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#SweekPride

Wer ich bin

Zusammen mit Sweek, der Community zum Lesen und Schreiben von Geschichten, hatten wir im Sommer zu einem LGBTI-Schreibwettbewerb aufgerufen. Dieser Text von Mica Wolf – ein fiktiver Briefwechsel zwischen lesbischer Tochter und Mutter – hat gewonnen.


Autorin Mica Wolf ist Gewinnerin des Schreibwettbewerbs #SweekPride von Sweek und queer.de (Bild: HML-Art, 2018)

Liebe Mama,

schreiben fällt mir leichter als Sprechen. Das weißt du, und du hast mich schon immer dafür gehasst. Du wolltest kein stummes Kind. Du wolltest eine Tochter, die sagt, was sie denkt, die auch mal quengelt, trotzig ist und die Pubertät voll auskostet. Ich habe alle diese Dinge nicht getan. Ich habe geschwiegen, genickt, gekuscht. Weil ich Angst hatte. Angst vor deinen Fragen, meinen Antworten, vor deinen Blicken, deinen Worten und den Gefühlen, die sie in mir auslösen. Ich weiß, du wolltest immer nur das Beste für mich. Ich weiß, du hast versucht, mich zu sehen. Doch das war nicht genug. Es hat nicht gereicht.

Jahrelang hast du erwartet und darauf gewartet, dass ich endlich, endlich einen Jungen mit nach Hause bringe. Dass ich endlich ein normaler Teenager bin, auf Partys gehe, flirte und Scheiße baue. Glaub mir, ich wollte es. Ich wollte Scheiße bauen, ich wollte Jungen mit nach Hause bringen, ich wollte normal sein! Weil ich von dir gelernt hatte, was Normalität bedeutet und dass was nicht stimmt, wenn man nicht normal ist. Deshalb habe ich mich von Sophie verkuppeln lassen. Mit Lars. Weißt du noch? Wir waren sechzehn und du fandest ihn zuckersüß. Für mich war er eine bittere Erfahrung. Hast du das bemerkt? Hast du mein falsches Lächeln gesehen, das ich ihm zuwarf? Hast du gesehen, wie ich zusammenzuckte, jedes Mal, wenn er mich küsste? Hast du es ignoriert? War es dir egal, warst du bereit mein Glück deinem Traum einer normalen Tochter zu opfern? Und als er sich von mir trennte und sich ein normales Mädel nahm, war meine Erleichterung nicht offensichtlich? Ich wollte dir diese Fragen stellen, ich wollte reden, ich wollte diskutieren, streiten, für mich kämpfen. Ich konnte es nicht. Und noch heute fällt es mir schwer, den Mund zu öffnen. Noch heute habe ich Angst. Vor dir. Davor, deine Liebe nicht wert zu sein. Doch das hier ist mein erster Schritt zu mir selbst. Koste es, was es wolle. Denn ich bin es in erster Linie wert, von mir selbst geliebt zu werden.

Beim Schreiben muss ich mich nur auf meine eigenen Gedanken konzentrieren. Ich muss nicht reagieren, antworten, mich rechtfertigen. Während ich schreibe, bin ich ganz bei mir. Der Gedanke, dir einen Brief zu schreiben, kam mir neulich im Café, als wir haarscharf an meiner Wahrheit vorbeischlitterten, weil ich wieder eine Abzweigung nahm, um mich dem steinigen Weg nicht aussetzen zu müssen.

Alicia, was ist los mit dir und der Liebe, fragtest du, so schamlos direkt, mutig und fordernd, wie du es immer tatest.

Mama, ich weiß es doch auch nicht, antwortete ich, so ängstlich ausweichend, feige und gehemmt, wie ich es immer tat.

Ich weiß nicht, was an diesem Tag anders war. Vielleicht hatten die vielen Male, dir wir unausgesprochene Fragen umkreisten wie hungrige Panther, letztlich doch etwas verändert. Vielleicht gab ich an diesem Tag unbewusst mehr preis, zwischen den Zeilen, vielleicht schautest und hörtest du genauer hin, vielleicht waren wir beide mit den Jahren ungeduldiger geworden, waren gierig nach Ausdruck und Antworten.

Jedenfalls sprachst du sie aus und die Frage, vor der wir uns beide aus unterschiedlichen Gründen gleichermaßen fürchteten, baumelte plötzlich zwischen uns und verlangte nach einer Reaktion.

Bist du lesbisch, oder so?

Ich sehe das Zucken deiner Augenbrauen vor mir und die leicht nach unten gezogenen Mundwinkel, ich sehe deine Irritation, spüre deine Angst etwas falsch gemacht zu haben und ich fürchte mich vor dieser Angst. Also rette ich uns.

So ein Quatsch.

Deine Augenbrauen entspannen sich, die Mundwinkel verziehen sich zu einem sanften Lächeln. Ich habe meinen Job gut gemacht. Ich habe die Harmonie wiederhergestellt.

Und ich habe uns beide belogen.

Ja, so ein Quatsch. Dass ich nicht zu mir stehe. So ein Quatsch, dass ich mit neunzehn Jahren vor dir sitze, wie ein gescholtenes Kind. So ein Quatsch, dass ich es nicht sagen kann. Deshalb schreibe ich es jetzt:

Ja, Mama, ich bin lesbisch.

Ich weiß es seit mindestens fünf Jahren. Seit vier Monaten habe ich eine Freundin. Paula. Sie zeigt mir, dass ich es wert bin, geliebt zu werden, so wie du es mir immer zeigen wolltest und nicht konntest.

Es tut mir leid, dass du immer das Gefühl hattest, mich vor mir selbst schützen zu müssen. Es tut mir leid, dass du jetzt, da du es nun schwarz auf weiß liest, wahrscheinlich Tränen in den Augen hast. Es tut mir leid, dass ich nie so war, wie du mich gerne gesehen hättest.

Doch es tut mir nicht leid, dass ich bin, wer ich bin.

In Liebe, deine Alicia

* * * * *

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Liebe Alicia,

ich möchte dir danken, dafür, dass du endlich ehrlich zu mir warst. Es ist schwer für mich. Um mich herum sehe ich immer mehr Schwule und Lesben, die auf der Straße Hand in Hand laufen. Und nachdem die Homo-Ehe erlaubt wurde und meine Kollegin Jana kürzlich im Büro beinahe stolz verkündete, dass ihre Tochter ein Mann sein will, denke ich viel nach, über mich, über dich, über Homosexualität und Menschen, die anders sind, Menschen, die ich nicht als normal empfinde. Schon vor unserem Gespräch im Café habe ich gegoogelt. Und ich stieß auf diese unglaublich vielen, verwirrenden Begriffe und Definitionen. Queer, sexuelle Orientierung, Gender, Heteronormativität, transsexuell. Ich habe nur die Hälfte verstanden, mir schwirrte der Kopf. Aber ich wusste, irgendwas ist anders bei dir und ich wusste, irgendwo dort, zwischen diesen vielen mir so fremden Worten, finde ich vielleicht Erklärungen.

Es gibt einfach so Vieles, von dem ich nichts weiß, so viel, das ich nicht verstehe, so viel, das mir Angst macht.

Alicia, ich kann nicht einfach so alles über Bord werfen, was ich mein Leben lang dachte und fühlte und ich möchte dir auch nichts vorspielen. Ich glaube, das willst auch du nicht, denn wir beide haben leider zu lange Rollen gespielt.

Im Klartext heißt das: Ich habe einfach nie verstanden, wie es sein kann, dass Menschen, die von Natur aus nicht dazu bestimmt sind Sex zu haben, es dennoch tun und ich verstehe auch nicht, warum die Tochter meiner Kollegin sich in ihrem Körper nicht wohl fühlt. Bisher hatte ich für diese ganzen sexuellen Erscheinungen immer nur eine Erklärung: Die Eltern haben etwas falsch gemacht, waren zu streng, zu nachgiebig, zu laut, zu leise und deshalb ist es meine Aufgabe als Mutter, meine Fehler irgendwie gerade zu biegen, dich gerade zu biegen. Aber auch wenn mich meine Google-Tour maßlos überfordert hat, beginne ich langsam zu sehen: Ja, ich habe sehr wohl etwas falsch gemacht: Ich wollte, dass du jemand bist, der du nie warst und nie sein wirst und das tut mir so schrecklich leid. Ich kann das alles nicht ungeschehen machen. Ich kann mich auch nicht von heute auf morgen umkrempeln, meine Schuldgefühle abstreifen und dir versprechen, dass ich von jetzt an alles richtig machen werde. Aber ich kann versuchen, dich und diese Welt anders sehen zu lernen. Das will ich tun, ich verspreche es. Du bist meine Tochter und ich möchte, dass du glücklich bist. Denn ich liebe dich.

Und als ersten Schritt hin zu einem (neuen) Kennenlernen, würde ich mich freuen, dich und deine Freundin zum Essen einladen zu dürfen.

In Liebe, deine Mutter

Über die Autorin

Wenn Mica nicht mit Grundschulkindern über Gewalt spricht, als Hamster über Theaterbühnen wuselt, vor Medizinstudierenden Symptome imitiert oder mit psychisch erkrankten Menschen Tischtennis spielt, verschlingt und verfasst die 33-jährige Multijobberin am liebsten düstere Psychogramme, Jugendliteratur oder melancholische Lyrik. Seit Februar 2018 ist Mica begeisterte Sweekerin. Außerdem erschien ihre Kurzgeschichte "Babyblues 2.0" in der Anthologie "Noir 1" des SadWolf Verlags. Weitere Infos zu Mica unter: micabara.wordpress.com.


#1 Mutters_KindAnonym
  • 15.09.2018, 14:44h
  • Sehr schön. Leider nur eine Fiktion, denn wenngleich sich viele LGBTIQ wünschen, dass es so läuft, kommt es leider oft anders.

    Auch ich habe versucht, meine Mutter zu schreiben. Auch ich habe mir gewünscht, dass meine Mutter so antworten würde.

    Die Schlüsselsätze in der Antwort sind für mich:

    >> "Ja, ich habe sehr wohl etwas falsch gemacht: Ich
    wollte, dass du jemand bist, der du nie warst und nie sein wirst und das tut mir so schrecklich leid."

    Diesen Satz hätte ich mir gewünscht zu hören. Ja, meine Mutter hatte von klein auf ein Bild von mir, das sie sich von mir gewünscht hätte. Der Versuch, den Spagat zu schaffen zwischen meinen Interessen und den, den Vorstellungen anderer zu entsprechen, hätte mich fast umgebracht.

    Dieses Eingeständnis habe ich nie zu hören bekommen. Nach vielen Jahren kommen bei Telefonaten zwischen den Zeilen immer noch Versprecher zustande, die zeigen, dass sie sich immer noch insgeheim erhofft, dass ich doch noch "auf den Weg zurückfinden" würde.

    >> "Ich kann das alles nicht ungeschehen machen. Ich kann mich auch nicht von heute auf morgen umkrempeln, meine Schuldgefühle abstreifen und dir versprechen, dass ich von jetzt an alles richtig machen werde."

    Ja, Geduld hat man lange gefordert und dass man Dinge in Köpfen nicht einfach ändern könne und die Vergangenheit "ungeschehen". Dass meine Mutter Schuldgefühle habe, habe ich auch gehört. Schuldgefühle wofür? Die Antwort ist sie mir schuldig geblieben. Bei Nachfragen geht sie gleich aggressiv in die Defensive. Ein Versprechen, dass Dinge sich ändern würden, habe ich nie gehört. Stattdessen schweigt man lieber dazu.

    >> "Aber ich kann versuchen, dich und diese Welt anders sehen zu lernen."

    Meine Mutter ist nicht bereit, die Welt anders zu sehen. LGBTIQ ist ihr unangenehm. Sie möchte weiter in der Welt der "Normalen" bleiben - dass sie ihre Tochter damit ausschließt und an ihrem Leben nicht interessiert ist - und damit auch weiter an ihrer Diskriminierung teilhat, begreift sie nicht. Will sie nicht. Dafür müsste sie sich damit befassen.

    >> "Und als ersten Schritt hin zu einem (neuen) Kennenlernen, würde ich mich freuen, dich und deine Freundin zum Essen einladen zu dürfen."

    Ich habe mir lange gewünscht, dass meine Mutter mich neu kennenlernen möchte. Das ist nie passiert, stattdessen hält sie weiter an alten Dingen fest. Sie vermeidet es, darüber zu sprechen, weil sie weiß, dass ich dann böse werde. Es rutscht ihr unbewusst trotzdem immer noch heraus.

    Falls es wirklich solche Eltern gibt: Ein Traum! Für alle andere, leider: Ein Wunschtraum.
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#2 AuntieBioticEhemaliges Profil
  • 15.09.2018, 15:17h
  • "Ich habe einfach nie verstanden, wie es sein kann, dass Menschen, die von Natur aus nicht dazu bestimmt sind Sex zu haben, es dennoch tun":

    das ist schon SEHR harter Tobak.
    Ich musste es 3x lesen, um zu begreifen, dass das da wirklich so steht.
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#3 HarterTobakAnonym
#4 AuntieBioticEhemaliges Profil
#5 HarterTobakAnonym
  • 15.09.2018, 15:54h
  • Antwort auf #3 von HarterTobak
  • Nachtrag:

    Vielleicht hast du ja auch reininterpretiert "sowas sollte sich nicht reproduzieren".

    Ist schon ne Nummer härter, aber auch nichts Neues.

    Viel cooler ist es allerdings, dass wenngleich es für verfassungswidrig erklärt wurde (vor nicht allzu langer Zeit), das sogar noch in deutschen Gesetzen steht.

    *DAS* ist harter Tobak. Aber man regt sich ja lieber über Fantasiegedichte und die Kirche auf. ;-)
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#6 HarterTobakAnonym
#7 EulenspiegelAnonym
#8 HarterTobakAnonym
#9 SarahAnonym
  • 15.09.2018, 17:13h
  • "Ich wollte doch nur "normal" sein."

    Das Lesen ist schmerzhaft. Was für eine peinliche Selbstoffenbarung.
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#10 EulenspiegelAnonym