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WM-Update

FIFA bestraft auch Argentinien wegen homophober Sprechchöre

Nach Mexiko muss nun ein weiteres Land eine Geldstrafe leisten. Der ägyptische Fußballstar Mo Salah wurde derweil Ehrenbürger Tschetscheniens.


Die argentinische Nationalmannschaft am letzten Donnerstag vor der 3:0-Niederlage gegen Kroatien in Nischni Nowgorod (Bild: Selección Argentina / twitter)

Die FIFA hat zum zweiten Mal während dieser Fußball-Weltmeisterschaft einen nationalen Verband mit einer Geldstrafe belegt, weil Fans während einer WM-Partie in Russland homofeindliche Parolen grölten.

Im aktuellen Fall belegte der Weltfußballverband Argentinien nach dem Spiel gegen Kroatien vom 21. Juni mit einer Geldstrafe in Höhe von 105.000 Schweizer Franken (rund 90.900 Euro). Neben "homophoben und beleidigenden Gesängen", die nicht weiter erläutert wurden, flossen in die Strafe auch Schlägereien der Fans und das Werfen von Objekten ein. Wegen der beiden letzten Vorwürfe wurde auch Kroatien mit 13.000 Franken Strafe belegt.

Das Disziplinarkomitee der FIFA, das auf Spielberichte der Schiedsrichter, Rückmeldungen von bei jedem WM-Spiel eingesetzten Antidiskriminierungsbeobachtern und Videoaufzeichnungen zurückgreift, belegte zudem Serbien mit einer Strafe wegen diskriminierender Banner und sprach in seinen letzten Sitzungen weitere Strafen gegen einzelne Verbände, Spieler und Trainer aus.

Mexiko: Ruhe nach erster Bestrafung

Erst vor rund einer Woche hatte die FIFA Mexiko mit einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Franken wegen homofeindlicher Gesänge belegt (queer.de berichtete). Fans hatten beim ersten Gruppenspiel gegen Deutschland am vorletzten Sonntag mehrfach "Puto" gen Deutschlands Keeper Manuel Neuer gerufen (queer.de berichtete). Der Begriff, der "Schwuchtel" und "Stricher" bedeuten kann, war in der TV-Übertragung aus Moskau mehrfach zu hören.

Twitter / laaficion | "Puto"-Ruf aus dem Spiel Mexiko gegen Deutschland. Im Stadion waren die Rufe deutlicher zu hören als in der Übertragung

Entsprechende Chöre, zumeist vor einem Torabstoß eingesetzt, hatten sich in Teilen Lateinamerikas zu einer Tradition entwickelt. Die Sanktionierung durch die FIFA in der letzten Woche war die erste Geldstrafe für "Puto"-Rufe bei einer WM: 2014 hatte es in Brasilien bei mehreren Spielen entsprechende Chöre mexikanischer Fans gegeben, in einer deutlich höheren Frequenz und Lautstärke als jetzt in Russland. Die FIFA hatte die Rufe damals allerdings nicht sanktioniert, sondern ganz im Gegenteil als im Fußball-Kontext "nicht beleidigend" bewertet (queer.de berichtete).

Seitdem hat die FIFA allerdings ein Umdenken gezeigt und Mexiko und andere Länder wegen "Puto"-Rufen bei Länderspielen mehrfach bestraft – gegen die Argumentation der teils trotzigen Fans, die den Spruch nicht als beleidigend auffassen. Die Debatte verläuft ähnlich zur Nutzung des Wortes "Schwuchtel" in der Rap-Musik, in Mexiko noch verkompliziert durch diverse Bedeutungen des "Puto"-Begriffes.

Twitter / AGuardado18 | Auch Andrés Guardado, der mexikanische Kapitän, rief Fans auf, auf die Rufe zu verzichten

Der mexikanische Fußballverband hatte seine Anhänger immer wieder dazu aufgerufen, auf die Sprechchöre zu verzichten – vor zwei Jahren nahm die Mannschaft gar ein Video gegen Homophobie auf (queer.de berichtete). Auch vor dem zweiten Gruppenspiel am letzten Samstag bemühte sich der Verband samt Profispieler Javier Hernández (genannt Chicarito) in Interviews und sozialen Netzwerken um eine Beschwichtigung der Fans. Letztlich kam es diesmal nicht zu "Puto"-Rufen. Am Mittwoch spielt Mexiko gegen Schweden, während Deutschland zeitgleich gegen Südkorea um einen Einzug in die Finalrunde kämpft.

Homophobe Rufe im homophoben Land

Manche Zeitungen hatten in den letzten Tagen kommentiert, es sei scheinheilig, gegen Mexiko-Fans vorzugehen, wenn die WM zugleich in Russland, dem Land der unterdrückten CSDs und des Gesetzes gegen Homo-"Propaganda", stattfinde – und die nächste gar in Katar, wo homosexuelle Handlungen unter Strafe stehen. Der zweite Spielort Mexikos eignete sich zusätzlich für solche Kommentare: In Rostow am Don hat ein Bio-Bäcker auch auf Englisch ein landesweit in seinen Filialen genutztes Schild angebracht, wonach "Schwuchteln" keinen Einlass haben; auch hatten zur Sicherheit der Fans eingesetzte Kosaken angekündigt, küssende Homo-Paare der Polizei zu melden (queer.de berichtete).

LGBTI-Organisationen konterten, ganz im Gegenteil sei – abseits der berechtigten Vergabe-Frage – das Nicht-Handeln der FIFA bei WMs in homofeindlichen Ländern umso schlimmer. Bei "Puto"-Rufen sei generell ein konsequentes und konstantes Handeln erforderlich.

Die Sprechchöre belasten die umstrittene WM in Russland zusätzlich, bei der sich bislang nur wenige Fans mit einer Regenbogenflagge ins Stadion wagten, um ein positives Zeichen zu setzen. Die Organisatoren hatten eine Duldung der Flaggen versprochen. Am Montag kam es beim Spiel England gegen Panama zu einem Vorfall, bei dem einem Vertreter von "3 Lions Pride" eine England-Flagge mit Regenbogenstreifen von einem Stewart abgenommen wurde. Nach Rücksprache mit einem FIFA-Vertreter konnte er sie aber doch noch während des Spiels zeigen.

Twitter / Konijnvanolland | Alexander Agapow von der Russian LGBT Sport Federation zeigte beim Eröffnungsspiel der WM Flagge

Viele Verbände hatten queere Fußball-Fans davor gewarnt, sich all zu offen zu zeigen, da auch Gewalt und eine mangelnde Unterstützung der Behörden drohen könnten. Kurz vor dem WM-Eröffnungsspiel war der britische Aktivist Peter Tatchell bei einem Protest auf dem Roten Platz festgenommen wurden, mit dem er auf die Schwulenverfolgung in Tschetschenien und die Untätigkeit der russischen Behörden aufmerksam machen wollte (queer.de berichtete, mehr zum Vorwurf). Inzwischen konnte er aus Russland ausreisen, ohne auf einen Gerichtstermin zu einem Bußgeldverfahren zu warten.

Anders als bei den Olympischen Winterspielen, wo es mehrfach zu Festnahmen russischer LGBTI-Aktivisten kam, planen die queeren Verbände Russlands keine speziellen Proteste zur WM. Stattdessen arbeitet man u.a. mit dem Fan-Netzwerk FARE zusammen, das in Moskau und St. Petersburg jeweils ein "Diversity House" eingerichtet hat. In St. Petersburg mussten neue Räume gefunden werden, nachdem der Vermieter der ursprünglichen Location einen Rückzieher in letzter Sekunde gemacht hatte.

Twitter / MiRo_SPD | Michael Roth (SPD), Europa-Staatssekretär im Auswärtigen Amt, traf in der letzten Woche bei einem offiziellen Besuch in Moskau russische LGBTI-Aktivisten und weitere Vertreter von Menschenrechtsorganisationen

Wirbel um Mo Salah

Für Empörung hatten vor WM-Beginn auch freundliche Bilder der ägyptischen Mannschaft, speziell von Weltstar Mohamed Salah, mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow gesorgt – das Team hat, mit Duldung der FIFA, in Grosny ihr offizielles Trainingslager aufgeschlagen (queer.de berichtete). Kritik von Fans des Liverpool-Spielers in sozialen Netzwerken blieb offenbar ohne Wirkung: Am letzten Freitag überreichte Kadyrow Salah bei einem Galadinner die Ehrenbürgerschaft Tschetscheniens. Bilder davon wurden seitdem auch häufig im russischen Fernsehen gezeigt.


Die Fußball-WM ermöglicht Ramsan Kadyrow, der sowohl die Verfolgung als auch Existenz Homosexueller in Tschetschenien abstreitet, erneut internationale PR

Am Wochenende machte ein CNN-Bericht weltweit die Runde, der Spieler habe sich nach dem Dinner hinter den Kulissen über eine politische Ausnutzung beklagt und gar mit Rücktritt aus der Nationalmannschaft gedroht – was von dieser dementiert wurde. Am Montag nahm Salah letztlich regulär am dritten Gruppenspiel seiner Mannschaft teil – und schied mit ihr aus dem Turnier aus. Für Interviews nach dem Spiel stand er nicht zur Verfügung, was von der FIFA bestraft werden könnte. (cw)



#1 NicoAnonym
  • 26.06.2018, 16:18h
  • Richtig so. Sowas darf nicht unbestraft bleiben.

    Und dass die mexikanischen Fans jetzt still sind, beweist ja, dass das durchaus wirkt.

    Und an die Zeitungen, die das scheinheilig finden:
    auch wenn die WM in einem homophoben Land stattfindet, muss man nicht auch noch homophobe Hetze in den Spielen dulden.
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#2 Patroklos
  • 26.06.2018, 19:51h
  • Möchte nicht erleben, wenn Argentinien heute aus dem WM-Turnier fliegt, was dann passiert.
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#3 easykeyProfil
  • 26.06.2018, 19:58hLudwigsburg
  • Die Geldstrafen sind wesentlich zu gering in diesem Millionenbusiness. Wie hoch würden die Strafen bei anderen "MInderheiten" ausfallen?
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