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Schutz durch Therapie

"Das erste Mal ohne Kondom war ganz merkwürdig"

Die richtige Safer-Sex-Strategie hänge von den Beteiligten und der Situation ab, findet der schwule Single Christoph. Ein Gespräch über Lernprozesse, Vertrauen und Gummis, die man sehen und anfassen kann.


Die HIV-Therapie von Christoph (32) schützt auch seine Partner – auf Kondome verzichtet er oft (Bild: BZgA)
  • Von Paul Schulz
    11. Februar 2018, 07:16h 26 5 Min.

Christoph, du wurdest schon 2005, mit 19 Jahren, HIV-positiv getestet. Seit wann nutzt du "Schutz durch Therapie"? Von Anfang an?

Nein, das Statement der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen (EKAF) kam ja erst 2008. In dieser Veröffentlichung wurde zum ersten Mal öffentlich gesagt: Wenn ein HIV-Positiver gut therapiert ist, dann ist HIV sexuell nicht mehr übertragbar. Bis dahin gab es für mich keinerlei Verbindung zwischen meiner Therapie und dem Schutz meiner Partner. Ich nahm Tabletten und hatte Sex mit Kondom.

Hat das EKAF-Statement das schlagartig verändert?

Für mich nicht. Ich habe erst ein Jahr später von dem Statement erfahren. Es wurde am Anfang nicht besonders breit darüber gesprochen.

Hat dir dein Arzt nicht davon erzählt?

Nein. Wie bei allem medizinisch Neuen waren Ärzte da anfangs wahrscheinlich vorsichtig, oder sie glaubten es vielleicht auch einfach selber noch nicht. Was nur menschlich ist.

Hast du es denn geglaubt?

Ich dachte: Ist ja eigentlich logisch. HIV ist nicht mehr nachweisbar, also habe ich wahrscheinlich tatsächlich nicht mehr genug Viren für eine Übertragung im Blut.

Hast du ab diesem Moment denn immer auf Kondome verzichtet?

Nein. Ich habe überhaupt kein Problem damit, ein Kondom zu benutzen, wenn ein Partner das möchte – sei das wegen HIV oder wegen andererInfektionen. Wir können ja trotzdem jede Menge Spaß haben.

Wie hat sich das erste Mal ohne Kondom damals angefühlt?

Das weiß ich noch wie heute: Es war ganz merkwürdig. Ich bin damit großgeworden, dass Schutz vor HIV gleichbedeutend war mit Kondomen. Jetzt war da plötzlich nichts mehr. Und du musstest einfach darauf vertrauen, dass es funktionierte. Was nicht allen sofort gelingt. Ein Exfreund von mir, der sich gut mit HIV auskennt, konnte für eine Weile trotzdem nicht auf das Kondom verzichten. Er brauchte diesen sichtbaren und spürbaren Schutz, um sich fallen lassen zu können.

Wie habt ihr dieses Problem gelöst?

Das hat sich irgendwann von selber gelöst. Wissen braucht eine Weile, bevor es verinnerlicht wird und wenn das passiert ist, entspannen sich alle Beteiligten.

Hast du dir selbst am Anfang noch Sorgen darüber gemacht, dass du jemanden mit HIV infizieren könntest?

Ja, diese Momente gab es. Ein anderer Ex von mir wollte gerne ohne Gummi Sex haben, und dabei habe ich mich am Anfang komisch gefühlt. Du liebst diesen Menschen ja und willst ihn keiner Gefahr aussetzen. Ich bin über diese Bedenken aber irgendwann hinwegkommen.

Jetzt ist Schutz durch Therapie längst normal für dich und du pflegst offensichtlich einen entspannten Umgang damit. Manche Menschen stehen dem aber sehr kritisch gegenüber, oder?

Die Reaktionen sind tatsächlich öfter mal anstrengend. Oft kommen Einwände wie: Was ist denn dann mit Tripper oder Syphilis? Aber die kann man ja auch kriegen, wenn man Sex mit Kondom hat. Zum Beispiel einen Tripper beim Blowjob oder eine Syphilis sogar beim Knutschen, wenn's blöd läuft. Wer war in dieser Hinsicht je hundertprozentig safe? Bläst irgendwer mit Gummi oder legt Frischhaltefolie über den Arsch, bevor er jemanden leckt? Da muss man dann schon über real existierenden Sex reden. Wichtig finde ich deshalb, sich regelmäßig checken zu lassen, denn die Krankheiten sind ja gut behandelbar.

Wie vermittelst du anderen, dass Schutz vor HIV durch die Therapiegut funktioniert?

Ich erzähle von mir, aber unterlege das mit den wissenschaftlichen Ergebnissen zum Thema. Inzwischen belegen ja viele Studien und die jahrelange Praxis hunderttausender Menschen, dass unter gut wirksamer Therapie keine sexuelle Übertragung stattfindet. Wenn man Anwendungsfehler bei Kondomen statistisch einbezieht, ist Schutz durch Therapie das Sicherste, was wir haben.

Stimmt es, dass du es mit diesen Erklärungen bei Jüngeren einfacher hast?

Ja. Menschen, die so alt sind wie ich oder älter, haben über viele, viele Jahre gehört: Nimm ein Gummi, sonst infizierst du dich, bekommst Aids und stirbst. Dieses Bild ist einfach sehr stark und mächtig und tief verankert im Kopf. Und nochmal: Das Kondom ist ja auch super dafür, jemandem das Gefühl zu vermitteln: Ich tue hier aktiv etwas, um mich vor Eventualitäten zu schützen. Und diesen Schutz kann ich sehen und riechen und anfassen. Bei Schutz durch Therapie ist das anders: Wenn ich mit einem Negativen ohne Kondom Sex habe, muss der mir vertrauen, was gerade bei spontanen Kisten nicht immer einfach ist.

Oder er nimmt die PrEP.

Ja, soweit sind wir inzwischen. Diese Möglichkeit gibt es auch. Also gibt es eigentlich einen Gleichstand beim Thema Schutz durch Pillen, wo es bislang den Positiven überlassen war, diese Möglichkeit zu ergreifen. Abergenauso, wie sich Schutz durch Therapie erst etablieren musste, wird die PrEP das jetzt auch müssen. PrEP-User werden ja oft noch als "Schlampen" stigmatisiert.

Sehr persönliche Frage: Ist Sex ohne Gummi schöner oder besser als mit?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Sex ist dann gut, wenn sich alle Beteiligten fallen lassen können und die Situation genießen. Welche Art von Schutz sie dafür brauchen, können sie selber entscheiden. Zu geilem Sex gehören der passende Typ, die passende Situation und die dazu passende Safer-Sex-Methode. Dann passt alles.

-w-

#1 Rosa SoliAnonym
  • 11.02.2018, 10:42h
  • Ein sehr gutes Interview, das meiner Meinung nach die vielen unterschiedlichen Aspekte von "Schutz durch Therapie" sehr gut auf den Punkt bringt.

    Eigentlich unverständlich, dass man auch heute noch immer wieder darauf hinweisen muss, dass Positive unter erfolgreicher Therapie nicht mehr infektiös sind, obwohl das EKAF-Papier der Schweizer Wissenschaftler bereits vor zehn Jahren veröffentlicht wurde.

    Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir auch schon in den Jahren davor in der Szene darüber sprachen, die Ärzte allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Eigentlich ist es traurig, dass eine wissenschaftliche Wahrheit so lange zurückgehalten wurde (und tlw. immer noch wird), weil sie sozial nicht erwünscht ist. Dass einige Leute zur Aufrechterhaltung des Schutzverhaltens den "gefährlichen Positiven" brauchen, wird auf Kosten der Menschen mit HIV betrieben. Es spricht doch Bände, wenn Betroffene heute mehr unter dem gesellschaftlichen Stigma leiden, als unter der Infektion selbst.
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#2 PatroklosEhemaliges Profil
#3 BEARAnonym