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Hirschfeld-Jahr

Alles über die "Mutter der Schwulenbewegung"

Manfred Herzers Biografie "Magnus Hirschfeld und seine Zeit" schafft späte Gerechtigkeit für den vor 150 Jahren geborenen Sexualwissenschaftler und Aktivisten – verschweigt aber auch nicht dessen Schwächen.


Magnus Hirschfeld mit dem chinesischen Arzt Li Shiu Tong, der auch sein langjähriger Lebensgefährte war (Bild: wikipedia)

Passend zum 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld ist die aktuelle Biografie "Magnus Hirschfeld und seine Zeit" von Manfred Herzer erschienen. Hierin lässt uns der Geschichtsforscher eintauchen in das Wirken des Sexualwissenschaftlers, der von ihm als "Mutter der Schwulenbewegung" bezeichnet wird.

Hirschfeld wird in seiner Gesamtheit dargestellt, dabei werden auch Schattenseiten nicht kaschiert. Der am 14. Mai 1868 in Kolberg geborene Arzt begründete die Sexualwissenschaften und setzte ich wiederholt für die Abschaffung des Paragrafen 175 ein, der seit 1872 schwule Sexualität verbot. Er betrieb mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) geschicktes Lobbying, arbeitete eng mit Feministinnen zusammen, um auch den Paragrafen 218, das Abtreibungsverbot, abzuschaffen.

Das von ihm errichtete Institut für Sexualwissenschaft in Berlin war weltweit ein Novum. Es diente ihm als ärztliche Praxis, Beratungsräumlichkeit, Gruppentreff, Vortragsmöglichkeit und Forschungszentrum. Es zog Prominenz aus aller Welt an. Gerade sein Engagement für trans und intergeschlechtliche Menschen war zukunftsweisend. Er war ein Vorläufer queerer Bündnispolitik, darauf verweisen auch Jörg Litwinschuh und Prof. Dr. Michael Schwartz von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in ihrem kenntnisreichen gemeinsamen Geleitwort.

Projektionsfläche für den Hass der Nazis


Mafred Herzers Buch ist im Wissenschaftsverlag De Gruyter erschienen

Manfred Herzer zeigt in seinem Buch anschaulich, wie bedeutend Hirschfeld in seiner Zeit war. Bereits zur Jahrhundertwende war er eine bekannte Persönlichkeit. In den Zeitungen, Zeitschriften und Flugschriften war er häufig präsent – nicht nur positiv. Er wurde ebenso gehasst. Die im Antisemitismus so bekannte Figur des sexuell zügellosen Juden fand in ihm ihre Projektionsfläche.

Magnus Hirschfeld wurde bereits zu Beginn der Zwanzigerjahre von Faschisten verprügelt. Schon kurz nach der Machtübergabe 1933 verwüstete die SA sein Institut und verbrannte seine Schriften öffentlich. Zum Glück ahnte Hirschfeld die Katastrophe schon 1930 und begab sich auf eine lange Weltreise.

Herzer verleugnet auch nicht die Schwächen des Mitbegründers der ersten Homosexuellenbewegung. Etwa dass Hirschfeld für ein fragwürdiges Potenzmittel warb und dadurch finanzielle Vorteile hatte (die er für das Institut nutzte). Des Weiteren befürwortete er die Eugenik. Das ist erschreckend. Wenn man allerdings bedenkt, dass diese damals – vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik – von rechts bis links akzeptiert wurde, so relativiert sich zumindest Hirschfelds Position.

Für viele Leser der Biografie dürfte neu sein, dass er ein "Volksaufklärer" war, der mehr als 3.000 Vorträge in vielen Teilen der Erde gerade zum Ende seines Lebens hielt. Außerdem weist Herzer darauf hin, dass Hirschfeld an vielen Filmprojekten beteiligt war.

"Mit Wissenschaft zu Gerechtigkeit"

Magnus Hirschfeld war ein Tausendsassa, dies lässt uns Manfred Herzer nachspüren. Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor stärker das tosende und sich rasant entwickelnde und von sozialen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen geprägte Berlin nachzeichnet und damit Hirschfelds Zeit stärker gerecht wird. Doch dies ist nur eine Petitesse.

Herzer zeigt uns am Beispiel Hirschfelds, wie wichtig es ist, sich weiterhin für sexuelle und geschlechtliche Emanzipation einzusetzen, gerade wenn rückschrittliche Kräfte auf vermeintlich gegebene Größen Entitäten wie Nation oder Familie verweisen, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Die nationalsozialistische Katastrophe konnte Hirschfeld nicht aufhalten, aber er kämpfte gegen sie an – und strahlt auch deshalb mit seinem Wirken in die heutige Zeit.

In Anlehnung an Hirschfelds Leitmotto "Mit Wissenschaft zu Gerechtigkeit" – über das man aus wissenschaftstheoretischer Sicht durchaus streiten darf – formuliert Herzer im Vorwort, dass es ihm bei der neuerlichen Biografie darum, "durch Wahrheit für Hirschfeld Gerechtigkeit zu erstreiten". Diesem Anspruch wird Herzer in weiten Teilen gerecht.

Die aufwändige Biografie im großformatigen Hardcover wurde erst durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ermöglicht. Doch leider hat sie ihren Preis: 59,80 Euro. Weiterhin lieferbar ist Manfred Herzes Buch "Magnus Hirschfeld. Leben und Wirken eines schwulen, sozialistischen und jüdischen Sexologen", erschienen 2001 im damaligen Verlag rosa Winkel. Es war die Vorarbeit zur aktuellen Biografie und bietet weiterhin einen soliden Überblick. Sie ist mit 16 Euro bezahlbar. Der aktuellen Biografie ist eine baldige Taschenbuchausgabe zu wünschen.

Infos zum Buch

Manfred Herzer: Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Biografie. Gebundene Ausgabe. 441 Seiten. De Gruyter Oldenbourg. Berlin 2017. 59,95 €. ISBN 978-3-11-054769-6.


#1 BEARAnonym
  • 08.04.2018, 12:39h
  • Unter dem Amazon-Link finde ich sowohl das Hardcover als auch die Kindle-Ausgabe für 59,95 Euro.

    Mir reichlich unverständlich, weshalb man auch die reine Digital-Ausgabe zu diesem doch extrem hohen Preis anbietet. Insofern kann ich mir kaum vorstellen, dass in absehbarer Zeit eine bezahlbare Taschenbuch-Variante erscheinen könnte.

    Man scheint mit diesem Buch nur Leute im Visier zu haben, die eben mal sechzig Euro ausgeben können, ohne mit der Wimper zu zucken.

    Sehr schade.
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#2 von_hinten_genommenAnonym
  • 08.04.2018, 16:02h
  • Danke an Magnus Hirschfeld für seine tolle Arbeit :-)

    Dass seine Schriften und Dokumente verbrannt wurden sowie auch sein Institut zerstört, das ist natürlich bitter, leider aber typisch für die damalige Nazizeit.

    Schön, dass sein Institut wieder aufgebaut wurde und die wissenschaftliche Arbeit fortgesetzt wird.
    Sein ursprünglicher Gedanke über sein Institut war sehr mutig und sehr prägend für alles, was danach kam.
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#3 Peter RaimerAnonym
  • 08.04.2018, 16:26h
  • Antwort auf #1 von BEAR
  • Unglaublich, wenn Du bei Amazon einkaufen solltest. Als Nachschlagwerk kann Amazon hilfreich sein - aber diesen Konzern, der unsere regionalen Buchhandlungen zerstört, sollten wir nicht durch unsere Einkäufe stützen.
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#4 BEARAnonym
  • 08.04.2018, 16:45h
  • Antwort auf #3 von Peter Raimer
  • Und Du glaubst, das Buch sei woanders günstiger zu bekommen? Schon mal was von Buchpreisbindung gehört?

    Ich bezog mich im übrigen lediglich auf den von Queer.de hier gesetzten Link. Verzeih, dass ich am Sonntag nicht extra in die nächste Buchhandlung gefahren bin, um dort nach dem Preis zu fragen, sondern statt dessen den Link benutzt habe.

    Evtl. ist Dir auch entgangen, dass Buchpreise von den Verlagen festgelegt werden? Meine Kritik hinsichtlich des Preises richtete sich also an den Verlag.

    Ach ja, und: wo ich einkaufe, geht Dich trotz allem gar nichts an. Schönen Sonntag noch.
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#5 Tommy0607Profil
  • 08.04.2018, 17:06hEtzbach
  • Man sollte nicht vergessen , wie einige für die Gleichberechtigung von Sexualitäten gekämpft haben .
    Denn es ist egal welche Herkunft, Religion oder Sexualität man hat..
    Rassismus und Homophobie sollten solangsam Tabu sein .
    Oder wird die Spezies Mensch nicht schlauer ?
    Wenn es so ist , braucht diese Spezies auch nicht auf der Welt zu bleiben !
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#6 anal 2000Anonym
  • 08.04.2018, 19:04h
  • Antwort auf #4 von BEAR
  • 59,95 Euro sind ein guter Preis, finde ich. Da gingen bestimmt Jahre, wenn nicht Jahrzehnte an Forschung in das Buch.

    Man muss Bücher auch nicht so schnell lesen wie einen Artikel in der Yellow Press. Man kann ein Buch auch mal geniessen.

    Das neueste Buch von Peter Handke, »Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere«, kostet auch 34 Euro. Daran hat Peter Handke allerdings sein ganzes Leben geschrieben, denn auch als er noch gar nicht schreiben konnte, hat er bereits an diesem Buch geschrieben!

    Mir bereitet es keine Probleme, 34 Euro oder 59,95 Euro für ein Buch zu bezahlen, wenn ich dafür das qualitativ beste bekomme. Das Beste, was überhaupt möglich ist.

    Aber es gibt ja vielleicht Leute, die haben nicht so viel Geld.

    Und für diese Leute könnte man das Buch ja für die Stadt- und Universitätsbibliotheken zur Anschaffung vorschlagen. Das kostet nichts, nur eine E-Mail.

    Denn über die Fernleihe kann jeder, der über ein Ticket seiner Bücherei verfügt, das Buch dann ausleihen und lesen. Es wird der eigenen Bücherei dann aus München oder Hamburg zugeschickt.

    Das kostet allerdings 50 Pfennig, weshalb ganz arme Leute das auch nicht so gerne tun. Denn ansonsten würden die armen Leute ja alle Bücher von Suhrkamp und De Gruyter lesen, was sie nachweislich aber nicht tun.
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#7 Ralph
  • 08.04.2018, 19:26h
  • Magnus HIrschfeld hat sich fraglos große Verdienste erworben. Aber aus heutiger Sicht erscheint doch seine Theorie von den "sexuellen Zwischenstufen" skurril, und seine Rolle als Gutachter in der Eulenburg/Moltke-Affäre war auch nicht gerade hilfreich. Ich möchte gar nicht wissen, auf welche seiner "Zwischenstufen" er mich stellen würde - und mit welcher absurden Begründung.
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#8 Manfred DuisburgAnonym
#9 BEARAnonym
  • 08.04.2018, 20:47h
  • Antwort auf #6 von anal 2000
  • "Aber es gibt ja vielleicht Leute, die haben nicht so viel Geld."

    Ja, vielleicht gibt es die. Sind aber halt auch nur 13 Millionen Menschen in Deutschland, die an bzw. unter der Armutsgrenze leben.

    Die kann man natürlich schon mal eben unter "vielleicht" subsumieren. Ist dann halt ein kleines bisschen elitär, aber doch auch egal, wenn man selbst das Geld hat, gell?
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#10 TheDadProfil
  • 08.04.2018, 20:48hHannover
  • Antwort auf #4 von BEAR
  • ""Und Du glaubst, das Buch sei woanders günstiger zu bekommen? ""..

    Nöö..
    Dennoch kann man dabei darüber nachdenken wie sich dort Arbeitsbedingungen gestalten, und das Buch am Ende in einem Schwulem oder Lesbischem Buchladen kaufen..

    ""Ich bezog mich im übrigen lediglich auf den von Queer.de hier gesetzten Link.""..

    Der gesetzt werden muß, damit Queer.de Einnahmen generiert..
    Insofern ist das auch völlig in Ordnung..
    Ich schau dort dann auch mal nach, aber einkaufen geh ich schon aus grundsätzlichen Erwägungen dann immer vor Ort beim Buchhandel des Vertrauens..
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