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Österreich

Kein Detailwissen zur Regenbogenfahne: Schwuler Asylbewerber abgelehnt

Was bedeutet das Orange in der Regenbogenfahne? Wenn ein schwuler Asylbewerber in Österreich das nicht weiß, kann er abgewiesen werden – sogar in ein Land, das Homosexuelle hinrichten lässt.


In der österreichischen Nachrichtensendung erzählt Navid Jafartash, mit welch haarsträubenden Argumenten sein Asylantrag abgelehnt wurde (Bild: Screenshot / ORF 2)

Der Asylbescheid wird in Österreich offenbar wie bei einer Spielshow vergeben: Ein Bericht der ORF-Nachrichtensendung "ZIB 2" vom Montagabend legt diese Vermutung nahe und führte zu Empörung unter LGBTI-Aktivisten. In der Sendung wurde über die vor wenigen Monaten verschärften Auslegung der Asyl-Gesetze berichtet, unter der insbesondere Schwule und Lesben zu leiden hätten.

Dazu kommt Navid Jafartash zu Wort, der wegen der Verfolgung in seinem Heimatland Iran 2014 nach Österreich geflüchtet war und dort inzwischen mit seinem einheimischen Lebensgefährten zusammenlebt. Die verantwortliche Behörde, das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, glaubte ihm bei einem Gespräch allerdings nicht, dass er schwul sei – aus einem kuriosen Grund: "[Der Beamte] hat mich gefragt, was die Farben der Regenbogenfahne bedeuten. Das wusste ich nicht." Im Bescheid des Amtes sei dann sein Asylantrag abgelehnt worden mit der Begründung, dass er nicht schwul sei, weil er nicht wisse, was die Farben bedeuteten.

Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass nur ein Bruchteil der österreichischen Schwulen diesen Farbcode entschlüsseln kann. Dass Rot für Liebe steht, könnte man womöglich noch mit etwas Fantasie erraten; dass Blau für Harmonie und Orange für Gesundheit stehen, wissen aber wohl selbst viele regelmäßige CSD-Besucher nicht.


Österreichische Asylpolitik: Wer nicht weiß, was die Farben bedeuten, fliegt! (Bild: Benson Kua / wikipedia)

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"Enormer Druck der Politik"

Zudem beklagte sich Jafartash, dass die Behörde Zeugen, die er benannt habe, ignoriert habe. Sein österreichischer Lebensgefährte sei nicht einmal vom Amt angehört worden. In dem ORF-Bericht beklagte eine LGBTI-Aktivistin von "Queer Base" auch den in den letzten Monaten sich verstärkenden "enormen Druck seitens der Politik", Asylanträge abzulehnen. Der Grund: Vor einem guten halben Jahr trat die neue Regierung der christsozialen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ unter Bundeskanzler Sebastian Kurz ihr Amt an. Die verantwortliche Behörde wollte sich gegenüber dem ORF nicht zu dem Fall äußern.

Empört über die Ablehnung äußerte sich am Dienstag der schwule Nationalratsabgeordnete Mario Lindner von der oppositionellen SPÖ: "Es kann nicht sein, dass das Schicksal von Geflüchteten anscheinend von Fragen abhängt, die in die [ORF-Quizshow] Millionen-Show gehören, aber ganz sicher nicht in Asyl-Interviews", so der steirische Politiker, der auch Fraktionssprecher für Gleichstellung ist. "Wenn solche Fragen die sexuelle Orientierung eines Menschen beweisen sollen, dann bin ich auch nur mit Hilfe von Wikipedia schwul", gab Lindner offen zu. Der ORF-Bericht zeige "Missstände auf, vor denen viele schon lange warnen". Die österreichischen Staatsorgane hätten aber die Pflicht, "Asyl-Verfahren fair und mit Anstand abzuwickeln". Das treffe "ganz besonders auf vulnerable Gruppen wie schwule und lesbische Geflüchtete zu".

Twitter / marcoschreuder | Auch LGBTI-Aktivist Marco Schreuder gab zu, dass er nicht wisse, was die Farben der Regenbogenfahne bedeuten

Eigentlich müsste Österreich, wie alle EU-Staaten, verfolgte Homosexuelle aufnehmen. 2013 hatte der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass Schwule und Lesben eine "soziale Gruppe" sind, die bei Verfolgung in der Heimat EU-weit Anspruch auf Asyl haben, und dass nicht von ihnen verlangt werden kann, in ihrer Heimat ihre sexuelle Orientierung geheim zu halten (queer.de berichtete).

Immerhin kann sich Jafartash noch Hoffnung machen: 42 Prozent der abgelehnten Asylanträge sind nach Angaben des österreichischen Justizministeriums in der nächsten Instanz wieder aufgehoben worden. Das allein zeige, "welche massiven Mängel hier vorliegen", so Lindner.

Auch in Deutschland kommen immer wieder Berichte, dass das Bundesamt für Migration Asylanträge von Homosexuellen aus Verfolgerstaaten mit teils haarsträubenden Begründungen ablehne (queer.de berichtete). (dk)



#1 JeeensAnonym
  • 05.06.2018, 16:41h
  • Bei Asylanträgen von ehemaligen Muslimen, die zum Christentum konvertiert sind, hat man bei den Verfahren auch in Deutschland solche Spielshows. Da müssen dann die Namen der zwölf Apostel aufgezählt werden o. ä.
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#2 TimonAnonym
  • 05.06.2018, 17:14h
  • Hätte es nicht so dramatische Auswirkungen, könnte man über die Idiotie der Konservativen nur noch lachen.

    Wer soll denn wissen, wofür eine bestimmte Farbe der Regenbogenflagge steht? Das wissen auch 99% der deutschen und österreichischen LGBT nicht.

    Jemanden deshalb abzuschieben ist lächerlich und dumm. Und dann sogar noch in ein Land, wo ihm Verfolgung, Inhaftierung, Folter und gar der Tod drohen, ist unverantwortlich und skandalös.
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#4 PeerAnonym
  • 05.06.2018, 17:37h
  • Ich bin ziemlich engagiert und habe die ursprünglichen Bedeutungen auch mal gelesen. Aber selbst ich wüsste das jetzt nicht ad hoc.

    Woher soll es dann jemand wissen, der aus einer Region kommt, wo man sich über sowas nicht informieren kann und wo selbst der Versuch, sich darüber zu informieren einen schon in große Gefahr bringt.

    Aber selbst wenn das nicht wäre: man kann auch schwul sein, ohne solche Dinge zu wissen oder sich überhaupt für sowas zu interessieren.

    Aber ich fürchte, denen ging es gar nicht darum, ob der wirklich schwul ist oder nicht. Die wollen den so oder so abschieben und brauchen einen Grund dafür. Die hätten so lange die abstrusesten Fragen gestellt, bis er irgendwas nicht gewusst hätte.

    Pervers!
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#5 Carsten ACAnonym
  • 05.06.2018, 17:41h
  • Antwort auf #2 von Timon
  • Das war keine Dummheit oder Naivität der Verantwortlichen. Das war vielmehr pure, eiskalte Berechnung.

    Das Ergebnis stand schon vorher fest (dass die ihn um jeden Preis weghaben wollen). Und dann wurde eben so "geprüft", dass genau dieses Ergebnis auch rauskommt.
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#6 von_hinten_genommenAnonym
  • 05.06.2018, 17:44h
  • Puh, diese Frage lässt sich auch als diskriminierend einstufen, wenn der Bewerber sie nicht beantworten kann und er deshalb dann abgeschoben wird.
    Orange in der Regenbogenflagge bedeutet Heilung. Aber im positiven Sinne.

    Wieso wird eigentlich ausgerechnet nach dieser Farbe gefragt, und dann noch mit dem Hintergrund, dass der Bewerber befürchten muss, abgeschoben zu werden, falls er diese Frage nicht beantworten kann?? Soll das etwa suggerieren, dass er sich "heilen" lassen soll, wenn er in Österreich leben möchte?? Oder wieso ausgerechnet diese Frage?

    Eigenartige Methode, wirklich.
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#7 PfuiAnonym
  • 05.06.2018, 17:59h
  • Jeder, der das zu verantworten hat (aus Politik, Justiz und Verwaltung) oder das ausführt, hat Blut an seinen Händen, das er /sie nie mehr abbekommen wird....

    Pfui.

    Diese Leute sollten sich was schämen und beim eigenen Anblick im Spiegel kotzen müssen. Aber dafür bräuchte man ein Gewissen....
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#8 JasperAnonym
  • 05.06.2018, 18:05h
  • "Sein österreichischer Lebensgefährte sei nicht einmal vom Amt angehört worden."

    Das beweist, dass das gemauschelt ist und dass das Ergebnis vorher feststeht...

    Das ist ein Skandal...
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#9 uwekrefeldProfil
  • 05.06.2018, 18:05hKrefeld
  • die 6 Farben:
    jeder Verein interpretiert die Farben sogar noch unterschiedlich.

    Rot = Leben
    Orange = Gesundheit
    Gelb = Sonnenlicht
    Grün = Natur
    Dkl.Blau = Harmonie
    Lila = Geist (bzw. Farbe der Lesben)

    ... man sollte diese Österreicher ....
    (ich schreib lieber nichts, sonst hagelt es Anzeigen...)
    bei den Deutschen würde eine gleiche Reaktion mich auch nicht mehr wundern.
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#10 JadugharProfil
  • 05.06.2018, 19:12hHamburg
  • Irgendwie erinnert dieses an Hexenprozesse, wo das Urteil von vornherein feststeht!
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