die Nazis unter anderem auch rund 10.000 Homosexuelle verschleppt, von denen viele dort aufgrund von Entkräftung, medizinischen Versuchen oder Mordaktionen starben.

Ausschnitt aus dem Brief mit dem angeblichen Absender "Helmut Wixer" aus einer "Pimmelstraße" aus dem Ort des Paares
Der Brief bezeichnet den (mit einer Frau verheirateten) Pfarrer, der sie traute, als "ebenfalls schwul" und endet mit dem Hinweis, dass "wir", angeblich "14 gläubige Christen", aus der evangelischen Kirche ausgetreten seien. Die handschriftliche Unterschrift wird von einigen Lesern als "Heil 8" gedeutet, wobei die Zahl dann wohl für "Hitler" stünde, könnte aber auch als "Meik B" gelesen werden.
Paar will sich nicht einschüchtern lassen
Als der Brief am Freitag im Friseursalon ankam, habe er anhand der ebenfalls mit Schreibmaschine erfolgten Adressierung auf dem Kuvert sofort geahnt, dass das wieder ein Drohbrief sein werde, so der jüngere Andreas Frädermann gegenüber queer.de. Bereits der Brief vor vier Jahren sei mit Schreibmaschine verfasst und in ihm von "dreckigen Schweinchen" und einer Verbringung nach Plötzensee die Rede gewesen.
"Damals war ich für Tage niedergeschmettert", so Frädermann, zumal eine Kopie des Briefes auch an seine Eltern geschickt worden sei. Die Polizei ermittelte nach einer Anzeige des Paares, habe den oder die Täter aber nicht ausfindig machen können. Ein anderes schwules Paar habe eine ähnliche Drohung erhalten.
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Andreas und Andreas werben in ihrem Heimatort und auch virtuell für Akzeptanz
Auch diesmal hat das Paar eine Anzeige gestellt, geht aber lockerer mit dem Brief um – Frädermann vermutet, dass ihn wohl "ein einziger, einfach verbitterter Mensch" geschrieben habe. Einer der Eheleute stellte einen Scan des Briefes halb-privat auf Facebook online, und nachdem ein Bekannter anfragte, ob er diesen auf einer CSD-Seite veröffentlichen könne, entwickelte sich der Brief dort seit Samstag viral – der Eintrag auf der Seite des CSD Cloppenburg wurde inzwischen über 600 Mal geteilt und allein im Original über 200 Mal kommentiert. Der Drohbrief hat viele Menschen entsetzt.
Das Paar stört es nicht, dass der Brief nun samt der abgebildeten Mordandrohung verbreitet wird. "Ich finde es wichtig, auch anderen zu zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen", sagt Frädermann. Man dürfe einen solchen Brief nicht herunterspielen, sich aber auch nicht verrückt machen lassen. "Gottseidank haben wir viel Rückhalt im Ort", so der Friseur entspannt, auch online sei der Zuspruch bereits "überwältigend".
Update 24.1., 09.55h: Staatsschutz ermittelt
Laut einem Bericht der "Neuen Deister-Zeitung" (Pay-Artikel) hat die Polizei in Springe den Drohbrief nach Anzeigen des Paares und weiterer Bürger wegen des "öffentlichen Verwendens nationalsozialistischer Symbole und Parolen" an den Staatsschutz der Polizei Hannover weitergeleitet, der bereits zum ersten Brief ermittelt habe. Die Polizei sieht zudem "deutliche Anhaltspunkte für die Straftatbestände Bedrohung und Beleidigung".















