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"Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste"

Homo-Aufklärung aus der Zeit vor dem Internet

Vor genau 200 Jahren erschien das Lexikon Ersch-Gruber, das auf mehr als 50 Seiten über "Männerliebe", "Sodomie" und "Knabenschändung" informierte – für die damalige Zeit fair und fundiert.


Ersch-Gruber in einer Universitätsbibliothek Nijmegen (Bild: Ziko / wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    14. Oktober 2018, 16:09h, 2 Kommentare

Im ersten deutschen schwulen Nachkriegsfilm "Anders als Du und Ich" (1957) hat Frau Teichmann große Angst davor, dass ihr Sohn sich sexuell für das eigene Geschlecht interessiert, schlägt daraufhin in einem Lexikon das Wort "Homosexualität" nach und macht sich über den Inhalt des Artikels so ihre Gedanken.


Frau Teichmann schlägt in "Anders als Du und Ich" (1957) das Wort Homosexualität nach

In der Zeit vor dem Internet war ein Lexikon oft die erste und wohl auch nachhaltigste Informationsquelle, um sich auch über Homosexualität zu informieren. Jahrhunderte lang hinweg hatten Lexika eine hohe Bedeutung – wenn sich die Begriffe für gleichgeschlechtlich liebende Männer auch mal veränderten.

Das Lexikon Ersch-Gruber – 50 Seiten Homo-Themen


Titelblatt von Section 1, Band 1 "A bis Aetius" des Ersch-Gruber von 1818

Vor genau 200 Jahren erschien erstmals der Ersch-Gruber, der eigentlich "Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste" (1818-1889) hieß, aber umgangssprachlich nur nach seinen beiden Herausgebern benannt wurde. Der Ersch-Gruber war mit seinen 168 Bänden in einem Zeitraum von mehr als 70 Jahren die umfangreichste Enzyklopädie des Abendlandes. Als Schwergewicht unter den Nachschlagewerken lässt es damit den Brockhaus und andere Lexika jener Zeit ziemlich alt aussehen.

Das Lexikon bietet rund 50 Seiten Homo-Themen. Er ist – in Fraktur – online verfügbar und soll bald auch in transkribierter Form mit Volltextsuche zur Verfügung stehen.

"Knabenliebe" und "Knabenschändung"

Der große Hauptartikel zu "Päderastie" (1837: 9. Teil, S. 147-189) schlägt mit mehr als 40 Seiten zu Buche und ist allein schon deshalb imposant. Nach zwei eher kritisch gehaltenen allgemeinen Seiten von C. L. Klose folgt der Artikel des Philologen Eduard Meier, welcher die Päderastie in der Antike behandelt. Im Folgenden geht es mir jedoch weniger um die Antike, sondern darum, ob sich aus dem Artikel die Meinung des Autors und das emanzipatorische Potenzial für den Leser ableiten lässt.

Meier betonte zunächst, dass er die Antike weder anklagen, noch bewundern möchte (S. 149) und verweist auf der einen Seite darauf, dass es eine Liebe und Eifersucht gab, "nicht anders als bei uns in der Liebe der beiden Geschlechter zu einander" (S. 155). Auf der anderen Seite macht er aber auch keinen Hehl daraus, dass er einige Umgangsformen als "höchst widerlich" (S. 155) ansah. Die Grenze zwischen "ehrbare Knabenliebe und ruchbarer Knabenschändung" (S. 176) ist aufgrund seiner Formulierungen nicht immer deutlich zu ziehen. Deutlich ist er, wenn er die Liebe trennt: In die Liebe zur Seele bzw. zum Körper (S. 178) und wenn er die käufliche Liebe kritisiert.

Meier schwärmt von der edlen und reinen "philosophischen Knabenliebe" und übt Kritik an der männlichen Prostitution als "Schimpfliches und Schandbares" (S. 188). Weil sich beide Seiten in der Antike nicht klar trennen lassen, kann ich Andrew McKenzie-McHarg verstehen, der in seinem Aufsatz (2015, S. 245) kritisierte, dass Meier mit Knabenliebe und Knabenschändung eine "Polarität konstruiert […], die der altgriechischen Denkweise nicht ganz entspricht". Von diesem Widerspruch aber einmal abgesehen, wurde der Artikel breit gewürdigt und erschien im selben Jahr auch als Sonderdruck. Der Text wurde von Georges Hérelle 1930 ins Französische übersetzt und in dieser Form 1952 und 1980 erneut aufgelegt.

Viel Antike, wenig Gegenwart

An mehr als 15 Stellen des Lexikons wird Homosexualität erwähnt, wobei es sich meistens um knappe Hinweise auf die Antike handelt. Etwas ausführlicher kann man unter dem Stichwort "G" wie Gorgidas nachlesen, wie es denn mit der "Männerliebe" unter diesem Feldherrn bestellt war (1862: 74. Bd., S. 382-385).

Epochen außerhalb der Antike oder zeitgenössische Strafrechtsfälle spielen im Lexikon so gut wie keine Rolle, was aufgrund der Tabuisierung von Homosexualität auch nicht anders zu erwarten war. So sind nur wenige Sätze über den Hamburger Henning Oldendorp zu lesen, der 1566 wegen Päderastie seine Professur in Rostock aufgab und die Stadt verlassen musste (1832: 3. Bd., S. 29).

Auch andere Länder spielen in Bezug auf Homosexualität kaum eine Rolle. Eine interessante Ausnahme davon sind die Hinweise über Vasco de Balboa (1475-1519), der in einer spanischen Kolonie (heute Ecuador) um das Jahr 1510 über fünfzig "Sodomiten" von Hunden zerreißen und anschließend verbrennen ließ (1840: 17. Bd., S. 375). Dieser Massenmord ist bis heute bekannt – allerdings nicht aufgrund der Anmerkungen im Ersch-Gruber, sondern wohl eher, weil Theodor de Bry (1528-1598) im Jahre 1594 diese Begebenheit in einem Kupferstich festhielt. Mit diesem Kupferstich wurde der Mordfall nicht nur bekannter, er unterstützt zudem ein wenig unsere Vorstellungskraft über dieses Verbrechen.


Die Ermordung von 50 "Sodomiten" in einem Stich von Theodor de Bry (1528-1598)

Andere Lexika: von schlimm bis Grimm

Am Anfang des 19. Jahrhunderts war "Päderastie" der klassische Begriff für gleichgeschlechtliches Sexualverhalten, der meistens mit der Antike in Verbindung gebracht wurde. "Päderastie" und ähnliche Begriffe wurden in Nachschlagewerken manchmal nur kurz behandelt oder ganz tabuisiert. Dieser Aufsatz stellt die erste Untersuchung von Lexika-Beiträgen in jener Zeit dar. Für die eher kurzen Erklärungen in Wörterbüchern wie z.B. "Warme Brüder" bringt Wolfgang Müller in der schwulen Geschichtszeitschrift "Capri" (Nr. 25, S. 44-45) einige Beispiele ab 1854. Bei der folgenden Auflistung von Lexika habe ich die Anzahl der Gesamtbände mit angegeben, weil sie bei der Bewertung der Länge der "Päderastie"-Artikel mit zu berücksichtigen sind.

Zunächst zu den drei großen Lexika: Im "Brockhaus" (8 Bände von 1809-1811) wurde trotz diverser Suchbegriffe kein einziger Beitrag über gleichgeschlechtliches Sexualverhalten gefunden. Der konservative "Herder" bzw. "Herders Conversations-Lexikon" (5 Bände von 1854-1957. Hier 4. Bd. von 1856, S. 440) behandelt "Päderastie" in drei kurzen Zeilen über das Strafrecht ab. Einzig "Meyers Conversations-Lexicon" (52 Bände von 1840-1855. Hier 2. Bd. von 1848, S. 183-185) ist überzeugender, weil es immerhin zwei Seiten "Päderastie" enthält, wo mit Bezug auf die Antike ähnlich wie im Ersch-Gruber zwischen "Knabenliebe" und "Knabenschänder" unterschieden wird.

Bei drei weiteren Lexika lohnt sich wegen der ausführlichen Einträge ein näherer Blick, wobei zu berücksichtigen ist, dass sie mit dem 18. Jahrhundert einen leicht abweichenden Zeitgeist widerspiegeln: In Zedlers bzw. Ludovicis "Universal-Lexikon" (64 Bände von 1732-1754. Hier 38. Bd. von 1743. Spalte 328-335) gibt es zwar keinen Artikel zu "Päderastie", dafür aber einen vierseitigen Artikel über "Sodomie", der zu dieser Zeit noch mann-männliche Sexualkontakte einschloss.

Dieser religiös geprägte Artikel erklärt, dass es anhand der Bibel kaum einen Unterschied ausmacht, ob ein Mann mit einem Mann oder einem Tier geschlechtlich verkehrt. Die zu dieser Zeit noch angewendete Todesstrafe wird dokumentiert und offenbar auch gewünscht. Die Beweisführung für passives Sexualverhalten durch eine Analuntersuchung traute man übrigens nicht nur Ärzten, sondern auch Barbieren zu (Spalte 321), was nicht verwundert, weil dieser Beruf früher nicht nur Haar- und Körperpflege, sondern auch die Anwendung von Einläufen umfasste. Es gibt keine Hinweise auf die Antike und auch keinen Artikel über Päderastie.

Kleiner Fun-Fact am Rande: Dieser Lexikonartikel gibt vollinhaltlich ein Gesetz wieder, das später inhaltlich auch das Gesetz von Maria Theresia (CCT, 1768) bestimmte. Es kam dadurch das zeitgenössische Gerücht auf, dass aus diesem Lexikonartikel ein Gesetz geworden sei.

Auf acht Seiten wird die "Knaben-Schänderey" im Werk "Ökonomisch technologische Encyclopädie" (242 Bände von 1773-1858. Hier 1787: 41. Band. S. 160-168) abgehandelt. So kritisch wie der Begriff ist auch der Inhalt des Artikels, der größtenteils die Antike behandelt, sich aber weniger an Fakten, sondern mehr an Vorurteilen orientiert. So wird betont, dass sich nur diese Männer mit Knaben behelfen, die "nicht gern Frau und Kinder ernähren" möchten (S. 163) und dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten auch schon dadurch gefördert wird, wenn Männer die Tätigkeiten von Frauen verrichten (167). Nicht nur die Lexikon-Artikel bieten Stoff für Realsatire: Der Begründer dieser Encyclopädie starb 1796 – während der Arbeit am Artikel "Leiche".

Zehn Seiten lang ist ein Artikel über die "Jünglingsliebe" im Werk "Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste" (123 Bände von 1778-1804. Hier 1794: 18. Bd. S. 249-259). Die "Jünglingsliebe" bei den Griechen wird dabei positiv geschildert – im Gegensatz zu der von Römern und Germanen. Im zweiseitigen Artikel über "Knabenschande" (Hier 1801: 21. Bd., S. 496-497) – womit hier Analverkehr gemeint ist – geht es zwar auch um religiöse Belehrung, aber eher um eine Warnung vor den angenommenen körperlichen Folgen.

Penisnagel gegen Analverkehr


Ein Zinn-Nagel im Penis sollte auf einer Südseeinsel Analverkehr verhindern: Illustration aus "Medicinische Bibliothek" (1785, 2. Bd., S. 597-600)

Zu den vielen weiteren und eher kleinen Beiträgen gehört ein Hinweis auf eine philippinische Südsee-Insel (Hier 1785: 10. Bd., S.4), wo in die Glieder junger Männer ein Nagel aus Zinn gesteckt wird, um Analverkehr zu verhindern. Es ist sehr schade, dass diese "Deutsche Encyclopädie" beim Buchstaben "K" abbricht und damit nie ein "Päderastie"-Artikel erschien.

Bis heute wird diskutiert, inwieweit Lexika nicht nur objektiv Sprache abbilden, sondern diese auch beeinflussen. Schon die Brüder und Sprachwissenschaftler Grimm haben übrigens erkannt, dass sie nicht Tabuisieren sollten, und sprachen sich 1854 auch für die Aufnahme von Wörtern aus, die als "unzüchtig" wahrgenommen werden könnten: Ein Nachschlagewerk "ist nicht da, um Wörter zu verschweigen, sondern um sie vorzubringen".

Strafgesetze und Komödien

Der Verfasser des oben besprochenen Hauptartikels, der Philologe Eduard Meier, hatte gemeinsam mit seinem Freund Georg Friedrich Schömann einige Jahre zuvor "Der Attische Prozess" (1823) publiziert und dabei an diversen Stellen auch gleichgeschlechtliches Sexualverhalten aufgegriffen. Dabei ging es zum Beispiel um Vergewaltigungen, die unabhängig vom Geschlecht strafrechtlich verfolgt wurden (S. 545-547). Der passive Analverkehr war ebenfalls geregelt, weil er einen Hinderungsgrund für jene Männer darstellte, die in politischer Hinsicht Stellen besetzen oder Reden halten wollten (S. 334-335).

Einige Rechtsbereiche fanden ihren Widerhall auch in zeitgenössischen Komödien: So wird im Kontext ehelicher Beischlafpflichten (dreimal im Monat) auch eine zu kurz gekommene Ehefrau erwähnt, die ihrem Mann den "Umgang mit Jünglingen" vorwarf. Auf solchen Justizfällen beruhte die Kratinos-Komödie "Die Weinflasche" (423 v. Chr.), in der sich eine Ehefrau über ihren Mann beschwerte, weil dieser "mehr mit der Weinflasche als mit ihr verkehre" (S. 289).

Im Rahmen von erlaubter Selbstjustiz ging es auch um die Regelung, dass ein Ehebrecher als Maßnahme der Entehrung mit einem Rettich anal vergewaltigt werden durfte, was auch Aristophanes und Lukian in ihren Komödien aufgriffen (S. 328). Ihr Buch ist dabei ähnlich wie der Artikel im Ersch-Gruber-Lexikon einige Jahre später sachlich und fundiert verfasst, was sich übrigens auch über die Äußerungen von Schömann über die "Knabenliebe" in dessen Buch "Griechische Alterthümer" (1855, v.a. S. 511-512) sagen lässt.

Viel Antike und wenige Emanzipationsschriften

Es gab nur wenige Publikationen, die sich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts so ausführlich wie Ersch-Gruber mit gleichgeschlechtlicher Liebe auseinandersetzten. Auch bei der Sachliteratur zeigt sich der Fokus auf die Antike: Christoph Meiners befasste sich in "Vermischte Philosophische Schriften" (1775: 1. Bd. S. 61-119) auf 58 Seiten mit den "Betrachtungen über die Männerliebe der Griechen". Das Besondere ist, dass Meiners einen Vergleich zwischen seiner Kultur und der Kultur der Griechen anstrebt. Basilius von Ramdohr schreibt in seiner "Venus Urania" (1798: 3 Bände, 1. Teil, S. 132-230) rund 100 Seiten über die Männerliebe der Griechen und Friedrich G. Welcker in "Sappho von einem herrschenden Vorurtheil befreyt" (1816) auf 150 Seiten über die lesbische Liebe.

Emanzipatorisch motivierte Blickwinkel fehlen in dieser Zeit weitgehend. Eine Ausnahme stellen die anonym erschienenen "Briefe über die Galanterien von Berlin" (1782) dar: In der von Johann Friedel verfassten Schrift von 378 Seiten dienen christliche und antike Bezüge nur noch dazu, die eigene Situation und vor allem die schwule Subkultur in Berlin zu reflektieren. Als äußeres Zeichen, dass ein Jüngling in die "Gesellschaft der Warmen" gehört, nennt Friedel einen Haarzopf, einen gepuderten Rücken und eine dicke Halsbinde (S. 174).

Jahrzehnte später und damit zeitnah zum oben genannten Ersch-Gruber-Artikel publizierte Heinrich Hössli aus der Schweiz seine Emanzipationsschrift "Eros, Die Männerliebe der Griechen" (1836, 1. Bd.), dessen Aufruf zur sozialen Toleranz allerdings zunächst ungehört verhallte. Erst Jahrzehnte später begann der Jurist Karl Heinrich Ulrichs damit, seine einflussreichen zwölf Schriften über "Urninge" (ab 1864, hier als 2. Auflage) zu publizieren.

Das Vakuum zwischen "Sodomie" und "Urning"

Als der Ersch-Gruber erschien, war Deutschland als Deutscher Bund (1815-1866) in 39 Bundesstaaten mit unterschiedlichen Strafgesetzen zersplittert. Bis heute wirkt es geradezu kurios, dass neben Hannover (ab 1840) auch Bayern (ab 1813) sexuelle Handlungen unter Männern legalisierte. Mit der Reichsgründung 1871 und dem einheitlichen Reichsstrafgesetzbuch hatte diese Freiheit aber schnell ein Ende und der § 175 RStGB wurde eingeführt, für dessen Abschaffung mehr als 120 Jahre lang gekämpft werden musste.

Im Deutschen hat der Begriff der "Sodomie" bis zum 18. Jahrhundert alles bezeichnet, das nicht der Fortpflanzung dient, wie u.a. Homosexualität. Sodomie wurde hart bestraft, wobei man sich nur für die "Tat", nicht aber für die Persönlichkeit des "Täters" interessierte. Im Gegensatz zu anderen Sprachen veränderte sich im Deutschen der Begriff von "Sodomie" und wurde ab dem 19. Jahrhundert nur noch für Sex mit Tieren verwendet.

Der Ersch-Gruber kannte in den 1830er-Jahren die antike "Päderastie". Für zeitgenössische Homo-Themen fällt er jedoch in eine Art sprachliches Vakuum, wo "Altes" wie die "Sodomie" nicht mehr und "Neues" noch nicht gilt. Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhundert kamen mit "Urningen" (1864) und "Homosexuellen" (1868) nicht nur neue Definitionen, sondern vor allem neue Identitäten auf: Homosexuelle wurde nun zu einer Persönlichkeit. Michel Foucault – Philosoph und Psychologe – fasste das so zusammen: "Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies."


Eine Fotografie aus der Wilhelminischen Zeit als Anklage gegen den § 175 RStGB

Ersch-Gruber homofreundlich? Zumindest fair und fundiert!

Im Laufe meiner Recherche zu diesem Artikel ist aus dem geplanten Ersch-Gruber-Artikel ein Eduard-Meier-Artikel geworden. Das liegt u.a. daran, dass Meier und alle anderen Autoren den Inhalt sowie die Größe ihrer Artikel frei bestimmen durften und es – entsprechend dem Toleranzgedanken der Aufklärung – von den Herausgebern Ersch und Gruber auch keine weltanschaulichen oder politischen Vorgaben gab. Zudem betreute Meier auch noch redaktionell den Teil des Lexikons mit, indem sein großer Päderastie-Artikel erschien, womit er – insbesondere nach dem Tod von Ersch (1828) – sein eigenes Thema selbst nach vorne bringen konnte.

Für eine fundierte Beurteilung steht damit vor allem die Arbeit des Philologen Eduard Meier (1796-1855) im Vordergrund, der altliberal war und als politisch einflussreich galt. Sein Leitartikel wird dabei seinem Anspruch gerecht, fundiert und differenziert die griechische Päderastie zu beleuchten und dies in einem ruhigen und sachlichen Schreibstil zu vermitteln.

Gerade im Vergleich mit juristischen, theologischen oder medizinischen Abhandlungen ist spürbar, welch großes emanzipatorische Potenzial ein solcher Schwerpunkt auf die Kulturgeschichte hat. Bei Meiers Artikel kommt man – wie so oft bei historischen Themen – zu unterschiedlichen Bewertungen, je nachdem, ob man ihn aus der heutigen oder der damaligen Sicht heraus betrachtet. Meier war kein homo-emanzipatorischer Vorreiter und wollte dies auch gar nicht sein. Aber gerade im Vergleich mit anderen Lexika hebt ihn ein hohes Maß an Wissen, Offenheit und Fairness in der Auseinandersetzung mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten von anderen positiv ab.

Auch wenn an einigen Stellen seine eigene moralische Bewertung deutlich wird, kann ich mich trotzdem weitgehend der Meinung von Jared Alan Johnson anschließen, der in "The Greek Youthening" (2015, S. 14) betonte, dass Meiers Arbeit zu dieser Zeit bahnbrechend war, weil er versuchte, die Beweise moralisch neutral zu analysieren. Meier hat mit seinem Artikel im Ersch-Gruber-Lexikon mit Objektivismus und dem Verzicht von moralischer Verurteilung eine Pionierarbeit geleistet.

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#1 giliatt 2Anonym
  • 15.10.2018, 23:41h
  • Trefflich, trefflich, das Lexikon....

    Ich, in der DDR-geboren 1957, hatte andere literarische Quellen für meine sexuellen Erkundungen. Meine Eltern waren Mediziner, mein Vater sogar untertitelter "Facharzt für Gynäkologie, Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Haut- und Geschlechtskrankheiten." Zudem war er Sexual- und Familienberater und ein von DDR-geduldeter Abonnent - zumal ein sehr weltweit führender Fach-Autor zu Krebs-Themen - einer führenden westdeutschen Gyn-Fachzeitschrift, welcher Umstand der STASI allerdings dazu diente, ihn anzulocken und ihm somit eine von ihm "geplante Republiksflucht" anzuempfehlen. Erfolglos.

    Erfolglos war auch die "AUFKLÄRUNG" durch meine quasi hoch-medizinisch gebildeten Eltern. Sie fand just für mich nämlich echt nicht statt.
    Ich pubertierender Jungschwuler (14) suchte mir da andere schriftliche Quellen, nämlich:
    "Dennert`s CONVERSATIONS-LEXICON" von 1867 in zwei Bänden. Darin las ich nun allerdings, dass man "nicht an sich selbst spielen" dürfe, da Solches "irr-reparabele Nierenschäden zur Folge habe."

    Meine pubertäre Selbstbefriedigung habe ich gesundheitlich bestens überstanden. Wichsen ist da nämlich ein sehr vergnüglicher Akt, wozu ich das INTERNET nicht gebraucht habe, denn Sexualität findet im KOPF statt.
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#2 Ith_Anonym