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"Homo Punk History"

Vom Tuntenhaus zum Rattenwagen

In den Neunzigerjahren wehrten sich Punks und Autonome in Berlin mit Hausbesetzungen und einer Schlamm-Performance beim CSD auch gegen schwule Konformität.


Eingeschlammte Punks am Rattenwagen beim Berliner CSD 1997 (Bild: Dan Nicoletta)

Dieser Beitrag von Philipp Meinert ist ein Auszug aus dessen neuen Buch "Homo Punk History", das im September im Ventil Verlag erschienen ist

Nicht nur selbstverwaltete Zentren oder Konzert-Orte wurden nach und nach von LGBTIQ*-Punks mitgenutzt oder erobert. In Berlin gingen zu Beginn der Neunziger einige schwule Punks noch einen Schritt weiter und legten sich im Zuge der Besetzungen der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain gleich ein ganzes Haus zu.

Wenn leerstehende Häuser von Aktivist*innen in Lebensraum umgewandelt werden, geht es dabei nicht nur um mietfreies Wohnen, der Aspekt einer alternativen Lebensweise spielt dabei eine mindestens genauso wichtige Rolle. Häuser für Frauen, Lesben, Trans* oder schwule Männer hatten auch immer die Funktion eines Schutzraumes vor der männlich-heterosexuellen Dominanz, auch in der linksradikalen Besetzerszene. Viele kleinfamiliäre und patriarchale Muster wurden in der Szene weitergelebt, obwohl man diese ja eigentlich überwinden wollte. So beschrieben viele Frauen aus den Kommunen und WGs der späten Sechziger und bis in die Achtziger, dass ihnen die "traditionellen" Aufgaben wie Hausarbeit, Kochen und Kinderbetreuung überlassen wurden, auch zu sexualisierter Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen kam es in linken Räumen immer wieder. Für viele FrauenLesben ein weiterer Grund, eigene Räume zu suchen.

Mit dem Ende der DDR kam es in den Ostberliner Stadtteilen Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain verstärkt zu Hausbesetzungen, nachdem die (West-) Berliner Besetzungswelle Anfang der Achtziger aufgrund staatlicher Repressionen und interner Konflikte deutlich abgeflaut war. Die Besetzer*innen profitierten dabei vom rechtlich unklaren Status der ehemals in "Volkseigentum" befindlichen Immobilien zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990. In diesem knappen Jahr vom Mauerfall bis zum offiziellen Anschluss der DDR an die BRD kam es zu zahlreichen Besetzungen. Laut Staatsvertrag hatten ehemalige Eigentümer*innen der ostdeutschen Immobilien bis zum 13. Oktober die Möglichkeit, diese zurückzuerhalten, sofern sie ausfindig gemacht werden konnten. Solange dies nicht der Fall war, durften die, die darin wohnten, bleiben, selbst wenn sie Besetzer*innen waren. Darüber hinaus hatte die Westberliner Polizei im Osten kein Zugriffsrecht und die letzten DDR-Volkspolizist*innen hatten andere Sorgen als ein paar abgerissene Gestalten in leerstehenden und damals wenig attraktiven Bruchbuden. Etablierte Politiker*innen sahen diese Entwicklung aber mit Sorge. Ostberlin wurde, wie der damalige Ostberliner Stadtrat Thomas Krüger entsetzt feststellte, die "am leichtesten besetzbare Stadt Europas".

Der "kurze Sommer der Anarchie"

Ein verlockendes Angebot, das auch eine heterogene Gruppe Linker im Frühjahr 1990 in der Mainzer Straße im Stadtteil Friedrichshain annahm und dort den "kurzen Sommer der Anarchie" zelebrierte. Zunächst 12 Häuser wurden von 200 Menschen besetzt (in ganz Ostberlin wurden im Sommer 1990 sogar 128 besetzte Häuser gezählt). Im Rekordtempo entstanden Strukturen, die besetzten Häuser wurden von den Bewohner*innen renoviert, Geschäfte, Galerien, Proberäume und Läden entstanden dort, es wurde eine BesetzerInnen-Zeitung (B.Z.) herausgegeben und über Funk miteinander kommuniziert.

Es kam immer wieder zu Angriffen von Neonazis auf einzelne Häuser, die selbst wenige Kilometer entfernt in der Weitlingstraße in Lichtenberg ein Haus besetzten und an Pfingsten 1990 marodierend durch die Mainzer Straße zogen. Einer der wichtigsten Aktivsten der Weitlingstraße war der offen schwule Nazi-Kader Michael Kühnen, der kurz vor seinem AIDS-Tod im Jahr 1991 aktiver Unterstützer des Projektes war. Tür an Tür mit einem Schwulen zu wohnen, war den Nazis aber natürlich nicht geheuer. Die Diskussion innerhalb der Naziszene um Kühnens Homosexualität war neben den Führungsansprüchen diverser involvierter Neonazi-Kleingruppen einer der Gründe, warum die erste Hausbesetzung durch Neonazis in Deutschland letztendlich scheiterte.


Besetzte Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain im Jahr 1990 (Bild: Renate Hildebrand / wikipedia)

In der Mainzer Straße konnte davon keine Rede sein. Hier wäre man im Traum nicht darauf gekommen, ein Haus aufgrund interner Konflikte freiwillig aufzugeben, gerade die Heterogenität der Szene, das Neben- und Miteinander war wichtig. Viele der Häuser waren "Mottohäuser": Es gab ein Frauenhaus, ein Lesbenhaus, ein Punkhaus und so weiter. Das Haus in der Mainzer Straße 4 tauften seine Bewohner*innen "Tuntenhaus" und war von April bis November 1990 "fast das Aushängeschild der Mainzer Straße. Auf jeden Fall das Maskottchen", so eine damalige Bewohnertunte. "Die 4 ist das Tuntenhaus, der Tuntentower, das Geisterhaus der Straße, mit Abstand das hübscheste, das schönste, das kitschigste, das schrillste, der größte Stein des Anstoßes für alle Nachbarn und Nachbarinnen", meint Jacob, ein Nachbar aus der Mainzer Straße.

Das Casting für das Tuntenhaus

Dieses Tuntenhaus ging auf eine Initiative von vier schwulen Autonomen mit Punk-Affinität zurück, die Anfang 1990 ein "Casting" im SchwuZ, damals auf dem Mehringdamm, und im Café Anal in der Muskauer Straße veranstalteten. Es war bereits das zweite Tuntenhaus, nach einem kurzlebigen Projekt 1981 in der Bülowstraße in Schöneberg. Über den "Tuntenblock" der Revolutionären 1.-Mai-Demo 1990 wurde weiter gecastet, bis etwa 30 schwule Männer gefunden waren, mit denen man ein Haus beziehen wollte: "In der Mainzer sollte 'schwul und hübsch' nicht als Einzugsgrund ausreichen wie in der Bülowstraße, sondern auch politische Kriterien herangezogen werden. In der Realität wurde das dann nicht immer eingehalten", so Zeitzeugin Urania Urinowa. Zumindest optisch dominierte ein Punk-Look, wie Bilder und Filme zeigen.

In der Dokumentation "The Battle of Tuntenhaus" liefert ein*e Bewohner*in mit blondem Dread-Iro unter einem Fez-Hut, die sich als Helga Krenz, Ex-Frau von Egon Krenz, vorstellt, eine alternative Erklärung: "Ich war ja nun letztes Jahr mit meinem Gatten sehr viel politisch tätig. Da die DDR dann wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt ist, war ja nichts mehr zu tun. Und den ganzen Tag mit Egon im Garten zu sitzen, war mir auch zu langweilig. Ja, und da habe ich mich entschlossen, rufste mal deine besten Freundinnen zusammen, machst ein kleines Kaffeetrinken – noch einen kleinen Cognac dabei, später kam auch Bier mit dazu – und dann haben wir uns überlegt: Was machen wir jetzt? Und, joa, da fiel mir dann so spontan ein, warum nicht mal ein Haus besetzen? Und dass es dann nicht irgendein Haus sein sollte, sondern ein Haus von Schwulen, war dann auch klar, und so kamen wir zum Tuntenhaus/Forellenhof." Für die Besetzer war klar, dass ihr Haus in der Nachbarschaft anderer besetzer Häuser stehen musste und nicht isoliert, denn sie sahen sich als besonderes Angriffsziel von Neonazis.


Besetzertunte Helga Krenz im Interview 1990 (Bild: Screenshot Juliet Bashore "The Battle of Tuntenhaus Parts I & II")

Ihr Tuntenauftreten richtete sich auch gegen die Macker in der eigenen politischen Szene. Ex-Bewohnerin "Mutti" meinte im Gespräch mit der Hauspostille Tuntentinte: "Die Tunte war ja gerade für Lesben und für autonome Männer eine Provokation. Das haben die nicht verstanden. Auch den Witz, die Subversion dabei – das war eine Konfrontation. Wie kann man als Typ in so einem Frauenklischee rumlaufen." Der Anteil der "richtigen" Tunten, was auch immer das sein mag, wurde auf 10 Prozent geschätzt, was also umgerechnet drei Männer bedeutet. Dass das Tuntenhaus von allen Häusern in der Mainzer Straße die größte öffentliche Aufmerksamkeit bekam, lag auch daran, dass die Polit-Tunte damals etwas relativ Neues darstellte.

Dragshows im Forellenhof

Wie jedes Haus in der Mainzer Straße hatte auch das Tuntenhaus einen eigenen Veranstaltungsort, in diesem Fall den Forellenhof, wo regelmäßig berühmt-berüchtigte Dragshows und Quizshow-Parodien ("Der große Scheiß") stattfanden, "wahrscheinlich das Grellste (…), was Friedrichshain in den letzten 80 Jahren miterlebt hat". In der Mainzer Straße hatte das Tuntenhaus auch eine Art Ferien- und Wellness-Funktion: "Also, ich glaub', das Tuntenhaus bringt einfach so ein Stück 'unbeschwerte Lebensfreude' in die ganze Straße. Als Kontrapunkt zu so einem politischen Denken oder kämpferischen Herangehen."

Das Tuntenhaus hatte trotz all der Lebensfreude und Unterhaltung einen klar emanzipatorischen Anspruch, was auch zu Konflikten mit der etablierten Schwulenszene führte. Eine einheitliche Linie gab es im Tuntenhaus allerdings nicht: "Manche wollten mehr unter den Autonomen missionieren, und andere unter den Schwulen. Aber die gingen dann gemeinsam ins Tuntenhaus. Jetzt kamen aber auch Leute, die mit Autonomen gar nix am Hut hatten, die mehr so über Asta-Schwulenreferate politisiert waren", so Ex-Bewohnerin Nancy.

Die Anwohner*innen der Mainzer Straße jenseits der Besetzer*innen (ja, die gab es auch) waren angesichts der Tunten gespalten, "The Battle of Tuntenhaus" dokumentiert die unterschiedlichen Ansichten. "Wat ick davon halte? Meine ehrliche Meinung? Steinbergwerk und arbeiten bisse umfallen! Brot und Wasser!", kommentierte ein älterer Anwohner die Situation in seiner Straße. Ein anderer wollte gar eine Handgranate auf die Bewohner*innen schmeißen, zog dann allerdings eine Handfeuerwaffe, die er "immer am Mann" hätte. Vielleicht war er Teil der Bürgerwehr, die sich gegen die Besetzer*innen gegründet hatte. Andere waren versöhnlicher, empfanden die Besetzer*innen als nett, störten sich lediglich an der Kleidung. Ein älterer Herr kommentierte milde lächelnd: "Frauen miteinander und Männer miteinander, aber dit is eben die neue Form. Damit muss man zurechtkommen."

Überschneidungen zwischen Punk-, linker und queerer Szene

Zwischenzeitlich waren die Überschneidungen zwischen Punk-, linker und queerer Szene sichtbarer geworden. So auch im Tuntenhaus. Die Doku zeigt, dass im Tuntenhaus der Punkstyle dominierte: Iros und Lederjacken. Nur Punkmusik war Mangelware. Stattdessen scheint das Absingen alter DDR-Lieder besonders beliebt gewesen zu sein, ohnehin scheint es eine starke DDR-Affinität gegeben zu haben, die sich nicht nur kulturell ausdrückte. Das Haus beherbergte auch das Max Hoelz-Antiquariat, das auf DDR-Literatur spezialisiert war. Neben DDR-Liedgut dominierte bei den Tuntenshows im Hof die Darbietung von Schlagern. Und trotz der Iros der Bewohner*innen war die Inneneinrichtung des Tuntenhauses nicht von abgerissenen Postern von Punkbands oder Szene-Slogans geprägt, und es gab auch keine herumstreunenden Hunde. Stattdessen offenbaren die Aufnahmen in "The Battle of Tuntenhaus" eine geradezu groteske Ordnung und eine Liebe zum Detail. Besucher*innen zeigen sich entzückt über Spitzengardinchen, Kitschbilder, rosa Chiffonstoff und eine weiße Ledercouch.


Hinterhof des Tuntenhauses bei seiner Räumung am 14.11.1990 (Bild: Umbruch Bildarchiv)

Doch mit alldem war es nach wenigen Monaten schon wieder vorbei. Am 24. Juli 1990 änderte der Staat seine Taktik für Ostberlin: Häuser, die nach diesem Datum besetzt wurden, sollten rigoros geräumt werden. Erste Räumungsversuche konnten noch abgewendet werden, die komplette Räumung der Mainzer Straße erfolgte schließlich am 14.11.1990 durch 3.000 Polizeieinsatzkräfte mit Wasserwerfern, schwerem Räumgerät, CS-Gas, Blendgranaten und sogar scharfer Munition. Es kam zu heftigen Ausschreitungen, 417 Menschen wurden festgenommen. Anschließend feierte die Polizei ihren "Sieg" mit entwendetem Alkohol aus den Häusern der Ex-Besetzer*innen. Ein Polizist setzte sich bei der Räumung des Tuntenhauses "zum Spaß" den Fez-Hut von Frau Krenz auf. Bereits am nächsten Tag wurden die Möbel der Häuser auf die Straße geschmissen. Die mitregierende Alternative Liste (AL), der Berliner Ableger der Grünen, kündigte daraufhin die Koalition mit der SPD auf.


Ein Polizist trägt nach der Räumung den Fez von Helga Kren (Bild: Screenshot Juliet Bashore "The Battle of Tuntenhaus Parts I & II")

Helga Krenz erzählt in der Tuntenhaus-Doku, wie es der Gruppe nach der Räumung ergangen ist: "Nach der Räumung sind wir mit dem Raumschiff Tuntenhaus irgendwie auf dem Boden gelandet, es war kaputt, wir standen in den Trümmern und mussten irgendwie sehen, dass wir jetzt irgendwie wieder Fuß fassen." Dabei schwebte auch viel Resignation mit.

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Das dritte Tuntenhaus im Prenzlauer Berg


Fassade des aktuellen Tuntenhauses in der Kastanienallee (Bild: ctot_not_def / wikipedia)

Ein drittes Tuntenhaus eröffnete 1991 in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg und wurde noch im gleichen Jahr legalisiert. Noch heute nennen es ca. 15 Schwule ihr Zuhause. Dieses Tuntenhaus ist eher Wohn- als politisches Projekt, obwohl Politik natürlich immer noch eine Rolle spielt – immerhin ist das Logo ein Stöckelschuh auf einem schwarzen Stern. Mit der h-bar gab es zeitweise eine eigene Punk-Kneipe: "Ehemaliger schriller Untergrund-Punk-Tunten-Schwuchtel-Treff, der zu Beginn von der Party-Fraktion der Schwulen Antifa verbrochen wurde. Die schlimmen Geschmacksverirrungen des Organisationskomitees sind über Berlins Grenzen hinaus verschrien. Unvergessen sind z.B. die Western-Party mit der Wahl der Rodeo-Queen, die Glücksrad-Show mit der phänomenalen Maren Gilzer und die Keller-Schlamm-und-Siff-und-Piss-und-Ekel-Party. Inspiriert war letztere von der CSD-Schlammperformance 97 der Bewegung Wagen 51, die derart attraktiv war, daß sogar Polizisten mitmischten. Historiker behaupten, die h-bar sei der Vorläufer der Rattenbar."

Mit der CSD-Schlamm-Performance ist der legendäre Rattenwagen beim Christopher Street Day 1997 gemeint. Er hatte seinen Ursprung in einer Rede zum Berliner Landeshaushalt am 27. Februar 1997, gehalten vom damaligen Vorsitzenden der CDU-Abgeordnetenhausfraktion Klaus-Rüdiger Landowsky. Dieser sagte mit Blick auf "kriminelle Ausländer" sowie Linksradikale: "Ich bin auch dankbar, daß der Senat jetzt intensiv gegen die Verslumung Berlins vorgeht, gegen Sprayer, gegen Müll und Verwahrlosung auch der städtischen Brunnen. Es ist nun einmal so, daß dort, wo Müll ist, Ratten sind. Und daß dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist. Das muß in der Stadt beseitigt werden!"

Der Vergleich von Menschen mit Ratten, den bereits die Nationalsozialisten in Propagandafilmen wie "Der ewige Jude" verwendet hatten, löste sowohl im Plenarsaal als auch in der Presse Entsetzen aus. Oppositionspolitiker von Grünen und PDS widersprachen lautstark, Klaus Böger vom Koalitionspartner SPD begann seine Rede mit einer Distanzierung von Landowsky. Auch aus den eigenen Reihen gab es Kritik: "Die Sprache von Landoswky ist eine erschreckende",erklärte der CDU-Politiker und späteres Präsidiumsmitglied des Zentralrates der Juden, Michel Friedman, gegenüber dem NDR.

Mit Riesenratte gegen CDU-Politiker Landowsky


Das Transparent am Rattenwagen, welches sich gegen die "Rattenrede" des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus, Klaus-Rüdiger Landowsky richtet (Bild: Dan Nicoletta)

Das Umfeld des zweiten Berliner Tuntenhauses reagierte auf seine Art. Es bastelte für die Berliner CSD-Parade am 28. Juni 1997 im Tiergarten eine riesige Ratte aus Pappmaché, füllte eine Badewanne randvoll mit Schlamm, baute beides auf einen Wagen und malte ein Transparent, das NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, Franz-Josef Strauß (der 1978 ebenfalls Menschen als "Ratten und Schmeißfliege"« bezeichnet hatte) und Landowsky zeigte, ergänzt um die Aufforderung: "RATTEN ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH." Als Wagen Nummer 51 fuhr er ganz am Ende der Parade, bekam aber die meiste Aufmerksamkeit.

Auf dem Rattenwagen mit dabei war Benjamin Reding, der später gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Dominik durch den Spielfilm "Oi! Warning" bekannter wurde. Seit 1993 hatte er eine Beziehung mit einem Bewohner des Berliner Tuntenhauses. Benjamin lebte noch in Hamburg und bekam in der fernen Hansestadt von Landowskys Rede und dem durch sie ausgelösten Eklat zunächst nicht viel mit. "Irgendwas war da mit irgend so einem CDU-Mann. Aber was da genau los war, habe ich damals gar nicht mitbekommen. Das war eben Lokalpolitik."

An den CSD hat Benjamin fast nur gute Erinnerungen: "Es war bestes Wetter, es war wunderbar. Wir Ratten waren ganz am Schluss des Zuges zusammen mit dem Wagen vom SO36. Die Stimmung im ganzen Zug war heiter-beschwingt. Die Laune war wirklich grandios gut und die Schlammbadewanne wurde dann auch kräftig genutzt. Am Ende waren dann fast alle eingesaut und es wurde auch richtig erotisch. Es gab wirklich den ein oder anderen sehr intensiven, erotischen Moment in der Wanne und um sie herum." Die Presseleute sprangen sofort auf das Schauspiel an. Benjamin Reding schätzt, dass an diesem Tag insgesamt circa 1.000 bis 2.000 Fotos von etwa 20 bis 30 vollgeschlammten Punks geschossen wurden. Die eingedreckten Menschen boten mit Abstand das interessanteste Motiv, die Aufmerksamkeits-Ökonomie funktionierte tadellos.


Frontansicht des Rattenwagens beim Berliner CSD 1997.(Bild: Dan Nicoletta)

Benjamin vermutet aber auch, dass die Rattenrede ein hoch-willkommener Anlass für die Schlammbadewanne war: "Ich glaube, es wurde regelrecht nach einem gut nachvollziehbaren Grund gesucht, um diese Schlammbadewanne auf den Wagen setzen zu können", denn in der Schwulenszene gab es den Schlamm als beliebtes Spielzeug oder Fetisch schon zuvor, z.B. bei den berühmten Snax-Partys im Ostgut. Auch da sauten viele Kerle mit dem feuchten Material herum. Erst auf dem CSD 1997 wurde der Schlamm dann politisch, auch im Hinblick auf die Veranstalter*innen der in den vergangenen Jahren gewachsenen Parade: "Das war als Anti-Statement gedacht. Wir hatten damals den Eindruck – und der bestand, wie sich dann leider gezeigt hat, völlig zurecht – dass dieser Berliner CSD restlos kommerzialisiert wurde. Das, was wir zeigen wollten, war: Queere, Schwule, Lesben und Trans-Menschen sind eben nicht diese konsumgeilen Saubermänner und Sauberfrauen, die da vor uns her traben. Wir hier hinten sind dreckig und antikapitalistisch und das ist wunderschön! Nichts ist besser, als ein komplexes politisches Anliegen mit einem klaren, einprägsamen Bild zu vermitteln, und das mit der Badewanne voll Schlamm hat wunderbar gepasst", so Benjamin. Er erinnert sich noch mit einigem Unbehagen an die Wagen der großen Konzerne auf den Pride-Demonstrationen, die bei den anwesenden LGBTIQ*-Menschen für den Kauf von Tempo-Taschentüchern oder die Eröffnung eines Kontos bei der Deutschen Bank werben sollten.


Die Brüder Dominik und Benjamin Reding nach dem Berliner CSD 1997 (Bild: Dan Nicoletta)

Bis heute hält sich hartnäckig die Erzählung, die Wanne hätte die Funktion gehabt, am Rattenwagen unbeteiligte Besucher*innen des CSD mit Matsch einzudecken. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass der ein oder andere ein paar Spritzer abbekommen hat: Laut Benjamin war die Badewanne wichtig, nicht die Schlammwürfe. "Das war nicht geplant. Die Badewanne war voll und es war klar: Wenn da Leute reinspringen, spritzt es. Das lässt sich ja nicht verhindern." Tatsächlich hatte sich ein Autobesitzer beschwert, weil sein Mercedes wohl etwas Dreck abbekommen hatte. Anlass für die Polizei, durchzugreifen.

CSD-Veranstalter meldeten Rattenwagen ab

Daraufhin wurde der Rattenwagen kurz hinter dem Brandenburger Tor gestoppt. Was die Mitfahrer*innen des Rattenwagens nicht wussten: Zu diesem Zeitpunkt hatten die offiziellen CSD-Veranstalter*innen den Wagen bereits von der Parade "abgemeldet", sodass die Polizei leichtes Spiel hatte. Die Reaktionen auf den Rattenwagen fielen erwartbar geteilt aus. Einige sahen sich von einem Haufen dreckiger Punks absolut nicht repräsentiert, aber laut Benjamin kamen an diesem Tag auch viele positive Reaktionen: "Um den Rattenwagen waren erstaunlich viele Frauen und Lesben. Und an den Rangeleien mit der Polizei waren auch eine ganze Menge Frauen und Lesben beteiligt, die uns damit schützten."

Das neue Selbstbewusstsein war verknüpft mit einem Ende des AIDS-Schocks in der Szene. Die Krankheit war im Tuntenhaus ein trauriges Thema, denn auch dort starben Bewohner*innen an den Folgen von HIV. 1997, so Benjamin, stand aber im Zeichen eines Umbruchs: "Die Zeit des Trauerarbeit kam an ihr Ende und man konnte jetzt zum ersten Mal wieder zeigen, dass man noch lebte. Wir sind noch da und wir tun jetzt mal so, als wäre AIDS nicht mehr das alles beherrschende Thema, obwohl es das natürlich noch war." Der lustvolle Umgang mit Dreck war laut Benjamin auch eine Antwort auf die endlosen Safer-Sex- und Reinheits-Diskussionen in denen z.B. ernsthaft darüber gestritten wurde, ob es beim "safer" Küssen zum Speichel-Austausch kommen durfte.

Es war in Deutschland das erste Mal, dass sich schwule Punks in dieser Form öffentlich präsentierten und damit auch das bisher dominierende, aber schon angestaubte Bild der Leder-Trine ablösten. Benjamin: "Es war das ganz große Ding und für alle sichtbar: Es gibt schwule Punks! Macht euch nichts vor, Punk ist nicht nur hetero, sondern auch schwul, lesbisch und trans", wodurch nach außen ein neues Schwulenbild transportiert wurde: »Es ging um die Sichtbarmachung eines neuen, veränderten Selbstverständnisses von schwul. Kritisch und rebellisch. Nicht der unterdrückte Schwule, den es noch in den Achtzigern gab, sondern der selbstbewusste Schwule, der sein Ding einfach durchzieht. Das war das große Thema: Rebellion, vermischt mit der Rebellion einer anders gelebten Sexualität. Man kann auch sagen: 'rebellische Sexualität'. Das war das eigentliche Thema des Wagens. Hinter dem Politischen steht immer auch etwas Sexuelles."

Die Anfänge des Kreuzberger CSDs

Noch am selben Abend zog, als Antwort auf die polizeilichen Aktionen gegen den Rattenwagen, eine Spontandemonstration durch Kreuzberg. Diese sollte auch in den Folgejahren unter dem Namen Kreuzberger CSD, Transgenialer CSD und einigen Weiteren als "kleine" und politischere Alternative meist zeitgleich zum "Großen" stattfinden. 2009 griff der homophobe Rapper Bushido mitsamt Freunden Teilnehmer*innen des Zuges an und 2010 lehnte die Gender-Forscherin Judith Butler einen Zivilcourage-Preis wegen der kommerziellen Ausrichtung der Parade und ihrer Meinung nach rassistischen Tendenzen eines Mitveranstalters ab und rief stattdessen zur Teilnahme am Kreuzberger CSD auf.


Aufnahme vom Alternativen CSD in Kreuzberg 2003 (Bild: Umbruch Bildarchiv)

Inzwischen ist der Kreuzberger CSD wohl Geschichte. Ab 2013 nahmen die innerlinken Streitigkeiten und Kontroversen um den alternativen CSD zu. Zuletzt fand der Kreuzberger CSD mit einigen Unterbrechungen 2016 statt, wo nach einem Redebeitrag der umstrittenen BDS-nahen Gruppe "Berlin against Pinkwashing" erneut Streitigkeiten losbrachen.

Der Bauwagenplatz "Schwarzer Kanal" ist ein weiteres Queerprojekt mit Punkbezug. Inzwischen nennt er sich "Radical Queer Wagenplatz Kanal" und ist an der Grenze zu Treptow und Neukölln ansässig. Neben vielen anderen Projekten finden dort auch immer wieder Veranstaltungen mit meist queer-feministischen weiblichen Punkbands wie Anti-Corpos oder Respect My Fist statt. Die Veranstaltungen sind kostenlos und nach dem DIY-Prinzip organisiert. Der Wagenplatz startete gemischtgeschlechtlich, war dann FrauenLesbenTrans und ist mittlerweile queer. Ein Bewohner sagte dem Maximumrocknroll 2009 auf die Frage, ob denn auch Punks auf dem "Schwarzen Kanal" wären: "Die meisten Leute dort würden sich wohl als Punks definieren, weil es immer Paranoia gibt, als Hippie bezeichnet zu werden. Wir sind aber glaube ich eher Softcore, obwohl … (lacht)." Nach mehrfachen Umzügen findet sich der Kanal auf einem Gelände am Rand von Neukölln.


Demonstration zum Erhalt des Berliner Bauwagenplatzes "Schwarzer Kanal" am 24. Oktober 2009 (Bild: Umbruch Bildarchiv)

Das Tuntenhaus im Prenzlauer Berg durchlebte um das Jahr 2000 herum seine Midlife-Crisis. "Der Auflösungsprozess der schwulen, linken Szene in Berlin, der sich z.B. darin manifestiert, dass es keine Kneipe mehr für diese Klientel gibt (abgesehen vom monatlichen, schlecht besuchten EX-Sonntag), geht auch nicht spurlos am Wohnprojekt vorüber. Es wurde in letzter Zeit deutlich ruhiger um die 'chaotische WG' (Berliner Zeitung). Die Multiplikatorenfunktion ist nicht mehr gefragt oder wurde von uns auch in Einzelfällen enttäuscht", heißt es in einem Text auf seiner Homepage. Die Verfasserin beklagt sich über Bewohner, "die sich in ihren Ansprüchen von der Restgruppe entfernen, privatistisch leben oder sogar nur hier wohnen, weil der billige Mietvertrag auf den eigenen Namen hört und andere das Klo putzen. Gleichzeitig ziehen engagierte Leute aus."

Die schleichende Normalisierung

Das Tuntenhaus erlebte einen schleichenden Normalisierungsprozess, die Öffentlichkeit ließ sich von den Polittunten zehn Jahre später kaum noch schrecken und queere Lebensweisen sind heute zunehmend akzeptiert, zum Bedauern der Bewohner: "Obwohl selbst die Berliner Morgenpost (erzkonservatives Springer-Blatt) schon ungefragt von 'Berlins originellstem Wohnzimmer' schwärmt, sehen einige ihre Wohnsituation als Kontrapunkt zum Schwulen-Mainstream, von dem sie sich distanzieren möchten."

Hinzu kommt die in Berlin fast schon alltägliche Bedrohung durch Gentrifizierungs-Prozesse. Nachdem das Haus Kastanienallee 86 bis zum Jahr 2000 einer Notstandsverwaltung unterstand, wurde es danach von einem Düsseldorfer Steuerberater übernommen. Im Jahr 2004 kaufte eine aus drei Besitzern bestehende Kastanienallee 86 GBR den Häuserkomplex und hatten große Pläne mit dem Haus: Sanierung und Dachgeschossausbau nebst teurer Vermietung. Doch sie hatten die Rechnung ohne die Bewohner*innen gemacht, die gar nicht daran dachten, auf ihre dort befindlichen und selbst eingebauten Bäder zu verzichten. Stattdessen brachten sie den inzwischen berühmten Spruch "Kapitalismus normiert, zerstört, tötet" als großes Relief an der Straßenseite des Hauses an. Im August 2010, nach einem gescheiterten Weiterverkauf, wurde vom Besitzer der Umsonstladen im Haus geräumt.

Zweifellos haben die queeren Orte und Events der Neunziger ihre Bedeutung zum Teil eingebüßt – weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt oder zumindest arrangiert hat. Oder sie haben eher eine Denkmalfunktion übernommen. Teilweise ist es aber auch eigenes Verschulden einer streitlustigen linken Hauptstadtszene und ihres kompromisslosen Agierens.

Auch wenn der Kreuzberger CSD erst einmal Geschichte und die Zukunft des Tuntenhauses und des Wagenplatzes Kanal zumindest offen ist, hat die Stadt immer noch eine große, pulsierende und ständig nachwachsende Szene queerer Punks, zumindest solange die Gentrifizierung die (unkommerziellen) Räume zulässt, in denen sie stattfinden kann. Dasselbe gilt auch für die Orte der DIY-Punkszene.



#1 ursus
#2 stromboliProfil
  • 27.10.2018, 16:27hberlin
  • "Zweifellos haben die queeren Orte und Events der Neunziger ihre Bedeutung zum Teil eingebüßt weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt oder zumindest arrangiert hat. Oder sie haben eher eine Denkmalfunktion übernommen. Teilweise ist es aber auch eigenes Verschulden einer streitlustigen linken Hauptstadtszene und ihres kompromisslosen Agierens."

    Ein seltsam zwiespältiger schluss...
    Sicher hat sich "gesellschaft weiterentwickelt".., aber warum nicht herausarbeiten, wohin die entwicklung ging und warum beide lebenskonzepte nicht miteinander vereinbar sind/ waren!.
    Dann würde man ohnehin auf das sich arrangieren kommen.
    Aber hat sich nun "gesellschaft arrangiert, weil andere "zu streitlustig , zu kompromislos waren?
    Überhaupt: wer war dann diese "andere gesellschaft!

    Wenn man lebenskonzepte entwirft/andenkt, warum müssen die am ende in kompromissen zueinander stehen?
    Können denn nicht viel diverse konzepte nebeneinader sich entwickeln.
    Ohne unterdrückung des anderen!

    Sagen wir es doch lieber im klartext: das eine war das, sich auf das vom staat vorbestimmte duldungskonzept der eingliederung in dessen zwangssystem. Das "andere", auf der suche nach autonomer selbstbestimmung, scheiternd durch den verrat der mitte-schickeria und salonhomos, welche an die futtertröge staatlicher fürsorge gelangt, sich einen scheiß drum kümmerten, was da die "schmuddelkinder des homosexuellen mainstreams " ausheckten.
    Eher noch in die medialen hetzkampagnen sich eingliederten.

    So sich selbstüberlassen, konnte staat&kapital hier die frühe gentrifizierung üben, die nun breitenwirksam langsam auch die sich vormals arrangierenden erreicht.
    Wie ich finde eine späte ironie der geschichte.
    Um das zu erfassen, ist so ein buch überfällig!
    Dabei die protagonisten nicht als denkmal, sondern als denkaufgabe erfahren!
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#3 la_passanteAnonym
  • 28.10.2018, 07:35h
  • Punk und Homosexualität waren übrigens schon immer miteinander verbunden: Viele der New Yorker Ursprungspunks (nein, Punk wurde nicht in London erfunden) waren Stricher und hatten ein durchaus politisches Bewußtsein von Homosexualität.
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#4 Ith_Anonym