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Nachruf
Der umstrittene Parade-Schwule der Siebziger
Werner Röglin spielte in rund 20 Hetero-Sexkomödien die extrovertierte Klischee-Tunte – erst jetzt haben wir vom Tod des offen homosexuellen Schauspielers erfahren.

Er war in zahlreichen Sexkomödien der Siebzigerjahre dabei, doch mitmachen durfte er nie: Werner Röglin (re.) in "Geh, zieh dein Dirndl aus" aus dem Jahr 1973
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16. März 2018, 06:50h 6 Min.
Von der Öffentlichkeit unbemerkt, starb schon vor einigen Jahren der Münchner Schauspieler Werner Röglin (23.04.1938-20.12.2011). Nach seinem ersten Auftritt im Aufklärungsfilm "Abarten der körperlichen Liebe" (1969) wurde er durch rund 20 Filmrollen die bekannteste schwule Klischee-Tunte in deutschen Sex-Komödien der Siebzigerjahre.
Seine Rollen trieften nur so voll schwuler Klischees: Neben dem Schwulenwitz-Klassiker "Warme Berliner" ("Werden die Herren auch pünktlich sein?") musste auch schon mal ein warmes Bier für eines dieser flachen Homo-Witzchen herhalten.
Mit Röglin wurde das gesamte Tunten-Repertoire aufgefahren: vom Collier-Griff bis zur rosa Dekoration – und natürlich immer ganz viel Fummel. Das war schließlich das Bild, welches sich Heteros von Schwulen machten – aber auch das Bild, das die damalige Schwulenszene tatsächlich verkörperte.
Zwischen Homophobie und Emanzipation
Dieses Tunten-Getue ging sogar der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zu weit. Mit dem Hinweis auf die befürchteten Vorurteile Homosexuellen gegenüber, indizierte sie 1983 "Alpenglühn im Dirndlrock" (1974). Ist die schwule Klischee-Tunte, die Röglin par excellence verkörperte, eigentlich komisch, homophob oder sogar beides? Anhand von Filmen wie "(T)raumschiff Surprise – Periode 1" (2004) wird dies bis heute leidenschaftlich diskutiert. Fest steht: Komödien und Satiren dürfen sich über jeden lustig machen und weh tun, Schwule dürfen sich verletzt fühlen.

Selbst die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften monierte zuviele Homo-Klischees
Wer sich in den meist billigen und zotigen Sex-Komödien der Siebzigerjahre suhlt, kann auch positive und emanzipatorische schwule Szenen finden – Szenen ohne Klischees und ohne Röglin. Schwule können aber auch dann herzhaft mitlachen, wenn Röglin den Künstler Salvador Dali parodiert und dabei reimend seinen Frauenhass verdeutlicht: "Ich will keine Weiber haben – gebt mir doch die netten Knaben" ("Die munteren Sexspiele der Nachbarn", 1978).
Es gibt sogar Filme, in denen sich Schwule liebevoll um Babys kümmern. In "Liebesgrüße aus der Lederhose" (6. Teil, 1982) freut sich Waldemar – gespielt von Röglin – auf seine neue Rolle als Mutter an der Seite seines Liebhabers Edelbert. Auch das ist noch kein großes emanzipatorisches Kino, aber zumindest machen die Kinoplakate "Eine Mutter namens Waldemar" aus Röglins Rolle sogar eine Hauptrolle.
Der Schwule als Exot und Clown

Mit Werner Röglin ist die berühmteste deutsche Komödien-Tunte der Siebzigerjahre gestorben
Als lustige Clowns und sexuelle Exoten waren Schwule wie Röglin in den Siebzigern sehr beliebt. Die Sex-Komödien müssten allerdings eigentlich Hetero-Sex-Komödien heißen, weil man die sexuelle Leidenschaft unter Schwulen nie sieht – im Gegensatz zu der Leidenschaft, mit der die Schwulen jedem knackigen Hetero-Mann an den Hintern greifen, wie Röglin in "Hurra. Die Schwedinnen sind da" (1978). Es sind sexuelle Avancen, die nie erwidert werden. Sie sind lustig und belasten die Phantasie der meist heterosexuellen Zuschauer nicht übermäßig. Nur deshalb sind sie zu sehen.
Von Röglins Tod habe ich durch seinen Schauspielkollegen Rinaldo Talamonti, Jahrgang 1947, erfahren, der in mehr als 70 Sex-Filmen den italienischen Latin-Lover mimte. In sieben Filmen – wie u.a. in "Das Liebeshotel in Tirol" (1978) – hat er mit Werner Röglin zusammengearbeitet und fühlt sich mit ihm als schauspielerisches Naturtalent verbunden: "Wir beide waren geborene Profis: Er war schwul und ich war Italiener." Seiner Erinnerung nach gab es bei den gemeinsamen Dreharbeiten zwar auch mal einen derben bzw. sexuellen, aber nie einen homophoben Spruch zu hören.
"Einmal Schwuler, immer Schwuler"
Talamonti geht davon aus, dass seine eigenen negativen Erfahrungen mit festen Rollenzuschreibungen auch Röglin betroffen haben: "Einmal Italiener, immer Italiener – Einmal Schwuler, immer Schwuler." Dieser festen Rollenzuschreibung widerspricht es nicht, dass Talamonti an der Seite von Röglin in "Geh, zieh dein Dirndl aus" (1973) mit Schmuck und Tuntengehabe auch einen Schwulen verkörpert. Ganz im Gegenteil: In der Form, wie er hier einem Vater seine Homosexualität vorgaukelt, nur um als Sprachlehrer für seine beiden attraktiven Töchter engagiert zu werden, wird seine Latin-Lover-Rolle sogar noch bestätigt.
Die NDR-Doku über Werner Röglin "Schenk mir Liebe, Monsieur – Travestie zwischen Show und Alltag" (1985) verdeutlicht schon im Titel, dass bei ihm Privatleben und Rolle kaum voneinander zu trennen sind. Der Blick auf ihn ist facettenreich: Seine glücklichen Momente mit seinem Lebensgefährten Max und bei seinen Travestie-Auftritten in seiner Münchner Klenze-Bar, die er seit 1975 führte. Sie werden genauso gezeigt, wie seine Einsamkeit und seine finanziellen Sorgen.
Im Rückblick zeigt er sich enttäuscht über seine kurz zuvor beendete Filmkarriere: "Ich habe meistens Schwule gespielt. Also im Grunde bin ich eigentlich ausgenutzt worden. Die haben mich benutzt als schwules Moment. Die Filme, die ich gemacht habe, waren ja keine Kunstfilme, sondern es waren ganz knallharte Kommerzfilme." Es ist schade, wie verbittert er hier seine Schauspielzeit resümiert.
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Der letzte Quotenschwule der Bundesrepublik

Werner Röglin hat auch mehrere Schallplatten veröffentlicht
Im Juli 2001 war Werner Röglin Gast im Erzählcafé des Forums Homosexualität in München. Dass Röglin allerhand Geschichten aus vielen Jahren zu erzählen hat, wurde spätestens deutlich, als er von einem Gespräch in den Fünfzigerjahren mit dem amerikanisch-österreichischen Regisseur Billy Wilder erzählte. Röglin hatte Wilder vom deutschen Travestie-Film "Fanfaren der Liebe" (1951) vorgeschwärmt, der später – basierend auf der gleichen Geschichte – den Travestie-Klassiker "Manche mögen's heiß" (1959) drehte. Röglins Resümee zu seinen eigenen Schauspielrollen wirkt nun abgeklärter und positiver: "Ich habe es so genommen, wie es gekommen ist und war froh, dass ich das spielen durfte."
Für Röglin war sein Auftreten als offen schwuler Mann in München nicht immer einfach. Insgesamt drei gegen ihn gerichtete Morddrohungen bezeichnet er als vergleichsweise wenig. Meistens ging es "nur" darum, dass er als blöde Tunte angepöbelt wurde oder dass man ihm wegen seines weißen extravaganten Outfits "Elvis lebt" hinterher rief. Gerade weil Röglin auch privat dem Klischee des effeminierten Schwulen so deutlich entsprochen hat, ist sein Hinweis auf den Regisseur Siggi Götz umso witziger, der in seiner Abwesenheit gesagt haben soll: "Der Röglin ist mir nicht schwul genug."
Mit Werner Röglin ist die berühmteste deutsche Komödien-Tunte der Siebzigerjahre gestorben. Einen ähnlichen Quotenschwulen bzw. Paradeschwulen – wie er früher in Rezensionen bezeichnet wurde – hat es auch später nicht mehr gegeben.
Spannender als die Frage, ob Schwule vor einem halben Jahrhundert auch anders bzw. positiver hätten dargestellt werden können, finde ich die Frage, ob Schwulen mit einer Tabuisierung mehr geholfen worden wäre, wenn es in Komödien diese Klischee-Tunten wie Werner Röglin eben nicht gegeben hätte, die das Bild des bürgerlichen Homosexuellen so zu stören scheinen.
Ich stimme dem US-Schauspieler Harvey Fierstein zu, der sich selbst als Sissy bezeichnet und zur schwulen Präsenz von Tunten in Filmen eine dezidierte Meinung vertritt, die sich auch auf die deutschen Sex-Komödien und das Privatleben von Röglin in München übertragen lässt: "Ich bin immer für Sichtbarkeit, koste es was es wolle!"
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