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Schauprozess gegen offen schwulen Regisseur

Serebrennikow: "Meine Schuld erkenne ich nicht an"

Die russische Justiz geht gegen den schwulen Regisseur wegen angeblicher Veruntreuung von Fördermitteln vor. Seine Anhänger vermuten jedoch, dass die Behörden mit dem Prozess eine kritische Stimme mundtot machen wollen.


Der kritische Regisseur Kirill Serebrennikow ist den russischen Behörden ein Dorn im Auge (Bild: Facebook / Kirill Serebrennikow)

  • 7. November 2018, 12:50h, noch kein Kommentar

Nach mehr als einem Jahr im Hausarrest hat sich der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow am Mittwoch bei der öffentlichen Hauptverhandlung vor einem Moskauer Gericht zur Anklage der Veruntreuung öffentlicher Mittel geäußert. "Ich verstehe nichts – das ist alles, was ich sagen kann. Meine Schuld erkenne ich nicht an. Ich habe niemals irgendetwas gestohlen", sagte der Film- und Theatermann. Im Gerichtssaal befanden sich zahlreiche Künstler und Unterstützer Serebrennikows.

Der Regisseur war in der Nacht zum 22. August 2017 festgenommen worden – zu einem Zeitpunkt, als er in St. Petersburg einen Film drehte (queer.de berichtete). Seitdem steht er unter Hausarrest. Im November vergangenen Jahres ordnete die russische Justiz an, seine Besitztümer und Konten zu beschlagnahmen. Neben Bargeld und ausländischen Devisen wurden auch die Wohnung und das Auto des Künstlers beschlagnahmt. Die Justiz verfolgt auch mehrere seiner Mitarbeiter.

Dem 49-Jährigen wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2014 etwa 130 Millionen Rubel (1,7 Millionen Euro) staatlicher Fördermittel für sein Theater in Moskau veruntreut zu haben. Vorverhandlungen unter Vorsitz der Richterin Irina Akkuratowa hatten hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Der Regisseur, der mehrmals am berühmten Moskauer Bolschoi-Theater inszenierte, wies die Vorwürfe stets zurück.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigte Serebrennikow am Mittwoch, zu seiner persönlichen Bereicherung eine "kriminelle Gruppe koordiniert" zu haben. Ihm drohen zehn Jahre Haft.

Serebrennikow war Zielscheibe von Behörden und orthodoxer Geistlichkeit

Serebrennikow stellte sich zwar nie offen gegen Präsident Wladimir Putin, kritisierte aber immer wieder den wachsenden Druck auf den russischen Kulturbetrieb. Mit seinen Inszenierungen, die sich mit Politik, Religion oder Sexualität befassten, wurde Serebrennikow zur Zielscheibe von Behörden und orthodoxer Geistlichkeit.

Ein von ihm inszeniertes Stück über den schwulen sowjetischen Balletttänzer Rudolf Nurejew, der sich 1961 in den Westen absetzte, wurde immer wieder verschoben und offenbar zensiert. Das Bolshoi-Theater behauptete, dass der Grund nicht das Gesetz gegen Homo-"Propaganda" gewesen sei. Die Premiere fand dann im vergangenen Dezember statt – in Abwesenheit des Regisseurs.

Das Vorgehen der Justiz gegen Serebrennikow löst seit längerem heftige Proteste russischer und internationaler Künstler aus, darunter aus Deutschland der Regisseur Volker Schlöndorff und die Schauspielerin Nina Hoss, die die Vorwürfe der Justiz für vorgeschoben halten. Sie riefen dazu auf, den Star der russischen Theaterszene umgehend freizulassen.

Beim diesjährigen Filmfestival von Cannes im Mai sagten die australische Schauspielerin und Juryvorsitzende Cate Blanchett sowie die damalige französische Kulturministerin Françoise Nyssen dem Regisseur ihre Unterstützung zu. Als Zeichen der Solidarität zeigte das Festival Serebrennikows Film "Leto" über eine sowjetische Rockband. (AFP/dk)