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Stigmatisierung
Neue Studien: Queere Jugendliche denken öfter an Selbstmord
Zwei wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Schüler und junge Studierende öfter Suizid-Gedanken haben, wenn sie nicht heterosexuell sind.

Stigmatisierung übt Druck auf sexuelle Minderheiten aus, sagen die Wissenschaftler (Bild: flickr / John Steven Fernandez / by 2.0)
- 27. März 2018, 09:56h 3 Min.
Homo- und bisexuelle Jugendliche, die ihre wahre sexuelle Orientierung verbergen, haben ein höheres Risiko, an Selbstmord zu denken oder sich selbst zu töten. Dies geht aus zwei neuen Studien hervor, über die die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.
Für die erste Untersuchung hat ein Team aus Wissenschaftlern unter der Leitung des belgischen Neurowissenschaftlers Philippe Mortier Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgewertet, die rund 13.000 Studierende im ersten Studienjahr befragte. Die Untersuchten kamen aus acht Ländern weltweit, darunter auch Deutschland. Das Ergebnis: Fast ein Drittel der Studierenden im ersten Jahr hat schon mal an Suizid gedacht. Einer der wichtigen Risikofaktoren ist es, nicht heterosexuell zu sein.
Höheres Risiko für Gedanken an Selbstmord
Das Team fand heraus, dass homo- und bisexuelle Studierende ein vier- bis achtfach höheres Risiko für suizidale Gedanken und Verhaltensweisen haben als heterosexuelle Kommilitonen. Hetero-Studierende, die schon einmal gleichgeschlechtlichen Sex hatten, haben demnach ein drei- bis vierfach höheres Risiko, und überwiegend heterosexuelle Studierende mit einer gleichgeschlechtlicher Präferenz ein zweifach höheres Risiko im Vergleich zu komplett heterosexuellen Studierenden.
Eine andere Studie erschien Anfang März im "American Journal of Preventive Medicine". Die Forscher fokussierten sich dabei auf Teenager, die eine Nichtübereinstimmung in der sexuellen Orientierung erleben, also ihre sexuelle Orientierung als verwirrend und unstimmig erleben. Genauer gesagt geht es um Jugendliche, die sich entweder als schwul oder lesbisch identifizieren, aber nur mit dem anderen Geschlecht oder beiden Geschlechtern sexuellen Kontakt hatten, und um Jugendliche, die sich als heterosexuell definieren, aber sexuellen Kontakt mit dem gleichen Geschlecht oder beiden Geschlechtern hatten. Diese Jugendlichen, so warnen die Wissenschaftler, hätten einen signifikant höheres Risiko, Suizid zu begehen.
Untersucht wurden dabei annähern 7.000 High-School-Schüler in den USA, denen 99 Fragen zu Gesundheit und Risikoverhalten gestellt wurden. Zwei dieser Fragen drehten sich um die sexuelle Orientierung. Die Antworten zeigen: Rund vier Prozent der Teenager haben eine Nichtübereinstimmung in der sexuellen Orientierung (sexual orientation discordance). Dies betraf, und das ist überraschend, 32 Prozent der schwulen und lesbischen Schüler, jedoch nur drei Prozent der heterosexuellen Schüler.
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Erkenntnisse wichtig, um Suizid vorzubeugen
Gefragt wurde auch, ob die Schüler ernsthaft in Erwägung gezogen haben, Suizid zu begehen, ob sie dafür schon einen Suizid-Plan hatten oder im vergangenen Jahr versucht haben, Suizid zu begehen. Annähernd die Hälfte der Teenager, die eine Nichtübereinstimmung in der sexuellen Orientierung erlebt hatten, also 46 Prozent, berichteten von suizidalen Gedanken oder Verhaltensweisen. Für Schüler, die in ihrer sexuellen Identität nicht verwirrt waren, betraf das nur 22 Prozent.
"Diskriminierung, Stigma, Vorurteile, Zurückweisung und gesellschaftliche Normen können Druck auf sexuelle Minderheiten ausüben und ihre sexuelle Identität oder ihr sexuelles Verhalten als widersprüchlich zu ihrer wahren sexuellen Identität darstellen", schreiben die Wissenschaftler.
Es sei wichtig, die Herausforderungen zu verstehen, denen Heranwachsende, die in ihrer sexuellen Orientierung verwirrt sind, begegnen, meinte Ko-Autor Dr. Francis Annor vom Zentrum zur Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. "Es ist wichtig, zu wissen, dass man Suizid vorbeugen kann." Die neuen Erkenntnisse seien wichtig, da Suizid in der US-Bevölkerung in den letzten zehn Jahren die zehnthäufigste Todesursache gewesen sei, und die dritthäufigste Ursache beim Tod von Teenagern, sagte John Blosnich von West Virginia Universität in Morgantown, der zu Suizid von LGBTI forscht.















people.ucalgary.ca/~ramsay/attempted-suicide-gay-lesbian-all
-studies.htm