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Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg

Sachsen-Anhalt: Museumsdirektorin nennt schwules Kunstwerk "abartig"

Bei einer Ausstellung für Nachwuchskünstler macht ein Museum deutlich, wo die Grenzen der Kunst liegen – bei schwuler Sexualität.


Die Museumsdirektorin hält nach Angaben ihrer Pressesprecherin die "vulgäre Sprache der Texte" in den "Cruising"-Collageheften für "abartig" (Bild: Silas Schmidt von Wymeringhausen)

Eklat bei der vergangenen Freitag eröffneten Ausstellung "Generell frisch" im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg: Der 31-jährige Künstler Silas Schmidt von Wymeringhausen sollte in der mit öffentlichen Geldern geförderten Ausstellung, in der die Werke von Nachwuchskünstlern gezeigt werden, mit seinem Werk "Cruising" vertreten sein. Darin setzt er sich in Collageheften mit der jahrhundertealten schwulen Subkultur auseinander.

Doch die Direktorin des im südlichen Sachsen-Anhalt gelegenen Museums wollte das Werk vergangene Woche nicht erlauben: Nachdem der Künstler es aufgebaut hatte, bezeichnete sie die Arbeit vor Zeugen mehrfach als "abartig" und drohte mit der Entfernung der Hefte, wie Schmidt auf seiner Homepage berichtet. Das Museum bestätigte nach zwei Anfragen, dass dieses abwertende Wort tatsächlich gefallen sei.

Unter Vermittlung des Veranstalters, des Bundesverbandes Bildender Künstler Sachsen-Anhalt (BBK), durfte das Kunstwerk zwar schließlich gezeigt werden – allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Die Collagehefte wurden in einer geschlossenen Vitrine versteckt – zwei lagen zugeschlagen darin, drei sind aufgeschlagen, enthalten aber keinen Text. Schmidt stimmte dem Kompromiss am Tag vor der Ausstellungseröffnung zu, da er sich unter Druck gesetzt gefühlt habe, wie er gegenüber queer.de erklärte.


Kunst hinter Glas: Die Collagen von "Cruising" werden hinter Glas versteckt, so dass die Besucher nicht blättern können (Bild: Silas Schmidt von Wymeringhausen)

Der 31-jährige zeigte sich schockiert: "Der Umgang mit Homophobie, Diskriminierung und Zensur erschreckt mich sehr", schrieb er auf seiner Homepage. Er kritisierte, dass an der Ausstellung beteiligte Seiten die Einschränkungen nicht öffentlich machten. So sei ihm zugesichert worden, dass man über die Einschränkungen in der Präsentation seiner Kunst diskutieren werde – am Ende sei der Vorfall aber schlicht "unter den Teppich" gekehrt worden. Der stellvertretende Landrat Hartmut Handschak habe in seinem Grußwort erklärt, dass die Kunstfreiheit nun mal Grenzen habe – und dabei einen schrägen Vergleich mit dem Echo-Skandal gezogen.

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Museumssprecherin: Künstler steht es frei, "seine Werke aus der Ausstellung zurückzuziehen"


Mit nackter weiblicher Brust wird für die Ausstellung geworben (Bild: BBK Sachsen-Anhalt)

In einem Fragenkatalog wollte queer.de von der Museumsdirektorin wissen, welche Aspekte von "Cruising" und möglicherweise der schwulen Lebensweise sie als "abartig" empfinde. Beantwortet wurde die Mail von Pressesprecherin Kerstin Küpperbusch, die homophobe Absichten weit von sich wies und mit juristischen Schritten gegen den Künstler drohte. "[S]owohl der Landkreis als Träger des Museums als auch die Mitarbeiter des Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg verwehren sich entschieden gegen die Unterstellung der Diskriminierung, Homophobie und Zensur", so Küppersbusch. Es sei eine Form der Präsentation gewählt worden, "bei der der Jugendschutz im Hinblick auf die Kinder- und Jugendarbeit des Museums gewährleistet ist". Der Künstler habe sich damit einverstanden erklärt.

Weiter schrieb die offensichtlich irritierte Museumssprecherin: "Es ist sehr bedauerlich, sich im Nachgang der Ausstellungseröffnung mit den von Ihnen gestellten Fragen konfrontiert zu sehen. Sollte der Künstler mit der Art der Präsentation seines Werkes nicht einverstanden sein, steht es ihm selbstverständlich jederzeit frei, seine Werke aus der Ausstellung zurückzuziehen." Bezüglich der seitens des Künstlers getätigten Äußerungen behalte sich der Landkreis vor, "juristische Schritte einzuleiten" – welche Aussagen des Künstlers sie für juristisch bedenklich hält, schrieb Küppersbusch nicht.


Das Schloss Merseburg war einmal Bischofssitz (Bild: Kunstfaun / flickr)

Auf die konkreten Fragen von queer.de ging die Sprecherin nicht ein. Nach einer erneuten Nachfrage gab sie immerhin zu, dass die Direktorin das Werk des Künstlers tatsächlich als "abartig" bezeichnet hatte: "[D]as Wort 'abartig' fiel im Eifer der Diskussion, bezog sich jedoch einzig auf die vulgäre Sprache der Texte." Dabei unterstrich sie die Wörter "einzig" und "vulgäre Sprache".


Eine Seite aus den "Cruising"-Heften – hier fallen auch Wörter wie "Sperma" oder "steinharter Penis" (Bild: Silas Schmidt von Wymeringhausen)

Freilich ist "abartig" ein Begriff, der in der Vergangenheit oft und gerne von Homo-Hassern verwendet wurde. "Dieses Wort ist einfach so schlimm", erklärte der erschütterte Künstler gegenüber queer.de. Daher schrieb er unter anderem auch an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und schaltete die Gleichstellungsbeauftragte seiner Heimatstadt Leipzig ein. Er verstehe nicht, warum das Museum nicht mit ihm nach einem besseren Weg gesucht habe, sein Werk zu zeigen – er habe sich schließlich immer offen für Kompromisse gezeigt, zum Besuch von Schulklassen hätte man beispielsweise einfache Lösungen finden können. Immerhin habe er "Cruising" schon vorher öffentlich gezeigt, ohne dass es zu derartigen Ausfällen gekommen sei. Bei der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr habe es keinerlei Probleme mit seinem Werk gegeben, obgleich auch dort Kinder eingelassen werden. Vielmehr erinnere er sich an "viele interessante Gespräche" mit jüngeren und älteren Menschen.

In der öffentlichen Diskussion werden sexuelle Minderheiten immer wieder mit Worten wie "unnatürlich" oder "abartig" bezeichnet. In Leipzig hetzte etwa 2016 ein rechter Stadtrat gegen "abartige Schwuchteln" (queer.de berichtete). Der Presserat rügte Ende 2015 das "Delmenhorster Kreisblatt", weil ein Leser in einem in dem Lokalblatt veröffentlichten Brief Lesben und Schwule als "abartige Lebensform" bezeichnet hatte – das Blatt verteidigte die Hetze als freie Meinungsäußerung (queer.de berichtete). Selbst von katholischen Würdenträgern wird das Wort gerne abwertend gegenüber sexuellen Minderheiten verwendet: 2009 bezeichnete der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen etwa Hochzeiten unter Schwulen und Lesben als "abartig" (queer.de berichtete). Dass selbst in der Kunstwelt diese Wortwahl noch immer verbreitet zu sein scheint, zeigt, welch weiter Weg noch vor uns liegt.

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#1 GerritAnonym
  • 03.05.2018, 17:11h
  • Wer ein Problem mit Kunstfreiheit hat und sogar Kunst zensieren will, ist offensichtlich für solche Positionen ungeeignet.
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#2 Tommy0607Profil
  • 03.05.2018, 17:40hEtzbach
  • Kann man im 3.JT so Homophob sein? Die Menschheit die schlauste Spezies? Das ist der grösste Witz; und nur lachhaft für diese Spezies!
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#3 Roman BolligerAnonym
  • 03.05.2018, 17:45h
  • Sachsen-Anhalt produziert offenbar Homophobie am Laufmeter.

    Auch die Museumsdirektorin des sich kulturhistorisch nennenden Museums im Schloss Merseburg hat offenbar eine sehr einseitige, rechtslastige Sicht von Kultur und von Geschichte und benutzt für Kunst, welche ihrer Gesinnung nicht passt, gerne Termini, welche von den Nazis verwendet wurden.

    Sie sollte sich schämen.
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#4 thorium222Profil
  • 03.05.2018, 17:51hMr
  • Hmm, normalerweise ist es doch immer Sachsen, das als so zurückgeblieben auffällt. Ich hoffe doch sehr, das breitet sich jetzt nicht aus.
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#5 päd_einwandfreiAnonym
  • 03.05.2018, 18:20h
  • Meine Güte. Da kann ich nur Shakespeare zitieren: "Viel Lärm um nichts."

    Guten Tag Frau Museumsdirektorin von Sachsen-Anhalt:
    Was um Himmels Willen löst bei Ihnen so viel Allergie aus? Ist es nur Ihr Gedanke daran wie zwei Männer Sex haben? Nun, da gibt es eine einfache Lösung für Sie: denken Sie einfach nicht daran - Punkt. Thema erledigt.
    Das Kunstwerk des Künstlers inklusive des Textes ist was völlig harmloses. Erstmal finde ich die Umrahmung mit den Blumen sehr schön. Und der schwarze Hintergrund rückt die Farben in den Vordergrund - gefällt mir sehr gut.
    Und nun der Text: also bitte, Frau Museumsdirektorin: harmloser lässt sich das doch wirklich nicht mehr schreiben. Das ist sogar kinderfreundlich, und das sage ich als pädagogisch ausgebildete Person! Welches Wort ist denn da "abartig?" Ich finde keines. Der Text könnte aus einem Roman stammen oder könnte sogar ein Gedicht sein, so gut finde ich es. Es sind Satzteile, noch nicht mal vollständig ausformuliert und Sie bekommen dabei schon Komplexe? Der Text ist etwas, was zig Millionen Menschen lesen, auch Heteros by the way.

    Darf ich mal an "Fifty Shades of Grey" erinnern? Die Plakate dazu waren vor den Kinos zu sehen, wo auch Teenager daran vorbei gingen. Reden Sie doch bitte mal mit Teenagern darüber, die diese Plakate sahen oder die den Trailer im Internet angeschaut hatten. Eines kann ich Ihnen jetzt schon versichern: diese Teenager leben noch und sind nicht in einer psychiatrischen Klinik.

    Und genau so ist es auch mit diesem Kunstwerk. Die Teenager hätten es gelesen und gesehen, und sie hätten weitergelebt und weitergeatmet - ganz harmlos. Vielleicht hätten sie Fragen gestellt oder gesagt, wie sie es finden. Hatten Sie nicht genug Selbstbewußtsein, um diese Fragen zu beantworten, oder wollten Sie Ihre Mitarbeiter damit nicht "belästigen?"

    Ich denke, Sie haben da weitaus mehr Probleme als irgendwelche Teenager und Jugendliche. Jedenfalls tut man ihnen keinen Gefallen, wenn man sie vor der realen Welt fernhält. Teenager und Jugendliche entwickeln in diesem Alter bereits ein sexuelles Interesse und finden allmählich heraus, ob sie homo oder hetero etc. sind. Insofern macht es gar keinen Sinn, solche Kunstwerke zu verschließen und sogar verdeckt zu zeigen. Das ist ja Leugnung pur.

    Und der Jugendschutz ist hier ja mehr als lächerlich. Welche Gefahr geht denn von diesen Kunstwerken aus? Das erklären Sie mir bitte mal! Solange diese Kunstwerke nicht auf die Köpfe der Besucher fallen und die Kunstwerke nicht zu bösen Monstern mutieren, ist alles in Ordnung. Halten Sie doch bitte Ihre Füße auf dem Boden.

    Es ist ja längst deutlich geworden, wo Ihr Problem liegt. Eines sage ich Ihnen ganz direkt: indem Sie diese Kunstwerke teilweise geschlossen zeigen, verschwindet Ihr Problem noch lange nicht. Je stärker Sie das verdrängen, desto massiver kommt es an die Oberfläche. Ihre Äußerung, dass der Künstler seine Kunstwerke zurück nehmen könnte, ist an Hohn nicht zu überbieten und bestätigt meine Erklärung: Sie haben damit ein Problem. Und sagen Sie mir bitte nicht, dass Sie genauso verfahren würden, wenn es um heterosexuelle Romantik ginge - das glaube ich Ihnen nicht.

    Das Wort Kunst haben Sie offensichtlich noch nicht vollständig verstanden. Schade für das Museum.
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#6 MarcAnonym
  • 03.05.2018, 18:32h
  • Die Museumsdirektorin scheint ja eine wahre Koryphäe auf ihrem Gebiet zu sein. Mit solcher Sach- und Fachkenntnis hätte sie es in den 30er-Jahren weit bringen können. Vielleicht sollte sie nach dem Vorbild der berühmten Kunstschau "Entartete Kunst" in ihrem Hause eine eigene Variante, "Abartige Kunst", präsentieren? Wäre bei dieser Geisteshaltung nur konsequent.
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#7 daVinci6667
  • 03.05.2018, 18:49h
  • Sachsen was? Bestimmt hätte diese Museumsdirektorin Bilder von Burschen mit nacktem Oberkörper ganz toll gefunden. Putin inszeniert sich auch gerne entsprechend.

    Ich meine sowas hier. Gefällt der Dame was?

    goo.gl/images/BnZR8E
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#8 niccinicciAnonym
  • 03.05.2018, 18:51h
  • da ist für die spiesser im tiefsten osten endgültig die grenze überschritten. schickt die alte dame in ruhestand, da kann sie für ihre enkel und neffen stricken. kunst scheint für sie nur erlaubt, wenn sie nicht über ihren kleinen tellerrand schauen muss.
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#9 JamboAnonym
  • 03.05.2018, 18:53h
  • Die Kunst ist wie ein Garten, bei der zu jeder Zeit verschiedene Arten blühen.

    Anselm Kiefer

    Nur für Madame
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#10 Patroklos