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27 Sendungen digitalisiert

"Das erste lesbische Fernsehmagazin auf diesem Planeten"

Wir sprachen mit Mahide Lein über Läsbisch TV, das von 1991 bis 1993 im Berliner Kabel ausgestrahlt wurde – und derzeit im Schwulen Museum* angeschaut werden kann.


Mahide Lein ist Berlins wohl bekannteste lesbische Aktivistin. Mit ihrer Konzertagentur AHOI trägt sie Feminismus voller Stolz und Humor in die ganze Welt (Bild: Schwules Museum*)

Wer hatte denn vor knapp 30 Jahren die Idee zu einer lesbischen Fernsehsendung?

Im März 1991 fragte mich Rosa von Praunheim, ob ich in Abwechslung mit dem schwulen Fernsehmagazin Andersrum auf FAB (Fernsehen aus Berlin), das bereits drei Monate ausstrahlte, ein lesbisches Magazin organisieren wollte. Ich sagte sofort zu und trommelte zusammen mit Sharron Sawyer professionelle lesbische Frauen vom Film und Fernsehen zusammen.

Insgesamt waren über 130 lesbische Frauen an Läsbisch TV"beteiligten – ehrenamtlich und ohne Budget. 27 Sendungen habt ihr produziert. Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Es war eine wilde, heiße Frauen- und Lesbenbewegungszeit, und alle flirteten miteinander rum. Wenn wir schon unbezahlt arbeiteten, dann ist der Flirtfaktor immer da und das Gegenteil davon auch, nämlich die Reibung mit einem starken Diskussionsfaktor, der damals sehr "in" war. Wir haben das Medium lesbisches-feministisches-Fernsehen "erfunden" und übernahmen typische Fernsehformate wie Nachrichten und aktuelle Ausgeh-Tipps, Hintergründe zu diversen Themen, Interviews mit Aktivistinnen und Künstlerinnen. Zu Berlinale-Zeiten machten wir sogar zwei Sondersendungen.


Logo von Läsbisch TV

Heute wird viel über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz diskutiert im Zusammenhang mit #MeToo. War das damals bei euch ein Thema? Habt ihr Regeln aufgestellt, wie ihr als Frauen miteinander umgehen wollt?

Das ist eine Männerfrage. #MeToo hat mit Macht zu tun und ist eine nötige Diskussion in der hetero-normativen Gesellschaft. Sexismus war und bleibt ein Thema. Das weiß die Frauenbewegung schon seit mehr als hundert Jahren. Das Läsbisch-TV-Team war eine befreite Gruppe ohne Regeln, mit viel Liebe und Respekt zueinander.

Ihr habt 1991 kurz nach der Wiedervereinigung angefangen. Jetzt im Februar war die Mauer genauso lange weg wie sie gestanden hat, nämlich 28 Jahre. Haben in der Redaktion Ost- und Westdeutsche zusammengearbeitet?

Klar, wir hatten auch Ossis dabei. Wir unterschieden uns durch Körperhaltung, Outfit und sogar bei der gemeinsamen deutschen Sprache, die sehr unterschiedlich angewendet wurde. Szeneausdrücke, die wir in Wessiland benutzten wie etwa Butch, Dyke, Schranklesbe und Müslilesbe, waren nicht in der ostdeutschen Sprache vorhanden.

Direktlink | Trailer zu Läsbisch TV im Schwulen Museum*

Zu Spitzenzeiten hattet ihr über 350.000 Menschen, die zuschauten. Für wen habt ihr die Sendungen produziert? Für die lesbische Berliner Community oder für ein breites, fernsehaffines Publikum?

In erster Linie produzierten wir für die Frauen, um mehr lesbisches Empowering zu bekommen, aber auch für die gesamte Gesellschaft zur Sichtbarkeit und Gleichstellung. FAB war ein Kabel-TV, und wir zeigten die Sendungen in drei Berliner Orten für kabellose Leute und verliehen postalisch die schweren VHS-Kassetten an 20 Frauen- und Lesbentreffpunkte im deutschsprachigen Raum.

Die krasseste Reaktion war, dass trotz vieler Aufrufe, Geld uns für unsere Kosten zu spenden, kaum eine Reaktion kam. Für die Konsumentinnen ist Fernsehen kostenlos und der Griff zum Geldbeutel funktionierte nicht. Für viele ist TV wie ein Bild an der Wand. Fernsehen wird durch Werbung finanziert und ums Marketing haben wir uns zwei Jahre lang nicht gekümmert, weil wir inhaltlich mit dem Programm sehr beschäftigt waren.

Parallel zu Läsbisch TV lief die schwule Sendung Andersrum. Wie war das Verhältnis zwischen den beiden Redaktionen?

Läsbisch-TV und Andersrum waren getrennte Redaktionen. Ich glaube die meisten von uns haben nur eine oder wenige Sendungen gesehen. Ich hab mal rumgefragt bei den Andersrum-Männern und da war es genauso, sie sahen kaum oder kein Läsbisch TV. Es gab keine gemeinsame Vision und kein Miteinander. Heute wäre das vielleicht anders und diverser durch die queere Community.

Eure Themen waren divers: von experimentellen Filmen, Künstlerinnen-Porträts, Nachrichten aus der Community über Demonstrationen gegen Rechte, Einblicke in die Arbeit des Lesbenreferats bis hin zum humorvollen Umgang mit Lesben-Klischees. Welche Ziele verbanden euch? Was war euch besonders wichtig?

Der Weg kommt beim Gehen. Wir haben situativ Themen aufgegriffen, die zu uns kamen.


Mahide Lein (li.) gehörte zusammen mit Heidi Kull zu den Moderatorinnen von Läsbisch TV ()Bild: Schwules Museum*

Gerade sind die Berlinale und die Teddy-Filmreihe abgelaufen. Ihr habt euch mit der Frage von lesbischer Sichtbarkeit beim Filmfestival beschäftigt. 1992 waren von den 440 Berlinale-Filmen nur 40 von Frauen, auch gab es nur einen einzigen lesbischen Film. "Die ganze Berlinale ist ein Skandal", war eure Reaktion darauf. Wie beurteilst du die Lage heute?

Leider ist es nach 26 Jahren bei der Berlinale immer noch so, weil wenige Filme von Frauen finanziell gefördert werden, dementsprechend gibt es wenige Filme von Frauen und Lesben bei den Filmfestivals. Beim Teddy-Award ist es besser geworden. Viele Diversity-Filme sind dabei. Die internationale Teddy-Jury ist queerer geworden. Leider ist die Gala immer noch hauptsächlich männlich schwul.

Hast du einen Lieblingsbeitrag oder eine Lieblingssendung?

Dr. Laura Méritt, wie sie sexpositiv auf der Couch eine Sendung moderiert.

Das Ende der Sendung nach gerade mal zwei Jahren kam sehr abrupt. Warum war es nach dem 15. Mai 1993 vorbei mit Läsbisch TV?

Das Kabelfernsehen FAB wollte auf Antenne und sie dachten, dass es ohne das schwule Magazin Andersrum besser möglich ist. Weil wir in Abwechslung mit ihnen sendeten, wurden wir mit ihnen gemeinsam rausgeschmissen. Das tat wohl dem FAB-Macher leid, weil er unseren feministischen Ansatz sehr zu schätzen wusste, und er gab mir den Rat, uns mit anderen Minderheiten zusammenzutun. Ich fragte ihn: "Mit welchen Minderheiten meinst Du?" Er antwortete nicht und bekam einen roten Kopf.

Das Material lagerte dann 26 Jahre bei dir. Die Kuratorin Vera Hofmann vom Schwulen Museum* stieß darauf durch eine Youtube-Reihe namens "LESgenden", in der du vor zwei Jahren porträtiert wurdest. Dort erwähntest du Läsbisch TV. Vera Hofmann rief dich am nächsten Tag an und erfuhr, dass du gerade dran bist, das Material digital sicherzustellen.

In den 26 Jahren stellte ich bei vielen Förderanträge – aber ohne Erfolg. Deshalb vielen Dank an die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die Läsbisch TV jetzt doch förderte, um alle 27 Sendungen zu digitalisieren und katalogisieren. 50 Frauen- und LGBTI-Archive erhalten bald ein DVD-Paket. Ein Crowdfunding wird ebenfalls gestartet, um ein 60-Minuten-Best-Of zu erstellen.

Der Zeitgeist macht's möglich: Vor 20 Jahren hätte man sich nicht so sehr dafür interessiert, wie es in den frühen Neunzigerjahren war. Nach 30 Jahren ist die Wertschätzung von historischem Material logischerweise größer. Es wird wertvoller, je älter es ist. Heute erinnern wir uns gerne nostalgisch an vergangene Projekte und Fernsehserien aus der frechen Pionierzeit der Gay-Bewegung, wo der "Lesbische Chic" en vogue wurde. Lesbischsein wurde plötzlich chic mit Madonna, Annie Lennox oder K.D. Lang.

Direktlink | Interview mit Mahide Lein in der Youtube-Reihe "LESgenden"

Hast du noch Kontakt zu den anderen Frauen, die an der Sendung mitgewirkt haben? Was ist aus euch geworden? Gibt's regelmäßige Reunions oder Partys?

Mit vielen Frauen habe ich noch Kontakt. Wir erlebten die zusammenhaltende Frauenpower-Zeit. Das hält viele von uns noch zusammen!

Wie muss man sich die Community Anfang der Neunzigerjahre in Berlin vorstellen?

In den Achtzigern und Neunzigern hatten wir 44 Frauen-Treffpunkte in Berlin: drei Frauen-Buchläden, drei Frauen-Galerien, ein Frauen-Naturkostladen, viele Cafés, Treffpunkte und Nachtclubs. Heute gibt es kaum noch Treffpunkte dieser Art auf der ganzen Welt. Frau trifft sich queer, und die lesbischen Frauen gehen darin mehr unter als in den Neunzigern.

Wie unterscheidet sich das damalige Verhältnis von Lesben- und Schwulenszene zu heute?

Da kann ich wenig dazu sagen, weil ich viele Frauen-Cafés und einen Nachtclub "ladies only" machte. Erst 1992 habe ich mit schwulen Männern zusammengearbeitet, um den ersten Christopher-Street-Day in St. Petersburg zu produzieren. Das war in einer Zeit, wo noch 950 Männer wegen Homosexualität im Knast und viele Frauen in der Psychiatrie waren. Bis 1995 produzierte ich mit Andreas Strohfeldt einen halbjährlichen russisch-deutschen Kulturaustausch in St. Petersburg, Moskau und Berlin. Dann ging ich nach Afrika und arbeite seitdem mit allen Menschen dieser Erde sexpositiv und humorvoll zusammen.

Es wird aktuell viel über lesbische Sichtbarkeit diskutiert. Woran liegt es, aus deiner Sicht, dass Lesben und ihre Themen in der allgemeinen Wahrnehmung weniger deutlich vorkommen als schwule Themen?

Wir leben im Patriarchat.

1991 gab es bereits das Schwule Museum. Hast du die Arbeit des Museums damals wahrgenommen?

Klar war ich im SchwuMu damals wie heute, und ich freue mich auf das aktuelle feministische Frauenjahr mit der 12-Monde-Filmreihe. Ich bin stolz darauf, dass Läsbisch TV aktuell mit 27 Sendungen bis 16. März gezeigt wird. Großen Dank an die Kuratorin Vera Hofmann!

Was könnte eine junge queere Generation an diesen alten Sendungen interessieren?

Ich erlebe junge Leute als sehr interessiert für unsere Herstory. Sie sind neugierig und manchmal auch neidisch, weil die vergangenen Zeiten wilder waren als die heutigen! Wir haben vieles neu erfunden, und heute ist es ein bisschen langweilig. Alle gehen arbeiten und fragen sich, wie sie ihre Konsumhaltung finanzieren können. Ich erfreue mich immer sehr, auf alte Zeiten angesprochen zu werden und mithilfe der Zeitgenoss*innen bekommen wir unsere Geschichte wieder klar, denn einiges habe ich auch vergessen.

Du bist heute viel in Afrika unterwegs. Warum Afrika? Was machst du dort? Wie sieht die LGBTI-Szene dort aus?

Ich war zwei Wochen in Burkina Faso, meine vierte Afrikareise. Meine erste war 1995 nach Zimbabwe, wo ich einen Film drehte mit Sue Maluwa-Bruce zu LGBTQI*-Themen. Danach öffnete ich mich nach der langen Ladies-only-Zeit für Mitmenschen und Kulturen dieser Erde und meine Lebensgewohnheiten änderten sich freudig. Ich arbeite noch heute mit Aktivist*innen von GALZ und Musiker*innen aus Zimbabwe zusammen.

Bei meinen geschäftlichen Reisen nach Senegal und Burkina Faso bekam ich keinen Kontakt mit der LGBTQI*-Szene, da ich mit meinen heterosexuellen Musiker*innen unterwegs war. Ich bin vorsichtig, das Thema anzusprechen, weil diese Leute von Familien und Arbeitsstellen ausgeschlossen werden könnten und sehr diskriminiert werden, wenn sie sich outen würden. Wenn mich jemand angesprochen hätte, hätte ich darüber gesprochen. Sie fragen, warum ich keine Kinder habe, und ich antworte: "Weil ich keinen Sex mit Männern habe", und dann ist's still und es geht zum nächsten Thema über.

Ich glaube, jede weiße Person sollte einmal in einem Land mit schwarzen Menschen sein. Das ändert den Blick auf unsere weiße Gesellschaft, und es ist ein besseres Miteinander mit unserer multikulturellen Gesellschaft.

Heute gibt es aus den USA sehr viele TV-Sendungen mit offen lesbischen Stars oder lesbischen Charakteren. Wie beurteilst du diesen Boom – und kannst du dir diesen erklären? Und wieso geht er teils einher mit einer neuen massiven Frauenfeindlichkeit?

Die Frauenfeindlichkeit ist 2.000 Jahre alt und nichts Neues. Für uns hat sich in den letzten 30 Jahren viel verbessert, die gesellschaftliche Akzeptanz hat zugenommen. Neidische, missgünstige, verklemmte und unaktive Arschlöcher gibt es immer. Wer Toleranz haben möchte, muss auch tolerant sein.

Am 11. März präsentiert Mahide Lein von 14 bis 16 Uhr ein Best-of aller Läsbisch-TV-Sendungen im Schwulen Museum* Berlin.



#1 strangeloveAnonym
  • 03.03.2018, 16:47h
  • "Es wird aktuell viel über lesbische Sichtbarkeit diskutiert. Woran liegt es, aus deiner Sicht, dass Lesben und ihre Themen in der allgemeinen Wahrnehmung weniger deutlich vorkommen als schwule Themen? - Wir leben im Patriarchat."

    Aha. Und "das Patriarchat" hindert Lesben daran, in Zeiten von Social Media und praktisch kostenlosem Webspace Aufmerksamkeit zu generieren und selber für ihre Sichtbarkeit zu sorgen? Und wie passt das pöse Patriarchat damit zusammen, dass "Läsbisch TV" ausgerechnet vom Schwulen Museum (huch: Männer!) präsentiert wird?

    "Ich glaube, jede weiße Person sollte einmal in einem Land mit schwarzen Menschen sein."

    Wie bitte? Wird hier etwa ernsthaft die Hautfarbe als Unterscheidungskriterium zwischen Menschen postuliert?

    Seltsames Interview.
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