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Pew Research Center
Osteuropäer haben mehr Vorbehalte gegenüber Schwulen und Lesben, Muslimen und Juden
Eine Analyse von Umfragedaten aus europäischen Ländern ergibt deutliche Unterschiede in den Einstellungen zu Minderheiten, zu sozialen Fragen und zur Bedeutung von Religion.

"Liebe ist Liebe" – Botschaft beim diesjährigen CSD in St. Petersburg (Bild: Straights for equality / vk)
- 29. Oktober 2018, 17:55h 4 Min.
In ihrer Haltung zu zentralen gesellschaftlichen Fragen unterscheiden sich Ost- und Westeuropäer deutlich. Das hat das US-Forschungsinstitut Pew Research Center bei Umfragen unter fast 56.000 Erwachsenen in 34 Ländern ermittelt. "Der Eiserne Vorhang, der einst Europa teilte, mag längst der Vergangenheit angehören, doch der Kontinent ist entzweit durch große Unterschiede in den Einstellungen der Öffentlichkeit zu Religion, Minderheiten und sozialen Themen wie gleichgeschlechtliche Ehe und legale Abtreibung", folgern die Analysten.
Auch wenn sich die Länder nicht über den Kamm scheren lassen können und es zu einzelnen Themen unterschiedliche Ausreißer aus den unterteilten Blöcken gibt, fallen doch deutliche Unterschiede auf. Insbesondere Muslime haben es in Osteuropa, das in der Auswertung des Forschungsinstitus auch einige mitteleuropäische Länder umfasst, schwer. In den meisten Ländern dort würde weniger als die Hälfte einen Muslim gerne in der Familie sehen. In Tschechien wären es gerade einmal 12 Prozent. Am offensten waren Niederländer mit 88 Prozent. Für jüdische Familienmitglieder zeigten sich die Befragten generell aufgeschlossener. Dennoch würden nur 35 Prozent der Griechen Juden in der Familie willkommen heißen, der niedrigste Wert unter den ausgewerteten EU-Staaten. Die Niederländer führen mit 96 Prozent und 88 Prozent bei Muslimen. Deutschland lag mit 55 Prozent (Muslime) und 69 Prozent (Juden) im Mittelfeld.

Einige der Ergebnisse
Unterschiede zeigen sich auch in gesellschaftlichen Fragen. In westeuropäischen Ländern befürworten mindestens 60 Prozent Möglichkeiten zur legalen Abtreibung (Deutschland: 76 Prozent); Schweden liegt vorn mit 94 Prozent Befürwortern. In Osteuropa ist die Zustimmung niedriger, allerdings gibt es auch dort in vielen Ländern Mehrheiten dafür. Die EU-Länder mit der niedrigsten Zustimmung waren Polen (41 Prozent) und Griechenland (45 Prozent). In Deutschland befürworten 76 Prozent Möglichkeiten zur legalen Abtreibung.
Ablehnung der Ehe für alle auch bei Jüngeren
In allen westeuropäischen Ländern überwiegt die Zustimmung für Ehen von Schwulen und Lesben. In den meisten dieser Staaten ist eine solche Verbindung inzwischen auch rechtlich möglich. Genau andersherum ist es in Osteuropa mit der Ablehnung und der gesetzlichen Nicht-Anerkennung. In einigen Fällen werden diese Ansichten fast universell vertreten. So sind etwa neun von zehn Russen gegen die legale gleichgeschlechtliche Ehe, während ähnlich deutliche Mehrheiten in den Niederlanden, Dänemark und Schweden dafür sind, dass schwule und lesbische Paare gesetzlich heiraten können.

Die Daten zur Ehe für alle gesamt und innerhalb der EU
Der Vergleich der Länder hakt in soweit, dass die Menschen in osteuropäischen Ländern ein bis zwei Jahre früher befragt wurden als die Westeuropäer – bei der gleichgeschlechtlichen Ehe änderten sich Einstellungen in den letzten Jahren rapide. Zugleich betont das Pew Research Center, die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass die regionale Spaltung Europas in Bezug auf gleichgeschlechtliche Ehe auch in Zukunft anhalten könnte: In den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas nähmen junge Erwachsene nur eine geringfügig weniger ablehnende Haltung zur Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe ein als ältere Menschen.

Die Daten zur Ehe für alle bei Jüngeren (18-34 Jahre)
Zum Beispiel sind 61 Prozent der jüngeren Esten (18 bis 34 Jahre alt) gegen die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe in ihrem Land, verglichen mit 75 Prozent der über 35-Jährigen. In dieser Hinsicht lehnen junge estnische Erwachsene mit einer sechsmal höheren Wahrscheinlichkeit die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen ab als ältere Erwachsene in Dänemark (10%). Dieses Muster gelte für die gesamte Region, so Pew Research: Junge Erwachsene in fast jedem mittel- und osteuropäischen Land seien in dieser Frage viel konservativer als jüngere und ältere Westeuropäer.
Glaubensfragen
Das Pew Research Center, das kürzlich anhand der gleichen Umfragedaten bereits herausstellte, dass praktizierende Christen innerhalb Europas eher zur Abwertung von Andersgläubigen und Homosexuellen neigten (queer.de berichtete), hat in der Analyse auch herausgefunden, dass in Osteuropa mehr Menschen an Gott glauben als in Westeuropa – in Georgien sind es sogar 99 Prozent. Unter den untersuchten EU-Staatsbürgern sind die Rumänen am gläubigsten (95 Prozent), gefolgt von den Griechen (92 Prozent). Die Tschechen liegen mit 29 Prozent hinten. In Westeuropa glauben weniger als zwei Drittel an Gott, in den Niederlanden, Belgien oder Schweden weniger als die Hälfte. In Deutschland glauben hingegen noch 60 Prozent der Menschen an Gott. In den meisten Ländern sowohl in West- wie in Osteuropa sind die Menschen für eine Trennung von Kirche und Staat.
Es gibt Ausnahmen, aber je weiter es nach Osten geht, ist zugleich eine Gefühl für die Überlegenheit der eigenen Kultur verbreiteter. Griechen stimmen zu 89 Prozent zu, Georgier zu 85 Prozent, Armenier zu 84 Prozent, Russen und Bulgaren zu 69 Prozent, Bosnier zu 68 Prozent. In Deutschland betrachten 45 Prozent die eigene Kultur als überlegen.
Die Analyse, die hier komplett abrufbar ist, setzt zwei frühere Untersuchungen in Bezug und ergänzt bislang unveröffentlichte Daten aus der Slowakei. Die Befragungen in Osteuropa fanden zwischen Juni 2015 und Juli 2016 statt, pro Land wurden in der Regel mindestens 1.400 Menschen befragt. In Westeuropa wurden von April bis August 2017 pro Land in der Regel mindestens 1.500 Menschen befragt. Daten aus 34 Ländern gingen in die Untersuchung ein, darunter auch 24 der 28 EU-Staaten. (nb/pm/dpa)














