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Anti-Gender-Gaga
Professor: Homophobie-Vorwürfe sind Zeichen frühkindlicher Störung
Die "Initiative Familienschutz" des Ehepaars von Storch deutet mal wieder die Welt um. Müssen LGBTI-Aktivisten und Regenbogenfamilien jetzt zum Psychiater?

Der aktuelle Beitrag auf der Seite der "Initiative Familienschutz", bei der der Kampf für die Ehe für alle oder Regenbogenfamilien oft als Kampf gegen die Familie gesehen wird
- Von Norbert Blech
23. August 2018, 15:38h 4 Min.
Die "Gender-Ideologie" führe zu einer "Gleichschaltung der Gesellschaft", in der etwa durch "Umerziehung" und "Früsexualisierung" der "Familienzusammenhang zerstört" und "eine willenlose Masse von psychisch schwerst Geschädigten" geformt werde, "die jedes Staatswesen zerstören werden". Das ist nur eine von gleich mehreren gewagten Thesen, die Prof. Dr. med. Hans Sachs seit diesem Donnerstag auf der Webseite der "Initiative Familienschutz" vertritt.
Dieses christlich-fundamentalistische Projekt ist – neben dem ebenfalls LGBTI-feindlichen Nachrichtenportal "Freie Welt" – Teil des Berliner Vereins Zivile Koalition, ein Kampagnennetzwerk der AfD-Politikerin Beatrix von Storch und ihres Ehemanns Sven. In dem Interview auf ihrer Webseite zitiert die Initiative mehrere kritische Kommentare zu ihrer Ablehnung der Ehe für alle (bzw. zur Befürwortung der "staatserhaltenden Bedeutung der Ehe von Mann und Frau im Gegensatz zu anderen Beziehungsformen") und betont: "Woher kommt dieser Furor des Beleidigten, der selbst die schlichtesten Tatsachen unserer Entwicklungsgeschichte als Herabsetzung, gar als homphob empfindet?"

Wenn die "Initiative Familienschutz" eine Frage formuliert…
Nach längeren Ausführungen über Bindungstheorie, Abwehrmechanismen, Mutterentzug und Rachegefühlen belehrt uns Sachs, dass manche Menschen mangels Aufklärung durch die Mutter die Welt später nur in Gut und Böse einteilten und nicht kompromissfähig seien. Ein solcher Mensch habe "enorme Selbstwertprobleme und hofiert gern polarisierende Ideologien." Das wird die von der Initiative zitierte Mutter zweier Kinder, die diese mit ihrer Ehefrau aufzieht, sicher gerne hören.
Sachs setzt zudem zu einer weiteren Erklärung an: "Die hasserfüllte Argumentation bei Diskussionen ist in der überwiegenden Zahl der Fälle das sichere Kennzeichen einer schweren frühen Störung wie dies genannt wird, also ein klägliches Versagen der Mutter in der Betreuung ihres Kindes in den ersten drei Lebensjahren oder ihr völliges Fehlen." Wut und Hass auf die eigenen Eltern würden übertragen auf die Außenwelt, so der Professor.
"Das homophobe Gefühl ist nur eine Verkleidung dieser Fakten, die unbewusst sind und bleiben, wie Freud uns gelehrt hat, und auch nicht bewusst gemacht werden können im Einzelfall. Wer geschlagen wurde, schlägt zurück. Das heißt, die schallende Ohrfeige ist eine leidvolle Kleinkinderfahrung, die in der Realität an anderen wiederholt wird."
Wenn der promiskuitive Homosexuelle, der den abwesenden Vater sucht, Vater wird
Sachs, laut der Webseite "Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Psychotherapeut i.R." sowie Autor des im letzten Jahr erschienenen, vermutlich haarsträubenden Buches "Freud und der Gender-Plan", wird von der "Initiative Familienschutz" auch gefragt, ob Kinder in Regenbogenfamilien genauso gut aufwachsen wie Kinder in Vater-Mutter-Familien – Anlass der Frage sei, dass politische Akteure sich bemühten, "instinktive Bedenken in der Bevölkerung gegen homosexuelle Elternschaft mittels Studien zu zerstreuen".
Darauf wolle er "nicht mit Ja oder Nein" antworten, so der Professor, zumal er auf die Frage, "wie zu Homosexualität in den Familien erzogen wird oder zu Lesbentum", schon in seinem Buch eingegangen sei. Bindungsmuster zwischen Eltern und Kindern würden jedenfalls auf die nächste Generation weitergegeben. "Die Promiskuität vieler Homosexueller legt nahe, dass sie ihren Vatermangel noch immer in einer Suche nach einem liebevoller Vater auszugleichen versuchen, was manchmal auch gelingt. Ich kann nur das weitergeben an mein Kind, was ich selbst erhalten habe. Wenn ich zu wenig bekommen habe, gebe ich zu wenig weiter."
Das klingt nach Thesen aus der Szene der Homo-"Heiler", das klingt nach "Marcel" bei der ursprünglich von der "Initiative Familienschutz" organisierten "Demo für alle", nur ein wenig weitergesponnen: Will er sagen, dass wer homosexuell ist, weil er einen abwesenden Vater hatte, in Folge gegenüber seinem Kind abwesend sein werde? Zumindest scheint er nicht zu glauben, dass Homosexuelle Kinder lieben und erziehen können: "Gleichgültig ist etwas, das Gleichgültigkeit beansprucht und auch hat per Gesetz neuerdings. Gleichgültigkeit ist aber das Gegenteil von Liebe, die dann fehlt, ohne die aber Kindeserziehung nicht gelingen kann. Was keinen Erfolg bringt, wird aber von den Beteiligten früher oder später wieder aufgegeben."

In Broschüren wie dieser fordert die "Initiative Familienschutz" unter anderem, "staatliche Propaganda für 'sexuelle Orientierungen' oder 'Lebensformen' sofort zu beenden" (queer.de berichtete). In einer anderen heißt es zur Ehe für alle: "Der Begriff der Ehe wird zugunsten einer Minderheit gekapert, um ihn seiner Bedeutung zu berauben."
Befragt, was er sich für die Zukunft wünsche, meint Sachs unter anderem: "Familienzerstörung wird von Menschen betrieben, die selbst eine furchtbare Kindheit hatten, dies aber – wie Freud lehrte – nicht wissen und aus unbewusstem Antrieb ihr als Kind Erlebtes wiederholen (Wiederholungszwang). Recht und Aufklärung müssen dem entgegengesetzt werden."
Man wünschte, er bespreche diese Gedanken mit einem Psychiater – und nicht mit Vertretern einer Bewegung und Partei, die inzwischen im Bundestag sitzt und bereits angekündigt hat, die Ehe für alle – wohl als ersten Schritt – wieder abzuschaffen.
Mehr zum Thema:
» Storch-Portal: Homosexuelle sollten auf Sex verzichten (19.07.2018)















Und ganz abgesehen davon würde ich gerne die empirischen Studien sehen, aus denen er seine Schlüsse zieht.