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"Erotik der Dinge"

Die geretteten Dildos von Magnus Hirschfeld

Was macht einen Gegenstand erotisch oder pornografisch? Dieser Frage geht das Berliner Museum der Dinge in einer am Mittwoch eröffneten Sonderausstellung nach. Wir sprachen mit Co-Kurator Hannes Hacke.


Japanisches Dildo-Kästchen aus der Sammlung von Magnus Hirschfelds 1933 zerstörtem Institut für Sexualwissenschaft (Bild: Armin Herrmann)

"Erotik der Dinge" ist eine Gemeinschaftsausstellung von zwei Institutionen: von der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität und dem Museum der Dinge, beide in Berlin ansässig. Wie kam es dazu?

Hannes Hacke: Die Ausstellung ist Teil einer Reihe von kooperativen Forschungs- und Ausstellungsprojekten, welche die Forschungsstelle mit der Sammlung des von Naomi Wilzig gegründeten World Erotic Art Museum durchführt. Die Sammlung von Naomi Wilzig kommt, zunächst als Leihgabe für fünf Jahre, an die Humboldt-Universität, wo sie von der Forschungsstelle wissenschaftlich erschlossen wird.

Die Idee für "Erotik der Dinge" entstand nach einer ersten Ausstellung 2015 an der Humboldt Universität über Magnus Hirschfeld und Naomi Wilzig. Damals kam der Kontakt zum Museum der Dinge zustande und die Idee auf, gemeinsam eine Ausstellung zu machen. Aus Anlass des 150. Geburtstagsjubiläums von Hirschfeld 2018 rücken wir dabei einen spezifischen Aspekt von Hirschfelds Wirken in den Mittelpunkt, nämlich seine Sammlungstätigkeit. Sammeln und Ausstellen war neben vielem anderen ein wichtiger Teil von Hirschfelds Arbeit. Es ist eine Sammlung, die 1933 mit der Zerstörung seines Instituts durch die Nazis vernichtet wurde.

Wo kommen denn eure Objekte her, wenn von Hirschfeld alles zerstört wurde?

Neben Objekten aus der Sammlung von Naomi Wilzig zeigen wir Objekte aus der Sammlung des Sexualwissenschaftlers Alfred Kinsey, Objekte aus der Sammlung des Museum der Dinge sowie Leihgaben z.B. aus dem Schwulen Museum. Eines der wenigen Dinge aus der Hirschfeld-Sammlung, das erhalten ist, ist ein japanisches Harikata [Dildo, Anm. d. Red.]-Kästchen. Das ist eine Leihgabe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Zwar wurde 1933 die Bibliothek von Hirschfeld geplündert und ein Großteil der Bücher auf dem Bebelplatz verbrannt, aber ein Teil wurde auch mitgenommen und gerettet. Und weiterverkauft. Diese Sachen tauchen manchmal wieder auf und werden der Hirschfeld-Gesellschaft zum Kauf angeboten. Was außerdem geblieben ist, sind Bücher, in denen Abbildungen der Hirschfeld-Sammlung zu sehen sind, und Bilder bzw. Beschreibungen davon, wie die Sammlung im Institut für Sexualwissenschaft präsentiert wurde.

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Co-Kurator Hannes Hacke arbeitet an der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität der Berliner Humboldt-Uni (Bild: privat)

War es eine klassische "homosexuelle" Sammlung?

Das kann man so nicht sagen. Hirschfeld hat sich als Sexualwissenschaftler begriffen, der die gesamte Bandbreite von Sexualität erforschen wollte. Er hat zum Teil gezielt gesammelt, um seine Theorie der sexuellen Zwischenstufen zu untermauern. Aber er hat auch zu Fetischismus gesammelt, zu empfängnisverhütenden Mitteln, er hat ein ganzes Buch zu Liebesmitteln geschrieben und entsprechende Objekte gesammelt. Sein Ansatz war sehr breit, und er wollte gerade die Vielfältigkeit von Sexualität und Geschlecht erforschen.

Sind die beiden anderen Sammlungen von Kinsey und Wilzig auch so divers?

Die Sammlung von Alfred Kinsey auf alle Fälle. Mit dem "Kinsey Report" hat er 1948 die erste Studie zum Sexualverhalten der US-Amerikaner veröffentlicht. Er hat für seine Studie 18.000 Interviews geführt und angefangen, gleichzeitig eine Sammlung anzulegen, ganz ähnlich wie Hirschfeld, aus dem Impuls heraus, dass Dinge und Objekte uns Hinweise auf die Sexualität und die Kulturgeschichte der Sexualität bieten.

Tatsächlich war es für Kinsey schwierig an Material zu kommen, weil das Versenden entsprechender Dinge unter das gesetzliche Obszönitätsverbot fiel. Man durfte so etwas nicht mit der US-Post verschicken. Er hat dann Vereinbarungen mit Postdienststellen ausgehandelt, dass die ihm konfisziertes Material geben. Und er hat ein Netzwerk an Zulieferern aufgebaut, über das er Material bekam. Er hat alles gesammelt, was an sexuellen Praktiken vorstellbar ist, darunter auch viele homoerotische Bilder. Seine Sammlung besteht u.a. aus über 50.000 Fotografien. Für diese hat er ein sehr elaboriertes System entwickelt, um sie zu klassifizieren. Diese Klassifizierungskarten und -kategorien zeigen wir neben einigen Objekten aus seiner Sammlung auch in der Ausstellung.

Und dann ist da noch die Sammlung von Naomi Wilzig.

Diese Sammlung entstand viel später in den Neunzigerjahren. Wilzig, die im Frühjahr 2015 plötzlich verstarb, war die Witwe des deutschen Holocaust-Überlebenden Siegfried Wilzig, der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz in die USA auswanderte und es dort als Banker und Geschäftsmann zu einem Vermögen brachte. Naomi Wilzig fing erst mit 60 Jahren an zu sammeln. Sie sagte in einem Interview, das wir zeigen, dass sie als Frau oft gar nicht ernst genommen wurde als Sammlerin und man ihr oft Dinge gar nicht zeigen wollte. Sie musste sich als eigenständige Sammlerin erotischer Kunst erst durchsetzen und Überzeugungsarbeit leisten. Erst hat sie die Objekte in ihrem Apartment gezeigt und dann hat sie 2006 ihr eigenes World Erotic Art Museum gegründet. Sie hat im Kunstbereich das gesamte Spektrum abgedeckt, inklusive LGBT. Von den mehr als 4.000 Objekten aus ihrer Sammlung zeigen wir in der Ausstellung etwa 100.

Wie habt ihr aus diesen drei riesigen Sammlungen ausgewählt?

Der Fokus des Museums der Dinge ist die Produkt- und Warenkultur des 20. und 21. Jahrhunderts, und so haben wir in den Sammlungen nach Alltagsobjekten gesucht, denn eine repräsentative Übersichtsauswahl hätte den Rahmen dieser Ausstellung gesprengt. Wir gehen der Frage nach, was einen Alltagsgegenstand zu einem erotischen Ding macht. Dies ist natürlich immer sehr individuell, aber Form, Materialität und Farbe spielen dabei eine große Rolle. Warum wirken manche Formen auf uns erotisch? Liegt's daran, dass sie bestimmten Körperformen nachempfunden sind? Sind es bestimmte Oberflächen, die wir als erotisch erleben?


Sexy "Zuckerknoten" im Museum der Dinge. Die Ausstellung wurde von Bundesstiftung Magnus Hirschfeld finanziell gefördert (Bild: Armin Herrmann)

Ein Klassiker ist die Aubergine, die durchs Internet plötzlich zu einem Symbol für Penisse geworden ist – und entsprechend verschickt wird. Wir zeigen auch Objekte, die bewusst als erotische Objekte verkauft werden und teils Körperteilen nachempfunden sind: ein Nussknacker mit weiblichen Beinen, ein Telefon mit einer langen herausgestreckten Zunge, die aus einem roten Kussmund kommt. Wir fragen: Ist das überhaupt erotisch?

Ein Großteil dieser Dinge spiegelt unsere patriarchale Gesellschaft wider. Es geht um Frauenkörperteile, die man anfassen und benutzen kann. Sie funktionieren wie Altherrenwitze. Dies trifft teilweise auch auf klassische "Erotika" zu, die oft mit dem Versteck spielen: zum Beispiel Schnupftabakdosen aus dem 19. Jahrhundert mit doppeltem Boden, unter dem sich erotische Darstellungen finden. Oder erotische Schnitzereien, die in einem Objekt drin sind und erst sichtbar werden, wenn man es öffnet.

Was ist dabei Erotik, was Pornografie und was Kunst?

Es kommt immer auf den Kontext an. Es geht in der Ausstellung nicht darum, zu definieren, was Erotik abschließend ist, sondern darum, diese Klassifikationsprozesse, die Einteilung und Sortierung der Welt der Sexualität und des Erotischen kritisch zu reflektieren. Debatten über die Unterscheidung von Kunst, Erotik und Pornografie haben die Tätigkeit von allen drei Sammlern geprägt und sind auch heute noch relevant. Ein schönes Beispiel ist etwa eine Zuckerdose aus weißem Porzellan von der Firma Kahla. Als die deutsche Designerin 2012 mit einem Vertriebsleiter aus den USA sprach, erfuhr sie, dass die Amerikaner ihre Dose nicht verkaufen wollen, weil sie sie als zu obszön empfanden, als zu phallisch, als zu pornografisch. Tatsächlich wurde die Zuckerdose dann für den amerikanischen Markt kastriert, das heißt es wurde ein neuer flacher Deckel entworfen. Was genau die Frage aufwirft, wieso so etwas wie eine Zuckerdose als pornografisch gelesen werden kann.


Teil der Aussstellung: Penisring "JNamo" (Bild: Armin Herrmann)

Was gibt's sonst noch zu sehen?

Wir zeigen eine Abteilung zu "Liebesmitteln", wie Hirschfeld sie genannt hat. Das sind Sexspielzeuge aller Art. Man sieht aus den Sechzigerjahren einen "Relax-a-Cizor", der elektrische Stromwellen durch den Körper jagt zur Entspannung der Hausfrau, die das Gerät aber natürlich auch für andere Zwecke benutzt haben könnte. Es gab in den letzten zehn Jahren eine starke Veränderung bezüglich des Designs von Sextoys: neben dem klassischen Dildo existiert eine neue Vielfalt der Formensprache.

Ein Queering von Sextoys?

Genau. Viele sehen auf den ersten Blick aus wie Design-Objekte, die man auf den Wohnzimmertisch stellt. Zum Beispiel diese Aloe-Vera-Pflanze, die ein Dildo ist. Oder eine Fisting-Hand, die man als betende Hand auch ins Regal stellen könnte. Oder Dinge, die aussehen wie kleine Küchengeräte und vibrieren. Sextoys sind heutzutage anti-allergisch, können in die Spülmaschine gesteckt werden, man kann sie mit Bluetooth vernetzen, sich mit Partnern gleichschalten und per App über Sextoys miteinander kommunizieren. Es gibt Sextoys, die die eigenen Bewegungen aufnehmen, damit man das Ganze anschließend auslesen und auswerten kann. Es ist ein großer Markt für Produzenten von Sextoys, die dank des Internet ganz anders verfügbar sind als früher. Zudem gibt es eine neue Generation von feministischen Designerinnen, die Sextoys für Frauen, Männer und auch trans Personen entwerfen. Das heißt bei den Toys gibt's eine größere Diversität für verschiedene Körper.

Gibt's auch was explizit Schwules oder Lesbisches?

Wir zeigen neben den historischen und aktuellen Objekten zwei zeitgenössische künstlerische Positionen: Das eine ist eine Videoarbeit von Stephanie Sarley, eine Künstlerin, die mit Früchten und Fingern arbeitet. Sie fingert Früchte und filmt das, deswegen wurde sie teilweise von Instagram und anderen Plattformen geblockt, weil das als pornografisch eingestuft wurde. Dabei spielt sie nur mit Obst! Die andere Arbeit, die wir zeigen, ist eine Installation von Marc Martin, der jüngst mit einer Ausstellung im Schwulen Museum zu sehen war. Seine Installation "En Passent" zeigt eine Umkleidekabine gefüllt mit Turnschuhen, in der sowohl der Raum als auch die Objekte eine erotische Stimmung verbreiten, ohne dass menschliche Körper anwesend sind.


Swooshes: Ansammlung von Turnschuhen aus der Ausstellungsinstallation von Marc Martin

Siehst du eure Ausstellung als Konkurrenzprojekt zur Arbeit des Schwulen Museums – oder erweitert sich gerade die queere Museumswelt?

Ich glaube, dass immer mehr Museen weltweit sich für solche Themen öffnen und das Thema Sexualität behandeln, mit einem diversen Blick. Da gibt's in Berlin die Initiative "Netzwerk Museum queeren". Es ist der Versuch, Berliner Museen dazu zu bekommen, mehr zu machen im queeren Bereich. Deshalb sehe ich unsere Ausstellung und Arbeit überhaupt nicht als Konkurrenz zum Schwulen Museum, sondern eher als die Früchte der Arbeit des Schwulen Museum, das lange Jahre alleine solche Sachen machen musste. Jetzt gibt's endlich andere Museen, die nachziehen.



#1 Horst1967Anonym
  • 04.05.2018, 10:42h
  • Eine kastrierte Zuckerdose? Die spinnen, die Amerikaner. (Und das im Jahr 2012? Wahnsinn.)
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#2 AuswandererAnonym
  • 04.05.2018, 11:14h
  • Antwort auf #1 von Horst1967
  • Interessant, das die Amerikaner - also mehr als 300 Mio Menschen - gemeinsam diese Zuckerdose entworfen haben bzw. alle diese Dose für pornographisch halten. Verallgemeinerungen sind halt immer die beste Wahl
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