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Interview mit iO Tillett Wright:

"Bereits mit zwei Jahren habe ich mein Transsein gezeigt"

Mit "Darling Days – Mein Leben zwischen den Geschlechtern" hat der Fotograf, Moderator und Aktivist iO Tillett Wright ein intimes und bewegendes Buch über seine Kindheit in New York geschrieben.


iO Tillett Wright wurde 1985 als Mädchen geboren, lebte während seiner Kindheit aber acht Jahre als Junge und outete sich im Erwachsenenalter als trans. Im Interview mit queer.de erzählt er, welche Offenbarung die Arbeit an seinem Buch war, wie seine drogensüchtige Mutter darauf reagiert hat und was es bedeutet, LGBTI-Aktivist unter Donald Trump zu sein
  • Von Fabian Schäfer
    25. Februar 2018, 16:44h, 1 Kommentar

Dein Buch "Darling Days – Mein Leben zwischen den Geschlechtern" beginnt in der Bowery, einem armen, aber auch kreativen Stadtteil in New York City. Wäre dein Leben anders gewesen, wenn du auf der Upper East Side geboren worden wärst?

Wenn mich jemand gezwungen hätte, ein Kleid zu tragen, hätte ich mich wahrscheinlich irgendwann umgebracht. Wer ich bin und wofür ich kämpfe, ist von der Bowery und ihrer Mentalität geprägt. Ich weiß aber nicht, wie viel davon an Erziehung und wie viel an Genen liegt. Meine Mom kommt aus Kansas, und sie ist immer noch ein komischer Vogel. Vielleicht wäre ich genauso, ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich auch robuster als ich denke und hätte irgendwann rebelliert. Auf jeden Fall wäre es in einem konservativeren Umfeld echt ätzend gewesen.

Deine Geschichte beginnt 1985. Wie war New York zu der Zeit im Vergleich zu heute?

In den Achtzigern war New York lebendig, total verrückt und sehr, sehr arm, und weil es so arm war, gab es viele billige Wohnungen. Viele haben Drogen genommen. Jeder, der zu verrückt war, um woanders zu wohnen, ist nach New York gezogen. Die Achtziger haben meine Umgebung sehr geprägt. Heute wäre das gar nicht möglich gewesen. Meine Mutter hätte gar nicht genug Geld gehabt, um dort zu leben.

Du beschreibst die Gegend und deine Gefühle sehr detailliert. Wie konntest du dich an all das so genau erinnern?

Ich habe Tagebuch geschrieben, seit ich ganz jung war. Aber ich habe auch intensiv mit meiner ganzen Familie über die Zeit gesprochen. Außerdem hat meine Mutter ab meiner Geburt alles von mir genauestens dokumentiert. Es gibt ungefähr 2.500 Fotos von mir. Das gab mir eine Fülle an Details.


Foto aus dem Buch: iO Tillett Wright hat im Alter von sechs Jahren erklärt, ein Junge zu sein (Bild: iO Tillett Wright)

Nach jedem Kapitel ist eines der Fotos abgedruckt. Wie hat es sich angefühlt, die Fotos nach so vielen Jahren anzusehen?

Bei der Arbeit an dem Buch habe ich jedes einzelne der 2.500 Fotos angeschaut. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Ich habe angefangen zu weinen, weil ich gemerkt habe, dass ich mein Transsein schon gezeigt habe, als ich zwei Jahre alt war. Dieses kleine Kind, das keinen sozialen Referenzpunkt hat, spannt im Schwimmbad seine kleinen Muskeln an und versucht, seine Maskulinität zu zeigen. Das war wirklich sehr emotional. Danach habe ich gemerkt, dass ich etwas verleugne, was da ist, seit ich klein bin.

Eine Frage, die dir als Kind besonders wehgetan hat, war "Was bist du?" – ist das immer noch so?

Ich bin jetzt 32, ich habe immer etwas anders ausgesehen und die Leute dadurch ständig verwirrt. Ich habe also viele Jahre mit solchen Fragen hinter mir. Als ich versucht habe, als Mädchen zu leben und jemand "Hallo, Sir" gesagt hat, war ich total beleidigt. Aber das war eher, weil ich versucht habe, eine Identität darzustellen, die sich nicht authentisch angefühlt hat. Jetzt, wo ich das Gefühl habe zu wissen, was und wer ich bin, ist es sehr viel einfacher, freundlich damit umzugehen, wenn Leute verwirrt sind. Wenn ich mich jedes Mal aufregen würde, würde ich mich mein ganzes Leben nur aufregen. Aber natürlich tut es weh, wenn jemand fragt, was ich bin, weil das einfach entmenschlichend ist. Aber ich versuche, Mitgefühl dafür zu haben, weil es ihnen anerzogen wurde zu wissen, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist. Wenn sie nie etwas anderes kennengelernt haben, ist es nicht wirklich fair, etwas anderes zu erwarten.

Es gibt immer noch Situationen, in denen du die Frauentoilette benutzt. Frustriert dich das?

Es ist für mich immer eine Frage der Sicherheit. Wenn ich im Sommer in Louisiana oder Alabama bin und ein T-Shirt anhabe, ist es offensichtlich, dass ich Brüste habe. Dann ist es nicht sicher, in die Männertoilette zu gehen. Für mich ist das keine emotionale Sache, ich muss nicht die Männertoilette benutzen, um ich selbst zu sein. Ich würde gern dahingehen, wo es sich gut und richtig anfühlt, aber wenn es nicht geht, gehe ich einfach dahin, wo es sicher ist.

Als Kind war das noch anders: In deinem Buch schreibst du sehr emotional darüber, wie du dir in die Hose gemacht hast, weil du Angst hattest, auf die Toilette zu gehen. Das ist 25 Jahre her und es gibt immer noch Diskussionen über genderneutrale Toiletten. Nervt dich das?

Ich werde häufig nach meiner Meinung zu bestimmten Themen gefragt. Da habe ich gelernt, mir meine Schlachten auszusuchen. Mir geht es vor allem um junge Menschen, die sich nicht sicher fühlen – so wie ich, als ich sieben Jahre alt war und in die Hose gemacht habe, weil es in diesem Moment verdammt nochmal wichtig für mich war, welche Toilette ich benutze. Heute ist mir das nicht mehr so wichtig.

Schon mit fünf Jahren hast du gemerkt, dass du anders bist. Mit sechs hast du sozusagen erklärt, ein Junge zu sein. Es liest sich, als hättest du dir gar keine Gedanken um Identität gemacht, du hast es einfach so verkündet.

Viele glauben, dass ich mir mit sechs ausgesucht hätte, ein Junge zu sein. Aber nein! Davor war ich auch iO, auch ein Junge, aber dann habe ich gemerkt, dass jemand wollte, dass ich es so nenne. Ich habe mir ganz sicher keine Gedanken über meine Identität gemacht (lacht). Mit sechs wollte ich einfach nur ich selbst und glücklich sein. Mir war es wichtig, Fußball und Basketball zu spielen. Mir wurde nie gesagt, dass Mädchen dies und Jungs jenes machen. Meine Eltern dachten, iO spielt Basketball, okay, warum nicht? Aber die Leute meinten: Nur Jungs spielen Basketball. Dann dachte ich, okay, dann bin ich eben ein Junge.

In dem Alter hast du auch gewusst, was Homosexualität ist. Du beschreibst eine Situation, wo du "adrette schwule Männer" in der Christopher Street bemerkst. Haben deine Eltern mit dir darüber gesprochen?

Ich ging in die Schule in der schwulsten Ecke, die es je gab, also waren da natürlich viele Schwule und Lesben. Aber es gab da keine Trennung in meinem Kopf zwischen homo und hetero. Ich bin damit aufgewachsen, zum Dragqueen-Festival Wigstock und zum Pride zu gehen. Die amerikanische Idee einer Kindheit ist es eigentlich, einen kleinen Limonadenstand auf der Straße aufzubauen und ein bisschen Geld zu verdienen. Mein Limonadenstand war New Yorks Pride Parade. Es gab nicht so etwas wie: Das sind schwule Leute. Es war einfach Jesse, der beste Freund meiner Mutter.


Die deutsche Übersetzung von "Darling Days" ist Ende letzten Jahres im Suhrkamp Verlag erschienen

Die Beziehung zu deiner Mutter ist sehr kompliziert. Mit 13 bist du bei ihr ausgezogen, was dir selbst wehgetan hat. Wie ist euer Verhältnis heute?

Ich habe eine Mutter in dem Sinn, dass es einen Menschen gibt, der mich gestillt und mit großen Mühen aufgezogen hat und der für mich gekämpft hat und sich für mich geopfert hat. Aber es tut mir im Herzen weh, weil sie psychische Probleme hat, die sie im Alltag unerreichbar für mich machen. Sie hat mir nie beigebracht, wie man sich die Beine rasiert oder wie man sich duscht oder Messer und Gabel benutzt.

Meine Mom existiert außerhalb all dieser Systeme eines normalen Lebens. Sie ist für mich keine normale Mutter. Ich kann sie nicht anrufen und ihr sagen, dass ich gerade eine Trennung durchlaufe oder sie fragen, wie man seine Steuern macht oder so. Meine Mom ist eher eine Person, für die ich einen immensen Respekt habe. Aber ich habe gelernt, nicht zu ihr zu gehen, wenn es um etwas typisch Mütterliches geht. Ich gehe zu ihr, um mich um sie zu kümmern. Es tut weh, keine Mom zu haben, aber eine Mom zu haben. Es tut weh.

Hat sie das Buch gelesen?

Zuerst hat sie gesagt, dass es ein Meisterwerk ist. Dann meinte sie, dass sie keine Alkoholikerin ist. Wir haben uns gestritten und sie meinte, die Leute werden denken, sie sei ein Monster und so weiter. Das ging zwei Jahre lang so. Sie hat verleugnet, dass all das so passiert ist. Erst vor Kurzem hat mein Vater angerufen und erzählt, sie hätte ihn angerufen und geweint und gesagt, dass alles stimmt. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass sie es zugegeben hat. Unsere Beziehung ist hart. Sie akzeptiert mich nicht als trans, sie nennt mich "sie", auch wenn ich es ihr ganz, ganz oft erklärt habe.

Das ist überraschend, denn als du jung warst, hat sie dich doch akzeptiert?

Es überrascht mich auch. Als ich noch ein Kind war, ging es ihr nur ums Schauspielern. Wenn ich Rollen als Junge kriegen kann, dann lebe als Junge, wenn du willst. Aber es ging nicht darum, dass ich ein Junge war. In ihrem Kopf war es so, dass ich eine Rolle gespielt habe. Sie fand das interessant und cool oder so. Ich habe immer gedacht, dass es für sie okay ist, dass ich trans bin. Als ich es ihr als Erwachsener gesagt habe, ist sie total ausgeflippt und hat geweint.

Mit deiner Mom hattest du nur manchmal "Darling Days". Hast du immer noch solche besonderen Tage in deinem Leben?

Seit vier Jahren lebe ich in Kalifornien, wo ich mein ganzes Leben neu erfunden habe. Mit 26 habe ich gemerkt, dass ich depressiv bin und dass mich etwas genervt hat, aber ich wusste nicht, was es war. Dann habe ich an dem Buch gearbeitet und mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung aus meiner Kindheit diagnostiziert. Die hat meine echt schweren Panikattacken erklärt. Davor habe ich immer gedacht, alles sei gut, ich wurde sozusagen zum Gladiatoren erzogen. Das ist aber nicht so, jeder ist von seiner Vergangenheit geprägt. Also habe ich mich entschlossen, alles zu ändern und herauszufinden, wie ich glücklich sein kann. In diesem Prozess, wenn du in dich hineingehst – siehe da, da ist die Wahrheit.

Und PS: Ich bin trans (lacht). Ich verbringe viel Zeit mit meinem Hund und liebe meine Freunde und habe eine tolle Freundin. Ich habe die ganze Zeit Darling Days, nur nicht mit meiner Mom.

Du trittst in Talkshows auf und hältst Vorträge. Wie ist, heutzutage in den USA Aktivist zu sein?

Die Tatsache, dass unser Land diesen orangefarbenen Mussolini gewählt hat, ist ein Horror. Aber es hat die Leute auch wachgerüttelt. Es hat sie dazu gebracht, politisch zu sein, aufzupassen, was in der Welt abgeht und auf die Straße zu gehen. Ich glaube, viele Weiße haben sich für die Wahl geschämt, dass sie plötzlich auf die Minderheiten gehört haben. Das Black Lives Matter Movement gab es vor Trump, aber ich habe nie liberale Weiße gesehen, die Kritik an ihren Privilegien angenommen haben, wie sie es jetzt tun. Es gab während der Obama-Jahre viel Selbstzufriedenheit. Bei mir ja auch! Ich dachte, rechtlich wird schon alles gut…

Du hast einige Zeit mit deinem Vater in Deutschland gelebt. Jetzt bist du für ein paar Lesungen zurück. Wie fühlt sich das an?

Ich liebe es hier, ich hatte schon immer eine gewisse Verbindung zu Deutschland. Es gibt ja den sozialen Kapitalismus und den puren Kapitalismus, der sich einfach krank und eklig anfühlt. Und dann kommt man hier her. Ein Land, das sich für mich so zivilisiert anfühlt. Es ergibt für mich so viel Sinn, dass sich ein Land um die Leute kümmert, bei der Jobsuche hilft und Zeit gibt, sich um die Kinder zu kümmern. Ich habe einen großen Respekt vor dieser Kultur.

Iofs zum Buch

iO Tillett Wright: Darling Days – Mein Leben zwischen den Geschlechtern: Aus dem amerikanischen Englisch von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Mit zahlreichen Abbildungen. 436 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2017. Taschenbuch: 15,95 € (ISBN: 978-3-518-46803-6). Ebook: 13,99 €