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Im Juni in der Queerfilmnacht

Das Ende von Marvin

Mit Mobbing und Gewalt in Schule und Familie erfährt Marvin die volle Härte der französischen Provinz. Als Teenager flieht er nach Paris, wo er sein schwules Leben auf die Bühne bringt. "Marvin" ist ein eindrucksvoller Coming-of-Age-Film, voller starker Bilder und kluger Denkanstöße.


Der sensible und stille Marvin wird von seinen Mitschülern misshandelt (Bild: Edition Salzgeber)

"Schwuchtel" – das Wort begegnet Marvin Bijou, der wirklich so heißt, wie er später oft betonen muss, überall. Marvin, mit "v", nicht Martin, denn so hießen schon genug, ist die Erklärung seines Vaters für den ungewöhnlichen Namen.

"Schwuchtel" steht an der Bushaltestelle, an der er vorbeifährt, um von seinem kleinen, heruntergekommenen Dorf zur Schule zu kommen. "Schwuchtel" rufen ihm die Jungs im Schulkorridor hinterher, bevor sie ihm nachrennen, am Kopf packen, anspucken, später vergewaltigen. "Schwuchtel" nennt sein Bruder ihn, den weichen, stillen, sensiblen Jungen, gefolgt von der unmissverständlichen Drohung: "Ich bring dich um."

Der junge Marvin, für den Jules Porier die Idealbesetzung ist, wächst in einer Welt auf, die für ihn keinen Platz hat – übertragen wie räumlich, so klein ist das Haus der Familie, in dem sich die drei Söhne ein Zimmer teilen müssen. Vater und Mutter rauchen am Esstisch, beschimpfen sich und die Kinder, der Fernseher läuft, das Grünzeug schmeckt nicht, Pommes soll die Frau machen.

Die Rollenverständnisse sind eng und starr, die Erwartungen auch. Ein Theater-Internat, an dem Marvin sich beworben hat, passt da nicht hinein. Wochenlang versteckt der Vater die Zusage vor Marvin. Erst als seine Lehrerin Madame Clément (Catherine Mouchet) ihm zur Aufnahme gratuliert, rückt der Vater den Brief heraus.

Die Kritik richtet sich an die Gesellschaft, nicht an die Familie


Poster zum Film: Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde "Marvin" mit dem Queer Lion ausgezeichnet

Die Geschichte erinnert stark an Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy", und Regisseurin Anne Fontaine nennt den Stoff als Inspiration, den sie so frei adaptieren wollte, dass ihr Film nicht mehr als Adaption angesehen werden kann. Gemeinsam ist beiden Werken die Sprengkraft, die von ihnen ausgeht, und die ungeheuren Abgründe, die sie abbilden.

Entkommen kann Marvin dem Martyrium nur, indem er nach Paris flieht. Die Bohéme nimmt ihn auf, ein Mäzen fördert ihn. Eine Wiedergeburt mit neuem Namen. Marvin Bijou wird Martin Clement, in Erinnerung an seine Lehrerin, der er sein neues Leben zu verdanken hat.

Und doch ist "Marvin" nie anklagend. Das Theaterstück, das er als Schauspielstudent (dann gespielt von Finnegan Oldfield) gemeinsam mit Isabelle Huppert, die sich selbst darstellt, auf die Bühne bringt, verzichtet auf Vorwürfe. Die Abbildung der Wahrheit ist grausam genug, die Wertung kommt von ganz alleine. Die Kritik trifft nicht die Familie, sondern die Gesellschaft, die ihr kaum eine andere Möglichkeit lässt, als so zu handeln.

Paris gegen Provinz

Dieser Perspektivwechsel vom jungen zum erwachsenen Marvin, sein eigener Off-Kommentar über die Kindheit, wie er seinen Vater auf die Bühne bringt sowie die dokumentarisch anmutenden Interview-Szenen gehören zu den großen kinematographischen Stärken des Coming-of-Age-Films.


Als Schauspielstudent bringt Marvin seine Jugend zusammen mit Isabelle Huppert auf die Bühne (Bild: Edition Salzgeber)

Im direkten Kontrast wirken beide Welten noch unvereinbarer, noch weiter voneinander weg. Paris, die theoretischen Diskussionen, die ganz unaufdringlich eingestreuten klugen Bemerkungen seiner Freunde ("Wir schätzen das Neue zu sehr und das Alte zu wenig") gegen die Provinz, Dosenbier und Umgangsformen, die keine mehr sind.

Marvin hat es geschafft, wurde zu Martin. Den alten Namen abgelegt – und damit die Vergangenheit hinter sich gelassen. Und auch in seiner Familie scheint er etwas bewegt zu haben, auch wenn die das nicht zugeben würde. Skepsis und Distanz bleiben, doch die Worte ändern sich.

"Ihr, also die Schwulen", sagt der Vater, "die dürfen ja sogar heiraten". Seit wann er dieses Wort nutze, fragt Martin. Ganz verwundert antwortet er: "Schon immer."

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

Marvin. Drama. Frankreich 2017. Regie: Anne Fontain. Darsteller: Finnegan Oldfield, Grégory Gadebois, Vincent Macaigne, Catherine Salée, Jules Porier, Catherine Mouchet, Charles Berling, Isabelle Huppert. Laufzeit: 114 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 5. Juli 2018, im Juni bereits in der Queerfilmnacht
Galerie:
Marvin
9 Bilder


#1 schwarzerkater
#2 YannickAnonym
  • 02.06.2018, 11:19h
  • Ein sehr starker und sehr berührender Film, wo viele ihre eigene Jugend entdecken.

    Man kann nur jedem mit so einer Jugend wünschen, dass er es überlebt, da raus kommt und später seinen Weg geht, um zu sehen, wie toll noch alles werden kann.

    Das ist einer jener Filme, wie ihn nur die Franzosen machen können...

    Absolut sehenswert...
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Homonklin44Profil
  • 02.06.2018, 14:16hTauroa Point
  • Der Artikel sorgt für interesse am Stoff.
    Auch wenn ich befürchte, ein Wiedersehen mit der Jugend in Variationen zu machen, würde ich ihm mir gern ansehen.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 FinnAnonym
  • 02.06.2018, 21:07h
  • Jeder sollte diesen Film ansehen...

    Denn er ist nicht nur sehr gut und sehenswert, sondern man kommt auch klüger raus, als man reingegangen ist...
  • Antworten » | Direktlink »
#6 LucaAnonym
  • 03.06.2018, 11:44h
  • Keine Adaption? Also ein Plagiat?! Schade. Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy" Ist ein wunderbares Buch: es lohnt sich das Original zu lesen.
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