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- 12. Juli 2005 5 Min.
Jugendliche outen sich viel früher als noch vor einigen Jahren. Schon Elfjährige suchen in schwul-lesbischen Jugendzentren Rat.
Von Dennis Klein
"Du hast die Bepanthen-Creme mitgenommen, wo ist sie?", fragt der 52-jährige Richard Spätling entnervt. "Ich hab sie nicht, such doch selbst", bafft Teenager S. zurück. Auf den ersten Blick Familienalltag. Doch S. ist nicht Richards Sohn - auch nicht sein Adoptivsohn. Richard ist seit rund 30 Jahren als Sozialpädagoge in der Jugendarbeit tätig. S. ist seit über einem Jahr sein Ziehsohn, weil er Probleme mit seinen Eltern hatte.
S. kommt aus einer Kleinstadt eine knappe Autostunde von Köln entfernt. Sein Vater arbeitet bei der Bundeswehr und wollte eigentlich immer einen guten deutschen Soldaten aus seinem Sohn machen. Doch der schminkte sich seit der Grundschulzeit lieber und machte Freundinnen die Haare anstatt sie anzugrapschen. "Mit vier wusste ich bereits, dass ich schwul bin. Mit zwölf habe ich mich bei allen während einer Kirmes geoutet." Danach war das Verhältnis mit dem Vater kaputt: "Mit 15 hat er mich dann gegen einen Stromkasten geschmissen." Das Jugendamt schaltete sich ein - dann kam er zu Richard nach Köln.
Der schmächtige S. will nur als Drag Queen mit wehenden Haaren und Make-Up bis zum Abwinken abgelichtet werden. In der Kleinstadt habe er diese Maske gebraucht, denkt Richard. S. selbst gibt sich betont selbstbewusst und kühl: "Die anderen in der Schule konnten nicht so weit denken wie ich. Es gab nur eine Disko, die haben alle nur übers Poppen gesprochen. Da hatte ich schon Beziehungen." An markanten Sprüchen mangelt es ihm nicht: "Ich wurde hier in Köln zur Mode-Ikone - naja, eigentlich in ganz NRW", sagt er ohne einen Hauch von Ironie.
Mehr Vorbilder im Fernsehen
Durch Vorbilder in den Medien outen sich Schwule heute weitaus früher. Noch vor 15 Jahren löste der Kuss zwischen zwei Männern in der Serie "Lindenstraße" einen Sturm der Entrüstung aus. Etwas später wurden dann in den Nachmittags-Talkshows zur besten Afterschool-Sendezeit alle Formen der Sexualität durchgequatscht, auch die bei Kindern besonders beliebte Trivial-Soaps thematisieren die Homo-Liebe. In Primetime-Serien wie "SK Kölsch" oder "Mit Herz und Handschellen" haben Schwule sogar die Macho-Domäne des Kommissars erobert. Schwulsein wird als normal und akzeptiert dargestellt. Und junge Schwule denken, so problemlos könne auch ihr Coming-out vonstatten gehen. Allzu oft ist das ein Trugschluss. "Die Naivität des frühen Outing wird oft bestraft. Sie erfahren Ablehnung von Mitschülern, Lehrern und Eltern", berichtet Richard. Er weiß von einigen Haar sträubenden Geschichten: So erzählt er von einem Fall, als einem geouteten Schüler von Lehrerseite verboten wurde, sich beim Sportunterricht mit den anderen umzuziehen.
Auch der jetzt 17-jährige Kai aus Mülheim an der Ruhr machte so einige Erfahrungen in seiner Klasse. Mit 14 wurde er in seiner Gesamtschule von seinem besten Freund geoutet, den er kurz zuvor ins Vertrauen gezogen hatte. "Der hat wohl große Angst gehabt, dass ich ihn anmache", erinnert er sich heute. Andere Schüler haben ihm daraufhin das Leben zur Hölle gemacht. Jeden Tag wurde er beschimpft, bis er sich eines Tages nicht mehr traute, in die Schule zu gehen. Sechs Wochen hing er statt zu lernen in Internetcafés herum. Von seiner Klassenlehrerin konnte er keine Hilfe erwarten: Sie behandelte ihn nach dem Outing wie Luft – es wurde ihm auch verboten, über sein Schwulsein in der Schülerzeitung zu schreiben.
Aufklärung an Schulen nötig
Torsten Schrodt kennt die Probleme. Der 27-Jährige betreut Kai und andere Jugendliche in der Gruppe Enterpride. "Wir versuchen, in der Schule Aufklärungsarbeit zu machen", berichtet er. "Das ist nicht einfach, oft werden unsere Teams nicht einmal aufs Gelände gelassen." Immerhin gibt es schon erste Erfolge: So werden dieses Jahr in allen Mülheimer Schülerzeitungen Artikel über das Schwulsein erscheinen. "In Szenemagazinen erreichen wir die Jungs nicht, da müssen wir direkt in die Schulen", so Torsten.
Neben der Schule haben junge Schwule vor allem ein Problem: Ihre Eltern. Ein Coming-out mag Probleme ergeben für 20-Jährige. Die sind aber zum großen Teil bereits im Studium oder in der Ausbildung und haben ihre eigene Bude. Ein 13-Jähriger muss jedoch unter dem Dach seiner Eltern wohnen; dem Minderjährigen können Mutter und Vater das Leben schwer machen. Auch Kai, der mit seiner Mutter gut ausgekommen ist, hatte Probleme mit seinem Vater. Der konnte nicht ertragen, dass er einen schwulen Sohn gezeugt hat. "Der hat mich immer wieder angeschrien, hat mir immer wieder plötzlich ohne Vorwarnung eine geknallt. Dann hat er gesagt, dass ich nicht mehr sein Sohn bin."
Eltern drohen mit dem Anwalt
Kai geht mit seinem Kumpel Michael regelmäßig zur Enterpride-Gruppe direkt in der Mülheimer Innenstadt. Leiter Torsten weiß einige Geschichten über die Reaktionen der Eltern zu erzählen: "Einmal hat uns ein Anwalt geschrieben, dass ein Vater seinem Sohn den Umgang mit uns verboten hat. Der 14-Jährige kam damals oft mit blauen Flecken oder einem blauen Auge in die Gruppe". Seit kurzem gibt es auch eine Elterngruppe, zu der bereits einige Mütter erschienen sind. Väter haben sich dort aber noch nicht blicken lassen.
"Das Coming-out wird wegen der verschärften Alterssituation oft als grauenhaft erlebt. Da helfen alle gesellschaftlichen Errungenschaften nichts", argumentiert Richard Spätling. Doch wie kann jungen Schwulen das Leben einfacher gemacht werden? Richard schlägt vor, dass in der Schule nur ein Erlass von oben hilft. Lehrern muss erklärt werden, wie sie auf das Coming-out eines Schülers zu reagieren haben. Sonst sind sie entweder völlig hilflos oder bringen ihre eigenen Vorurteile mit.
Er hofft darauf, dass die Gesellschaft weiter toleranter wird: "Wenn ein 14-Jähriger zu seinem Vater kommt und sagt: ‚Ich hab eine aufgerissen’, klopft er ihm auf die Schulter. Wenn er aber vom Sex mit einem Jungen erzählt, sieht die Reaktion ganz anders aus." Solange sich das nicht ändert, bleibt das Coming-out für viele eine Tortur.
12. Juli 2005














