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Theater

Wie Magnus Hirschfeld vergeblich versucht, unglücklichen Schwulen zu helfen

Das Stück "The Einstein of Sex" will das bedeutende Werk des Sexualwissenschaftlers auf die Bühne bringen. Auf der Berliner Premiere gelang das nur mäßig gut.


Das Livingstones Kabinet aus Kopenhagen wirft im Musiktheaterstück "The Einstein of Sex" einen Blick hinter die Kulissen von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft (Bild: Livingstones Kabinet)
  • Von Markus Kowalski
    10. April 2018, 09:56h, noch kein Kommentar

Es ist ein Abend, der versucht, den großen Sexualwissenschaftler in all seinen Facetten zu würdigen: Nicht nur den Magnus Hirschfeld, der schon zu Zeiten der Weimarer Republik die Sexualitäten erforschte. Sondern auch den Vortragsredner Hirschfeld, der die Universitäten der Welt bereiste, um die geschlechtliche Vielfalt zu predigen. Und den Schwulenrechtsaktivisten Hirschfeld, der sich für die Abschaffung des Paragrafen 175 einsetzte.

In diesem Jahr, in dem Hirschfeld 150 Jahre alt geworden wäre, befasst sich die dänische Gruppe Livingstones Kabinet zusammen mit den Schwanzen Sängerknaben mit dem schwulen Sexualwissenschaftler. Ihr dokumentarisches Musiktheater-Stück "The Einstein of Sex" wurde am vergangenen Donnerstag in Berlin in englischer Sprache aufgeführt – und damit erstmals in Deutschland. Es soll, "wenn alles gut geht", auf Europa-Tournee gehen.

Der Titel, den schon Rosa von Praunheim für einen Film über Hirschfeld benutzte, nimmt den liebevollen Kosenamen "Einstein of Sex", den Hirschfeld damals hatte, wieder auf. Er galt zu Lebzeiten als berühmtester Geschlechterforscher, der wie schon Albert Einstein wie kein Anderer seine wissenschaftliche Disziplin prägte.

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Schauplatz ist das Institut für Sexualwissenschaft

Mit der Inszenierung begeben sich die Zuschauenden auf eine Zeitreise. Im historischen Berliner Theater im Delphi in Weißensee sitzt man in Kleingruppen an Tischen, blickt auf eine vernebelte Bühne und fühlt sich sogleich in die alte Zeit zurück versetzt. Hirschfeld arbeitet zwischen dunkelbraunen Schreibtischen und hohen Regalen voller Bücher und Metallfiguren in seinem Institut für Sexualwissenschaft – ein charmantes Bühnenbild. Viele Forscher sind am Werk: Doktoren, ein Zahnarzt und sogar ein Graphologe, der Handschriften untersucht. Auf abendlichen Soirées tanzen hier die bekannten Gesichter der damaligen queeren Szene, wie André Gide, Christopher Isherwood, Sergei Eisenstein und Hannah Höch.

Sodann erscheint in grauer, militärischer Uniform ein preußischer Oberstleutnant zur Behandlung. Er sagt, er habe körperliche Begierden, die er nicht wolle. Hirschfeld schlägt vor, mit ihm eine "Adaptions-Therapie" zu probieren, damit der Soldat "im Einklang mit seiner Veranlagung leben kann". Hirschfeld will die Homosexualität des Offiziers nicht verändern. Stattdessen rät er: "Du musst andere Menschen finden, die dieselben körperlichen Neigungen haben und die intellektuell sind."

Doch der Oberstleutnant lehnt ab, verlobt sich stattdessen mit einer Frau und erschießt sich kurz vor der Hochzeit. Eigentlich eine schreckliche Lebensgeschichte. Im Stück wird sie aber nur symbolisch angedeutet. Der Oberstleutnant hält sich die Pistole an die Schläfe, ohne das Gesicht zu verziehen. Emotionale Regungen sieht man den Figuren nicht an. Hirschfeld, der das drohende Unheil im Patientengespräch nicht kommen sah, stellt nach dem Freitod nüchtern fest: "Ich habe mir das nie verziehen."

Zuschauer müssen nochmal die Schulbank drücken

Stattdessen schaut das Publikum auf starre, aufrecht stehende oder sitzende Schauspieler, die mit durchgedrückter Brust Hirschfelds Lebensgeschichte mit vielen Worten und wenig Körperlichkeit erklären. Ihren Höhepunkt findet diese grotesk steife Inszenierung, als die Bücherregale rückseitig zu einer grünen Tafel zusammengestellt werden. So, als müssten die Zuschauenden wieder die Schulbank drücken, wird ihnen nun Hirschfelds berühmte Theorie der "Zwischenstufen" erklärt. "Männlich" und "weiblich" sind dabei Idealtypen, denen niemand entspricht. Alle Menschen haben demnach ein Geschlecht irgendwo dazwischen: mehr oder weniger männlich, mehr oder weniger weiblich. Doch trotz zahlreicher Erklär-Szenen schafft es die Schauspielgruppe nicht, zu vermitteln, dass die Wissenschaften seit Hirschfelds Zeiten in der Forschung weitergekommen sind, und dass viele Konzepte weiterentwickelt und manche Irrtümer widerlegt wurden.

Letztlich ist es fraglich, warum es eine dänische Theatergruppe braucht, die nach Berlin kommen muss, um den Deutschen "ihren" Pionier der Homosexuellen-Bewegung zu erklären. Bis heute ist er in der heimischen queeren Community nicht richtig angekommen. "Wenn Deutschland mich nicht haben will", sagt Hirschfeld im Stück, als die Nazis an die Macht kommen und seine Bücher verbrennen, "dann will ich auch kein Deutschland haben". Er bleibt im französischen Exil und stirbt 1935 in Nizza. Gerade in diesem Jubiläumsjahr wäre es an der Zeit, dass sich ein deutsches Theater seiner Persönlichkeit annimmt. Aber bitte in einer Inszenierung, die den faszinierenden Stoff packender, emotionaler und professioneller erzählt.

Vimeo / Livingstones Kabinet | Trailer zum Stück