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Off-Musical

Homosexuelle Psychopathen

Am Freitag feierte in Berlin "Thrill Me" Premiere: die wahre Geschichte einer teuflischen Männerfreundschaft, die Mord und Sex vermischt. Wir sprachen mit Regisseur Michael Heller über die Abgründe schwulen Begehrens und Klischee-Homos auf der Musical-Bühne.


Das Musical "Thrill Me" erzählt die wahre Geschichte der beiden aufstrebenden Jura-Studenten Nathan Leopold und Richard Loeb, die aus reinem Kick das perfekte Verbrechen planen (Bild: Nico Stank)

Du bringst das Musical "Thrill Me – The Leopold & Loeb Story" nach Berlin und Hamburg, die Geschichte von zwei jungen schwulen Psychopaten, die 1924 einen anderen Jungen "aus Spaß" bzw. für den "Thrill" umbringen. Warum lohnt es gerade heute, solch eine gruselige Geschichte neu zu erzählen? Passt "Thrill Me" in unser aktuelles gesellschaftspolitisches Klima, wo TV-Serien wie "American Horror Story" erfolgreich sind (mit vielen gestörten LGBTI-Charakteren)?

Die Geschichte ist einfach super spannend und meiner Meinung nach aktueller denn je. Allerdings stimmt die Aussage, dass beide Charaktere "schwule Psychopathen" sind, nicht ganz. Es sind zwei junge Männer, die Jura studieren und eine sexuelle Beziehung zueinander haben.

Einer der Charaktere, Nathan Leopold, ist in meiner Inszenierung recht eindeutig schwul und in seinen Mitstudenten Richard verliebt. Richard Loeb ist aus den originalen Aufzeichnungen – es handelt sich nämlich bei "Thrill Me" um eine wahre Geschichte – nicht eindeutig schwul. Er gibt sich seinem Kumpel Nathan nur hin, wenn dieser ihm bei Straftaten hilft, die Richard einen Kick geben. Nur im Zusammenhang mit diesen Straftaten kann Richard emotionale und sexuelle Gefühle entwickeln. Die beiden sind also jeweils vom anderen abhängig.

Natürlich wird es sehr gruselig, wenn Richard in einer sehr schön komponierten Ballade darüber detailliert singt, wie sie einen Jungen töten sollen und welche Mittel sie einsetzen, um ihn unkenntlich zu machen. Die Geschichte könnte tatsächlich guten Stoff für eine TV-Serie liefern und traurigerweise sehe ich gerade in Zeiten des anonymen Internets diese Handlung als aktueller denn je. Nur dass man seine Opfer nicht wie 1924 auf dem Schulhof kennenlernt und sie in seinen Roadster einlädt, wie es Richard und Nathan machen, sondern irgendwo im Chat.


Regisseur Michael Heller ist selbst Muscial-Darsteller (Bild: Nico Stank)

"Thrill Me" kam 2003 in New York erstmals auf die Bühne, als intimes Kammerspiel für zwei Darsteller, die ihre dysfunktionale Beziehungsgeschichte in Songs und Duetten vorm Publikum ausbreiten. Danach entwickelte das Stück eine Art Eigenleben und ist besonders bei weiblichen Teenagern in Korea beliebt. Wieso spricht eine Geschichte wie die von Nathan Leopold und Richard Loeb ausgerechnet ein Teenager-Musicalpublikum in Asien so an?

Ich glaube tatsächlich, dass die Asiaten generell von Musical-Stoffen der westlichen Welt fasziniert sind. Gerade auch Stoffe wie "Elisabeth" oder "Tanz der Vampire", die auch eher düstere Geschichte haben. Bei "Thrill Me" würde ich jetzt neben der spannenden, etwas düsteren Storyline auch die extrem emotionale und auch schöne Musik des Komponisten Stephen Dolginoff dafür verantwortlich machen, dass dieses Stück schon in über 100 Produktionen weltweit gespielt wurde. In Deutschland wurde "Thrill Me" auch bereits einige Male aufgeführt und sorgte immer wieder für Gesprächsstoff.

Wenn ihr "nur" ein schwules Musical hättet spielen wollen, dann wären optimistischere Stücke wie "Boy Meets Boy" auch eine Option gewesen. Wieso wolltet ihr lieber "Thrill Me" spielen? Macht es mehr Spaß, wenn die Homosexuellen Psychopathen sind? Erreicht man damit einfacher ein Mainstream-Publikum?

Als Theatermensch und Schauspieler interessieren mich persönlich eher die Geschichten, in denen Menschen im zwischenmenschlichen Bereich zu kämpfen haben und durch die Hölle gehen. Die meisten Darsteller träumen davon, solche Rollen zu spielen, in denen sie mal in Abgründe eines Menschen abtauchen dürfen. Ob diese Rollen Homosexuelle sind oder nicht, ist dabei eher Nebensache.

Es gibt tatsächlich auch sehr romantische Szenen im Stück. Die beiden Rollen müssen allerdings um die Gunst des jeweils anderen ringen. Augenscheinlich ist Nathan der Mitläufer und eher das Opfer in der Beziehung. Ich will nicht zu viel verraten, aber es gibt im Stück eine überraschende Wendung, die diese Rollenverteilung kippt. Ein Mainstream-Publikum ist bei uns als Off-Musical-Verein eher eine Randgruppe.

Was macht den besonderen Reiz aus, Sex und Begehren mit Gewalt und Menschenverachtung zu mischen?


Ich habe mich als Regisseur bewusst dafür entschieden, dass fast immer, wenn es zwischen den beiden jungen Männern zu sexuellen Handlungen kommt, eine "romantische Stimmung" aufkommt. Diese steht im Kontrast zu den kriminellen Handlungen, die die beiden Jurastudenten zusammen begehen, was für mich die ganze Sache fast noch unangenehmer macht. Eine "harte" Sexszenen reißen wir aus Jugendschutzgründen nur an und überlassen den Rest der Phantasie des Zuschauers.

Direktlink | Teaser zum Stück

Wie würdest du die Musik beschreiben, die Stephen Dolginoff für "Thrill Me" komponiert hat?

Die Musik von Stephen, der unser Projekt auch stark unterstützt hat, ist eher moderner Musical-Pop als klassischer Retro-Sound. Die Songs gehen ins Ohr und sind ziemlich vielseitig komponiert.

In den USA ist "Thrill Me" ein Werk von vielen experimentellen Stücken, die der Off-Broadway hervorgebracht hat. Gibt es in Deutschland auch so eine experimentierfreudige Musical-Szene?

Leider haben wir in Deutschland keine wirkliche Off-Musical-Kultur. Das wollen wir mit dem Verein OFFstage Germany ändern. Was am Off-Broadway und am Londoner Westend seit Jahrzehnten selbstverständlich ist, funktioniert in Deutschland noch nicht. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass es nicht den einen Theaterballungsraum in Deutschland gibt wie in New York und London. Dort ist es ganz normal, dass man mit kreativen Leuten zusammenkommt, um neue Stücke zu schreiben und auszuprobieren, da alle in derselben Stadt sind. Wir wollen uns deshalb auf Hamburg und Berlin als Off-Musical-Standorte für Deutschland konzentrieren.

Am Broadway und im West End laufen derzeit viele erfolgreiche Großproduktionen mit LGBTI-Themen. Wieso spüren wir davon hierzulande so wenig? Verhindert Stage Entertainment als wichtigster kommerzieller Musical-Anbieter in Deutschland das?

Es gibt sehr wohl einige Musicals mit LGBTI-Rollen. Auch wenn deren Storyline nicht immer das Hauptthema ist, sind besonders die schwulen Charaktere oft vertreten: zum Beispiel Herbert in "Tanz der Vampire", auch in "Mamma Mia" und "Ich war noch niemals in New York" gibt es größere queere Rollen. Klassiker wie "La Cage" oder auch "Hedwig and the Angry Inch" gehören dazu. Stage Entertainment produziert sehr wohl Musicals mit LGBTI-Themen. Gerade läuft "Kinky Boots" in Hamburg, da geht es um das Schicksal von Dragqueens.

Ich muss aber zugeben, dass gerade die Amerikaner oft spannendere Stücke herausbringen und meist nicht so klischeehaft mit LGBTI umgehen. Zwischen "Fun Home" und den schwul-lesbischen Charakteren dort und dem schwulen Friseur in "Ich war noch niemals in New York" liegen Welten. Ich kann nur hoffen, dass "normale" Gay-Musicals auch vermehrt in Deutschland gespielt werden. Wir setzen da, denke ich, mit "Thrill Me" ein gutes Zeichen.

Wer sind deine beiden Hauptdarsteller? War es schwer, sie zu finden? Und muss man selbst schwul sein, um solch eine Rolle überzeugend spielen zu können?

Die beiden Darsteller kenne ich schon seit langem und habe auch schon mit einem der beiden selbst auf der Bühne gestanden. Kevin Köhler und ich haben zusammen in "Tanz der Vampire" gespielt, wo er meine Zweitbesetzung war für die Rolle des Alfred. Als ich ihm von "Thrill Me" erzählte, war er sofort Feuer und Flamme. Es war also leicht, ihn zu gewinnen, da die Rolle super zu ihm passt und er Lust hatte, mit mir zu arbeiten. Gerrit Hericks ist auch Gründungsmitglied des Vereins, und ich war auch bei ihm froh, dass er große Lust auf das Stück hatte.

Beide sind offen schwul und können sich natürlich deshalb einfacher in die Rollen einfühlen. Zumindest in die schwulen Aspekte. Die dunklen Seiten der Rollen waren für beide eine Herausforderung, die sie aber gut gemeistert haben. Ich denke übrigens nicht, dass man als guter Schauspieler unbedingt schwul sein muss, um eine schwule Rolle spielen zu können. Schauspiel ist viel Handwerk, und jeder gute Schauspieler sollte glaubhaft solche Rollen verkörpern können. Ich spiele auch ständig heterosexuelle Rollen und werde dafür besetzt. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Infos zum Stück

"Thrill Me – Die Leopold & Loep Story" ist noch einmal am Sonntag, den 22. April im Admiralspalast Berlin und vom 27. bis 30. April 2018 im First Stage in Hamburg zu sehen. Weitere Infos und Karten auf ticketmaster.de.
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#1 Ith_Anonym
#2 Homonklin44Profil
  • 22.04.2018, 23:00hTauroa Point
  • Finde jetzt nicht, dass der auf dem Bild 'böse' guckt. Vielleicht denkt man das, weil man es mit dem Thema assoziiert.

    Problematisch finde ich da eher die Idee, ein Musical über Psychopathie als "normales" Thema zu sehen, und ein bisschen die Emphasis, die man zwischen Schwulsein und dem Behängen mit allerlei Makelmn und Schlechtigkeiten in der Vergangenheit dazu veranstaltete.
    Da können die Musical-Macher nix dafür, aber das beschwert doch das Empfinden etwas.
    Ich hoffe, das Publikum untertrennt den Einzelfall der wahren Geschichte als Hintergrund, und macht nicht wieder mehr "Klar, Schwule sind ja psychisch auch generell nicht ganz richtig" da draus. Das brauchen wir nämlich nicht wieder.
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