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LSVD-Leaks

"Krawalllesben"-Streit entzweit Berliner Community

In der Bundeshauptstadt spitzt sich der Streit zwischen lesbischen Aktivistinnen und schwulen Aktivisten zu. Die Atmosphäre ist vergiftet.


(Bild: Twitter / Stephanie Kühnen)

  • 11. Oktober 2018, 12:47h 45 3 Min.

Der politische Streit zwischen Lesben und Schwulen in Berlin wird aggressiver: Am Mittwoch wurde der Scan einer internen E-Mail des Berlin-Brandenburger LSVD-Vorstandsmitglieds Ulrich Keßler an seine Kollegen geleakt, in der er das abwertende Wort "Krawalllesbe" benutzte. Das führte zu scharfen Reaktionen von lesbischen Aktivistinnen in sozialen Netzwerken, in denen sie dem Lesben- und Schwulenverband vorwarfen, ein schwuler Männerbund zu sein.

Anlass für die Veröffentlichung war offenbar eine Einigung im Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, wie mit einer Gedenkkugel an lesbische Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden soll. Am Dienstag beschloss das Gremium, als Inschrift den Vorschlag des LSVD zu übernehmen, mit der den "lesbischen Frauen unter den Häftlingen der verschiedenen Verfolgtengruppen" gedacht werden soll (queer.de berichtete).

Viele lesbische Aktivistinnen reichte das allerdings nicht aus. Sie forderten, dass in der Inschrift ausdrücklich erwähnt werden soll, dass Frauen wegen ihres Lesbischseins von den Nazis verfolgt worden seien. Der Lesben- und Schwulenverband lehnte dies ab, weil ein solches Zeichen laut LSVD-Beiratsmitglied Alexander Zinn die "Legende einer Lesbenverfolgung" befördere und sich auf "zweifelhafte Einzelfälle" stütze. Inwieweit homosexuelle Frauen vom NS-Regime wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden, ist unter Forscherinnen und Forschern umstritten.

Wörtlich schrieb Keßler in der auf den 9. August 2017 datierten Mail, die laut LSVD Berlin-Brandenburg authentisch ist: "In der aktuellen Diskussionslage erschien es uns jedoch erstmal besser, kein Öl ins Feuer zu gießen und damit den Krawalllesben weiteres Futter zu liefern". Es ist unbekannt, wer die Mail geleakt hat und welches Interesse damit verfolgt wurde.



Über die Mail gab es in sozialen Netzwerken viel Empörung von lesbischen Aktivistinnen. Die tschechische Historikerin Dr. Anna Hájková, die u.a. über lesbische NS-Verfolgte forscht, bezeichnete die Mail auf Twitter als "beredtes Zeugnis, wie die Mitarbeiter des LSVD Berlin-Brandenburg über die Aktivist_innen für lesbisches Gedenken in der Gedenkstätte Ravensbrück sprechen".



Die Aktivistin Stephanie Kuhnen ergänzte: "Je suis #Krawalllesbe" und forderte: "Männerbünde raus aus Ravensbrück!"

LSVD: Autor hat Mail bereits vor einem Jahr bedauert

Jörg Steinert, der Chef des LSVD Berlin-Brandenburg, reagierte am Mittwoch gegenüber queer.de beschwichtigend: "Die Äußerung erfolgte aus akuter Verärgerung über das Verhalten einzelner Personen. Die Wortwahl in der internen E-Mail hat Ulrich Keßler bereits vor über einem Jahr bedauert", so Steinert.

Der Streit um die Erinnerungskultur zwischen Lesben und Schwulen schwelt schon seit Jahren. Schwule Aktivisten verweisen darauf, dass der Paragraf 175 nur für Männer galt, während Lesben erklärten, dass homosexuelle Frauen ebenso verfolgt wurden, etwa als "Asoziale". Jahrelang hatte es auch Streit um ein Video im Berliner Homo-Mahnmal gegeben, in dem zunächst nur ein schwuler Kuss gezeigt wurde, inzwischen aber abwechselnd ein schwuler und lesbischer Kuss zu sehen ist. Auch die mächtige Frauenzeitschrift "Emma" griff in den Streit ein und kritisierte dabei "schwule Lobbyisten" (queer.de berichtete). Vor wenigen Wochen hatte eine u.a. von Kuhnen organisierte Gedenkveranstaltung für lesbische Verfolgte an dem Mahnmal, an der sich auch der LSVD-Bundesvorstand beteiligte, einige Wogen glätten können.

Die Atmosphäre zwischen lesbischen Aktivistinnen und schwulen Aktivisten ist in Berlin gegenwärtig auch wegen eines geplanten Wohnprojektes vergiftet, nachdem sich bei der Ausschreibung für das Baugrundstück zunächst ein Vorschlag der lesbischen Initiative Rad und Tat (RuT e.V.) durchsetzte, nach einem Einspruch aber unlängst die Schwulenberatung den Zuschlag erhielt (queer.de berichtete). Aktivistinnen wollen gegen diese Entscheidung klagen. (dk)

 Update  19.10h: Stiftung weist Einigung im Streit um Gedenkkugel zurück

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat am Donnerstag in einer Pressemitteilung betont, dass es noch keine Einigung über eine Inschrift gebe, und weitere Gespräche angemahnt. Mehr dazu: Ravensbrück: Doch keine Gedenkkugel für verfolgte Lesben (11.10.2018).

-w-

#1 UnnötigAnonym
  • 11.10.2018, 15:16h
  • Ich finde das so unnötig wie ein Kropf.
    Die Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft gegenüber LSBTTIQ ist noch nicht erreicht, deswegen ist es umso wichtiger, dass es einen internen Zusammenhalt gibt.
    Auch wenn jeder seine Individualität hat, muss es für das gemeinsame Ziel (Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft) eine konstruktive Zusammenarbeit geben.

    Dazu muss sich niemand überheben und keiner benachteiligt werden. Und über sachliche Themen entsprechend sachlich bleiben, ohne Abwertung und ohne Missgunst.

    Das muss zwischen Erwachsenen möglich sein.
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#2 qwertzuiopAnonym
  • 11.10.2018, 15:35h
  • Mit so einem Kleinkrieg macht sich der LSVD lächerlich.
    Ob Lesben gezielt verfolgt wurden oder nicht, ob sie im gleichen Maß verfolgt wurden wie Schwule, darin kann man wohl unterschiedlicher Meinung sein und es ist gerade im Interesse der Opfer vielleicht auch wichtig, dann darüber zu streiten.
    Sich in dieser Frage aber derart zu entzweien, dass Lesben und Schwule in der Öffentlichkeit nicht mehr als Verbündete gesehen zu werden drohen, kann niemand im LSVD wollen.
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#3 UnnötigAnonym
  • 11.10.2018, 16:00h
  • Was das Thema Verfolgung von homosexuellen Frauen betrifft:

    Es geht dabei um Nazis, die während dieser Zeit massive rechte Diktatur umsetzten.
    Die Phantasie, dass homosexuelle Frauen "verschont" geblieben seien, dem sollte niemand nachträumen. Ob die Verfolgung nun nachgewiesen werden kann oder nicht: Tatsache ist, dass homosexuelle Frauen im KZ Ravensbrück waren und dass sie ihr eigenes Schicksal erleiden mussten, sowie Trans*, Bi, etc. auch. Das bedeutet, dass gegen sie vorgegangen wurde. Die Tatsache, dass lesbisch sein tabuisiert wurde, war schon schädlich genug - sie wurden dadurch unsichtbar gemacht und deswegen sind auch kaum Zeitzeugen und angeblich keine schriftlichen Dokumente gefunden worden. Das bedeutet wiederum nicht, dass es das dann nicht gegeben hätte.

    Ich finde, an dem Punkt kann man fair bleiben und diesen Frauen die Ehre zugestehen, dass "die Verfolgung vielleicht nicht nachgewiesen werden kann, dass das aber nicht bedeutet, es wäre nicht gegen sie vorgegangen."
    Über die Verfolgung zu streiten bringt nichts, denn es fehlen offensichtlich die Beweise. Also, wenn keine vorhanden sind, dann kann man es immer noch realistisch formulieren. So wie ich es in Anführungszeichen setzte.
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