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Emanzipation durch die Hintertür

"Andy Warhol's Flesh" – eine queere Mogelpackung wird 50

Der Experimentalfilm, uraufgeführt am 26. September 1968, ist von schwuler Leidenschaft geprägt und durch Nacktheit, Posieren und Gespräche erotisch aufgeladen.


Der schlafende Joe: Im Mittelpunkt von "Andy Warhol's Flesh" steht ein heterosexueller Stricher mit schwulen Freiern
  • Von Erwin In het Panhuis
    25. September 2018, 23:42h, 4 Kommentare

Bis zum Ende der Sechzigerjahre war Andy Warhol ein unglaublich inspirierender Künstler. Dabei hat er nur alltäglich-banale Dinge neu inszeniert, das aber so neu und so gut, dass man sich fragen musste, ob es sowas wie die Suppendosen von Campbell oder andere Dinge der Trivialkultur eigentlich auch schon vorher gegeben hat. Seine Kunst war nicht nur originell, sondern auf eine subtile Art auch noch humorvoll.

Warhol wurde so zum bedeutendsten Vertreter von Pop Art. In seiner berühmten Factory in Manhattan gesellten sich zu den Homo- und Transsexuellen jede Menge Künstler, Musiker und Selbstdarsteller. Warhol hat ein queeres Leben geführt, als es das Wort in seiner heutigen positiven Bedeutung noch gar nicht gab.

Die unbewegte Kamera als Markenzeichen

Seine zweite große Leidenschaft war der Film. Für seine frühen Filme war typisch, dass eine unbewegte Kamera ein Objekt oder eine Handlung ohne Schnitt über einen längeren Zeitraum aufnahm. Dazu gehört sein gewöhnungsbedürftiger Experimentalfilm "Empire", bei dem der Zuschauer acht Stunden lang das Empire State Building zu sehen bekommt.

Direktlink | Filme von Andy Warhol: "Empire" ab 1:33, "Sleep" ab 2:10, "Kiss" ab 2:30, "Blow Job" ab 4:20

Zur originellen Machart gesellte sich in einigen Filmen auch noch ein schwuler Subtext hinzu wie in Warhols "Taylor Mead's Ass" (1965), wo der Zuschauer 70 Minuten lang in Großaufnahme Taylor Meads Hintern sieht. Wenn dieser hier mit seinem Hintern wackelt und mit phallischen Gegenständen hantiert, ist das erotisch und humoristisch.

Vimeo / visitor design | "Taylor Mead's Ass"

Mitarbeiter Paul Morrissey drehte in Warhols Namen

Der 3. Juni 1968 bedeutete einen Einschnitt im Leben von Andy Warhol. Nach dem Attentat auf ihn zog er sich zurück. Aus seiner großen Kunst machte er nun vor allem großen Kommerz. Seinem Mitarbeiter Paul Morrissey erlaubte er mit dem Namen Warhol im Filmtitel kommerziell ausgerichtete Spielfilme zu drehen. Diese können als eine "Hommage" an Warhols frühe Experimentalfilme gesehen werden, aber auch schlicht als Mogelpackungen bezeichnet werden, weil sie etwas vorgeben, was sie nicht sind.

Die berühmteste dieser Mogelpackungen ist wohl "Andy Warhol's Flesh" (1968), dessen Uraufführung sich am 26. September zum 50. Male jährt. Zusammen mit den späteren Filmen "Trash" und "Heat" wurde daraus eine Trilogie. Weitere Filme bauten darauf auf.

Ein Tag im Leben eines Sexarbeiters

Paul Morrisseys bzw. "Andy Warhols Flesh" schildert einen Tag im Leben des heterosexuellen Strichers Joe. Das ist sogar wörtlich zu nehmen, weil der Film damit beginnt, dass Joe morgens aufwacht und damit endet, dass Joe abends ins Bett geht. Das ist ein witziges filmisches Stilmittel. Die langen Szenen des schlafenden Joe in Nahaufnahme sind zudem eine versteckte Hommage an Warhols bekannten Filmemacher-Stil.

Direktlink | "Flesh" in der Originalfassung

"Flesh" ist bis zur Unerträglichkeit authentisch. Es ist diese raue Art der Authentizität, die an einen Dokumentarfilm erinnert, ohne aber einer zu sein. Der Film wirkt auch deshalb authentisch und glaubhaft, weil er scheinbar ohne Drehbuch zu funktionieren scheint und die Verantwortlichen mit der Handkamera offenbar einfach nur draufhielten.

Dieses pseudo-dokumentarische Prinzip kennen Cineasten auch vom späteren Film "Blair Witch Project" (1999). "Flesh" soll einige Tausend Dollar gekostet und einige Millionen Dollar eingespielt haben. "Blair Witch Project" soll das 400-fache seines Budgets wieder eingespielt haben. Das kann auch die Cineasten faszinieren, die Qualität nicht am Kommerz messen, denn es macht eine Aussage über gute Regisseure, die die Regeln der Rezeption sehr genau kennen, bevor sie mit ihnen brechen.

Hauptdarsteller Joe Dallesandro wurde zum Superstar

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" – lässt sich bei "Flesh" sowohl auf den Film als auch auf den Protagonisten beziehen. Er war der erste Warhol-Film, der einen europäischen Verleiher fand, und er wurde zum Sprungbrett für Joe Dallesandro, der zum Superstar und männlichem Sexsymbol des avantgardistischen Underground-Films avancierte.

Dallesandro ist als Hauptdarsteller des Films fast die ganze Zeit nackt. Das ist heute kein großes Ding mehr und wir kennen das aus Filmen wie "Der Fremde am See" (Frankreich, 2013). Aber 1968 war das was anderes: Es war die Zeit vor Stonewall und vor der sexuellen Revolution. Auch das Verbot von Pornografie in den USA bis 1972 verdeutlicht, als wie per se pervers nackte Haut im Kino galt.


Szene aus "Flesh": Joe mit einem Freier


Der Film ist von schwuler Leidenschaft geprägt und durch Nacktheit, Posieren und Gespräche erotisch aufgeladen. Es ist beachtlich, was der Film für das schwule Kopfkino bereithält, wenn er auch auf schwule Sexszenen verzichtet. Die Körperkontakte zwischen Stricher und Freier bzw. die Gespräche über schwulen Sex ("Er zog seinen schwarzen Schwanz raus und […] und ging wieder rein") sind eine Substitution für den Sex, der nie gezeigt wird, aber immer evoziert ist.

Ein Film scheinbar ohne moralische Werte

"Flesh" scheint ohne moralische Werte auszukommen, obwohl er indirekt einige zu bieten hat. Einer besteht darin, zwischen Homo- und Heterosex keinen Unterschied zu machen. Dabei ist "Flesh" zum Glück aber kein Film, der Toleranz reflektiert und einfordert. Diese sexuelle Vielfalt wird einfach selbstverständlich gelebt – ohne pädagogisches Diversity-Gerede. Dem Stricher scheint es egal zu sein, was die Hetero-Welt von ihm hält – und im gleichen Maße kann auch der Film nicht als Anbiederung an heteronormative Wertvorstellungen verstanden werden. Beides ist ein guter Ansatz.

Ein Rezensent betont, wie in "Flesh" Familienklischees auf anarchistische Lebensverhältnisse übertragen werden (Verlag Zweitausendeins). Der Stricher, der Sex mit Männern sucht, um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau zu zahlen, ist gleichermaßen wilder Outsider und sympathischer Spießer. Dieses angerissene Spannungsfeld ist heute wieder aktuell, denn mit den neuen Möglichkeiten von Ehe und Kindern werden sich auch viele schwule Paare von heute die Frage stellen, wie bürgerlich und gleichzeitig frei von gesellschaftlichen und sexuellen Zwängen sie eigentlich leben möchten.

Der Mut, künstlerisches und sexuelles Neuland zu betreten

Vor einigen Wochen habe ich – auch hier auf queer.de – mit Pier Paolo Pasolinis "Teorema" (1968) einen italienischen Film besprochen. Beide Filme stammen aus dem gleichen Jahr und können gut miteinander verglichen werden. "Flesh" ist bis zur Unerträglichkeit authentisch, In "Teorema" ist jeder Satz und jede Geste ein Symbol und funktioniert als realistische Geschichte überhaupt nicht.

Im Bereich der bildenden Kunst gibt es einen interessanten Überschneidungspunkt: Der schwule Pietro aus "Teorema" mag "Action Paintings" und "Piss Paintings", also jene neuen und provokanten Formen der bildenden Kunst, für die auch Andy Warhol steht. Ohne den Mut, künstlerisches und sexuelles Neuland zu betreten, wäre weder "Teorema" noch "Flesh" entstanden.

Ein Experiment im Freundeskreis

Um zu erfahren, ob "Flesh" heute immer noch wirkt, habe ich einen Videoabend mit Freunden organisiert. Der Film wirkte vor allem einschläfernd, was ich nachvollziehen kann. Nackte Männer im Film sind schließlich keine Provokation mehr und das Miteinander von Hetero, Trans und Queer hat im Film weder eine politische noch eine persönliche Tiefe und wirkt so banal wie ein Kaffeetrinken mit der Verwandtschaft. Es gibt keine Entwicklung der Protagonisten, schier endlose Einstellungen und weder faszinierende Bilder noch Botschaften. Man muss diesen Film nicht mögen.


Typisch schwule Rezeption der Antike

Einige Szenen haben allerdings auf mich gewirkt. Mit den Szenen über den Diskuswerfer und dem berühmten "Dornauszieher" findet eine typische schwule Rezeption der Antike statt, wie sie bis in die Achtzigerjahre hinein zum filmischen Standardrepertoire gehörte. Eine solche schwule Antikenrezeption ist im Film heute fast ausgestorben – was ich allerdings nicht wirklich bedauere. Auch wenn ich die Suche nach historischen Identifikationsmöglichkeiten verstehen kann, stellen die meisten Filmszenen nur eine schwule Verklärung der Antike dar.

Körperliche Nähe zwischen Vater und Sohn


Plakat zum Film

Eine andere Szene, die mich beeindruckt hat, ist die, als Joe nackt mit seinem Sohn spielt. Auch diese Szene ist frei von der so häufigen Aufklärung und Aufregung – und gerade deshalb wirkt die körperliche Nähe zum Sohn nicht nur liebevoll, sondern auch unbefangen. Heutzutage reagieren Menschen schon irritiert, wenn Kinder nur auf dem Schoß eines Erwachsenen sitzen. "Flesh" macht sich von solchen Ängsten frei und zeigt die Filmszene auch auf Filmpostern.

Vielleicht ist es ganz gut, dass der Film nicht von Warhol ist, denn nur deswegen hat er ein Mindestmaß an Handlung und Dramaturgie und ist die gelungene Geschichte eines Sechzigerjahre-Strichers geworden. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass Warhol seinen Namen zur Verfügung gestellt hat, denn ohne dieses Namedropping wäre er nie so erfolgreich geworden.

Der introvertierte und eher undurchsichtige Andy Warhol trat zwar nie offen schwul auf, förderte aber die Auseinandersetzung mit männlicher Homosexualität, weil er sie subtil in seine Kunst zu integrierten vermochte. Die Homosexualität von Warhol hatte damit einen entscheidenden, wenn auch indirekten Einfluss – eine Art Emanzipation durch die Hintertür. "Flesh" ist zwar nicht spannend im klassischen Sinne, aber ein interessantes Zeitdokument, das genau zur richtigen Zeit veröffentlicht wurde.



#1 LedErich
  • 26.09.2018, 05:05h
  • Vielen Dank für diese spannende und vor allem auch so gurt verständliche Filmbesprechung. Nicht selbstverständlich bei Feuilletonisten!
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#2 LotiAnonym
  • 26.09.2018, 13:25h
  • Was habe ich damals geschmachtet im Kino, als ich Joe Delesandro zum ersten Mal sah. Mein Leben als heranwachsender Mann verlief ähnlich. Bin zuerst aus Neugierde auf den Bahnhofstrich gegangen i.Münster und später sogar in Westberlin am B. Zoo. Dann kam Anfang der 80er Jahre das tolle Angebot im Film Christiane F. mitzuwirken, was ich sofort annahm. Die damalige Schwulenscene hat mir das übelgenommen. Ein Schwuler, der auch noch für Geld mit anderen Männern schläft ( so tuschelte man in Toms Bar hinter vorgehaltener Hand ).
    Sehr guter Artikel zum Film, danke. Bitte mehr davon.
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#3 Homonklin44Profil
  • 26.09.2018, 14:21hTauroa Point
  • ""- weder faszinierende Bilder -"" Och, wenn man diesen Schnuckel-Joe so häufig und in so langen Aufnahmen in allen möglichen Posen bewundern kann, hat das schon was Faszinierendes! Und dient zusätzlich gut als Inspiration für Zeichnungen. ;o)

    Die Vater-Szenen sind unter dem Aspekt heutiger Betrachtung allerdings ähnlich kritische Materie, wie es bei der Liebhaberei für Bomberjacken oder bei sich stylenden Lolitamädchen ist. Die Vergiftung dieser Elemente durch Zeitgeschehen und Szenen oder Gruppen ist bis ins Groteske hinaus aufgeladen und neuschamversiegelt worden. Ähnlich, wie sich Flieger auf Flugsportveranstaltungen schon keine Team-Bomber mehr anzuziehen trauen, weil andauernd mit Rechtsradikalen verglichen, trauen sich Eltern nicht mehr, Kinder auf den Schoß zu nehmen, weil ...Du verstehst ... aus allen denkbaren und auch den undenkbaren Richtungen pädophile Verknüpfungen um die Ohren geflogen kämen.
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#4 MarkKerzmanProfil
  • 26.09.2018, 21:12hVenice Beach
  • Besten Dank für die sachkundige und detaillierte Rezension. Mir gefällt lediglich das Wort Mogelpackung nicht, ich würde Andy als spiritus rector sehen, der vorbildlich und sogar begleitend den Weg aufgezeigt hat. Ich habe gerade einen Bericht zur Entstehung Mozarts 27. Klavierkonzerts (3. Satz) gelesen: die Kernmelodie basiert auf dem Volkslied Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün ..., das nach Ansicht führender Musiktheoretiker allerdings von Mozart selbst komponiert, dann von seinem Schüler Ignaz Treugott Fechtner aufgegriffen und erst in das 27. Klavierkonzert integriert und später Leitmotiv im 2. Satz seines (Fechtners) 1. Streichquartetts wurde.
    Mogelpackung?
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