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- 27. Juli 2005 6 Min.
Eine Unterrichtshilfe für Lehrer zum Thema Homosexualität soll unter Schwarz-Gelb nicht mehr eingesetzt werden.
Von Norbert Blech
Eine Hamburger Boulevardzeitung berichtet über ein Handbuch für Lehrer in NRW, das angeblich zu einem "Riesen-Ärger" in der neuen Landesregierung geführt haben soll. Gemeint ist offenbar das Handbuch "Mit Vielfalt umgehen: Sexuelle Orientierung und Diversity in Erziehung und Beratung", das von dem europäischen Projekt TRIANGLE (Transfer of Information to Combat Discrimination Against Gays and Lesbians in Europe) erstellt wurde. An dem Projekt in fünf Ländern, das auch online verfügbar ist, haben Mitarbeiter des damaligen NRW-Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie mitgearbeitet, von dem Ministerium wurde die deutsche Ausgabe auch im Frühjahr 2004 herausgegeben.
Nach Angaben der Boulevardzeitung, die über das sensible Handbuch im Stile eines Skandals berichtet, habe ein Sprecher des Bildungsministeriums angekündigt, das Buch zurückzuziehen. "Wir dürfen unseren Kindern nicht das Gefühl geben, dass schwul oder lesbisch zu sein bald Pflicht wird", zitiert die Zeitung den Sprecher anonym. Die Pressestelle der Behörde unter der neuen Ministerin Barbara Sommer (CDU, verheiratet, fünf Kinder) sah sich zuerst stundenlang nicht in der Lage, eine Anfrage von queer.de zu beantworten. Die Mitarbeiter des NRW-Homoreferats waren telefonisch nicht zu erreichen.
Keine "Werbung" für Schwule
Gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur KNA bestätigte Oliver Mohr, Sprecher des Bildungsministeriums in NRW, jedoch den Bericht. "Die Broschüre soll nicht mehr unreflektiert verwendet werden", sagte Sprecher Oliver Mohr am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Düsseldorf. "Wir tolerieren jegliche Lebensformen, wollen aber keine Werbung für bestimmte sexuelle Ausrichtungen machen", begründete er die Entscheidung.
Man wolle die Broschüren aber "nicht einfach in den Papierkorb werfen", so Mohr, das EU-Projekt habe schließlich 435.000 Euro gekostet. Was mit den 2.000 verbliebenen Exemplaren des Handbuchs geschehen soll, überprüft nach Angaben des Sprechers das "Generationenministerium", was jetzt für Generationen, Familie, Frauen und Integration zuständig ist. Das Vorgängerministerium hatte die Broschüre zusammen mit vier anderen Ländern erstellt. Das Thema Homosexualität werde weiter an den Schulen behandelt. Es sei Thema in der Sexualerziehung genauso wie im Geschichts- oder Politikunterricht, so Mohr.
"Erblast" von Vorgängerregierung
Als Mohr um 19.30 Uhr die queer.de-Redaktion anruft, wiederholt er erneut, dass man niemanden diskriminieren wolle, jegliche Lebensformen toleriere. Eigentlich bleibe "alles beim Alten", nach dem Bericht der Zeitung habe aber das Telefon nicht mehr still gestanden und man habe klarstellen müssen, dass die Broschüre nicht "unreflektiert verwendet" würde. Darunter versteht Mohr beispielsweise, dass "die Lehrer einfach die Zettel verteilen".
Die "Erblast" der Vorgängerregierung solle auch nicht als "Werbung für bestimmte Lebensformen" benutzt werden, wiederholt Mohr weiter. Auf dem Einwand, dass dann Aufklärung über Ehe, Familienplanung, Kinder kriegen usw. auch eine Werbung darstelle, speziell für die heterosexuelle Lebensform, sagte Mohr: "Das können sie so sehen". Das sei aber alles eine Frage der Richtlinien.
Zu der Frage, ob denn ein Lehrer, der sich reflektiert mit dem Handbuch auseinandersetze, es im Unterreicht einsetzen dürfe, sagte Mohr nur, dass müsse nun das Generationsministerium prüfen. Man setze aber auf die Eigenverantwortung der Lehrer. Komme es in der Klasse zu Diskriminierung, beispielsweise von Schwulen, solle das Thema nicht nur aufgegriffen werden, man erwarte es sogar von den Lehrern.
Beck, LSVD üben Kritik
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, griff die Entscheidung am Mittwoch an: "Zensur findet also doch statt. Wenige Wochen nach dem Machtantritt der schwarz-gelben Koalition in Nordrhein-Westfalen hat die CDU-Schulministerin nichts Wichtigeres zu tun, als eine Handreichung zum Umgang mit dem Thema Homosexualität aus dem Verkehr zu ziehen", so Beck in einer Pressemitteilung, nachdem ihn die KNA-Meldung erreichte. Hinweise für eine vorurteilsfreie Behandlung des Themas Homosexualität im Unterricht würden nun als "Werbung für bestimmte sexuelle Ausrichtungen" denunziert. "Das atmet den Geist der 50er Jahre. Schulministerin Barbara Sommer sollte ihre kleinkarierte Entscheidung schnellstens zurücknehmen", so Beck.
Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) kritisierte die Entscheidung. "Nur wenn Schülerinnen und Schüler frühzeitig lernen, dass es ganz normal ist, schwul oder lesbisch zu sein, kehrt langfristig auch Normalität ein. Noch immer gehört aber 'schwule Sau' zum häufigsten Schimpfwort auf dem Schulhof", beschreibt der Sprecher des LSVD NRW, Arnulf Sensenbrenner, die Lage in deutschen Schulen. Daher habe man die Ministerin aufgefordert, die Broschüre nicht zurückzuziehen. "Das Thema muss in den Lehrplänen verankert und fächerübergreifend behandelt werden. Homosexualität ist eine Facette der menschlichen Sexualität", so Sensenbrenner, der auch den "reißerischen Artikel" in der Boulevardzeitung kritisierte.
Mittwoch, 27. Juli 2005, 20.15h
Aufklärung ist bitter nötigVon Norbert Blech
Selbst wenn man die Äusserungen des Ministeriums ernst nimmt und unterstellt, die Materialien dürften in NRW weiter eingesetzt werden: Die Haltung des NRW-Bildungsministeriums ist unverständlich. Es ist nicht nur der unerklärliche, lächerliche Aktionismus der frisch gewählten Regierung, der einem den Atem verschlägt, es ist auch die homophobe Aussage: gegen Diskriminierung vorzugehen, für Toleranz einzutreten und über Homosexualität aufzuklären soll nun "Werbung" sein. Der Ton macht die Musik, und der Ton ist misslungen.
Gerade angesichts des sehr sensiblen Handbuchs ist diese Argumentation unglaublich, und es ist schade, dass die queer.de-Redaktion heute bereits eine Homo-Gurke vergeben hat (für eine andere Sache an genau die Boulevardzeitung, die sich in einem Bericht über die "Homo-Fibel" im kopfschüttelnden Ton auf die Seite des Ministeriums schlägt).
Nein, was hier als Werbung, als Erblast verkauft wird, ist als ernsthafte Aufklärung bitter nötig. Übrigens nicht nur für Hetero-Kids, die immer noch viel über Akzeptanz und Respekt lernen müssen. Auch ein schwuler Schüler hat das Recht zu lernen, was ihn erwartet: im Coming-out, in der Szene, in der Gesellschaft - und im Bett. Die Schule sollte den Anfang machen für eine umfassende HIV-Prävention.
Für das "Wohl unserer Kinder" ist nun die Szene gefordert: mit Briefen an das Ministerium, aber auch mit Briefen an bekannte Lehrer und an ehemalige Schulen, gespickt mit Hinweisen auf die Wichtigkeit der Aufklärung und einem Link zu der Broschüre, die ja noch online verfügbar ist. Und vielleicht haben ja noch ein paar junge Leute mehr Lust, sich bei den landesweiten Schulklassenbesuchen des SchLAu e.V. in NRW zu beteiligen.
Auch politisch hat der Tag eine Aussage. Die NRW-Regierung wolle "gesellschaftspolitisch die Uhren zurückdrehen", sagt Volker Beck. Man möchte zustimmen. Die Union hat zweifellos gezeigt, dass sie immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt hat. Und der kleine Regierungspartner FDP ist in Erklärungsnot, warum er die zahlreichen, auch zunehmenden Stimmen von Lesben und Schwulen nicht in Handeln umsetzt.
Links zum Thema:
» Das Handbuch online
» Bericht einer Boulevardzeitung
» SchLAu NRW










wem das nicht die frage beantwortet, wen wir als schwule und lesben lieber nicht wählen sollten, dem ist nicht zu helfen...
die broschüre kenne ich seit längerer zeit, sie ist einfach klasse geschrieben.
*kopfschüttel*