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Mio Sugita

"Homosexuelle sind nicht produktiv und nicht normal"

In Japan hat eine homophobe Politikerin der Regierungspartei LDP eine hitzige Diskussion über Lesben und Schwule entfacht – sie zeigt, wie rückständig das Land bei LGBTI-Rechten ist.


Japans LGBTI-Community hat noch viel zu erkämpfen: Teilnehmer beim Tokyo Rainbow Pride (Bild: Lauren Anderson / flickr)

Eine japanische Unterhaus-Abgeordnete, die der regierenden nationalkonservativen Liberaldemokratische Partei (LDP) angehört, hat in ihrem Land mit einer Äußerung über Lesben und Schwule eine heftige Kontroverse ausgelöst. Wie erst kürzlich bekannt wurde, hatte Mio Sugita 2015 in einem ultrarechten Internetfernsehprogramm die Meinung vertreten, Steuergelder sollten auf gar keinen Fall dafür eingesetzt werden, homosexuelle Menschen zu unterstützen, weil diese "nicht produktiv" und "nicht normal" seien.

Ein polemischer Meinungsbeitrag in der August-Ausgabe der bekannten Monatszeitschrift "Shincho 45", in dem sie ebenfalls erklärt, Homosexuelle seien nicht produktiv und deshalb sei es zu bezweifeln, ob man lesbische und schwule Paare steuerlich fördern sollte, hat daraufhin den drei Jahre zurückliegenden Bericht viral in kürzester Zeit bekanntwerden lassen. Die Auseinandersetzung ist in großer Schärfe entbrannt, weil die extreme Position der Politikerin der in Japan seit Jahrzehnten dominierenden Partei LDP zeigt, wie weit die LGBTI-Community des Landes von gleichen Rechten nach wie vor entfernt ist – auch wenn Events wie der jährliche Tokyo Rainbow Pride immer mehr Teilnehmer anziehen.

Keine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare


Mio Sugita, Jahrgang 1967, ist Mitglied des japanischen Repräsentantenhauses Shūgiin (Bild: NEPUNET / wikipedia)

Anders als in Deutschland können sich homosexuelle Paare nach japanischen Familienrecht bislang nicht verheiraten, Hilfskonstruktionen wie eine eingetragene Partnerschaft gibt es in Japan auch nicht. Beim Erbrecht wurde gerade erst eine Chance auf Verbesserungen vertan. Denn ein Gutachten des Rechtsexperten Prof. Dr. jur. Ken Suzuki, der bei einer Anhörung dafür geworben hatte, homosexuellen Paaren als Ausgleich für die nicht mögliche Ehe einen Anspruch auf Ausgleich von Unterstützungsleistungen in der Partnerschaft einzuräumen und die Beschränkung auf Verwandte aufzuheben, fand keine Beachtung. Das Gutachten des renommierten Rechtsexperten der Meiji Universität in Tokio wurde einfach ignoriert.

Fortschritte gab es in den vergangenen Jahren allein vereinzelt auf kommunaler Ebene. So bemühten sich einige Kommunalverwaltungen und Gemeinderäte darum, Diskriminierungen gegen LGBT zu verringern. Lesben und Schwule können in einigen Städten oder teils auch nur Stadtbezirken ihre Partnerschaften zumindest von den Behörden besiegeln lassen.

Mit dem offiziellen Partnerschaftszertifikat ist die Hoffnung verbunden, dass sich beispielsweise die Wohnungssuche für homosexuelle Paare leichter gestaltet, weil es eine offizielle Dokumentation ihrer besonderen Verbundenheit gibt. Außerdem sollen gleichgeschlechtliche Lebenspartner auf diese Weise auch bei einem Besuch im Krankenhaus wie Familienmitglieder angesehen werden.

Über LGBTI-Rechte wird in Japan vor allem gelacht

Wie das Beispiel von Mio Sugita zeigt, sind allerdings auch diese eher zaghaften Reformen in der mehrheitlich sehr konservativen Gesellschaft Japans alles andere als unumstritten. Die Kritik der Politikerin geht über die Ablehnung von steuerlichen Erleichterungen schwul-lesbische Paare sogar noch weit hinaus und ist mit einer Ablehnung aller nicht heterosexuellen Orientierungen per se verbunden. In dem bereits angeführten Internetfernsehprogramm bekräftigte Mio Sugita, dass sie der Meinung sei, dass man sich grundsätzlich nicht für Homosexuelle einsetzen solle.

In einer Debattensendung wurde sie gefragt, ob sie ihre Meinung, eine Behandlung von LGBTI-Themen in der Schule sei überflüssig, auch nicht angesichts der Tatsache revidieren würde, dass die Selbstmordrate unter queeren Schülerinnen und Schülern sechsmal höher sei. Natürlich bleibe sie bei ihrer Meinung, hatte die Politikern unter dem Gelächter der Interviewer erklärt und ergänzt: Lehrer hätten schon jetzt mit Helikoptereltern und dem Zusammenhalt der Klassen genug zu tun. Außerdem: Wie sollten die wissen, wie man so etwas unterrichten solle und wäre es nicht auch problematisch, wenn die dann falsches Wissen vermittelten?

Twitter / kaedehatashima

Weiter erklärte die Politikerin mit Verweis auf ihre eigene Schulzeit in einer reinen Mädchenschule: "Damals hat man sich Liebesbriefe an die coolsten Klassenkameradinnen geschrieben und Tagebücher ausgetauscht mit den älteren coolen Schülerinnen. Aber wenn man dann älter wird, entwickelt man eine normale Liebesbeziehung mit einem Mann, heiratet und wird Mutter." Den Gedanken, homosexuelle Kinder in ihrem Anderssein zu bestätigen, lehnte die Abgeordnete unter Gelächter ab: "Es soll nicht anormal sein, wenn eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann? Mehr noch: Die sollen auch noch stolz darauf sein und selbstbewusst damit umgehen? Wenn wir homosexuelle Kinder wirklich so erziehen würden, dann könnten die später nie wieder an die eigentlich richtige Position im Leben zurückfinden."

Die Regierungsposition bleibt unklar

Wie ist diese Position einzuschätzen? Zur Einordnung gehört, dass die Abgeordnete zwar der für Japans Nachkriegsgeschichte überaus dominierenden derzeitigen Regierungspartei LDP angehört. Offizielle Regierungsposition ist diese Meinung allerdings nicht, auch wenn die Abgeordnete in einem zwischenzeitlich gelöschten Tweet behauptet hat, auch andere Politiker und sogar Minister im Kabinett seien in dieser Frage ihrer Meinung.

Dem gegenüber steht etwa ein Statement von Gaku Hashimoto, ebenfalls LDP-Politiker und Sohn des früheren Premierministers Ryutaro Hashimoto. Gegenüber der links-liberalen Tageszeitung "Asahi Shimbun" erklärte er, die Aussage von Mio Sugita stehe im Gegensatz zur gesamten Sozialpolitik Japans. Der nämlich müsse es darum gehen, Menschen dabei zu unterstützen, Probleme zu bewältigen. Am 27. Juli hatten Tausende Demonstranten vor dem Hauptquartier der Liberaldemokraten den Rücktritt Sugitas gefordert.



#1 JapanerinAnonym
  • 05.08.2018, 16:28h
  • Wie ähnlich doch die Argumente immer wieder sind.
    Dass Homosexuelle nicht "produktiv" sind, also etwa zum Erhalt der Geselschaft beitragen,
    dass man Kindern Homosexualität nicht erklären darf mit dem Ziel diese auch nicht mehr zu stigmatisieren, weil Kind dann nicht wieder auf den "richtigen" Weg zurückfinden kann (Stichwort : Homoheilung).
    Interessant fand ich, dass sie indirekt zugegeben hat Liebesbriefe an ihre beste Freundin geschrieben zu haben und vielleicht daraus auch die "Gefahr" ableitet, dass sie, hätte sie mit ihrer (zeitweisen) Homosexualität stolz umgehen können, vielleicht bei dieser Lebensweise geblieben wäre. Als (möglicher weise) Bisexuelle kann man auch viel einfacher die Freundin gegen einen Mann tauschen bzw. umgekehrt.
    Schade nur, dass man seine eigenen Vorbehalte dann auch immer auf andere Übertragen muss, insbesondere auf solche, die so ihr Glück gefunden haben.
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#2 lindener1966Profil
  • 05.08.2018, 18:14hHannover
  • Ich weiß nicht viel über japanische Kultur, aber ich dachte immer, dass Sexualität dort etwas weniger moralisch eingeengt wird als in christlichen Kulturen.
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#3 von_hinten_genommenAnonym
  • 05.08.2018, 21:59h
  • Antwort auf #2 von lindener1966
  • Leider nicht.
    Wenn du dort zum Beispiel Urlaub machen möchtest, dann lautet die Devise: Bermudahose die über die Knie reicht, sonst wird das andernfalls als etwas anrüchig betrachtet. Und solltest du dort in der Öffentlichkeit das Bedürfnis zu Küssen haben - pech, das musst du dann aushalten bis du wieder in deinen vier Wänden bist. Das wird nämlich in der Öffentlichkeit als zu offensichtlich und als zu unsittlich angesehen.

    In deinen eigenen vier Wänden kannst du es aber wieder so richtig krachen lassen. Und wenn du zufällig Hetero bist, kannst du dann auch kräftig darüber prahlen.

    Fazit: als LSBTTIQ ist es in Japan wirklich nicht so lustig :-/
    Hat sicherlich einiges mit den Regeln des Konfuzianismus zu tun. Darin ist Sitte und gutes Benehmen sehr strikt geregelt. Alles, was davon abweicht (sie betrachten LSBTTIQ als Abweichung), wird als falsch, unsittlich, oder unnormal betitelt. Und die Toleranz gegenüber LSBTTIQ hält sich grundsätzlich sehr stark in Grenzen wie der Artikel deutlich macht.
    Es kann durchaus passieren, dass du folgenden Satz hörst: "Ich hasse Lesben und Schwule nicht, aber ich denke, dass sie eine bestimmte Entwicklungsstörung haben."

    :-P Ich würde sagen, da gibt es einen Berg voll Nachholbedarf und Aufklärung :-/
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#4 AuntieBiotic
#5 viking329Anonym
  • 05.08.2018, 23:51h
  • Antwort auf #3 von von_hinten_genommen
  • "Und solltest du dort in der Öffentlichkeit das Bedürfnis zu Küssen haben - pech, das musst du dann aushalten bis du wieder in deinen vier Wänden bist."

    Der gleiche Maßstab wird dort aber auch seit eh und je an Heteros gelegt.

    Trotz aller rechtlichen und gesellschaftlichen Nachteile als LGBTQ in Japan und da gibt es enormen Nachholbedarf ist man dort als solcher immer noch sicherer als auf den Straßen Deutschlands.
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#6 Gerlinde24Profil
  • 06.08.2018, 00:58hBerlin
  • Nicht produktiv? Nicht normal? Göttin, schmeiß viel Hirn auf Japan runter, da wird grad ne Menge gebraucht!!!
    Viele Filme, Bücher, Musikstücke, sind von Menschen erfunden worden, die zur Gemeinschaft gehören. Was wäre die Welt ohne Dirk Bogarde, Roland Emmerich, Selma Lagerlöf, Walt Whitman, Audrey Lorde oder Alice Walker? Oder ohne die Kunst von Leonardo da Vinci, Christian Dior und Michelangelo? Ein wahrhaft armer Ort! Sie machten die Welt schöner und besser.
    Und sie waren und sind so normal, wie man das in einer verrückten Welt nur sein kann!
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#7 Alexander_FAnonym
  • 06.08.2018, 04:11h
  • Antwort auf #2 von lindener1966
  • Es ist wie in vielen Ländern, die nicht von monotheistischen Religionen beeinflusst sind: dass es keine heiligen Bücher gibt, in denen wir als die schlimmsten Sünder noch vor Mördern genannt werden, die unbedingt gesteinigt und verbrannt werden müssen, heißt eben auch nicht automatisch, dass wir gleichberechtigt sind, nur traditionell eher geduldet werden; geduldet im Sinne von nicht mit mörderischem Eifer umgebracht, aber trotzdem geächtet. In Ländern wie China, Vietnam oder Indien (bis zur Reetablierung der Gesetze aus der Kolonialzeit) sieht die Sache soweit ich es weiß kaum anders aus.

    Ansonsten ist aber gerade Japan ein Land, in dem Werte wie die klassische Familie und überhaupt das Kollektiv schon sehr hochgehalten werden. Da passt unsereiner eben auch nicht so perfekt rein.
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#8 AFD-WatchAnonym
  • 06.08.2018, 06:28h
  • Natürlich hält sich die Politikerin an ihre eigenen Maßstäbe und ist so produktiv, dass sie 20 Kinder und noch nie Sex nur zum Spaß hatte. Oder etwa doch?
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#9 Homonklin44Profil
  • 06.08.2018, 10:29hTauroa Point
  • Auch eine hohe technische Weiterentwicklung zieht die mentale nicht unbedingt überall mit - es gibt sie überall, die kopfmäßig Zurückgebliebenen, die sich einer differenzierteren Weltbetrachtung verweigern, und auf althergebrachten Normvorstellungen im Kreis fahren.

    Von Japanern hätte ich es erwartet, dass die biologisch und psychologisch weiter im Kopf wären - so kann man irren. Die traditiven Vorstellungen sind da anscheinend auch bei manchen so zementiert, dass noch nicht mal die täglichen Erdbeben was dran rütteln können. Dafür hat man dann Häuser gebaut, die darauf flexibel reagieren, anstatt die grauen Zellen mal ein bisserl zu bewegen.
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#10 StreunerAnonym
  • 06.08.2018, 11:41h
  • Die..nimmt sich also einfach mal das Recht heraus zu bestimmen, was für jeden "richtig" zu sein hat.

    Wow.

    Das ist Arroganz in Reinform. Gratulation!
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