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"Schutz durch Therapie"

Deutsche Aids-Hilfe: Schutzwirkung von HIV-Therapie "erschreckend unbekannt"

Vor zehn Jahren gab die schweizerische Aids-Kommission bekannt, dass HIV-Positive in Behandlung das Virus nicht übertragen können. Die Botschaft ist aber bis heute nicht durchgedrungen.


Die Deutsche Aids-Hilfe würde gerne mehr über "Schutz durch Therapie" informieren, erhält aber Widerstand aus der Politik (Bild: Deutsche Aids-Hilfe)

Am 30. Januar 2008 beging die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen (EKAF) einen Tabubruch: Als erste Behörde weltweit warb sie für den "Schutz durch Therapie" – die Aussage bedeutet, dass HIV bei einem Positiven, der sich zuverlässig mit antiretroviralen Medikamenten behandeln lässt, beim Sex nicht übertragbar ist (queer.de berichtete). Mit dem klaren Bekenntnis zu Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung wollten die HIV-Spezialisten um den Infektiologen Pietro Vernazza HIV-Positiven wie HIV-Negativen Ängste nehmen und Menschen mit HIV ein "weitgehend 'normales' Sexualleben ermöglichen."

Doch auch zehn Jahre später ist dieses Konzept des "Swiss Statements" nicht in der Öffentlichkeit angekommen, beklagte die Deutsche Aids-Hilfe am Montag. Sie verwies auf eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem letzten Jahr, wonach nur einer von zehn Bundesbürgern das Konzept "Schutz durch Therapie" überhaupt kennt.

"Diese Erkenntnisse sind erschreckend und offenbaren großen Handlungsbedarf", erklärte dazu DAH-Vorstandsmitglied Sylvia Urban. Das Wissen, dass HIV unter Therapie nicht übertragbar sei, könne die Zurückweisung von HIV-positiven Menschen im Alltag verhindern, ist sich Urban sicher. "Jeder sollte diese gute Nachricht kennen! Die HIV-Prävention in Deutschland muss diese entlastende Information offensiver in die Öffentlichkeit tragen als bisher."

Selbst FDP- und Grünenpolitiker kämpfen gegen "Schutz durch Therapie"

Allerdings gibt es auch politischen Widerstand gegen diese Art von Aufklärung, sogar von "liberalen" Politikern: So machten die FDP-Gesundheitsexperten Susanne Schneider und Ulrich Alda 2015 die Aussage eines Aids-Aktivisten zum "Schutz durch Therapie" zum Skandal, was von den Aids-Hilfen und in einem queer.de-Kommentar scharf kritisiert wurde.

Selbst bei den Grünen wird gegen die Aufklärung zum "Schutz durch Therapie" polemisiert: Die frühere NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens kritisierte ein paar Wochen nach ihren FDP-Politikerkollegen etwa die Aktion "Wir machen's ohne – Safer Sex durch HIV-Therapie", mit dem die Aids-Hilfen auf die Therapiemöglichkeit hingewiesen hatten (queer.de berichtete). Die Aktion, die Menschen über "Schutz durch Therapie" informieren sollte, wiege Personen in "falscher Sicherheit", behauptete die Grünenpolitikerin damals.

Es gebe heute "keinen Zweifel mehr an der Schutzwirkung der Therapie", bekräftigte am Montag hingegen erneut DAH-Vorstandsmitglied Urban. "Dieses Wissen trägt für viele Menschen zu einer erfüllten Sexualität ohne Angst bei."

Um das Jubiläum des "Swiss Statements" zu feiern und auf das mangelnde Wissen in der Bevölkerung hinzuweisen, organisieren HIV-positive und solidarische Aktivistinnen und Aktivisten am 3. Februar unter dem Titel "Flying Condoms" Aktionen in Berlin, Kassel, Magdeburg und München (Mehr Infos auf Facebook).

In Deutschland leben laut Robert-Koch-Institut rund 88.400 Menschen mit HIV, 75.700 wissen von ihrer Infektion. 64.900 nehmen Medikamente gegen das Virus. Die Therapiequote der wissentlich HIV-positiven Menschen liegt also bei 86 Prozent. Bei 93 Prozent der Therapierten ist HIV laut den aktuellen Zahlen nicht mehr nachweisbar. (dk)

Flying Condoms

In Deutschland am Samstag (3. Februar) geplante Aktionen:
Berlin: Brandenburger Tor/Pariser Platz (11 Uhr)
Kassel: Königsplatz (14 Uhr)
Magdeburg: Alter Markt (16 Uhr)
München: Karlsplatz/Stachus (14 Uhr)

Veranstalter sind pro plus berlin, PRO+ Hessen, Autonomes schwulesbitransqueer+, Referat Uni Kassel, PositHIV mitteldeutschland, Münchner Positive – Netzwerk für HIV-Positive und Freunde sowie Privatpersonen


#1 BEARAnonym
  • 29.01.2018, 14:23h
  • Bevor auch hier gleich wieder die Diskussion auf bekanntem Kindergarten-Niveau losgeht ("Schutz durch Therapie ist kein Safer Sex!" - "Ist es doch!" - "Ist es ni-hicht!" - "Ist es aber do-hoch!") losgeht, nochmal ein paar mehr Detail-Fakten und FAQs dazu:

    www.aidshilfe.de/schutz-therapie

    Wissen könnte ja helfen.
    Daran glaube ich immer noch irgendwie.
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#2 TimonAnonym
  • 29.01.2018, 14:45h
  • Ja, sogar in der Politik und selbst bei vielen Usern hier scheint das gänzlich unbekannt zu sein.

    Voraussetzung ist natürlich, dass man sich darauf verlassen kann, dass die Therapie streng eingehalten wird.
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#3 Homonklin44Profil
  • 29.01.2018, 18:12hTauroa Point
  • Zu dem Wissen oder nicht Wissen scheint immer auch eine Art Schlacht der Betrachtungsweisen zu bestehen, wenn das sogar in der politischen Ebene bezweifelt wird. Wofür haben die dann den wissenschaftlichen Dienst?

    Da wären dann entsprechende Links zu wissenschaftlichen Publikationen in den renomierten Fachzeitschriften vielleicht sachdienlich. Wenn so eine 100%ige Sicherheit herausgegeben wird, wurden die Nachweise der Fachwelt sicher nicht vorenthalten. Es muss wenigstens Artikel in der Nature darüber geben, denn so eine absolute Sicherheit in Therapie ist eine kleine Sensation.
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#4 BEARAnonym
#5 ursus
#6 EhrlichkeitAnonym
  • 29.01.2018, 20:37h
  • Ich halte das Konzept Schutz durch Therapie für sehr gut. Dass der erfolgreich Therapierte, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenz liegt, nicht infektiös ist, dürfte denjenigen, die sich damit beschäftigt haben, inzwischen klar sein.

    Das das Konzept aber auf Widerstand trifft dürfte nicht verwundern, denn es ist in gewisser Weise eine Abkehr von den sonst üblichen SaferSex Regeln.

    Das Konzept Schutz durch Therapie setzt immer voraus, dass die vom Sexpartner gegebenen Informationen über Viruslast und Therapietreue stimmen, es ist also nur dann ein Schutz, wenn der Therapierte die Zusammenhänge voll überblickt, kontinuierlich danach handelt, also Medikamente gemäss Vorschrift einnimmt und Arzttermine gewissenhaft wahrnimmt.

    Unter den gleichen Bedingungen, Übersicht über die möglichen Infektionswege, Safer Sex, wenn der Status des anderen unbekannt ist und ehrliche Kommunikation über den eigenen Status wäre es auch möglich Schutz durch ehrliche Verabredung über den eigenen Infektionsstatus und angepasst SaferSex oder ungeschützten Sex zu propagieren.
    Das wird, zumindest in Partnerschaften zum Teil - mit mehr oder weniger Erfolg - auch so gemacht, aber es war nie eine offizielle SaferSex-Strategie, die etwa durch AIDS-Hilfen propagiert wurde.
    Ich denke, einfach weil - möglicherweise zu Recht - angenommen wurde, dass Menschen unehrlich sind, dass Menschen Risikosituationen nicht als solche erkennen oder verdrängen solche gehabt haben und sich damit ehrlich Illusionen über den eingen Status hingeben und Fehlinformationen geben.

    Insofern ist ein Paradigmenwechsel eine SaferSex-Strategie zu propagieren, die die Ehrlichkeit und die intellektuelle Übersicht über Therapietreue und die konsequente Einhaltung medizinischer Kontrolle durch den Arzt voraussetzt.
    Dieser Paradigmenwechsel kann ja gut begründet sein und richtig. Aber dann könnte man auch diskutieren, die Verabredung über den eigenen Status, bzw. darüber ob man ihn kennt, vor dem Sex als eine mögliche SaferSex-Strategie zu propagieren.

    Hier im Forum gab es schon Statements, dass derjenige, der sich bei ungeschütztem Sex mit HIV infiziert hat, weil der Partner bewusst und gezielt falsche Infos gegeben hat, selber schuld sei, weil eben jeder für seinen eigenen Schutz Verantwortung trage und es naiv sei, sich belügen zu lassen in so einer Sache.
    Wäre derjenige HIV-negative, der sich infiziert, weil er sich über Schutz durch Therapie belügen lässt, auch selber schuld oder ist es nur derjenige, der sich belügen lässt über einen vermeintlich negativen Status?
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#7 BEARAnonym
  • 29.01.2018, 22:14h
  • Antwort auf #6 von Ehrlichkeit
  • Und schon sind wir wieder bei einem der Hauptprobleme des Ganzen: der Stigmatisierung von Menschen, die sich infiziert haben, indem man ihnen Schuld aufbürdet.

    Der Aktivist Björn Posit.HIV schrieb heute auf seiner Facebook-Seite:
    "Angst ist ansteckender als HIV! Und diese Angst richtet einen unglaublichen Schaden an: Aus Angst vor den Folgen, der Stigmatisierung und der Ausgrenzung gehen Menschen nicht zum HIV-Test. Jedes Jahr gibt es in Deutschland über 1100 Menschen, die erst im Stadium Aids von ihrer Infektion erfahren, weil sie die Symptome aus Angst verdrängt haben, aber auch weil Ärzt*innen Angst hatten über Sex und HIV zu sprechen. Jedes Jahr sterben Menschen an Aids, deren Leben hätte gerettet werden können."

    Wir müssen endlich aus diesem Teufelskreis der Stigmatisierung aussteigen. Schuldzuweisungen helfen da weder auf persönlicher (s.o.) noch auf gesamtgesellschaftlich-epidemiologischer Ebene weiter.

    Ich weigere mich daher absolut, irgendwelche Schuldfragen zu diskutieren. Was wir dringend brauchen, ist Solidarität und Akzeptanz.

    Und jede (!) wissenschaftliche Methode, die dabei helfen kann, HIV in Schach zu halten, sollten wir so pragmatisch wie möglich einsetzen. Seien es Kondome, Schutz durch Therapie oder die PrEP. Als gleichwertige Strategien des Safer Sex.

    Endlich raus aus der Stigma-Ecke!
    Meine Güte, Leute! Werdet erwachsen und behandelt die Krankheit als das, was sie ist: eine Krankheit. Und kein Grund dafür, wen auch immer moralisch oder gar juristisch zu verurteilen.
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#8 BjoernPositHIVProfil
#9 FüchsleinAnonym
  • 30.01.2018, 07:37h
  • Antwort auf #2 von Timon
  • Also ich wusste bis vor 2-3 Monaten auch noch nichts davon. Habe erst was davon erfahren, weil ich mich mehr mit queeren Themen beschäftige.

    Ansonsten gibt'r nur "Gib Aids keine Chance" Plakate oder "Ich habe HIV ... irgendwas mit Respekt" Plakate. Da steht aber nix von ner erfolgreichen Therapie.
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#10 BEARAnonym