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Fußball

Rainbow-Russland während der WM mit Paddy Power und der Attitude Foundation

Ein irisches Wettbüro spendet für jedes Tor der russischen Fußball-Nationalmannschaft 1.000 britische Pfund, also knapp 1.340 Euro, an LGBTI-Projekte im Leistungssport.


Tolle Aktion des Buchmachers Paddy Power zur WM 2018 in Russland: "From Russia with Equal Love" (Bild: Paddy Power)

  • 9. Juli 2018, 14:18h, noch kein Kommentar

Homosexualität und Russland sind keine Begriffe, die besonders häufig gemeinsam in einem positiven Kontext erwähnt werden. Und auch unter Fußballfans ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen nicht grundsätzlich vorhanden. Ein Buchmacher in Dublin, Paddy Power, dachte sich, dass die WM ideal sei, um eine Aktion für die Rechte von Schwulen und Lesben in Russland zu starten. Was es mit dieser Aktion auf sich hat, wie sie vonstattengeht und wie sich Fußballfans allgemein gegenüber der LGBTI-Community verhalten, erklärt dieser Artikel.

Was beinhaltet die Aktion?

Die gesamte Aktion läuft unter dem Namen "From Russia with Equal Love" und wird von Paddy Power gemeinsam mit der Attitude Foundation organsiert. Die Organisation, die von dem gleichnamigen Gay-Magazin initiiert wurde, macht sich seit Längerem für die Rechte der LGBTI-Community stark. Jetzt mit der WM in Russland ist natürlich der perfekte Augenblick, um auf die noch immer vorherrschenden Probleme aufmerksam zu machen. Das dachte sich auch der Buchmacher Paddy Power – und legt mit einem gewitzten Angebot los:

- Spende - Paddy Power spendet jeweils 1.000 Pfund, also knapp 1.340 Euro, für jedes Tor, das die
- Bedingung – russische Nationalmannschaft schießt.
- Nutzung – die eingenommenen Gelder sollen dafür eingesetzt werden, LGBTI-Personen den Einstieg in den Leistungssport zu erleichtern, im Kontext Leistungssport und Fußball über Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften aufzuklären und Coming-out-Programme für Spieler zu gründen.

Mit dieser Aktion wird nicht allein der Organisation weitergeholfen, es wird auch gleich das Team eines der Länder in den Mittelpunkt gerückt, welches noch immer einen harschen Widerstand gegen die LGBTI-Community leistet. Und nachdem Russland es nicht nur torreich durch die Gruppenphase, sondern auch noch ins Viertelfinale geschafft hat, kommt so einiges an Spendengeldern zusammen. Bislang schoss die russische Nationalelf zwölf Tore, sofern das Elfmeterschießen im Achtelfinale mitgezählt wird.

Wie steht es um die LGBTI-Community in Russland?

Gesellschaftlich ist Homosexualität in Russland verpönt und wird höchstens ansatzweise toleriert. Selbst in den Metropolen kommt es immer wieder zu Übergriffen, und seit 2013 gilt in ganz Russland ein Gesetz gegen "Propaganda" für Homosexualität – was nichts weiter bedeutet, dass die Regierung es verbietet, über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aufzuklären. Wer dagegen handelt, muss mit Geldstrafen rechnen.

Es ist also ein Gutes, diese Aktion "From Russia with Equal Love" ausgerechnet während der WM in eben diesem Land durchzuziehen – und sie gezielt mit der russischen Nationalelf zu verknüpfen. Das wohl weltweit größte Sportereignis erhält eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit. Zudem darf nicht vergessen werden, dass aus aller Welt Fans anreisen, die durchaus der Community angehören und die sich während des Fußballturniers sicher und beruhigt in Russland bewegen wollen.

Gleichzeitig soll gegen die Homophobie im Fußball vorgegangen werden. Auch hier steht Russland – gemeinsam mit zu vielen weiteren Ländern – weit hinter der viel gepriesenen Toleranz zurück. Auf dem Platz gilt noch immer das Bild der starken Männer, der Kämpfer, der Krieger, die vom Publikum bejubelt werden. Gerade die russische Hooliganszene hält dieses Bild aufrecht, sieht sie doch in den Attributen das für sie optimale Männerbild wiedergegeben.

Wie tolerant sind Fußballfans mittlerweile?

Ob und inwieweit Fußballfans heute tolerant sind, hängt vielfach von den National- oder Vereinsfarben ab. Grundsätzlich ist im Fußball noch großer Aufholbedarf geboten, denn selbst familiär und finanziell abgesicherte Profifußballer outen sich selten vor dem Karriereende. Bei den Fans zeigen sich leider immer wieder deutliche Abneigungen, die sich verbal beleidigend gegen unpassende Spieler oder offen-feindlich gegen Mitfans im Block äußern. Wie weit die Problematik ausgeprägt ist, hängt in Deutschland stark vom Verein ab:

- 1. FC. Köln – bei allen Kölner Clubs haben Homosexuelle wohl die wenigsten Probleme. Sicher sind auch hier unter den Fans Personen mit Abneigungen, Übergriffe oder tatsächlich durchdachte Beleidigungen kommen aber selten vor.
- St. Pauli - auch hier herrschen keine Probleme. Der Verein unterhält selbst ein Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus und die Fans sehen ohnehin alles recht locker, sofern nicht der Stadtkonkurrent betroffen ist.
- Hansa Rostock – während einige Fangruppierungen ansatzweise aufgeschlossen sind, ist es mit der Toleranz nicht weit her.
- Energie Cottbus – das ist auch einer der Vereine, bei dem die Toleranz der Fans spätestens mit dem Aufstieg und der Präsentation eines Fanclubs zurückgeblieben ist.


Der Kampf gegen Homophobie im Stadion ist nach wie vor notwendig

Ob sich Profifußballer in der Zukunft trauen können, zu ihrer Homosexualität zu stehen, bleibt offen. Die Fans und deren Reaktionen sind das eine – der Dauertorschütze würde vermutlich weiter bejubelt werden. Inwieweit Vereine, Mitspieler, Verantwortliche oder auch Scouts der Nationalmannschaft jedoch auf ein Coming-out während der Karriere reagieren, ist ein anderes Thema. Anstelle offener Anfeindungen kann schließlich auch Funkstille oder kein Angebot kommen. Fakt ist jedoch: Die Sicherheit, dass in den Profiligen etliche homosexuelle Spieler, Trainer oder auch Schiedsrichter tätig sind, ist hoch. Statistisch gesehen müsste es in den oberen drei Ligen bis zu 150 Spieler geben, die sich noch nicht geoutet haben.

Fazit: ein wichtiges Thema für alle Beteiligten

Im Viertelfinale sollte man Russland die Daumen drücken, damit das Spiel möglichst mit vielen russischen Toren ausgeht. Aber auch sonst sollte der Aktion "From Russia with Equal Love" Beachtung geschenkt und überlegt werden, wie die Standpunkte in den alltäglichen Leistungssport und Fanbereich mit einbezogen werden können. Denn gerade im Fußballbereich herrscht in allen nationalen und internationalen Ligen noch massiver Nachholbedarf, sodass Spieler ein Coming-out erst wagen, wenn sie die Karriere beendet haben.

Und auch die Fußballfans an sich benötigen Nachhilfeunterricht und Aufklärung. Denn verbale Anfeindungen und Beleidigungen, die auf LGBTI-Personen oder ihnen zugeschriebenen Attributen gemünzt sind, sind leider an der halbzeitlichen Tagesordnung. (ak)