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Britischer Singer-Songwriter

George Ezra macht sich locker

"Staying At Tamara's" ist ein positives, ermutigendes Album, das in der Folge eines unfassbaren Erfolgs geschrieben wurde.


Dank seinem Überraschungs-Hit "Budapest" wurde George Ezra 2014 über Nacht zum Star (Bild: Sony Music)
  • 27. März 2018, 10:14h, noch kein Kommentar

George Ezra ist fürwahr ein Teufelskerl… fast scheint es so, als könne er hier, dort und überall gleichzeitig sein. Seine sensationelle Out-of-the-box-Erfolgsstory gründete auf der einzigen Sache, die wirklich zählt: seine Songs. Lieder, die ihm nicht zuletzt eine weltweite Tournee bescherten, die zwei Jahre andauerte. Und selbst, wenn es einmal kurz danach aussah, als sei der nicht zu bremsende Breakout-Star des Jahres 2014 (und 2015) einmal nicht überall gleichzeitig, so stellt sich im Nachhinein heraus, dass er es in der Tat war: er reiste, suchte, schrieb, musizierte und pfiff.

Doch bevor wir uns seinen jüngsten Streifzügen zuwenden, wollen wir zunächst einmal rekapitulieren: George war ein unbekannter Teenager, der seine mit-Gitarre-auf-Reisen-Attitüde nebst Wissendurst und Inter-Rail-Ticket in eine Kofferladung postkartenhafter Songs verwandelte, die noch weiter um die Welt reisten, als er selbst es getan hatte.

"Wanted On Voyage", das Debütalbum des aus Hertfordshire stammenden Singer-Songwriters, erschien im Juni 2014 und verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal. Es war das drittmeistverkaufte Album des Jahres in Großbritannien, hinter den Longplayern von Ed Sheeran und Sam Smith. Doch wie für seinen Schöpfer ging es bei "Wanted On Voyage" in erster Linie um den Weg, den es zurückzulegen galt, nicht das Ziel. Nach vierzehn Wochen hatte das Album schließlich Platz eins der Charts erreicht und es war ein waschechter Erfolg durch Mund-zu-Mundpropaganda. Befeuert vom Erfolg der Songs "Budapest", "Barcelona", "Cassy O" und "Blame It On Me" wurde der damals gerade einmal zwanzigjährige Sänger und Gitarrist weltweit zum gefragten Live-Act.

Der vierfache Brit-Awards-Nominée war ziemlich schnell sehr weit gekommen. Wesentlich schneller, als er sich es vorgestellt hatte, als er als Teenager seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben hatte. Doch andererseits war er auch nirgendwo angekommen. Er war wieder zu Hause im Bett seiner Kindheit, drehte Däumchen und fragte sich, was aus seinem Leben geworden war. Es war eine Art postkoitaler Stimmungsabfall von verwirrenden Ausmaßen. Selbstverständlich ist ihm bewusst, dass das, was er tut, nichts ist im Vergleich zur harten Arbeit, die Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer oder viele andere Menschen tagtäglich leisten.

Fröhlich und jubilierend


Das neue Album "Staying At Tamara's" von George Ezra ist am 23. März 2018 erschienen

Doch George hatte sich daran gewöhnt, dass alles für ihn organisiert wurde, vom Frühstück bis zum Zubettgehen, jeder Tag war bis zum Anschlag durch getaktet. Also machte George Ezra das, was er am besten kann: er schnappte sich seine Gitarre und machte sich vom Acker. Seine erste Anlaufstation war eine Stadt, die er recht gut kannte, in der er allerdings – paradoxerweise – gar nicht so bekannt ist: Barcelona. (Obgleich eines seiner bekanntesten Stücke den Namen der spanischen Stadt trägt, gibt Ezra augenzwinkernd zu, dass er dort bestenfalls auf dem Niveau eines Club-Acts ist). In einem weiteren Versuch, die Komfortzone abzuschütteln, vermied es George, in jenen vornehmen Hotels abzusteigen, die er sich nun leisten konnte. Er wählte die "Airbnb"-Variante – und lebte dabei mit dem jeweiligen Gastgeber zusammen. Sie teilten sich die Wohnung. Ohne jeden persönlichen Extra-Komfort. "

Ezra blieb einen Monat in Barcelona und schrieb jeden Tag, genoss die Freiheit und die Anonymität – bis eine ahnungslose Tamara, neugierig geworden durch die Gitarre, die nahezu die Hälfte seines spärlichen Gepäcks ausmachte, ihn auffordert, ihr seine Spotify-Seite zu zeigen und seinen beliebtesten Song vorzuspielen ("Budapest", 365 Millionen Streams). Ein Moment, der die junge Argentinierin zu einer späten Erkenntnis führte: "Ich wusste, ich kenne dich von irgendwo!".

Als er nach dieser Zeit, die sich wie sein persönlicher Almodovar-Film anhört, wieder nach Großbritannien zurückkehrte, hatte er nicht nur einen kompletten Reset durchgeführt, sondern war neu belebt und hatte die Anfänge von mehreren Songs im Gepäck. Ein Schlüsselsong war "Pretty Shining People", der nun der Opener des neuen Albums ist – dem er den Titel "Staying At Tamara's" gab. Denn "alles hatte seinen Ursprung in dieser Wohnung, und davor muss ich meinen Hut ziehen."

Textlich und künstlerisch gibt "Pretty Shining People" den Ton für die restlichen Songs des Albums vor, das einnehmend melodisch und mitreißend euphorisierend ist – und das in jeder Sprache. Zunächst bleibt festzuhalten, dass der Song unterwegs fertig gestellt wurde, auf einem weiteren Songwriting-Ausflug auf die Isle of Skye. Wieder zurück in Großbritannien unternahm Ezra einige weitere Kompositions-Kurztrips, u.a. auf eine Schweinefarm nach Norfolk, einen ehemaligen Maismehl-Schuppen in Kent und einen umgebauten Kuhstall in Nordwales. Die letzte Reise fand in Begleitung des Ex-Athlete-Sängers Joel Pott statt, der seit einige Zeit Georges Songwriting-Partner ist.

Direktlink | Offizielles Video zur Single "Paradise"

Die Positivität und das Gemeinschaftsgefühl des eigentümlich Britpop-haften "Pretty Shining People" ("We're alright together") sind die Grundpfeiler für die Gesamtstimmung, die auf "Staying At Tamara's" herrscht. Die Songs entstanden in einem Jahr, das von Trump, Brexit, Food Banks (Tafeln) und allgemeinem Aufruhr geprägt war. Aufmerksam die Geschehnisse der chaotischen Welt um ihn herum beobachtend und inspiriert von allerlei Hör- und Lesestoff (u.a. sehr früher Bob Dylan und "So Long, See You Tomorrow" des US-Autors William Maxwell), entschied sich Ezra genau das zu machen, was er am besten kann: Songs schreiben, die ermutigen, unterstützen und dem Hörer die Möglichkeit geben, den Alltag hinter sich zu lassen.

Wie etwa die Finger-schnippende, Bläser-tastische, Haare-im-Fahrtwind-Nummer "Get Away", eine Art Schlachtruf in Zeiten großer Ängste. Oder "Shotgun", ein unwiderstehlicher Song mit "Hit The Road, Jack"-Message und "Graceland"-Vibe, der einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert. "Eigentlich versuche ich unentwegt, Paul Simons 'Graceland' nachzueifern, sowohl beim ersten Album als auch bei diesem hier", gibt Ezra gut gelaunt zu. Eine Mission, bei der ihm (bei beiden Alben) der Londoner Produzent Cam Blackwood (London Grammar, Florence + The Machine) zur Seite stand. "Normalerweise schieße ich übers Ziel hinaus und muss dann wieder einen Schritt zurück machen. 'Shotgun' ist der Song, wo ich es hinbekommen habe und die Leute sagen werden: 'das ist Graceland', aber das ist total Okay".

Auch die Vorabsingle "Paradise" handelt von "kindischem Eskapismus", und auch das unbeschwert gutgelaunte "Don't Matter Now", mit dem George Ezra im vergangenen Sommer begann, seine Fans auf sein zweites Album einzustimmen, ist beseelt vom selben Geist. "Ich verstehe es nicht, wenn Bekannte von mir sich verpflichtet fühlen, jedes Mal 'RIP' zu tweeten, wenn ein Celebrity das Zeitliche segnet und 'my heart goes out to…' als Antwort auf jedes Weltereignis. Es ist süß, aber zwecklos. Man kann Empathie und Anteilnahme empfinden, ohne das Bedürfnis zu haben, es zur Schau zu stellen. Und dieser Drang immer alles kommentieren zu müssen? Das ist nicht, warum ich hier bin, weder im öffentlichen Kontext noch im Zusammenhang mit meinem Songwriting." Es ist eine Position, die er neben einer Vielzahl von anderen Gedanken in einer Serie von Podcasts beleuchtet, den er gerade aufnimmt und editiert. "Ezra & Friends" heißt die Reihe, in der der 24-Jährige Gespräche mit einer ganzen Reihe von Künstlern und Kollegen führt, von Ed Sheeran bis Declan McKenna, Rag 'N' Bone Man bis London Grammar-Sängerin Hannah Reid.

Der Aufenthalt bei Tamara ermöglichte es George Ezra, sich locker zu machen, sich selbst zu finden und sich auf einen kreativen Weg zu begeben, der ihn zu "Staying At Tamara's" führte. Es ist ein positives, ermutigendes Album, das in der Folge eines unfassbaren Erfolgs geschrieben wurde – und in der Tat muss er zugeben, im Vorfeld seines Bühnen-Comebacks im vergangenen Sommer im Rahmen der sogenannten "Top Secret"-Tour von Angstträumen geplagt worden zu sein. Er weiß besser als die meisten, wie es ist, wenn man sich fragt, was man mit seinen Tagen anfangen soll – insbesondere, wenn die Welt dich mit ihrer Erwartungshaltung belastet. Im Zuge dieser Erkenntnis, aber auch inspiriert durch persönliche Erfahrungen, moderierte Ezra jüngst eine vorweihnachtliche Charity-Show in London zu Gunsten der gemeinnützigen Organisation für psychisch Kranke, "Mind". Eine Aufgabe, die er in Zukunft regelmäßig übernehmen möchte. "Die Wahrscheinlichkeit ist ja sehr groß, dass wir alle irgendwie von diesem Thema betroffen sind", gibt er zu Bedenken. "Eine unglückliche Minderheit leidet wirklich und der Rest von uns schlägt sich irgendwie durch. Der Mangel an Aufklärung und Bildung in diesem Bereich ist eklatant."

In der Zwischenzeit trägt Ezra weiterhin sein Scherflein dazu bei, das Happiness-Level in der Welt weiter zu steigern, mit einem Comeback-Album, dass ebenso fröhlich und jubilierend, achtsam und gefühlvoll, herzlich, energisch und anregend ist. "Staying At Tamara's" handelt vom Entfliehen, Vorankommen und fantastischen Höhenflügen – mit der Musik, dem Leben und der Liebe. (cw/pm)

Tourdaten

09.04.2018 Berlin – Huxleys Neue Welt
14.04.2018 Köln – Live Music Hall
22.-24.06.18 Hurricane- & Southside-Festival
11.10.2018 Frankfurt – Jahrhunderthalle
12.10.2018 Leipzig – Haus Auensee
19.10.2018 Berlin – Verti Music Hall
28.10.2018 Köln – Palladium