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Historische Rede

"Ihre Worte tun unendlich gut"

Reaktionen aus der Community auf die Entschuldigung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die staatliche Verfolgung von LGBTI in Deutschland.


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede am Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (Bild: Bundespräsidialamt)

Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag beim Berliner Festakt zum zehnten Jahrestag der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen hat in der queeren Community überwiegend positive Reaktionen ausgelöst. Das Staatsoberhaupt hatte darin LGBTI um Vergebung für die staatliche Verfolgung gebeten (queer.de berichtete).

"Ihre Worte tun unendlich gut", meinte LSVD-Bundesvorstand Günter Dworek, der ebenfalls beim Festakt sprach, abweichend von seinem Redemanuskript in einer spontanen Reaktion – offensichtlich hatte er mit einer Entschuldigung nicht gerechnet. Dies sei ein "weiterer Meilenstein" nach der Rehabilitierung der Nachkriegsopfer des Paragrafen 175. Im Manuskript zeigte sich Dworek bereits begeistert, dass Steinmeier das Homo-Mahnmal überhaupt besuchte: "Und heute ist erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt hier bei uns. Sehr geehrter Bundespräsident, das bedeutet für uns Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen sehr, sehr viel!"

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"Tagesspiegel"-Redakteur Tilmann Warnecke sprach in einem Kommentar von einem "historischen Akt" des Bundespräsidenten: "Es war tatsächlich in der Geschichte der Bundesrepublik das allererste Mal, dass das Staatsoberhaupt der Leiden der Homosexuellen so explizit gedachte. Steinmeier sprach Worte, auf die viele zu lange warten mussten, wie er selbst zugab. Er bat um Vergebung – nicht nur für das, was Homosexuellen vor 1945 angetan wurde, sondern, fast noch wichtiger, auch danach." Es sei beschämend, dass die Rehabilitierung bis 2017 dauerte, so der Journalist weiter. "Umso größer das Zeichen Steinmeiers – gerade in Zeiten, in denen die Selbstverständlichkeit von Minderheitenrechten von Populisten wieder infrage gestellt wird."

Nicht nur wegen der Entschuldigung seien die "sehr eindrücklichen und empathischen Worte" des Bundespräsidenten bemerkenswert, schrieb der Kölner Blogger Marcel Dams in einem Facebook-Post. "Ich bin jedoch auch so berührt von dieser Rede, weil wir viel daraus lernen können. Es ist nicht nur schön und angemessen, dass unser Staatsoberhaupt die oft Vergessenen nicht unerwähnt lässt", so Dams in Bezug u.a. auf lesbische, inter- und transsexuelle NS-Opfer. "Es geht nicht nur um Schwule. Es geht um das Aufbrechen heteronormativen Hasses an sich. Deshalb sollte Community trotz aller Unterschiede zusammenhalten."

"Chapeau, Herr Steinmeier", schrieb Bodo Niendel, queerpolitischer Referent der Linksfraktion im Bundestag, in einem Facebook-Post, in dem er auch an die verschämte Einweihung des Denkmals vor zehn Jahren erinnerte: "Dem LSVD wurde es nicht gestattet; zwei sich küssende Männer (die in dem Kurzfilm vorkommen, der im Mahnmal zu sehen war) auf die Einladungskarte zu drucken." Dass nun am Sonntag erstmals der Bundespräsident am Denkmal redete, sei "an sich ein wichtiges staatspolitisches Ereignis" und zeige den "Erfolg vieler Jahre emsigen Kampfes", so Niendel. "Dass er obendrein eine fulminante Rede hielt, bei der er sich für die Verfolgung und Unterdrückung von queeren Menschen (insbesondere in der Nachkriegszeit) entschuldigte und um Vergebung bat, macht diese Rede zu einer bedeutenden."

Die Aussagen des Bundespräsidenten seien "ein wenig phrasenhaft", kritisierte dagegen Jan Feddersen in einem "taz"-Kommentar. "Nichts war falsch an dieser symbolisch zutreffenden Rede. Und doch hätte sie mehr aussagen können, ja sogar müssen." So habe Steinmeier nicht erwähnt, dass der Paragraf 175 insgesamt als Strafandrohung gegen alle wirkte und wirken sollte: "Alle lernten, dass Schwules ein minderer Dreck ist, nicht liebenswert und entwertet gehört." Das Staatsoberhaupt habe nur gesagt, "was man von ihm erwarten durfte", so Feddersen. "Woran liegt es sonst, wenn nicht an den homophob vergifteten Verhältnissen in deutschen Familien seit Jahrzehnten, dass sich erst wenige Opfer des Paragrafen 175 entschlossen, das seit einem Jahr geltende Rehabilitations- und Entschädigungsgesetz in Anspruch zu nehmen? Die Furcht ist noch da."

Wöchentliche Umfrage

» Der Bundespräsident bat LGBTI um Vergebung für Leid, Unrecht und Schweigen. Nimmst du die Entschuldigung an?
    Ergebnis der Umfrage vom 04.06.2018 bis 11.06.2018


#1 von_hinten_genommenAnonym
  • 03.06.2018, 16:56h
  • "Es geht nicht nur um Schwule. Es geht um das Aufbrechen heteronormativen Hasses an sich." (?)

    - Es geht nicht nur um die LSBTTIQ(!) Es geht um das Aufbrechen heteronormativen Hasses an sich.

    "Deshalb sollte Community trotz aller Unterschiede zusammenhalten."

    - Deshalb sollte die Community trotz aller Unterschiede zusammenhalten.
    (Ja, das sollte sie. Aber ob sie es tatsächlich tut, ist die Frage).
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#2 AndreasKAProfil
  • 03.06.2018, 17:15hKarlsruhe
  • Antwort auf #1 von von_hinten_genommen
  • Es hilft nichts, wir müssen daran arbeiten. Jeder einzelne, jeden Tag, möglichst auch jeder hier bei den Kommentaren.

    Kontroversen sind gut. Manchmal lässt sich auch nicht jedes Fragezeichen zu einem Ausrufezeichen umbiegen.

    Aber den Grundkonsens, dass alle für eine vollständige Gleichberechtigung an einem Strang ziehen, sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

    Dann bekämen wir auch mehr Solidarität von anderen Minderheiten: Wenn wir uns solidarisch mit den Minderheiten innerhalb der "Community" verhalten. Glaubwürdigkeit muss man sich genauso erarbeiten wie alles andere.
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#3 MatainaAnonym
  • 03.06.2018, 17:26h
  • Ich hatte durch meinen Job eine Einladung zu dieser Jubileumsfeier bekommen und hatte schon überlegt, ob es sich überhaupt lohnen würde, so früh (nach durchfeierter Nacht) dafür aufzustehen. Zum Glück hatte ich Besuch meiner jüngeren Schwester, der ich ein wenig Programm bieten wollte, sonst hätte ich diesen wahrhaft historischen Moment verpasst!
    Frank-Walter Steinmeier hat in seiner ruhigen und ernsten Art wunderbare und versöhnende Worte gefunden für die länger als ein Jahrhundert andauernde Epoche unrühmlicher deutscher Geschichte.

    Im leichten Nieselregen dieses warmen Berliner Sonntagsvormittags konnte ich Frieden schließen mit einer jahrzehntelang andauernden und gefühlten Nicht-Beachtung durch die Staatsorgane dieses Landes. Und es war ein wenig wie ein Neuanfang in den Beziehungen zwischen der LGBT-Community und diesem Staat.

    Sicher wird es auch in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren auch weiterhin diskriminierende Worte von gewählten StaatsdienerInnen und PolitikerInnen aller Coleur geben. Trotzdem taten dieses Worte vom höchsten Repräsentanten des Staates mir gut.

    Danke Frank-Walter.
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#4 von_hinten_genommenAnonym
#5 LarsAnonym
  • 03.06.2018, 19:11h
  • Antwort auf #1 von von_hinten_genommen
  • Die "LGBT*-Community" bzw., diejenigen, die sich ihr zugehörig fühlen, wachsen mit zunehmender Anerkennung und - zumindest teilweise - abnehmendem äußeren Druck in neue, ungewohnte Rollen hinein.

    Das gilt insbesondere für die jüngere Generation, die neben dem Kampf gegen Unterdrückung und Hass zunehmend gestalterische Aufgaben in der Gesellschaft und innerhalb der Community wahrnimmt.

    Insofern sehe ich die Rede von Herrn Steinmeier zunächst als eine Würdigung der älteren Generation, die unter Bedingungen und in einem gesellschaftlichen Klima überleben musste, das wir uns so heute kaum noch vorstellen können.
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#6 von_hinten_genommenAnonym
#7 AndreasKAProfil
#8 von_hinten_genommenAnonym
#9 AndreasKAProfil
#10 FennekAnonym
  • 03.06.2018, 19:48h
  • Das war ein wichtiges Zeichen und so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust längst überfällig.

    Aber jetzt müssen den Worten auch Taten folgen. Wenn Deutschland wirklich aus dem Holocaust Lehren ziehen will, muss jetzt unbedingt Art. 3 GG ergänzt werden.

    Es kann nicht sein, dass dort zig Gleichheits-Merkmale stehen und dass die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung explizit fehlen.
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