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Autobiografie "Ich mach' dann mal weiter!"

Die Geschichte vom Leben und Überleben des Georg Uecker

Medien vermelden Krebs- und HIV-Diagnose des schwulen Schauspielers. Beides ist schon 25 Jahre her und steht in seinem Buch, das nächste Woche erscheint. Doch da steht noch viel mehr.


Georg Uecker ist den deutschen Fernsehzuschauern u.a. durch seine Rolle als Dr. Carsten Flöter in der "Lindenstraße", als Spielleiter in der "Schillerstraße" sowie als Producer der Late-Night-Show "Blond am Freitag" bekannt
  • Von Johannes Kram
    15. Februar 2018, 15:44h 26 7 Min.

Irgendwann, nach all den schönen, aber letztendlich doch wenig spektakulären Geschichten aus der Kindheit und Jugend, fragt man sich dann doch, was all das soll, hofft man, dass man endlich an eine der Stellen kommt, bei denen man denkt, dass dieses Buch ein aufregendes werden wird: der erste schwule Kuss in einer deutschen TV-Serie, das Leben vor und hinter den Kulissen der "Lindenstraße", die Lust und Last des öffentlichen Schwulseins. Und ja, auch: die öffentliche Krankheit.

Georg Uecker war, wie er selbst richtig schreibt, Deutschlands bekanntester, Deutschlands beliebtester als auch meist gehasster Schwuler. Seine Rolle als homosexueller Medizinstudent und späterer Arzt Carsten Flöter in der "Lindenstraße", aber auch seine Rolle als schwuler über Schwules redender Talkshow-Promi (fast keiner war so oft bei Harald Schmidt wie er) machten ihn zu einer Art Staatshomo.

Sein Coming-out und das seiner Figur waren das Coming-out Deutschlands. Alles, was Schwule sein mussten, durften, sollten, das musste, durfte, sollte Georg Uecker sein. Uecker steht für eine Zeit, in der "schwul" wie eine alles andere überlagernde Charaktereigenschaft war: "schwul" war eine Art zweiter Name. Über ein Jahr durfte Carsten Flöter in der "Lindenstraße" deshalb nicht schwul sein, damit er dann schwul sein konnte und trotzdem ein Mensch mit individuellen Eigenschaften und positivem Identifikationspotential. Dass die Operation deutscher Vorzeigeschwuler (und das meine ich nicht despektierlich, sondern anerkennend) gelingen konnte, ist viel mehr als ein künstlerisches Verdienst von Uecker und dem Schöpfer der "Lindenstraße", Hans W. Geißendörfer, es ist auch ein volkspädagogisches.

Die öffentliche Funktion, mit der die "Lindenstraße"-Macher hierzulande in schöner Altmodigkeit am Glauben an eine bessere Gesellschaft festhalten und dafür die real existierende Gesellschaft mit dringend zu lösenden Aufgaben konfrontierten, war zu ihren besten Zeiten durchaus mit der von Oprah Winfrey in den USA vergleichbar. Uecker wurde nicht nur zum Sympathieträger des deutschen Homosexuellentums, zum nationalen Coming-out-Helfer queerer Kids und deren Eltern. Er durfte auch den versammelten Homohass des Landes einsammeln.

Souveräner Umgang mit dem Homohass


Georg Ueckers Autobiografie "Ich mach' dann mal weiter!" erscheint am 22. Februar 2018 im Fischer Verlag

"Was macht all das mit einem Mitte 20-jährigen Schauspieler?", hört man Markus Lanz schon fragen, bei dem Uecker am nächsten Mittwoch sitzen wird, um sein Buch "Ich mach' dann mal weiter!" (Amazon-Affiliate-Link ) vorzustellen. Ja, was macht das? Wenn man endlich an den Seiten angekommen ist, in denen es um den öffentlichen Georg Uecker geht, liest man: Es machte wohl erstaunlich wenig. Zwar beschreibt er beängstigende Situationen, Drohungen und sogar ein kurzzeitiges Leben unter Polizeischutz. Doch die Angst, die er dabei hatte, war geringer, als man das in einer solchen Lage vermuten würde. Sein Umgang mit der Bedrohungslage ist bemerkenswert souverän.

Jetzt versteht man den Sinn dieser Kindheits- und Jugendgeschichten, die von einem behüteten und sicheren Leben erzählen und vor allem von einem nicht nur für die Siebzigerjahre außergewöhnlich gelungenem eigenen Coming-out innerhalb der Familie, das nicht nur kein Problem war, sondern von der Mutter aktiv unterstützt wurde. Wenige Kapitel nach dem Skandal um den Kuss in der "Lindenstraße" wünscht man sich dann gänzlich in die schöne heile Welt der ersten Buchhälfte zurück. Georg, das Glückskind, wird auf einmal vom Pech verfolgt.

Die große romantische Liebesgeschichte mit John, einem Engländer in London, endet mit dessen Tod an den Folgen von Aids. Uecker hatte da mit der "Lindenstraße" zwischenzeitlich aufgehört und versucht, sich ganz seiner Liebe und dem Abschluss des für seine Fernsehkarriere unterbrochenem Studiums zu widmen. Er hatte es geschafft, jede freie Minute mit John zu verbringen – aber dann gelingt es ihm nicht, rechtzeitig vor seinem Tod in London einzutreffen.

Das schreckliche Jahr mit HIV und Krebs

Kurze Zeit später muss er dann selbst um sein Leben bangen. Er nennt es das "annus horribilis", das schreckliche Jahr, das ihn mit einer Doppeldiagnose Morbus-Hodgkin-Krebs und HIV an ein Bett der Kölner Uniklinik fesselt. Da es nicht möglich war, Krebskrankheit und die Infektion gleichzeitig zu behandeln, geht es nun darum, ein enges Zeitfenster zu nutzen, und mit einer riskanten und äußerst qualvollen Therapie zunächst Hodgkin zu besiegen. Dass er weder an dem Einen noch an den Folgen des Anderen stirbt, hat dann auch wieder mit Glück zu tun, ein Glück, das das Schicksal seines Partners um so tragischer erscheinen lässt: "Antiretrovirale Therapie heißt die HIV-Behandlungsstrategie, die vor allem Pillen schlucken bedeutet. In der kurzen Zeit zwischen Johns Tod und meiner Behandlung hatte die Medizin einen Riesenschritt nach vorne getan, der mich noch heute fassungslos macht. John war vor einem halben Jahr gestorben, die Zeit seiner Therapie lag also nur wenige Monate zurück."

Georg wird zum Experten seiner Krankheit, wie er zum Experten von allem wird, mit dem er sich befasst. Er nennt sich selbst einen Klugscheißer. Als häufiger Ratepartner und Telefonjoker in Deutschlands Quizshows half er seinen prominenten Freunden, Geld für deren Charityprojekte zu gewinnen. In einer der berührendsten Stellen im Buch bringt der Klugscheißer seinem 16-jährigen, durch ein Blutpräparat an HIV infizierten Zimmerkameraden Richard im Krankenhaus Französisch bei. Auch Richard wird den Kampf gegen Aids nicht gewinnen.


Georg Uecker ließ sich vom öffentlichen Getuschel über seinen Gesundheitszustand nicht irritieren (Bild: Gaby Gerster)

Doch trotz aller schmerzhaften und tieftraurigen Geschichten: Das Buch handelt nicht vom Leiden, sondern vom Überleben und somit auch davon, was Eltern ihren Kindern an Schutz mitgeben können. Nicht nur durch Liebe, sondern auch, indem sie die unbändige Neugier ihres Kindes zu füttern und zu stillen vermögen. Nur einmal hadert Uecker in seinem Schreckensjahr kurz mit seinem Schicksal, ansonsten macht er, wie der Buchtitel behauptet und man ihm glauben möchte, einfach weiter. Nicht aus Heldentum, nicht mit Pathos, sondern, weil es noch etwas zu entdecken, noch etwas zu gestalten gilt. Als Künstler – oder, wie er sich nennt, "Unterhalter" – denkt er dabei nicht in Rollen oder Projekten. Ihm geht es darum, neue Formate zu schaffen, und auch dabei mitzuhelfen die alberne deutsche Unterscheidung zwischen E und U, zwischen angeblich ernster und angeblich (nur) unterhaltsamer Kunst, zu überwinden.

Wenn man bedenkt, wie wenig wirklich Neues im deutschen Fernsehen passiert, dann fällt schon auf, dass es Georg Uecker immer wieder schaffte, bei pionierhaften Unternehmungen dabei zu sein: Nicht nur in der "Lindenstraße", sondern als Producer auch bei "Kaffeeklatsch" und "Blond am Freitag" mit Ralph Morgenstern und schließlich als Spielleiter beim Improvisationsformat "Schillerstraße", das sogar mit dem wichtigsten europäischen Fernsehpreis, der "Goldene Rose", ausgezeichnet wurde.

Auch als Promi sich nicht verbiegen lassen

Zusammen mit Dirk Bach, Hella von Sinnen und Ralph Morgenstern gehörte Uecker zu den bundesweit bekannten Kölner Homopromis, die für viele Nicht-Kölner immer etwas zu laut rüberkamen. Davon, dass ihnen das ziemlich egal war, hat letztendlich die gesamte Community profitiert. Auch eine Sichtbarkeit, die nicht jedem gefällt, ist ein Wert an sich. "Unser Schwur lautete, wenn wir jemals so richtig in der Öffentlichkeit stehen, werden wir einen Teufel tun und uns nicht verbiegen lassen", schreibt Uecker über die Zeit, als sie noch nicht in der Primetime angekommen waren.

Ob so ein Schwur Haltung oder Pose ist, zeigt sich, wenn der Glamour vorbei, das grelle Licht der Öffentlichkeit aber weiter auf einen gerichtet ist. Mitte der Zweitausenderjahre tuschelt nicht nur die Szene über den Gesundheitszustand Ueckers. Er schreibt: "Die Lipathrophie ließ mich sehr hager erscheinen, und obwohl ich eigentlich noch nicht dazu bereit war, über HIV zu sprechen, verlangte die Öffentlichkeit immer drängender nach Antworten." Er untertreibt hier gleich doppelt. Denn erstens beschreibt "hager" nun wirklich nicht den Grad seiner damaligen optischen Veränderung. Und zweitens "verlangte" die Öffentlichkeit nicht nur. Der Boulevard gierte und jagte und suhlte sich in osbzöner Sorge.

Viele, wenn nicht sogar die meisten Prominenten lassen sich in einer solch extremen Situation auf die Spielregeln der Knallpresse ein, lassen sich erpressen oder denken, Würde sei etwas, womit man dealen könnte. Georg Uecker hat nicht gedealt und hat seine Würde deshalb behalten. Jeder konnte damals sehen, dass etwas nicht stimmte mit ihm, doch was es war, ging niemanden etwas an. Er hielt das jahrelang durch, war auf jeder Party, ließ sich fotografieren auf roten Teppichen. Sichtbarkeit, der Wert an sich. Er ließ die Leute reden, er ließ die Leute gaffen. Und die Leute sind nicht nur die anderen, die Leute, das war auch die Community. Aber Georg tat den Teufel und ließ sich nicht verbiegen.

Jetzt erzählt er erstmals seine ganze Geschichte. Er kann verdammt stolz darauf sein.

Johannes Kram betreibt das Nollendorfblog. Sein eigenes Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber" erscheint am 1. März. Am 11. April talken Kram und Uecker im Berliner Tipi am Kanzleramt.

Infos zum Buch

Georg Uecker: Ich mach' dann mal weiter! Autobiografie in Zusammenarbeit mit Daniel Bachmann. 272 Seiten. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. Taschenbuch: 14,99 € (ISBN: 978-3-596-70167-4). Ebook: 12,99 € (ISBN: 9 78-3-10-490617-1)

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-w-

#1 Ich-freue-michAnonym
  • 15.02.2018, 17:21h
  • Schön, wieder von Georg Uecker zu hören. Ich habe ihn schwer vermisst.
    Alles Gute, Süßer!
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#2 BuntesUSchoenesEhemaliges Profil
  • 15.02.2018, 19:01h
  • Ich sah ihn im TV bei Lindenstraße das erste Mal und ich fand, er spielte gut. Seit dem kenne ich ihn ausschließlich als unspektakuläre Person und das macht ihn sympathisch.
    Ich sehe ihn nicht als Klugscheißer, sondern als einen Mann, der viel Wissen besitzt, und das macht ihn noch sympathischer.
    Dass er sich durch "Dick und Dünn" gekämpft hat und sozusagen einer von den Pionieren in der LSBTTIQ ist, macht ihn am sympathischsten :-)

    Alles Gute und es tut mir Leid, dass es ihn mit beiden Krankheiten doppelt hart getroffen hat. Umso mehr hab ich Respekt davor wie er damit umgeht.
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#3 herve64Ehemaliges Profil
  • 15.02.2018, 20:38h
  • Antwort auf #2 von BuntesUSchoenes
  • Als ich Georg Uecker Anfangs in der "Lindenstraße" gesehen habe, dachte ich mir "OMG, wie kann man nur so hölzern und steif spielen?" Erfreulicherweise ist er aber im weiteren Verlauf lockerer geworden, was mich dann doch wieder mit dieser Serie versöhnt hat.
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