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Homosexualität im Film

Hitchcocks schwules Mörderpaar

Alfred Hitchcocks Krimi "Cocktail für eine Leiche" wird 70 Jahre alt. Der Klassiker ist ein Beleg dafür, dass sich Homosexualität im Film schon 1948 nicht komplett totschweigen ließ.


Das Liebespaar Philip (Farley Granger) und Brandon (John Dall) stranguliert im gemeinsamen Apartment einen ehemaligen Klassenkameraden (Bild: Transatlantic Pictures)

Vor genau 70 Jahren – am 26. August 1948 – wurde der Film "Rope" bzw. "Cocktail für eine Leiche" uraufgeführt. Er bietet immer noch breiten Diskussionsstoff – von der Rolle im Oeuvre des Kult-Regisseurs Alfred Hitchcock über die Bedeutung als dessen erster Farbfilm bis zum Experiment, einen Film ohne einen erkennbaren Schnitt zu inszenieren.

Vordergründig hat dieser Film nichts mit Homosexualität zu tun, sondern behandelt einen gemeinschaftlich begangenen Mord von zwei Studenten. Dass es sich bei den Tätern um ein schwules Paar handelt, durfte aufgrund der damaligen Zensurbestimmungen nicht deutlich werden. Gibt es dennoch Anzeichen von Homosexualität, die sich im Film finden?

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Hintergründe


Original-Filmplakat aus dem Jahr 1948

Der Film basiert auf dem Theaterstück "Rope" bzw. "Party für eine Leiche" von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1929. Schon hier finden sich einige Formulierungen, die als dezente Hinweise auf Homosexualität gedeutet werden, wie die Beschreibung der dandyhaften Figur Rupert Cadell, der als affektiert und "fast feminin" beschrieben wird.

Das Theaterstück war offenbar vom realen Mordfall Leopold und Loeb inspiriert: Die beiden wohlhabenden Studenten Nathan Leopold Junior und Richard Loeb waren ein schwules Liebespaar und hatten 1924 den 14-jährigen Bobby Franks ermordet. Ihre Tat war hauptsächlich durch ihren Ehrgeiz motiviert, das perfekte Verbrechen zu begehen.

Schon 1981 hatte Vito Russo in seinem Buch "Celluloid Closet" darauf hingewiesen, dass aus der ursprünglichen Drehbuchfassung von Arthur Laurent für Hitchcock die Anrede "dear boy" ("lieber Junge") gestrichen wurde, um die latente Homosexualität der Protagonisten zu verbergen. Zum anderen dokumentierte er auch ein Filmplakat von "Rope" mit der Aufschrift "The most excitement-filled love story ever told" ("Die aufregendste Liebesgeschichte, die je erzählt wurde"). Mit dieser "Liebesgeschichte" war die von Leopold und Loeb gemeint.

Für die Rollen des Männerpaares waren zunächst Cary Grant und Montgomery Clift vorgesehen. Laut Drehbuchregisseur Arthur Laurent lehnte Grant wegen der homosexuellen Bezüge ab, die Besetzung mit Clift wurde aufgrund des offenen Geheimnisses seiner Homosexualität und der damit womöglich einhergehenden zu großen Verdeutlichung des homosexuellen Aspektes verworfen.

Schließlich übernahm John Dall die Rolle des eher maskulinen Brandon Shaw. Bei der Besetzung von Farley Granger als femininer und sensibler Phillip Morgan ist es zumindest möglich, dass dessen Bisexualität eine Rolle spielte, von der die Öffentlichkeit jedoch erst 60 Jahre später durch seine Autobiografie erfuhr. In "Cocktail für eine Leiche" ist auch der damals schon erfolgreiche Filmstar James Stewart zu sehen. Die von ihm verkörperte Figur des Rupert Cadell sollte entsprechend der literarischen Vorlage eigentlich affektiert und fast feminin sein, was aber noch nicht einmal ansatzweise umgesetzt wurde.

Filmszenen und Titel


Alfred Hitchcock im Jahr 1956 (Bild: Fred Palumbo / wikipedia)

Der Film selbst bietet einige schwule Andeutungen. In den ersten Minuten wird die Erdrosselung von David durch Brandon und Phillip gezeigt. Dabei wird eine Parallelisierung von einem Mord mit einem Sexualakt vorgenommen: Das schwere Stöhnen der beiden Männer, die Bitte, das Licht ausgeschaltet zu lassen, die (postkoitale) Zigarette und die zugezogenen Vorhänge. Zu dieser Parallelisierung gehört auch die etwas später gestellte Frage "Was hast Du eigentlich empfunden?" (8:30 Min). Eine solche Gleichsetzung von Mord und schwulem Sex wäre heute unvorstellbar: Der Film erschien jedoch zu einer Zeit, in der beide Handlungen nicht nur Straftaten waren, sondern für viele Menschen auch strafwürdige Verbrechen darstellten.

Nach dem Mord verstecken Brandon und Phillip die Leiche des toten David in einer Truhe und geben eine Party. Auf der Truhe mit dem toten David bereiten beide das Buffet für die Gäste an. Bei einem beiläufig anmutenden Gespräch während der anschließenden Party wird erzählt, dass Phillip kein Hühnchen mag. Janet Walker – eine ihrer Gäste – betont, wie merkwürdig sie dies findet: Im Gegensatz zur deutschen Synchronisation "Das verstehe ich nicht", lässt einen die Originalfassung mit "How queer?" schon eher aufhorchen. Mit der Betonung, dass Phillip früher Hühnchen sogar den Hals umgedreht hat, wird zum einen die Parallele zum Mord deutlich (OF: ab 33:20 Min; dt. Fassung ab 32:00). Zum anderen ist es aber auch ein Dialog, der von seiner umgangssprachlichen Doppeldeutigkeit lebt: Im englischen werden mit "chicken" (="Hühnchen") umgangssprachlich auch junge Schwule bezeichnet, und mit "choking the chicken" ist auch Onanieren gemeint. Es sind Anspielungen, die bei der Synchronisation verloren gingen.

Das Wort "Cocktail" im deutschen Filmtitel irritiert, weil im ganzen Film kein einziger Cocktail, sondern nur Champagner getrunken wird. Dass man den Titel der literarischen Vorlage "Party für eine Leiche" nicht übernehmen wollte, hängt vielleicht damit zusammen, dass das Wort "Cocktail" eine besondere Signalkraft hat. Zumindest in den USA ist es üblich, "Cocktail" als bewusste sexuelle Anspielungen einzusetzen, das vermutlich auf der Zusammensetzung von "cock" (Hahn bzw. Penis) und "tail" (Tierschwanz) basiert.

Im Film wird drei Mal erwähnt, dass sich das Telefon im Schlafzimmer befindet, was bedeutet, dass es in diesem Haushalt nur ein Schlafzimmer gibt. Beide Männer wohnen zusammen, was durch das zugrunde liegende Theaterstück und einen Kommentar der Haushälterin deutlich wird. Es bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen, was dies über das Verhältnis der beiden Männer aussagt.

Sekundärliteratur

Auf diese und ähnliche homosexuellen Andeutungen geht auch D.A. Miller in seinem Aufsatz "Anal Rope" aus dem Jahr 1991 ein. Der Titel des Aufsatzes verbindet als Wortspiel die englische Bezeichnung für eine anale Vergewaltigung ("Anal Rape") mit dem Filmtitel "Rope". Zu den spannenden Hintergrundinformationen gehört auch ein Briefwechsel von Hitchcock über "two young homosexuals", was das Wissen um die homosexuelle Verbindung verdeutlicht.

Die Grenze zwischen legitimer Interpretation und illegitimer Überinterpretation sind – wie so oft – fließend. Überinterpretiert finde ich etwa seine Äußerung, auch den Schwenk über die Rücken der Protagonisten ("Backside") im Gesamtkontext des Films mit Homosexualität in Verbindung zu bringen. Ich sehe hier nur eine Möglichkeit des unauffälligen Filmschnitts.

Auch in diesem Film setzt Hitchcock gekonnt unterschiedliche symbolische Motive ein, wozu u.a. Phillips blutenden Hände und musikalische bzw. religiöse Symbole gehören. Als überinterpretiert erscheint mir die Äußerung von Jean Boullet, der in "Erotische Symbole" (1967) zu den im Film sichtbaren Wolkenkratzern betont, dass diese "ganz und gar auf dieser [phallischen] Symbolik" basieren. Die Skyline von Manhattan, auf die Boullet hier Bezug nimmt, ist zwar tatsächlich ein Symbol, in dieser Form der Inszenierung jedoch eher für die Anonymität und emotionale Kälte einer Großstadt.


Deutsches Aushangplakat zum Film

Weitere Adaptionen

Dieser Fall von einem perfekt erscheinenden Mord mit einem realen schwulen Hintergrund hat nach dem Film von Hitchcock auch noch andere Regisseure für eine Filmproduktion gereizt. Die zweite Verfilmung als "Der Zwang zum Bösen" (USA, 1959) ist wie Hitchcocks Film in der homosexuellen Thematik vergleichbar dezent. Wenn der Zuschauer weiß, dass der Film von zwei schwulen Mördern handelt, kann er in dem Gespräch zwischen den Angeklagten und ihrem Verteidiger (Orson Welles) über etwas "Unrechtes" oder "Negatives" in deren Freundschaft einen dezenten Hinweis auf ihre Homosexualität erkennen.

Am Anfang des Films ist zudem die Rede von einem gemeinsamen "Abkommen" der beiden Männer. Nach dem zugrundeliegenden Roman "Zwang" von Meyer Levin bestand dieses "Abkommen" darin, dass Joshua Steiner (Leopold) seinem dominanten Freund Artie Strauss (Loeb) bei gemeinsamen Verbrechen gehorchen musste. Im Gegenzug dazu gab er sich Joshua sexuell passiv hin.

Einige Jahrzehnte später benennt Regisseur Tom Kalin in seinem Film "Swoon" (USA, 1992) erstmals in einem Film deutlich den homosexuellen Hintergrund. Auch er stellt den Analverkehr als Leopolds "Belohnung" dar, wird nun aber deutlicher. Nach einer gemeinsamen Straftat dreht sich Loeb auf den Bauch und sagt: "Ich nehme an, du willst jetzt ausgezahlt werden".

Nach dem historischen Fall von Leopold und Loeb entstanden auch einige Theateradaptionen. Auch die (heterosexuelle) Verfilmung "Mord nach Plan" wurde durch den Fall inspiriert.

Fazit

Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" bleibt die bekannteste Adaption des Stoffes über das Mörderpaar Leopold und Loeb, mit dem sich u.a. Aspekte wie die Gleichsetzung von Schwulen mit Kriminellen dokumentieren lassen. Homosexualität unterlag zu dieser Zeit der Filmzensur (Hays Code) und war ein gesellschaftliches Tabu. Während andere Regisseure Homosexualität meistens verschwiegen, wird dies von Hitchcock dezent angedeutet und vorsichtig inszeniert.

Man kann es auch anders ausdrücken: Nach 70 Jahren ist der Film ein Beleg dafür, dass sich Homosexualität nicht totschweigen lässt, sondern dass sich Auseinandersetzungen mit schwulen Biografien auch in Filmen finden lassen, die heute zu den wichtigen filmischen Zeitdokumenten gehören.

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#1 IngoAnonym
#2 TommmyAnonym
#3 Patroklos
  • 25.08.2018, 12:58h
  • "Cocktail für eine Leiche" ist ein Kultfilm und einer meiner Lieblingsfilme von Hitchcock neben "Der Mann, der zuviel wußte" und "Die Vögel".
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#4 Ralph
  • 25.08.2018, 13:14h
  • Ich habe den Film zweimal gesehen, und ich habe darin keinen Hauch einer Andeutung gefunden, dass da wer schwul sein könnte. Zwischen beiden Malen hörte ich in einer Fernsehsendung über Hitchckock, dass es sich bei den Mördern um "zwei homosexuelle Freunde" handeln solle. Also passte ich beim zweiten Mal auf wie ein Schießhund, um jede noch so kleine Andeutung zu finden. Ist aber keine drin. Es sind einfach nur zwei Studenten und zwei Mörder. Falls die Vorlage den Verdacht hergibt, dass die beiden schwul sein könnten, und falls man deshalb uns heute nicht mehr wahrnehmbare Andeutungen ins Drehbuch eingebaut hat, zeigt das allerdings nur, dass wenn Schwule in einem großen Film jener Zeit vorkommen, sie das allenfalls als extrem negative Figuren tun (hier: Mörder).
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#5 antosProfil
  • 25.08.2018, 13:14hBonn
  • Erwin, Du setzt mit deinen Artikeln - wie man so sagt - ganz neue Maßstäbe hier auf queer.de. Bleib dabei!
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#6 Ralph
  • 25.08.2018, 13:26h
  • Antwort auf #5 von antos
  • Oh ja. Obwohl ich wie gesagt im Film nichts Schwules finden konnte, ist der Artikel darüber inhaltlich und sprachlich erste Qualität. Keinen Cocktail, aber einen Champagner möchte ich auf den Autor trinken.
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#7 paulsenftenbergAnonym
  • 25.08.2018, 15:18h
  • wer weiteres zu diesem film und thema lesen möchte - er ist einer der 88 streifen, die in meinem buch "gay movie moments" behandelt werden!
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#8 LotiAnonym
  • 25.08.2018, 15:46h
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • Habe diesen Film mehrfach gesehen, allerdings immer die Deutschfassung. Dabei ist mir auch nicht aufgefallen, was auf ein Schwules Paar hindeutet.
    Aber nachdem ich diesen tollen Artikel gelesen habe, schaue ich mir den Film nochmal aber in Original an.
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#9 andreAnonym
  • 25.08.2018, 17:36h
  • Antwort auf #4 von Ralph
  • 2 mal angeschaut auf Youtube, denn den Film gibts dort in deutsch und voller Länge. Also gut, überflogen. Mir zu langweilig. Auch nichts Schwules gefunden. Man kann natürlich viel hinein interpretieren. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Weiß nicht, ob glatte Haut und ordentlich Pomade im Haar, schon schwul ist.
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#10 g-mucAnonym