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Öffentliches und Privates auf einer Platte

Scott Matthew: Abschied vom Liebesschmerz

Mit dem neuen Album "Ode To Others" zeigt der australische Musiker komplett andere Seiten seiner Persönlichkeit.


Scott Matthew ist Sänger, Gitarrist und Textdichter, geboren wurde er in Queensland und lebt und arbeitet derzeit in New York City (Bild: Michael Mann)
  • 26. April 2018, 13:48h, noch kein Kommentar

"Von allen Alben, die ich bisher geschrieben habe, ist dies das erste, in dem es nicht um die Liebe im romantischen Sinne geht. Auch wenn es eine Ahnung von Romantik darauf gibt, betrifft sie nicht mein persönliches Liebesleben. Das Album handelt von Menschen und Orten, die nichts mit meinem unmittelbaren Liebesschmerz zu tun haben."

Scott Matthew lacht, als er diesen letzten Satz sagt. Überhaupt lacht er gerade viel. So als sei nicht bloß eine Last von ihm abgefallen, sondern habe etwas Neues, Schönes begonnen, im Leben wie in der Musik. Der Schmerz mag nicht verschwunden sein. Doch Scott scheint auf "Ode To Others" seinen Blick verändert zu haben, gleichsam von innen nach außen.

"Gott, dein Leben muss so furchtbar sein", das sei wohl der Eindruck gewesen, den viele Menschen von ihm und seiner Musik über lange Zeit gehabt hätten, sagt Scott heute. "Nach "This Here Defeat" (2015) bin ich müde geworden, das zu zeigen. Ich wollte nicht, dass sich dies neue Album erneut darum drehen würde. Also habe ich begonnen, Songs über andere Themen und aus anderer Perspektive zu schreiben. Ich habe Oden an Menschen verfasst, die ich liebe oder verehre, auch fiktive Menschen – und an Orte, die in meinem Herzen sind. Das fühlte sich sehr erfrischend an."

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Das Große und das Kleine vereinen sich


Das neue Album "Ode To Others" von Scott Matthew ist am 20. April 2018 erschienen

Das Öffentliche und Private fließen zusammen in Scotts Lyrics auf "Ode To Others", das Große und das Kleine vereinen sich. In dem Song "Where I Come From" feiert Scott seinen Vater Ian, in "Cease And Desist" seinen verstorbenen Onkel Paul, in "Not Just Another Year" seinen besten Freund Michael, anlässlich des Jahrestages dessen Liebesbeziehung – die, so spielt das verfluchte Leben, mittlerweile zu Ende gegangen ist.

Dieser Blick auf die Menschen, die einem vieles, manchmal alles bedeuten, weitet sich dann eben auch mit dem Blick auf die Orte der persönlichen Vergangenheit und Gegenwart von Scott Matthew. Auf das Australien seiner Kindheit ("Flame Trees", eine Coverversion des Songs der australischen Band Cold Chisel); auf das New York, in dem Scott seit nunmehr 20 Jahren lebt, mittlerweile als amerikanischer Staatsbürger ("The Sidewalks Of New York", ein historisches Lied von J.W. Blake aus dem späten 19. Jahrhundert, das sein musikalischer Mitstreiter Gary Langol neuarrangiert hat); und auf das mittelalterliche, portugiesische Dörfchen Santarém, in dem der verzückte Wanderer sich seines buchstäblichen Zugangs zur Welt versichert: "What I love most maybe glory lost / Or the sadness that's sweet / Or the ones under our feet".

Scotts Sicht auf die Welt ist die eines Liebenden, eines Bewunderers, mitunter aber auch die eines Trauernden. So handelt etwa "The Wish" von den 49 Todesopfern der Bluttat von Orlando. Ein Einzeltäter war in der Nacht des 12. Juni 2016 in den Club "Pulse" eingedrungen, in dem sich vor allem Mitglieder der LGBT-Community trafen, und hatte wahllos um sich geschossen. Stunden später bereits schrieb Scott den Text zu "The Wish", in dem er ein Gefühl völliger Ohnmacht ausdrückt: "This is an assault against love / Still no-one helps, they just pray above / And I wish I could help / I wish I could have helped".

Lähmende Hilflosigkeit angesichts unerträglicher Gewalt soll aber nicht das letzte Wort sein, das macht auch gleich zu Beginn des Albums der Song "End Of Days" klar, eine Ode auf die Widerständigkeit und die Widerständigen, die sich in dem Fall gegen die Politik des derzeit amtierenden US-Präsidenten richtet. Dagegen setzt Scott Matthew das "Wir" derjenigen, die sich nicht fügen und abfinden wollen: "We may be trembling with fear, it won't hold us back / We ain't going away / We're gonna stay till the end of days". Liebe leitet und erfüllt diese Haltung, Hass will der Erzähler dieses Songs nicht mit Hass begegnen, sondern mit der universellen Kraft der Liebe, die nie vergeht und bis zum Ende aller Tage weilt.

Direktlink | Offizielles Video zu "End Of Days" von Scott Matthew

Wohl keines der vergangenen fünf Soloalben von Scott Matthew ist musikalisch so vielschichtig, so reich und doch nie überbordend instrumentiert, so komplex arrangiert wie dieses neue, sechste. Ode To Others ist mehr noch als die Alben zuvor Ergebnis einer gemeinschaftlichen Arbeit an Songs. Insbesondere Jürgen Stark, der bereits bei This Here Defeat eine wesentliche musikalische Rolle nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Hauptarrangeur und Produzent gespielt hatte, hat diese Rollen bei Ode To Others noch stärker übernommen; er diente auch als (Co-)Autor der Musik bei den meisten Songs. Scott schrieb, mit Ausnahme der drei Coversongs ("Do you really want to hurt me?", "Flame Trees", "The Sidewalks of New York") die Lyrics und musikalischen Grundgerüste der Lieder. "Doch ich war mir zunächst gar nicht sicher, ob ich sie selbst überhaupt mochte – das wusste ich erst, nachdem sich Jürgen ihrer angenommen hatte und ihnen Persönlichkeit verliehen und all die wundervoll komplexen Schichten hinzugefügt hatte."

Er sei, sagt Scott, sehr stolz auf dieses Album. "Ich glaube, es ist eines der besten, das wir bislang aufgenommen haben, aus vielerlei Gründen." Die Idee, es minimalistisch zu halten, habe bei diesem Album nun nicht wirklich gegolten, sagt er lachend. "Dennoch ist es nicht bombastisch geraten. Es klingt intim, obwohl es musikalisch vielschichtig ist. Und am Ende – steckt so viel Geschichte darin."

Man könnte das Album Ode To Others für einen musikalischen Neuanfang von Scott Matthew halten. Doch das trifft es nicht ganz. Es ist vielmehr Ergebnis eines Perspektivwechsels. Von einem, der hinausschaut in die Welt, die der Gegenwart wie der Vergangenheit und sich dabei selbst auf neue Art und Weise entdeckt, als liebender, verehrender, manchmals aber auch als verachtender Betrachter.


Ein Blick auf die anderen kann eben auch ein Blick auf sich selbst sein. So wie einBlick zurück auch einer nach vorne sein kann.