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Ministerium schreitet ein
Österreich: Christliches "Aufklärungs"-Projekt darf nicht mehr an Schulen
Der auch in Deutschland aktive Verein "TeenStar" lehrt unter anderem, dass der "homosexuelle Lebensstil" schädlich und quasi "heilbar" sei.

Die deutsche Webseite von "TeenStar"
- Von Norbert Blech
21. November 2018, 07:57h 5 Min.
Wenige Monate nach einem kritischen Bericht der "Salzburger Zeitung" und am Vorabend eines weiteren Berichts im "Falter" hat das österreichische Bildungsministerium am Dienstag laut ORF angekündigt, dass der erzkonservative Verein "TeenStar" demnächst nicht mehr an Schulen Kinder über Sexualität "aufklären" darf.
Im Juli hatte die "Salzburger Zeitung" unter Berufung auf eine anonyme Pädagogin berichtet, dass der Verband in der Ausbildung der Lehrkräfte Homosexualität als Identitätsproblem und Verirrung darstelle, die veränderbar sei (queer.de berichtete). Außerdem werde Jugendlichen nahegelegt, "Sexualität erst in der Ehe zu leben", und Masturbation als "Fehlschritt" verurteilt.
Die Homosexuelle Initiative Salzburg nannte diese Darstellungen damals "falsch sowie schädlich" und forderte Konsequenzen. Am Mittwoch erscheinen nun im "Falter" in Zusammenarbeit mit HOSI Wien die "#TEENSTARLEAKS": In den an die Initiative geleakten Ausbildungs-Materialien des Verbands werden unter anderem die vermeintlichen "erheblichen physischen Risiken und psychischen Probleme" des "homosexuellen Lebensstils" benannt und die "Veränderung" der "Orientierung" durch "Therapie" angepriesen: Diese sei "wissenschaftlich nachgewiesen" und führe u.a. "zu größerem Selbstvertrauen".
"Manipulative" und "ideologische" Vorgehensweise
"Es ist äußert bedenklich, wie 'TeenSTAR' unter dem Deckmantel einer scheinbar modernen und ganzheitlichen Sexualpädagogik sein christlich-fundamentalistisches Netz webt und über Kinder und Jugendliche auswirft", so Kathleen Schröder, Bildungsbeauftragte der HOSI Salzburg. Die Vorgehensweise sei "durchwegs ideologisch geprägt, wirkt manipulativ und ist auch unter gesundheitspräventiven Gesichtspunkten abzulehnen."

Werbung für Homo-"Heilung": Nur eine Seite aus den vom "Falter" veröffentlichten #TEENSTARLEAKS. Zum Zeitungsbericht
Laut einem ausführlichen Bericht der HOSI bietet der Verein in Salzburg, Nieder- und Oberösterreich Aufklärungsworkshops in Volksschulen und so genannte 'TeenSTAR-Kurse' für Jugendliche an. In diesen führten Kursleiter beratungsähnliche Einzelgespräche mit Zwölf- bis 14-Jährigen und stellten "dabei zutiefst übergriffige Fragen". Wenn Jugendliche in den Kursen "homosexuelle Empfindungen" äußerten, seien "Kursleitungen dazu aufgefordert, an 'gutes Fachpersonal' und an 'gute Beratungsstellen' zu vermitteln".
"Die Ansicht, dass Homosexualität eine Identitätsstörung sei, die geheilt werden könne, war schon in den 1990er Jahren veraltet", meint Paul Haller, Geschäftsführer der HOSI Salzburg. Bereits 1992 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel. "Wir sind schockiert, wie offen in den Unterlagen homophobes Gedankengut verbreitet wird. Insbesondere die Hinweise auf 'Konversionstherapien' machen uns große Sorgen. Es ist hinreichend bekannt, wie schädlich diese Schein-Therapien sind." Wer den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernst nehme, "darf nicht die Schultüren für religiös-fundamentalistische Vereine wie TeenSTAR öffnen."
Nach der Weiterleitung der geleakten Materialien hatte bereits der Landesschulrat Salzburg vor wenigen Tagen einen Stopp der Angebote in den Schulen bewirkt, so die HOSI. Nun zog das österreichische Bildungsministerium nach.
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Verein auch in Deutschland aktiv
Bereits im Juli hatte queer.de berichtet, dass "TeenStar" als international tätiger Verband auch in Deutschland aktiv ist. So sprach Leiterin Karolin Wehler 2017 bei einem Kongress der homo- und transfeindlichen Bewegung "Demo für alle" (queer.de berichtete). Auf einer Kundgebung dieser Bewegung trat vor drei Jahren ein junger Mann auf, der dafür gefeiert wurde, seine Homosexualität nicht auszuleben (queer.de berichtete).
Während die "Demo für alle" (DfA) öffentlich queere Schulaufklärung im Rahmen von Bildungsplänen oder Aufklärungsprojekten wie SCHLAU als "Ideologisierung" und "Frühsexualisierung" bekämpft, bietet der Partner "TeenStar" auf seiner deutschen Webseite Weiterbildungen für Eltern, Lehrer oder Priester zu "Wertorientierter Sexualpädagogik" an – und unter anderem Kurse für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Altersstufen und Schulformen.

Ausschnitt aus einem Video der "Demo für ale" von einer "TeenStar"-Vorstellung bei einem Kongress des Bündnisses in Wiesbaden
Erst vor wenigen Wochen fand in München eine Tagung mit dem Titel "Wertevoll aufklären" statt, an der unter anderem die "Demo für alle" mit einem Stand vertreten war sowie "TeenStar" und ähnliche Projekte ihre Arbeit vorstellten. Bei der vom CDU- und DfA-nahen Elternverein NRW ausgerichteten Tagung hielt Markus Hoffmann, ehemals Leiter des "Ex-Gay"-Vereins "Wüstenstrom", einen Vortrag über die "Unterstützung junger Menschen auf dem Weg zu gelingender Sexualität". Auch weitere Vereine und Verbände mit Nähe zu Homo-"Heilern" wie die "Offensive Junger Christen" und das "Weiße Kreuz" nahmen teil.
Im April 2013 hatte queer.de berichtet, wie ein evangelikaler Verband aus Württemberg in seinem Jugendmagazin die "Heilung" Homosexueller von Markus Hoffmann von "Wüstenstrom" und weiteren "Experten" direkt bewerben ließ. Konsequenzen hatte das keine; Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte den Verband wenige Monate später und versprach dort, sich "für den besonderen Schutz der Ehe" einzusetzen (queer.de berichtete).
Update 18.25h: Ministerium bestätigt Verbannung
Nach einiger Verwirrung u.a. durch Berichterstattung von kath.net hat das österreichische Bildungsministerium die Verbannung des christlichen Sexualkundevereins "TeenStar" aus Schulen bestätigt. "Eine Fortführung der Aktivitäten wird in der derzeitigen Form nicht möglich sein", erklärte das Bildungsministerium der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Das Ministerium in Wien wolle bis Anfang Dezember alle relevanten Materialien und Methoden des Vereins überprüfen.
Die bisherige Sichtung habe ergeben, dass gewisse Inhalte nicht dem Grundsatzerlass zur Sexualpädagogik entsprechen und deshalb nicht mehr an Schulen vermittelt werden dürfen, berichtet der "Standard" die Sicht des Ministeriums. Demnach könne "TeenStar" sein Konzept adaptieren und kritisierte Inhalte ändern, aber: "Wenn der Verein sagt, das sind zentrale Inhalte, wird eine Zusammenarbeit in bisheriger Form nicht mehr möglich sein", so Ministeriums-Generalsekretär Martin Netzer.
Der Verein betonte in einer Stellungnahme, aus der die APA zitiert, dass die veröffentlichten Schulungsunterlagen im Hinblick auf das Thema Homosexualität veraltet seien. Man vermeide es bei Teenstar aber, "Jugendliche vorschnell auf eine bestimmte sexuelle Orientierung (z.B. auch Bisexualität) festzulegen oder sie dazu zu ermutigen, sich über ihre erotischen Gefühle, die noch in Veränderung begriffen sein können, zu definieren".
Wie und wo genau der Verein auch in Deutschland aktiv ist, wollte die auf der Website angegebene Kontaktperson Elisabeth Pesahl auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht sagen. (nb/dpa)
Links zum Thema:
» #TEENSTARLEAKS auf der HOSI-Salzburg-Webseite
» Der "Falter"-Bericht mit den geleakten Dokumenten
Mehr zum Thema:
» Österreich: Werbung für Homo-"Heilung" an Schulen? (13.07.2018)














