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Queere Geschichte

Ist ein schwules Museum noch zeitgemäß?

"Capri"-Herausgeber Manfred Herzer über die Entwicklung und Gegenwart des Schwulen Museums Berlin und die Frage, ob sich die Institution umbenennen sollte.


Das Schwule Museum, gegründet 1985, befindet sich seit 2013 in der Lützowstraße 73 in Berlin-Tiergarten (Bild: KimSchneider / wikipedia)

Als das Gerücht aufkam, das Schwule Museum solle umbenannt werden ‒ irgendwas mit "queer" ‒ sind einige Schwestern protestierend ausgetreten, weil sie nach dem Entfernen des Wortes "schwul" aus dem Namen eine übermächtige Dominanz von Lesben bei künftigen Entscheidungen fürchteten. Das Wort wurde nicht entfernt, dem "Museum" aber ein Sternchen angehängt, das wie der Verweis auf eine (nicht vorhandene) Fußnote aussah. Damit wollte man signalisieren, es geht hier nicht bloß um Liebe und Sex zwischen Männern, sondern um Liebes- und Sexualitätsformen in allen denkbaren Kombinationen. Jetzt ist das Sternchen weg und das Unwort des Jahrhunderts wurde deutlich verkleinert und in den Untertitel, manchmal auch Übertitel eines Drei-Buchstaben-Logos SMU verschoben.

Die ersten beiden Buchstaben S und M wären vielleicht als Schwules Museum oder Sadismus/Masochismus zu dechiffrieren, aber was ist mit dem U? U für Unzeitgemäß? Ueberirdisch? Urningthum? Underground? Who knows… Schwul bleibt jedenfalls irgendwo in der Nähe von SMU erhalten, auf den Briefköpfen, der Website usw.

Mehr Touristen mit neuem Namen?

Wäre man dem Vorbild der "Siegessäule", dem bekannten Homoblättchen mit Westberliner Wurzeln gefolgt, das längst schon das Problemwort "schwul" von Umschlagseite und Website verbannt und mit dem voll aktuellen "queer" vertauscht hat, dann hätte man sich wenigstens dem "hegemonialen" Jargon unserer multigeschlechtlichen Kulturwissenschaftler angepasst. Stattdessen ein niedliches Sternchen, eher ein Blümchen, hinter dem nostalgischen "schwul".

Inzwischen ist das Blümchen/Sternchen auch schon wieder im Zuge der SMU-Einführung entsorgt, aber die Hoffnung wächst, mittels kreativer Namenskorrektur am immer noch anschwellenden Berlin-Touristenboom weiterhin partizipieren zu können und besonders die touristische Jugend ins Museum zu locken.

Ob ein guter Name neue Besuchergruppen anlocken kann, möchte ich bezweifeln. Marken wie Persil, Coca Cola, Tempotaschentücher oder Depeche Mode sind wohl kaum wegen ihrer bescheuerten Namen umsatzstark geworden, sondern eher trotzdem. Deshalb ist für die eingangs gestellte Frage total egal, wie das Museum heißt, LSBTTIQ wäre letztlich auch irgendwie okay, entscheidend ist auch hier, was am Ende hinten rauskommt. Und da konnte in der ewig ungelösten Frage nach dem Platz der lesbischen und der vielen anderen Sexualitäten jenseits der gewöhnlichen Heterosexualitäten in einem schwulen Museum ein schöner Fortschritt erzielt werden.

Öffnung als Erfolgsrezept


"Capri"-Herausgeber Manfred Herzer war 1971 Mitgründer der Homosexuellen Aktion Westberlin und unter dem Pseudonym Mimi Steglitz einer der Hauptkontrahenten im sogenannten Tuntenstreit

Dass eine solche Öffnung ein Erfolgsrezept sein kann, lehrt die Erfahrung der Museumsgründungsmütter in den goldenen 1980er-Jahren. Damals war es gelungen, den total normalen Direktor des Berlin-Museums in der Lindenstraße zu einer historischen Schwulenausstellung zu überreden. Jene Mütter, zu denen bald auch ich gehörte, machten sich Sorgen, ob sich wohl genügend Normalos für unser sehr abseitiges Tuntenthema interessieren würden. Der rettende Einfall kam von Käthe: Was reizt Heteros besonders und was könnte sie zur Überwindung ihrer angeborenen Scheu vor Homokram verführen? Käthes Antwort: Lesbensex.

Für diese geniale Idee kriegte sie von mir einen dicken Schmatz und ich telefonierte sofort mit meiner alten Freundin Ilse. Ilse war von dem Vorschlag sehr angetan und konnte einige ihrer Freundinnen zur Zusammenarbeit mit den Schwulis überreden. So kam es, dass am 26. Mai 1984 die Ausstellung "Eldorado" eröffnet und dem armen kleinen Berlin-Museum ein Besucher*innen-Rekod beschert wurde: "Eine der umstrittensten Ausstellungen, die jemals in Berlin gezeigt wurde, 'Eldorado ‒ Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Berlin 1850-1950' im Berlin-Museum, hat am Sonntag mit einem Besucherrekord ihre Pforten geschlossen", schrieb die alte Tante "Tagesspiegel" am 31. Juli.

In unsere Freude über den erfolgreichen Lesben-Coup fiel allerdings ein Wermutstropfen. Die Lesben wollten nur mit uns zusammenarbeiten, wenn wir ihnen eine strikte Zweiteilung der Ausstellung, eine separate Damenabteilung zusicherten, die sie vollkommene autonom gestalten durften ‒ statt der von uns erhofften Kooperation bloß eine friedliche Koexistenz. Dennoch blieb die Freude über das erfolgreiche Projekt.

Als Manfred Baumgardt vorschlug, "Eldorado" in Form eines schwulen Museums bis in alle Ewigkeit zu verlängern, stellte sich für jeden von uns die Gretchenfrage: Nun sag, wie hast du's mit den Lesben? Keiner hatte Lust, noch einmal mit ihnen zu telefonieren, und lesbischerseits wurde gleichfalls kein Interesse an Zusammenarbeit signalisiert. So kam es, dass das Schwule Museum sich in den nächsten Jahren im warmen Schoß der AHA gemütlich einrichtete; die Lesben in der AHA waren schon lange vorher ausgestiegen und hatten sich zur streng separatistischen lesbischen Gruppe L74 vereint.

Der nicht ganz so strenge lesbische Separatismus

Tatsächlich aber war der lesbische Separatismus nicht wirklich streng. So vermittelte mir beispielsweise die erwähnte Freundin Ilse ein unvergessliches Gespräch mit Hilde Radusch (1903-1994), einer ehemaligen Kommunistin und Freundin Richard Linserts, die mir unter anderem erzählte, dass sie sich selbst, genau wie die anderen Lesben im Berlin der Zwischenkriegszeit so selbstverständlich wie zur Zeit unseres Gesprächs als "schwul" bezeichnete.

Ebenso unvergesslich ist mir die vom L74-Mitglied Heidi Giesenbauer (1948-2007) vermittelte Bekanntschaft mit Charlotte Wolff, der ich beim Forschen für ihre Magnus-Hirschfeld-Biografie (1986 erschienen) behilflich sein konnte. Das Verhältnis des Schwulen Museums zur Welt der Berliner Lesben war also von Anfang an recht entspannt und aufgelockert.


Bei der Eröffnung der Ausstellung "750 warme Berliner" 1987 im Schwulen Museum (Bild: Manfred Baumgardt / Schwules Museum)

Der große Sprung nach vorn gelang jedoch sowohl in schwul-lesbischer wie in finanzieller Hinsicht sowie die Zeitgemäßheit betreffend am Beginn des 21. Jahrhunderts. Der schwule SPD-Politiker Klaus Wowereit wurde damals Regierender Bürgermeister und ließ das Schwule Museum nachhaltig subventionieren. Mit meinem Rücktritt vom Museumsvorstand konnte erstmals eine Lesbe in den Vorstand gewählt werden, und seitdem entwickelt sich das Verhältnis der beiden Hälften des Dritten Geschlechts in die richtige Richtung: hin zur Parität.

Was die anderen Gruppen in der LGBTIQ-Buchstabensuppe betrifft, so sehe ich für sie alle im Schwulen Museum vollkommene Barrierefreiheit, was die Möglichkeit einer Ausstellung und sonstiger Mitarbeit betrifft. Die Gruppe T, speziell für Transzendenz der traditionellen Grenzen zwischen M + W zuständig, war von Anfang an im Schwulen Museum vertreten. Ich erinnere mich an eine Ausstellung in den späten 80ern zur total ambiguen Ausdruckstänzerin Anita Berber und in der 97er-Ausstellung zum 100. Geburtstag der Schwulenbewegung wurde an alle Arten von historischen T-Personen erinnert, etwa an die Rockey-Twins / Dolly Sisters von 1930 und an viele andere mehr.

Das Schwule Museum wird gerade wegen dieser Offenheit noch lange Jahre zeitgemäß bleiben. Die Sorge einiger schwuler Herren der Schöpfung, sie würden bei dieser Offenheit irgendwie zu kurz kommen, ist nicht wirklich zu verstehen. Es sei denn, man erkennt in dem tapferen Ignorieren von Tante Magnesias 150. Geburtstag das Menetekel einer neuen Geschichtsvergessenheit der Museums-Führungskräfte.

Dieser Text von Manfred Herzer erschien zuerst in der neuen, 52. Ausgabe von "Capri". Die "Zeitschrift für schwule Geschichte" ist im Schwulen Museum sowie in der Buchhandlung Eisenherz in Berlin erhältlich. Mitglieder des Vereins der Freunde und Freundinnen eines Schwulen Museums erhalten sie kostenlos.



#1 schwarzerkater
  • 17.07.2018, 08:42h
  • ja, lasst uns doch einen amerikanischen namen für das museum finden, der aber auch inuit , frutarier und tierschützer mit einschliesst.
    allerdings bin ich dann auch dafür, dass alle, die mit billigfliegern nach gran canaria und co. reisen, die umwelt also bewusst schädigen, sich im titel des museums nicht willkommen fühlen.
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#2 sirenensangAnonym
  • 17.07.2018, 10:12h
  • Schöner Artikel, würde ich so teilen. Kleine Kritik: Das "T" steht nicht für "Transzendenz zwischen den Geschlechtern", die meisten "Ts" sind ziemlich fest eines der beiden Geschlechter.
    Trans =/= nonbinär. ;)
    Eine größere T-Inklusion wäre übrigens auch eine größere Inklusion von lesbischen und schwulen Ts.
    Da gibts schon eine Menge Schnittmengen (anders als mit Frutariern, sehr witzig, Mensch über mir (und mit "witzig" meine ich überflüssig und reaktionär).
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#3 Bazi-WatcherAnonym
#4 MischmaschAnonym
  • 17.07.2018, 11:26h
  • Selbstverständlich ist das Schwule Museum* zeitgemäß. Dafür sorgt ja der Stern.
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#5 Peter GoldrohrAnonym
  • 17.07.2018, 13:01h
  • Das Wort Schwul aus dem öffentlichen Raum zu tilgen, ist Homophobie.

    Eine besonders infame Form. Diese Vertreibung versteckt sich hinter fortschrittlich klingenden Phrasen wie Solidargemeinschaft, Abbau von Privilegien, Ich bin jetzt queer, nicht mehr schwul, Berlin-Touristenboom, Jugend voran,

    Dieses Exil ist infam, weil: "Wir schreiben 'schwul' erst einmal in die zweite Reihe und immer kleiner, bis es endlich ganz verschwunden ist".

    Es ist infam, weil diese Ausradierung von Schwul Feindschaft sät, wo Kooperation, Gemeinschaft und Solidarität längst Alltag sind.

    Ein Ort der Geschichte wie "Das Schwule Museum*" hat es verdient, diesen stolzen Namen "Schwul*" zu tragen bis aller Homo-Hass von dieser Erde verschwunden ist. Und die queere Community hat sich zu verneigen vor der Last, die schwule Männer in den letzten 100 Jahren für all jene getragen hat, die Sehnsucht nach Glück außerhalb der Heten-Administration umtrieb.

    Wie wär's mit einfach "Schwul*", wenn der Name des Museums nun mal künftig kurz und knackig sein muss.
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#6 userer
  • 17.07.2018, 14:14h
  • Schwule sind auch heute noch Angriffsziel Nr. 1 von Konservativen und Rechtsextremen. Ein Mann wäre anstelle von Alice Weidel in der AfD wohl niemals so weit nach oben gekommen.

    Wenn wir zulassen, dass nun das Wort "schwul" aus dem öffentlichen Raum wie sogar bei diesem Museum entfernt wird, führt das schlichtweg zu vermehrter Unsichtbarkeit. Das ist meines Erachtens der falsche Weg und brandgefährlich obendrein. Ganz abgesehen davon, dass trotz etlicher wunderbarer Frauen die homosexuelle Emanzipation in der Breite ganz überwiegend von schwulen Männern erkämpft wurde.
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#7 AuntieBiotic
#8 Peter GoldrohrAnonym
  • 17.07.2018, 16:47h
  • Eben erfahre ich, dass "Capri", die "Zeitschrift für schwule Geschichte", nicht im Schwulen Museum erhältlich ist, sondern nur in der Buchhandlung Eisenherz Berlin. Dort ist die Broschüre (also die Druckversion) in den letzten drei, vier Folgen vorrätig.

    Die Gesamtausgabe auf DVD-Disc von Nr. 1 bis Nr. 51 im PDF-Format kann ebenfalls bei Eisenherz (
    www.prinz-eisenherz.com/)
    erworben werden. Die DVD wird regelmäßig aktualisiert.

    Darüber hinaus kann die aktuelle DVD von derzeit Nr. 1 bis Nr. 52 über die E-Mail-Adresse capri@raunitz.de bestellt werden.
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#9 felix-cgnAnonym
  • 18.07.2018, 18:26h
  • Ob ein schwules Museum noch zeitgemäß ist, scheint mir nicht die Frage zu sein. Vielmehr ob dieses Museum eine falsche Ausrichtung hat, weil man allen gerecht werden will, und damit keinem.

    Begründung:
    Ich kenne mich nicht so gut mit den hochpolitischen Diskussionen im Raumschiff Berlin aus, auch was die LSBTIQ+Community betrífft. Deshalb nur meine einfache Sicht:

    Ich war heute zum ersten Mal im Schwulen Museum - und ich war leider sehr enttäuscht.

    Nachdem ich direkt nach dem Eingang gerne den Obulus von 7,50 Euro bezahlt hatte, ging ich rechts in die kleine Dauerausstellung, danach links in die Sonderausstellung zu RADIKAL-LESBISCH-FEMINISTISCH. Letztere ist gar nicht schlecht. Ich dachte, ich hätte nur den falschen Weg genommen und gleiche würde auch die Dauerausstellung weitergehen, vielleicht in einer weiteren Etage? Falsch gedacht.

    Das soll dann alles gewesen sein? In der Dauerausstellung wird man an einigen beschrifteten Fotos und Kunstwerken vorbei geführt. Thats it. Keine größeren Exponate o.ä. aus der Bewegung.

    Schon draußen vor dem Eingang ist es verstörend, wenn man von der Seite kommt, wie unscheinbar das Museum ist. Ein Aufsteller wirbt für smu, das versteht kein Mensch! Wie ich dem Artikel entnehme ist diese Abkürzung gewollt. Echt lächerlich und ziemlich befremdlich. Und rechts neben dem Eingang ist eine Mini-rainbowflag. Selbst beim meiner Dönerbude ist die Flagge an der Tür größer. Was soll das? Wo ist euer Stolz? Wo ist die riesige Regenbogenflagge am Haus? Nehmt euch doch mal Weltstädte der Community wie SF oder AMS zum Vorbild! Das ist echt peinlich und verstörend-ängstlich.

    Euer Engagement in allen Ehren, aber fragt ihr auch die Besuch*innen, was sie denken? Ich sprach nachher mit - zumeist internationalen - Besucher*innen und sie waren schon überrascht vom Niveau des Ganzen. Schulklassen mag man diese Qualität noch zumuten können, vielleicht mit guten Führungen. Ansonsten kann ich mich nur wundern, wie wenig zeitgemäße museumspädagogische Expertise in der Dauerausstellung steckt. Das macht mich echt traurig, denn ich glaube, dass Besucher*innen, die euch in 2018 besuchen, kommen niemals wieder zurückkehren werden. So wie ich. Schade!
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#10 herve64Ehemaliges Profil
  • 18.07.2018, 21:09h
  • Antwort auf #6 von userer
  • Und genau das ist der Grund, warum manN sich nicht jeglichen Strömungen gegenüber öffnen sollte bis zur Selbstaufgabe, sondern massiv SCHWUL auftreten sollte: wir sind SCHWUL, sprich: Männer, die mit Männern Sex haben wie immer der auch en detail aussieht und stolz darauf sind, NICHT in die Ehefalle von einigen Beutegeierinnen geraten sind, die sich nur an Männer heran schmeißen, um sich von ihnen schwängern zu lassen und sie dann mit dem Produkt daraus unter Druck setzen zu können, um sie als Zahldeppen, Gepäckträger und willige Lakaien erpressen und missbrauchen zu können!

    DAS ist es, worauf man als SCHWULER Mann stolz sein sollte: man hat sich nicht hinters Licht führen lassen. Alles Andere ist sekundär und marginal, aber den Spaß am Leben und dem Sex haben wir uns nicht verderben lassen.
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