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Interview mit Johannes Kram

"Homophobie bedarf keiner bösen Absicht"

Mit seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" hat Johannes Kram eine neue Diskussion über LGBT-Feindlichkeit ausgelöst. Am 2. Juni spricht er auf der queeren Job- und Karrieremesse Sticks & Stones.


Johannes Kram lebt als Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege in Berlin. Seit 2008 betreibt er das Nollendorfblog, 2013 initierte er den "Waldschlösschen-Appell" gegen Homophobie in den Medien
  • Von Stuart Cameron
    27. Mai 2018, 04:52h, noch kein Kommentar

Die "schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft" hat Johannes Kram in seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" zusammengefasst. Der Berliner Autor und Nollendorfblogger wird seine Erfahrungen am Samstag, den 2. Juni, auf der diesjährigen LGBT-Job- und Karrieremesse Sticks & Stones in der Hauptstadt präsentieren. Stuart B. Cameron, der Gründer der Messe, hat sich für queer.de mit Kram unterhalten.

Du bist dieses Jahr Teil der Sticks & Stones. Tut es noch Not, sich mit einer Job- und Karrieremesse auf die LGBT-Community zu fokussieren?

Na klar. LGBT werden im Job ja auch oft eindeutig benachteiligt. Eine Jobmesse, die versucht, Nachteile auszugleichen, ist also notwendig. Das Wichtigste ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder frei und sicher fühlen kann, so wie er oder sie ist. Wenn die Wirtschaft und andere Messen das nicht ausreichend hinbekommen, dann braucht es eben eine eigene Messe.

Berlin hatte einen schwulen Bürgermeister, es gibt homosexuelle Bundesminister und seit letztem Jahr die Ehe für alle. Ist Deutschland überhaupt noch homophob?

Und wie. Man muss sich ja nur anschauen, was in den Kommentarspalten unter Online-Artikeln über Wowereit oder andere Lesben und Schwule alles für einen Hass-Müll ausgekübelt wird. Jeder in Deutschland sagt, dass er "nichts gegen Homosexuelle hat, aber…". Hinter dem "aber" tun sich dann oft Abgründe auf: "Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit küssen!" "Aber da sind doch Kinder!" Diese neurotische Angst vor der angeblichen "Frühsexualisierung" zeigt ja, wie wenig entspannt so viele Deutsche mit dem Thema sind.

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Das Buch von Johannes Kram ist im Berliner Querverlag erschienen

In einem Zitat von dir heißt es, dass "Nichts gegen Lesben und Schwule zu haben" auch eine "Chiffre für Bildung und Weltoffenheit" sei. Erklär das bitte genauer.

In liberalen, gebildeten Milieus gehört es zum guten Ton, nicht homophob zu sein. Oft tun sich die Leute dort besonders schwer, ihre eigenen tiefsitzenden Ressentiments zu reflektieren, nach dem Motto: Wer die "Zeit" liest, kann ja gar nicht homophob sein, was natürlich Quatsch ist. Und sie sind auch oft geübter darin, sich geschickter auszudrücken. Manchmal sind mir die echt lieber, die mir ins Gesicht sagen können, dass sie ein Problem mit mir haben, weil ich schwul bin.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dein Buchtitel "Ich hab ja nicht gegen Schwule, aber…" schaue bewusst dem Volk aufs Maul. Wie homophob ist denn unser Job-Alltag, was hast du erlebt?

Ich kann mich ganz gut wehren, ich bin selbstständig, und das, was ich tue, mache ich ja schon länger. Aber auch ich höre oft, ich solle meine Homosexualität "nicht so wichtig nehmen". Was für ein Blödsinn! Wer sagt eigentlich den Heteros, dass sie mit ihrer sexuellen Identität nicht so hausieren gehen sollen? Sie merken gar nicht, wie selbstverständlich hetero sie sind. Und damit wir selbstverständlich schwul oder lesbisch sein können, müssen wir eben sagen, dass wir es sind, und auch sagen, wo und wie wir immer noch diskriminiert werden. Wer von uns verlangt dies nicht zu tun, erwartet von uns, dass wir uns mit unserer Diskriminierung abfinden.

Nach einer Umfrage der "Charta der Vielfalt" sind zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland der Meinung, Vielfalt im Unternehmen bringe konkrete Vorteile. Allerdings haben 65 Prozent der befragten Diversity-Befürworter noch keine Maßnahmen eingeführt, um Vielfalt zu managen, und nur 20 Prozent planen für die Zukunft konkrete Schritte. Wie siehst du diese Entwicklung?

Es ist erstens ein Skandal und zweitens ist es pure Dummheit. Warum dauert das alles so lange in Deutschland? Warum denken diese Firmen, wenn sie ihren Mitarbeitern schon keine Empathie und keine Fairness entgegen bringen wollen, nicht zumindest an sich selbst, an ihren eigenen Wettbewerbsvorteil? Einer Firma kann es nur gut gehen, wenn es ihren Beschäftigten gut geht, und ob das so ist, entscheidet nicht der Personal-Verantwortliche, sondern im Zweifel die Frage, ob es bei problematischen und krisenhaften Situationen ausreichend Kompetenz und Regelungen gibt, wie damit umzugehen ist. Ein sympathischer Chef, der sich selber als super tolerant empfindet, reicht eben nicht. Oft ist er halt auch das Problem, wenn er professionellen Maßnahmen im Wege steht.

Wenn ich mit Unternehmen spreche, höre ich ganz oft die Formulierung "Wieso sollen wir etwas für homosexuelle Mitarbeiter machen? Wir haben keine Probleme damit, wenn jemand LGBT ist"…

Schlimm, wie sich die Leute in die eigene Tasche lügen. Schlimm, mit welchem Selbstbewusstsein solche Leute konkrete Erfahrungen und gesicherte Studienerkenntnisse einfach in die Tonne treten. Wenn alles Argumentieren nicht reicht, sollte man vielleicht einfach mal ihre Qualifikation in Zweifel ziehen, vielleicht bewirkt man ja damit etwas. Nur nett Daherreden kann es jedenfalls auch nicht immer sein. Wir sind schließlich keine Bittsteller. Homophobie findet ganz diffus statt und bedarf keiner bösen Ansicht. Und sie macht krank und verhindert Karrierechancen. Warum sollen wir uns damit abfinden?

Es gibt eine Frauenquote von 30 Prozent in den DAX-Aufsichtsräten, wärst Du für eine LGBT-Quote in Unternehmen? Und wenn ja, wieviel Prozent?

Einer Quote für LGBT ist schon deshalb problematisch, weil das ja nur mit einem hundertprozentigen Outing aller Mitarbeitenden funktionieren würde. Außerdem ist eine LGBT- Identität eine vergleichsweise fluide Konstruktion, wieviel bi muss man denn sein, damit man dazu gehört? Also ich denke, dass man sich da schon etwas anderes einfallen lassen muss.

Du bist dieses Jahr mit einem eigenen Vortrag Teil der Sticks & Stones im SchwuZ. Genau wie auch 80 kleine und große Unternehmen. Alle unsere Partner setzen sich für die LGBT-Community ein und entwickeln eine offene Unternehmenskultur. Vereinzelt sind Teilnehmer aber mitunter ins Kreuzfeuer einer "Pinkwashing"-Diskussion geraten, wie stehst du dazu?

Was da jetzt im Einzelnen gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen, aber grundsätzlich müssen solche Unternehmen diese Diskussionen aushalten und auch lernen, da etwas dagegen zu setzen, was mehr ist als PR. Klar ist es schön, wenn sich auch der Axel-Springer-Konzern für LGBT hübsch machen möchte, aber ebenso muss man auch darauf hinweisen, dass er einen beachtlichen Teil seines Geldes durch Stimmungsmache gegen Minderheiten verdient.

Event-Tipp

Mehr von Johannes Kram und seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" gibt es bei der Sticks & Stones Berlin Edition. Die LGBT-Job- und Karrieremesse startet am Samstag, den 2. Juni, um 10 Uhr im SchwuZ und im Vollgutlager. Gratis-Tickets gibt es für alle, die sich vorab online anmelden.