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Sachbuch
Warum wir uns für die Abschaffung des §175 nicht bedanken müssen
In seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" fordert Johannes Kram mehr Ungeduld der queeren Community und beklagt mangelnden Verlass auf linksliberale Milieus.

Johannes Kram lebt als Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege in Berlin. Seit 2008 betreibt er das Nollendorfblog, 2013 initierte er den "Waldschlösschen-Appell" gegen Homophobie in den Medien (Bild: Markus Lücke)
- Von Bodo Niendel
18. März 2018, 12:59h 4 Min.
Johannes Kram betreibt seit 2008 das Nollendorfblog – zu Beginn "weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit", so der 1967 geborene Autor und Marketingstratege. Benannt ist das Blog nach dem Schöneberger Nollendorfplatz. Kram wohnt mitten im queeren Kiez von Berlin, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts Zentrum der weltweit ersten Homosexuellenbewegung war und heute Magnet für den queeren globalen Easyjet-Tourismus ist.
Johannes Krams Blog nervt, Queers ebenso wie Heteros. Er schreibt über Homophobie in all ihren Facetten. 2016 erhielt er eine Nominierung für den Grimme Online Award.
In sein neues Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" (Amazon-Affiliate-Link ) über die "schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft" montiert er zwar einzelne Blogbeiträge, doch es handelt sich keineswegs um ein Best-of-Nollendorfblog. Johannes Kram erzählt uns eine Geschichte der widersprüchlichen Entwicklung zwischen queerem Erfolg und gesellschaftlichen Vorurteilen. Die kurzen Ausschnitte aus verschiedenen Blogbeiträgen dienen vor allem der Illustration – und zugleich lassen sie uns nachspüren, was sich alles verändert hat.
Der deutsche "Sonderweg" der Homophobie

Das Buch von Johannes Kram ist seit Anfang des Monats im Handel erhältlich
Kram beginnt mit dem Stand der Dinge. Die Ehe für alle wurde erstritten. Damit sei Deutschland "dabei, ein zivilisierteres Land zu werden". Doch bleibe noch viel zu tun, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen. Nicht zuletzt müssten wir uns auch an die eigene Nase fassen, so der Autor, denn "wir brauchen auch ein differenzierteres und klügeres Agieren der Verbände und Institutionen".
Die Ehe-Öffnung, erinnert Kram, kam in der Bundesrepublik im Vergleich zu vielen anderen westlichen Staaten sehr spät. Er schlägt einen Bogen zur immer noch kaum wahrgenommenen Schwulenverfolgung der Nachkriegszeit. Der von den Nazis verschärfte Paragraf 175 galt bis 1969 in der Bundesrepublik und kriminalisierte grundsätzlich schwule Sexualität. Sowohl die schlimme Verfolgung als auch die späte Ehe für alle bezeichnet Kram in seinem Buch überspitzt als deutschen "Sonderweg". Kram appelliert an unsere Ungeduld und zitiert aus seinem Blog von 2015: "Wer sich mit Toleranz zufriedengibt, bedankt sich dafür, nicht verfolgt zu werden."
Johannes Kram bricht eine Lanze für Volker Beck. Er stritt lange als LSVD-Bundesvorstand und grüner Bundestagsabgeordneter für LGBTI-Rechte. Ein minimaler Drogenfund brachte ihn in die Kritik. Die Medien schossen sich auf ihn ein, und seine eigene Partei schasste ihn. Kram zeichnet minutiös die Medienberichterstattung nach. Beck wurde nahezu durchgängig als "Moralist" tituliert, dabei trat er nur konsequent für gleiche Rechte ein. Krams Medienfazit: "Der Fall Volker Beck ist ein Symptom dafür, wie wenig wir uns auf große Teile des linksliberalen Milieus verlassen können."
Nicht bunter als die Mehrheitsgesellschaft erlaubt
Der Berliner Autor zieht auch eine Parallele zum Rassismus. Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss schilderte 2006 auf dem Integrationsgipfel im Kanzleramt, wie er immer wieder auf seine Hautfarbe reduziert wird und Klischees und Ressentiments das Filmgeschäft bestimmen. Kram folgert, dass die Minderheiten Deutschland gern bunt machen dürfen, aber nur nach den Normen die vorher von der Mehrheitsgesellschaft gesetzt wurden. Daran habe sich bis heute nicht viel geändert.
Streitbar ist Krams zu Beginn des Buches aufgestellte These, ob wir es mit einem neuen Phänomen der Homosexuellenfeindlichkeit zu tun haben, das "auf Homofreundlichkeit beharrt". Die aufgeführten Beispiele sind allerdings belastend. Von Harald Martenstein über Bully Herbig, Jürgen von der Lippe bis zu Dieter Nuhr – ihnen allen ist Homophobie nur allzu selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen. Sie wissen es nicht, aber sie äußern sich entsprechend. Dies belegt Johannes Kram.
Seine Geschichte der widersprüchlichen Emanzipation nervt. Sie muss nerven, denn Fortschritt ist revidierbar. Das kapitellose Buch liest sich rasant. Es ist eine kurzweilige, aber nachschwingende Lektüre. Ein starkes Buch.
Johannes Kram: Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber… Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft. Taschenbuch. 160 Seiten. Querverlag. Berlin 2018. 14,90 €. ISBN 978-3-89656-260-9. Am 11. April findet im Berliner Tipi am Kanzleramt eine Buchpremiere mit zahlreichen Prominenten statt.
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» Leseprobe als PDF
» Infos zur Buchpräsentation am 11. April im Berliner Tipi am Kanzleramt
» Nollendorfblog
» Homepage von Johannes Kram
Mehr zum Thema:
» Dieter Nuhr und Jürgen von der Lippe wollen nicht homophob sein (03.03.2018)
» Warum Bully Herbig Schuld ist, dass die Ehe für alle so spät kam (16.01.2018)
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