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Kurzgeschichten

Warum wir noch Coming-out-Bücher brauchen

In der neuen Anthologie "Weil ich so bin!" erzählen 47 LGBTI von der eigenen Anerkennung und Offenbarung ihres "Andersseins" – und machen dadurch anderen Menschen Mut.


Mit der richtigen Tasse wird das Coming-out zum Kinderspiel

Wer sich rechtfertigt, klagt sich an! Ein schönes Sprichwort, das die deutsche Sprache da so entwickelt hat. Da mag es verwundern, dass ausgerechnet eine "weil"-Antwort als Titel für das Buch "Weil ich so bin!" aus dem Geest Verlag gewählt wurde. 44 Geschichten wurden im Rahmen des "4. Stefan-Hölscher & Geest-Verlag Literaturwettbewerbs 2017/2018" ausgewählt und fanden ihren Weg in diese Anthologie. Darunter sind die ersten fünf Preisträger zu lesen. Zusätzlich haben drei Jurymitglieder außerhalb des Wettbewerbes Geschichten beigesteuert.

Was als erstes positiv auffällt: Dieses Buch geht nicht nach der Gewinner-Strategie vor. Die Preisträger stehen nicht exklusiv am Anfang oder am Ende. Durch eine alphabetische Reihenfolge sind sie einfach so zwischen den anderen Teilnehmern in Reihe zu finden. Man kann also sich selbst ein Urteil bilden und auch eine eigene Wertung vornehmen.

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Von laut bis leise, groß bis klein, gewunden oder gradlinig


Die Anthologie entstand aus dem 4. Stefan-Hölscher & Geest-Verlag Literaturwettbewerbs 2017/2018

In der Kurzgeschichte "Gegenüber, hoch oben" streift der Leser mit einer Frau nach dem Alleinaufwachen durch eine fremde Wohnung. Schnell wird klar, dass das Tageslicht auf all das scheint, was diese Wohnung ausmacht, aber auch auf das, was da gestern Abend geschehen ist.

Liebevoll werden die einzelnen Dinge in der Wohnung beschrieben. Geradezu zärtlich streichelt die Autorin mit ihren Worten eine leere Kaffeetasse, die die Geliebte vor einiger Zeit unbeachtet abstellte. Mit ihrem Streifzug durch die Wohnung wird die andere Frau, die morgens zur Arbeit ging, immer vertrauter. Das vorbereitete Frühstück strahlt geradezu in der liebevollen Morgensonne.

So locker und ungezwungen ist die Geschichte "Strathaus" auf keinen Fall. Man begleitet hier den Autor in seine länger zurückliegende Kindheit und Jugend. Ein immer gepflegter und korrekter Lehrer wird hier zur Inspiration für einen schwärmenden Schüler. Während die Mutter das Wehklagen anfängt, der Vater fortan seinen Namen nicht mehr benutzt, reicht ihm der Lehrer nach einem zaghaften Öffnungsversuch ein altes, abgegriffenes Buch. Diesem Buch sieht man an, wie wichtig es dem Besitzer war, und doch schenkt er es dem jungen Mann, "um Anregungen zu finden". Das war mehr als die übliche korrekte Haltung eigentlich zuließ und mit dieser einfachen Geste beeinflusste er ein Leben.

Gleiches Thema – völlig verschiedene Texte

Insgesamt 47 Geschichten sind in diesem Buch zu lesen und laden in verschiedenste Lebenssituationen ein. Immer wieder nehmen die Autoren uns mit in einen der intimsten Momente ihres Lebens, in dem sie sich selbst oder auch anderen Menschen gegenüber eingestehen, dass sie dem eigenen Geschlecht oder beiden zugeneigt sind. Aber das sind nicht die einzigen Faktoren, die ein Coming-out erfordern. Es geht auch um den Kampf von trans Menschen, mit ihrer Geschlechtsidentität akzeptiert zu werden.

Und so gleich der eigentliche Moment des Ausgeliefertseins nach der Eröffnung ist, so verschieden sind die Reaktionen. Von der Morddrohung bis zur absoluten Zurückhaltung ist irgendwie alles vertreten. Aber auch die unterschiedlichen Schreibstile machen dieses Buch so lesens- und liebenswert. Neben ganz geschliffener und gewählter Sprache überrascht etwa eine Geschichte in einfach dahin geworfenen Worten wie aus dem Hinterhof des Lebens.

Braucht es denn immer noch Coming-out-Bücher?

In unserer recht aufgeklärten und sichtbaren Zeit für LGBTI stellt sich die Frage, ob man denn überhaupt noch Coming-out-Bücher braucht. Wurde da ein Buch produziert, ein Wettbewerb ausgetragen, den man eigentlich gar nicht mehr braucht? Die Antwort darauf liefert direkt das erste Geleitwort und im Folgenden jede einzelne Geschichte auf den knapp 300 Seiten für sich: Ja! Wir brauchen das!

Nur weil es hier in Deutschland inzwischen so einigermaßen unkompliziert ist, heißt es nicht, dass es überall so ist. Und fast jeder hat doch hierzulande jemanden in seinem Umfeld, der vielleicht nicht unbedingt Wert darauflegt, dass da "etwas" bekannt wird. So lange wie es nicht jedem von uns auf dieser Welt egal sein kann, ob er oder sie oder inter nun LGBTI oder einfach ein cis-Hetero ist, so lange brauchen wir diese Coming-out-Bücher, die anderen Mut machen.

Beim Zuklappen des Bandes wird man dann auch verstehen: Der "weil"-Titel ist gar keine Rechtfertigung. Keine selbst vorbereitete Anklage frei zur Verwendung für jeden, der etwas gegen den Geouteten sagen möchte oder haben will. Es steht nicht als rhetorisches Mittel gegen die Hauptperson zur Verfügung.

Nein, dieser Titel ist das erstmalige Abperlen von Vorwürfen oder Anklagen gegen die betroffenen Menschen. Und das wird eben einfach nur mit einem lapidaren "Weil ich so bin!" begleitet. Bravo!

Infos zum Buch

Weil ich so bin! Coming-out-Geschichten von LGBTI verschiedener Generationen. Anthologie zum 4. Stefan Hölscher & Geest-Verlag Literaturwettbewerb 2017/2018. Hrsg. von Stefan Hölscher, Alfred Büngen, Jens Korthals und Fabian Schäfer. Taschenbuch. 284 Seiten. Geest Verlag. Vechta-Langförden 2018. 12,50 €. ISBN 978-3-86685-668-4


#1 JuliAnonym
  • 12.05.2018, 19:45h
  • Sehr schöne Vorstellung eines Buches, das sicher vielen zur empowernden Akzeptanz ihrer selbst helfen kann.
    Gerade in diesem Zusammenhang hätte ich mich aber über eine Wortwahl gefreut, die Menschen aller geschlechtlichen Identitäten anspricht, zb durch ein Sternchen bei "Autor*innen".
  • Antworten » | Direktlink »
#2 schwarzerkater
  • 13.05.2018, 09:38h
  • warum braucht man heute immer noch coming-out bücher?
    a) wegen vorurteilen
    b) wegen mobbing
    c) weil männlich heterosexuell immer noch die "norm" ist und alles andere wird damit verglichen
    d) das erstarken von intoleranten und fundamentalisischen einheimischen und einwanderern
  • Antworten » | Direktlink »
#3 kaymahuAnonym
  • 13.05.2018, 14:13h
  • Ganz ehrlich: *Ich* brauche solche Bücher.

    Ein paar Ereignisse in meiner jüngsten Vergangenheit haben mich komplett aus der Bahn
    gehauen und nun sitze ich da verunsichert herum
    und überdenke mein ganzes Leben.
    Stochere heimlich im Internet nach Antworten.
    Ich kann nicht einfach vor die Tür gehen und so
    tun, als wären diese 50 Jahre ein Aprilscherz gewesen.

    Alles, was ich zum Thema lesen kann hilft mir die
    Schwellenangst zu senken, da mal jemanden anzusprechen.
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#4 Ith_Anonym
  • 14.05.2018, 09:13h
  • Kann bitte jemand spoilern, ob es Stories gibt, die mit dem Fazit enden, man hätte es besser gelassen? Ich fürchte, noch ein Buch mit Erfolgsstories könnte ich wohl einfach nicht ertragen.

    Ich kann doch nicht der einzige Mensch auf der Welt sein, der zu dem Schluss kommt, dass man besser daran getan hätte, das Märchen von der Befreiung nicht zu glauben. Der Preis kann so unglaublich hoch sein, und was man davon hat, so erschütternd wenig.
    Dass man was zu verlieren hat, ist nichts, was man sich bloß einbildet.

    Keine Ahnung, ob es so ein Buch braucht. Für diejenigen, die's lesen, hoffe ich jedenfalls, dass es so freundlich ist, die Wahrheit zu sagen. Inklusive der, dass es ein Zurück auch dann nicht gibt, wenn man es sich wirklich wünscht.
    Ich meine, man will Happy Ends, versteh ich auch, hätte ich auch gern. Wäre aber in vielerlei Hinsicht leider einfach nicht realistisch.
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#5 Da GsibergerAnonym
  • 15.05.2018, 21:36h
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • Ich hab das Buch daheim im Regal stehn und ich kann dir sagen das es nicht nur Geschichten der Kategorie "Friede Freude Eierkuchen" sind. Im Gegenteil. Es sind kaum Geschichten in die einfach mit der Prämisse enden "Alle haben super reagiert".

    Die Geschichten gehen einem teilweise an die Nieren und lassen einen über das eigene Schicksal nachdenken. Und es sind nun mal auch Geschichten dabei bei denen die Menschen viel Verlieren.

    Wenn du 12,50 für das Buch ausgibst ist es kein Rausgeschmissenes Geld. Es sind Geschichten aus dem Leben. Ohne Rosa Brille und ohne Verklärung.
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#6 Ith_Anonym