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Kino-Tipp

Keinen Steifen bei Caravaggio! Was tun?

Jetzt in der Queerfilmnacht: "Postcards from London" über den gefragtesten Edel-Escort von Soho ist ein avantgardistischer Arthausfilm mit beträchtlichem Schauvergnügen.


Das hübsche Landei Jim (Harris Dickinson) wird in London zum High-Class-Searbeiter ausgebildet (Bild: Edition Salzgeber)

Der wunderschöne Jim (Harris Dickinson aus "Beach Rats") hat sich als Landei nach London aufgemacht. Er will dort in die "Welt der Geheimnisse und Möglichkeiten" eintauchen, strandet aber im Rotlichtviertel Soho. Im Film eine artifizielle Welt verwinkelter Gassen, nur erhellt von den Neonreklamen der einschlägigen Etablissements.

Der naive Jim wird ausgeraubt und schläft bald auf der Straße. Dort sticht seine Schönheit den "Raconteurs", den Geschichtenerzählern, ins Auge: "Er ist jung, stark und hat das Gesicht eines Engels." Die Jungs sind schwule High-Class-Escorts, die sich auf gepflegte Unterhaltung post coitus spezialisiert haben. Fachgebiet: Kunstgeschichte. Sie holen Jim von der Straße und bilden ihn aus.

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Lektionen über Wilde, Genet und Pasolini


Poster zum Film: "Postcards from London" läuft im August in der Queerfilmnaht

Er lernt Goya von Gaugin zu unterscheiden und Fritz Lang von Rainer Werner Fassbinder. Die restlichen Lektionen beziehen sich auf queere Ikonen wie Oscar Wilde, Francois Bacon, Jean Genet und Pier Paolo Pasolini. Jims Abschlussprüfung besteht in der Frage: "Der Freier bekommt keinen Steifen von den hübschen Jungs bei Caravaggio. Was tun?" Jim schlägt ein dunkleres Werk des frühbarocken Enfant terrible vor, die "Die Geißelung Christi" zum Beispiel. Er besteht das Examen und darf auf eine Schachtel Kondome seinen Berufseid schwören.

Bald ist Jim der gefragteste Escort von Soho. Auch berühmte Künstler buchen ihn als Muse. Seinem beruflichen Erfolg als Sexarbeiter trübt nur eine Winzigkeit: Jim ist zu sensibel. "Mit Sex komme ich klar, aber die Kunst macht mich fertig", sagt er. Beim Anblick "echter" Kunst beginnt er zu zittern, fällt in Ohnmacht und findet sich in der Pose der meist barocken Gemälde wieder. Lange wird Jim diesen Job wohl nicht nachgehen können…


Ausstattung und Kostüme sind zeitlos exquisit (Bild: Edition Salzgeber)

Steve McLeans zweiter Film nach 24 Jahren

Regisseur Steve McLean liefert nach seinem Debüt "Postcards from America" von 1994 erst jetzt seinen zweiten Film. Der eifert in seiner Theaterhaftigkeit "Querelle" von Rainer Werner Fassbinder nach und in seinen launigen Anachronismen dem Werk von Derek Jarman. Reizvoll, wie McLean über den Topos "Smalltown Boy landet in der Großstadtgosse und verkauft seinen Körper" die Folie der Kunstgeschichte stülpt. Das Ergebnis ist kunstvoll, aber vor allem schräg. Die Dialoge hören sich oft ironisch an, wirken aber manchmal geistreicher gemeint als sie letztlich ausfallen.

Aber wir sind ja auch zum Schauen da. Ausstattung und Kostüme sind zeitlos exquisit. Die vielen kunsthistorischen Anspielungen, die sich entdecken lassen, bereiten Spaß – ebenso die Nachstellungen der einzelnen Gemälde mit dem Ensemble. Der größte Hingucker ist Harris Dickinson. Interessiert begleiten wir seinen Jim durch das verruchte Soho und wie er so etwas wie erste Liebe, dann Ausbeutung und am Ende Ernüchterung erlebt. Die Kamera liebt ihn und wir ahnen, dass noch Großes auf Harris Dickinson wartet.

Ohnmacht vor beeindruckender Kunst soll es übrigens geben. Nennt sich Stendhal-Syndrom nach dem französischen Schriftsteller. Daran leiden wir doch alle ein bisschen, wenn uns geballte Schönheit den Atem verschlägt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Postcards from London. Spielfilm. Großbritannien 2018. Regie: Steve McLean. Darsteller: Harris Dickinson, Jonah Hauer-King, Richard Durden, Alessandro Cimadamore, Leonardo Salerni, Leemore Marrett Jr, Ben Cura, Raphael Desprez, Leo Hatton, Shaun Aylward, Rhys Yates, Bernardo Santos. Laufzeit: 89 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Im August 2018 in der Queerfilmnacht.