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Kapitalisierung von Leiderfahrungen

Der Gegenschlag des schwulen weißen Cis-Mannes

Edouard Louis und Didier Eribon haben sich "Rederechte" und Zugang zu Ressourcen für privilegierte Mitglieder der LGBTI-Community neuerlich erstritten.


Szene aus dem Film "Marvin", der von Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy" inspiriert wurde

Schwule weiße Cis-Männer sollen doch endlich die Klappe halten und den Platz frei machen für andere – das ruft die queer-feministische Intersektionalitäts-Bewegung dieser privilegierten Männergruppe fortwährend entgegen. Durchaus verständlich: Damit nach Jahren, in denen weiße schwule Cis-Männer die LGBTI-Szene dominierten (so wie weiße Männer überhaupt die Welt dominieren), jetzt andere Buchstabenvertreter*innen ins Rampenlicht treten können, um ihre Geschichten zu erzählen bzw. ihre Version von bereits bekannten Geschichten.

Dieses Platzmachen für andere innerhalb der LGBTI-Welt ist keine Höflichkeitsaufforderung. Es geht neben Rederechten und Sichtbarkeit auch um Ressourcenverteilung. Besonders um staatliche Ressourcen in Form von Fördermitteln für Kunstprojekte, Forschung/Lehrstellen, Bildungseinrichtungen, Museen/Ausstellungen usw.

Doch was macht man*, wenn man* als schwuler weißer Cis-Mann in einem dieser Bereiche tätig ist, wenn einem aber nunmehr gesagt wird, dass die Stunde der "anderen" geschlagen habe und man deshalb keine Gelder mehr zugewiesen bekommen könne?

Doppelte Ausgrenzung schafft Sichtbarkeit

Der französische Philosoph Didier Eribon (Jahrgang 1953) hat auf diese Problemlage eine bemerkenswerte Antwort gefunden. Er veröffentlichte 2009 das Buch "Retour à Reims", das 2016 in der deutschen Queer-Szene einschlug wie eine Bombe unter dem Titel "Rückkehr nach Reims" (Suhrkamp Verlag).

In dieser "Rückkehr nach Reims" nimmt Eribon einen klassischen Aspekt der queer-feministischen Intersektionalitäts-Debatte auf und wendet ihn auf sich an: die Frage nach der sozialen Herkunft aus der "poverty class". Eribon ist damit doppelt (!) ausgegrenzt. Er musste die strukturelle Diskriminierung, die mit der "poverty class" einhergeht, überwinden und sich von der besonderen Homophobie in der Arbeiterklasse befreien, bevor er sein privilegiertes Leben als Professor an der Sourbonne beginnen konnte.

"Rückkehr nach Reims" ist ein spannendes Buch, sprachlich geschliffen formuliert. Damit hat sich Eribon in die queere Ressourcenverteilung zurückkatapultiert, denn zur Frage der sozialen Herkunft (auch der von weißen schwulen Cis-Männern) gibt es viel zu sagen.

"Rückkehr nach Reims" gibt's inzwischen auch als Theaterversion, womit sich über Tantiemen noch mal ganz andere Geldquellen eröffnen als über Buchverkäufe und Vortragshonorare.

Die "Schwuchtel" aus der Arbeiterklasse

Didier Eribon ist eng befreundet mit dem französischen Nachwuchsautor Édouard Louis (Jahrgang 1992), als Eddy Bellegueule ebenfalls in "poverty class"-Verhältnissen in Frankreich geboren und damit ebenfalls strukturell ausgeschlossen von einem privilegierten Leben. Auch Édouard Louis veröffentlichte einen Roman mit dem Titel "En finir avec Eddy Bellegueule", auf Deutsch 2015 erschienen als "Das Ende von Eddy" beim Fischer Verlag. Darin beschreibt Louis seine Kindheit als "Schwuchtel' in eben diesen Arbeiterklasse-Verhältnissen.

Damit hat auch Louis sich seinen Zugang zu Ressourcen geebnet, indem er seine strukturelle Leidenserfahrung in Worte kleidete und analysierte. Kurz nach seinem Debütroman legte Louis nach mit einem zweiten Buch, in dem er schildert, wie er vergewaltigt wurde von einem Mann aus der arabischen Welt. Sein Roman "Im Herzen der Gewalt" kreist um das damit verbundene Trauma, um Fragen der Islamophobie und um die Frage, wie seine Arbeiterklassefamilie mit dieser Vergewaltigung umgeht.

Auf der Intersektionalitäts-Skala ist Louis damit weiter nach oben gerutscht als Eribon es je vermochte. "Im Herzen der Gewalt" wurde unlängst an der Schaubühne Berlin als Theaterstück herausgebracht – ein Erfolg bei Kritikern und Publikum. Der "Tagesspiegel" schrieb: "Der Roman besitzt, wie meist bei den Franzosen, eine rhetorische Anlage, er lebt von den Stimmen, die das Echo einer schlimmen Nacht widergeben – von der Stimme des Autors, der von einer Vergewaltigung berichtet, von einer 'Nahtoderfahrung', wie ein Arzt sie ihm bescheinigt. Es handelt sich um eine Geschichte von Sex und Demütigung, Anziehung und Vorurteil, Rassismus und Klassenverhalten."

Louis bekam kurz nach der Theaterpremiere eine Gastprofessur an der FU Berlin am Peter-Szondi-Institut. Um über Gewalt und Nahtoderfahrung zu sprechen. Seit 2016 lehrte er auch am Dartmouth College in den USA. Beides hervorragend dotierte Stellen.

Eine Geschichte, die schon oft erzählt wurde

Und nun kam auch noch der Film "Marvin" ins Kino, in dem Regisseurin Anne Fontaine die Jugendgeschichte von Louis minimal variiert erzählt. Sie selbst sagt "inspiriert von", aber die Übereinstimmungen sind verblüffend.

Es ist ein schöner Film, ein leiser Film, ein intimer Film, mit tollen Darstellern, allen voran Jules Porier als kindlicher Marvin. Zugleich ist es eine recht banale Geschichte, weil das, was Marvin durchlebt – die Flucht aus einer erdrückenden Familiensituation in die Großstadt, wo der attraktive Teenager über Sexbekanntschaften Zugang zu einer alternativen und privilegierten Welt findet, in der er sich endlich entfalten kann – eine Geschichte ist, die schon oft erzählt wurde in vielen Coming-out-Romanen und Filmen. Nur dass der Fokus sonst eher auf dem Zielpunkt liegt, also dem erreichten neuen Leben, nicht auf der detaillierten Beschreibung der Herkunft.

Das Motiv der noblen Lehrerin, die ihren Zögling schließlich auf die rechte Bahn setzt und den Ausbruch ermöglicht, gegen alle familiären (und väterlichen) Widerstände, kennt man so ähnlich auch aus Filmen wie "Billy Eliott", wo es eine schwule kindliche Nebenfigur gibt, die sich in eine glamouröse Show-Welt träumt, um dem sozialen Umfeld zu entkommen.

Es ist ein Wegträumen, das dem jungen Marvin verwehrt ist, weil er nicht gelernt hat, wie das funktioniert. Er entwickelt nicht von selbst eine Fluchtstrategie, er ist passives Opfer der Verhältnisse. Bis ihm jemand den Ausweg zeigt. Und sich dann Isabelle Huppert höchstpersönlich seiner annimmt. Glück muss man haben. Oder sehr hübsch aussehen. Mit den richtigen Leuten schlafen. Und Bingo. (Auch das ist kein wirklich neues Narrativ.)

"Vollwertige" Geschichten nur mit Nahtoderfahrung?

Warum ist es trotzdem plötzlich topaktuell? Weil es zeitlos gültig ist und sich viele Menschen damit identifizieren können? Weil es den queer-feministischen Teil der Community, der stark über Leiderfahrung(en) argumentiert und sich definiert, daran erinnert, dass auch schwule weiße Cis-Männer intersektionale Analysen verdienen?

Man könnte sich für Édouard Louis und Didier Eribon freuen. Sie haben "Rederechte" und Zugang zu Ressourcen auch für weiße schwule Cis-Männer neuerlich möglich gemacht (falls sie jemals ganz verschlossen waren).

Aber sieht so wirklich die Zukunft aus: dass schwule weiße Cis-Männer nur noch dann öffentlich sprechen "dürfen", wenn sie "poverty class"-Aktivisten sind und/oder vergewaltigt wurden, von einem Mann aus dem arabischen/islamischen Kulturkreis? Sind ihre Geschichten nur dann "vollwertig", wenn sie mit Nahtoderfahrungen verbunden sind?



#1 goddamn liberalAnonym
  • 21.07.2018, 10:47h
  • Präzise Gesellschaftsanalyse beginnt mit einer präzisen Sprache, die auf die jeweilige Gesellschaft zutrifft, in der frau/man lebt.

    "Powerty class" ist hierzulande und in Frankreich das gute alte Proletariat bzw. Subproletariat.

    "Weiß" sind hierzulande im Gegensatz zu den USA eigentlich fast alle, die auf verschiedenen Seiten der 'interkulturellen' Fronten stehen. Die Gastarbeiter-Rentner-Väter meiner Freunde mit Migrationshintergrund auch. Und auch der georgischstämmige 'islamisch' frömmelnde Reaktionär Erdogan ist ein "weißer Cis-Mann", der sich augenscheinlich mit Trump. Putin und Orban prima versteht.

    Ich wurde als Arbeiterkind im Land des rosa Winkels geboren, als der Paragraf, der uns ins KZ brachte, noch galt (da können wiederum Franzosen nicht mitreden).

    Fazit: Privilegien sehen anders aus!
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#2 Anon4Anonym
  • 21.07.2018, 12:06h
  • "Schwule weiße Cis-Männer sollen doch endlich die Klappe halten und den Platz frei machen für andere das ruft die queer-feministische Intersektionalitäts-Bewegung dieser privilegierten Männergruppe fortwährend entgegen."

    Witzig ist, wenn diese Cis-Männer dann genau das machen, sich achselzuckend aus dem Diskurs zurückziehen und die Queer-Feminist*innen machen lassen, bekommen sie wiederum Schelte für Unsolidarität. Die Intersektionalitäts-Bewegung möchte eben nicht, dass die Cis-Männer "die Klappe halten", sondern sie sollen gefälligst ausschließlich genau das sagen, was Queer-Feministen aus ihrem Mund hören wollen.

    Ich habe das Gefühl, es wird leider zunehmend schwerer innerhalb der Community an einem Strang zu ziehen, weil man vermehrt ähnliche harsche Kritik "aus den eigenen Reihen" entgegengeworfen bekommt, wie man sie sonst eigentlich nur von außen kennt. Das macht die Geborgenheit kaputt, die die Community eigentlich ausmacht und die einen Rückzugsort gegen Hass schafft. Ich fürchte, es gibt nichtmal konkrete Schuldige, sondern die Gesamtsituation verändert sich einfach...
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#3 NielsAnonym
  • 21.07.2018, 12:28h
  • Es gibt wirklich nichts lächerlicheres und gefährlicheres zugleich als linke Oppression Olympics. Diese Ideologie, die "Weiße", Männer und Heteros alle in eine Schublade steckt, Hass gegen sie legitimiert und ihnen Grundrechte abspricht, ist der Hauptgrund für den Erfolg von Trump, AfD, Brexit und für den gesamten Rechtsrutsch im Westen.

    Die Welt wird nicht von "weißen" Männern dominiert. Unter den mächtigsten und berühmtesten Menschen auf der Welt gibt es massenhaft Frauen, "Schwarze", Asiaten, Latinos etc. Im Westen sind alle Ethnien und Geschlechter seit Jahrzehnten gleichberechtigt.

    Die Idee der Intersektionalität, das alle Diskriminierungsformen miteinander verbunden sind, sich überschneiden und nur zusammen bekämpft werden können, ist Blödsinn. Und es ist nahezu dreist, "weiße" Männer, die die überwältigende Mehrheit der Selbstmorde, Schulabbrecher, Obdachlosen, Unfalltoten in diesem Land ausmachen, generell als privilegiert darzustellen.
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#4 CynthEhemaliges Profil
  • 21.07.2018, 12:33h
  • Oh, wow, die Mehrheiten dieser Welt tun mir sooo leid.

    Dass das Argument das Gleiche ist, mit dem gefordert wird, dass man aufhören solle, sich um LGBT (inklusive G) zu kümmern, solange es Menschen auf der Welt gibt, die arm sind, fällt hoffentlich nicht nur mir auf.

    Na, ihr habt ja eure Ehe für alle. Ich schätze, damit sind nun alle relevanten Probleme gelöst und wir können die Buchstabensuppe auflösen und uns gemeinschaftlichen in den emanzipatorischen Ruhestand begeben.

    Also, ich mein, das mit dem Emanzipations-Ruhestand ist halt die zu erwartende Konsequenz der Idee: Arme Mehrheits-Menschen leiden trotzdem so sehr, dass ... ach, hört mir doch auf. Arme Angehörige von Minderheiten gibt's in anderen Teilen der Buchstabensuppe auch. Und dass Armut beispielsweise alleinerziehende Hetero-Frauen, aber vor allem auch Transsexuelle schneller und härter treffen dürfte als jeden schwulen Cis-Kerl, der sich auch bloß halbwegs diskret bzgl. Outing verhält, ist nun wirklich kein Geheimnis.
    Aber ist klar, wenn's ein weißer, schwuler Cis-Mann ist, der arm ist und mit Armut aufgewachsen ist, DANN ist das schlimm. So schlimm, dass alle anderen besser mal die Klappe halten, denn finanziell schlechtergestellte Feministinnen gibt's gar nicht.

    Ganz schön unsympathische Perspektive, die ihr hier vertretet. Aber abgezeichnet hat sich das ja schon bei dem Weidel-, äh, Wagenknecht-Fanbeitrag letztens.
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#5 TheDadProfil
  • 21.07.2018, 12:58hHannover
  • Antwort auf #1 von goddamn liberal
  • "" "Weiß" sind hierzulande im Gegensatz zu den USA eigentlich fast alle, die auf verschiedenen Seiten der 'interkulturellen' Fronten stehen. ""..

    Das seh ich nicht so, denn auch hier war schon immer der "Ausländer" vor allem dann Nicht-Weiß" wenn er aus einem so genanntem "anderem Kultur-Kreis" stammte, sei es der Arabische Raum, der Asiatische Raum, oder auch schon der Slawische Raum..

    ""Ich wurde als Arbeiterkind im Land des rosa Winkels geboren, als der Paragraf, der uns ins KZ brachte, noch galt (da können wiederum Franzosen nicht mitreden).""..

    Exakt..
    Deshalb haben ja auch Franzosen andere Erfahrungen..

    Die sich dann dennoch über die französische Kolonial-Geschichte mit den Erfahrungen der Deutschen decken..
    Und mindestens ähneln..
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#6 TheDadProfil
  • 21.07.2018, 13:06hHannover
  • Antwort auf #3 von Niels
  • ""Die Welt wird nicht von "weißen" Männern dominiert. Unter den mächtigsten und berühmtesten Menschen auf der Welt gibt es massenhaft Frauen, "Schwarze", Asiaten, Latinos etc. Im Westen sind alle Ethnien und Geschlechter seit Jahrzehnten gleichberechtigt.""..

    Für aus welcher Ethnie stammend denkt man eigentlich einen Namen wie
    Mark Zuckerberg" ?

    ""Die Idee der Intersektionalität, das alle Diskriminierungsformen miteinander verbunden sind, sich überschneiden und nur zusammen bekämpft werden können, ist Blödsinn.""..

    Wo genau ist dazu dann die Begründung ?

    "Das ist so, weil es so ist"
    ist nämlich keine..

    ""Und es ist nahezu dreist, "weiße" Männer, die die überwältigende Mehrheit der Selbstmorde, Schulabbrecher, Obdachlosen, Unfalltoten in diesem Land ausmachen, generell als privilegiert darzustellen.""..

    Ein kleiner Blick aus dem eigenem Schutzraum heraus könnte Dir helfen diese Aussage als Unsinn zu revidieren !

    Denn in den Todeszellen der US-Amerikanischen Gefängnisse sitzen zu über Zwei-Dritteln KEINE "Weißen" Männer ein, KEINE Frauen..

    Die Suizid-Raten von LGBTTIQ*-Menschen übertreffen in JEDEM Land der Erde die jeweiligen Suizid-Raten der jeweiligen Ethnien, denen man angehört..
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#7 OutAndProud
#8 Ith_Anonym
  • 21.07.2018, 13:27h
  • Klar, die armen, weißen Cis-Männer. Ihr tut mir so leid mit euren Weltuntergangsfantasien, sobald andere Leute auch mal Ansprüche stellen.
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#9 goddamn liberalAnonym
#10 MoonlightAnonym
  • 21.07.2018, 13:42h
  • Wieso wird der Film Moonlight nicht erwähnt? Weil dieser Film dann doch bereits eine gewisse Differenzierung notwendig macht und der dargebotenen Pauschalisierung des Artikels widerspricht?
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