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Travestie unterm Hakenkreuz

Soldaten im Fummel – von 1914 bis heute

Das neue Buch "Soldier Studies" beschäftigt sich mit Crossdressing in der deutschen Wehrmacht. Parallel hat das Theatermuseum Meiningen die Ausstellung "Mein Kamerad – die Diva" neu aufgelegt.


Aus dem Kapitel "Front": historische Fotografie in Martin Dammanns Buch "Soldier Studies" (Bild: Sammlung Martin Dammann)

Im Jahr 2014, im Zusammenhang mit den Erinnerungsveranstaltungen an den Beginn des Ersten Weltkriegs hundert Jahre zuvor, zeigte das Schwule Museum Berlin die Ausstellung "Mein Kamerad – die Diva". Es ging um Theateraufführungen in Kriegsgefangenenlagern und an der Front: alle mit reinen Männerbesetzungen und in Frauenkleidern.

Dabei wurden viele Operetten gespielt, die damals mein besonderes Interesse erregten, zum Beispiel Gilbert & Sullivans "The Gondoliers" in einer Aufführung britischer Offiziere zu Weihnachten 1917 im Lager Ruhleben bei Berlin oder Walter Kollos "Der Juxbaron". Jetzt ist diese Ausstellung im Theatermuseum Meiningen neu aufgelegt wurden, parallel zum Gedenken an das Ende des Kriegs 1918. Und parallel zur Veröffentlichung eines neuen Buchs von Martin Dammann zur Situation im Zweiten Weltkrieg, Titel "Soldier Studies. Cross-Dressing in der Wehrmacht".

Austellung für Meiningen neu zusammengestellt

Die Ausstellung "Mein Kamerad – die Diva" vier Jahre später nochmal zu sehen, ist eine faszinierende Erfahrung. Besonders, weil die Räumlichkeiten völlig anders sind: die Objekte werden jetzt im Meininger Schloss gezeigt mit seinen grandiosen historischen Gängen, die dem Ganzen viel mehr Raum zum Atmen geben.

Kuratorin Anke Vetter hat die Schau für Meiningen neu zusammengestellt. Die unzähligen Fotos sind nach wie vor atemberaubend: sie zeigen sorgenfreie Momente inmitten des größten Kriegshorrors, der für ein paar Stunden weggewischt wird mit Musik und over-the-top Damendarstellern.


Diees Foto aus der Ausstellung "Mein Kamerad – Die Diva" in Meiningen zeigt russische, französische und britische Soldaten in einem deutschen Kriegsgefangenenlager während des Ersten Weltkriegs (Bild: Paul Tharan / Stadtarchiv Cottbus)

Wenn man die britischen Offiziere in Ruhleben sieht, in ihren venezianischen Kostümen in den "Gondoliers", dann fragt man sich zudem, wieso es danach fast hundert Jahre gedauert hat, bis Theatermacher wie Sasha Regan in Großbritannien neuerlich auf die Idee kamen, G&S mit reinen Männerbesetzungen anzubieten.

Was war denn da in der Zwischenzeit los? Es ist ja nicht so, als wären die Crossdressing-Aufführungen damals ein Geheimnis gewesen oder unbekannt. Trotzdem wurden sie nach 1918 weitgehend ignoriert. Ganz sicherlich wurden sie von typischen verborten Operettenfans ignoriert, die von "Tradition" schwafelten, aber solch relevante "Traditionen" aus dem Krieg unter den Teppich zu kehren versuchten. Erfolgreich.

Sexuelle Verwirrung in der Truppe

Was die Ausstellung zeigt, wieder und immer wieder, ist welche sexuelle Verwirrung die soldatischen Damendarsteller bei den übrigen Soldaten auslösten. Auch diese Verwirrung der Gefühle wurde nach 1918 totgeschwiegen. Der zurzeit vergriffene Ausstellungskatalog zitiert erhaltene Liebesbriefe, in denen Soldaten ihre Leidenschaft für wunderschöne Kameraden-als-Frau ausdrücken. Teils werden sogar sexuelle Träume im Detail geschildert ("Ich wünscht ich hätte mit dir mitkommen können, um mir deine Briefmarkensammlung anzuschauen, die du XY gezeigt hast, aber nicht mir").

Kuratorin Anke Vetter beschreibt wiederholt, dass einige Verfasser solcher Briefe und Postkarten sich nach der Rückkehr in den Familienalltag für solche Texte schämten. Geschrieben haben sie sie dennoch. Und scheinbar hat auch jemand die Texte aufbewahrt.

Manche entschieden sich auch für einen anderen Weg, nicht zurück in die vermeintliche "Normalität" mit Verlobter und Ehefrau. Sie wagten den Versuch eines schwulen Lebens, das in den Weimarer Jahren erblühte, obwohl der Paragraf 175 nach wie vor über allem schwebte. Er wurde bekanntlich erst 1969 entschärft.


Die Ausstellung "Mein Kamerad – Die Diva" ist noch bis zum 31. März 2019 im Theatermuseum Meiningen zu sehen (Bild: Kevin Clarke)

Was Homosexualität in der Bundeswehr angeht, musste man noch sehr viel länger warten bis das eine Option wurde. (Das Militärhistorische Museum Dresden hat das 2018 in der fulminanten Ausstellung "Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden?" thematisiert, dazu gibt es einen gleichfalls fulminanten Katalog in zwei Bänden, der ein "must have" ist.)

Die queere Truppenaktivität war erwünscht

Bereits in den Zwanzigerjahren begann der Theaterhistoriker Hermann Pörzgen Material zu Crossdressed-Kriegstheater zu sammeln. Er veröffentlichte damit ein Buch mit dem Titel "Theater ohne Frau: Das Bühnenleben der kriegsgefangenen Deutschen 1914-1920". Später vermachte er sein Material der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln im Schloss Wahn.

In Meiningen kommen jetzt viele der Exponate von dort, während die diversen historischen Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg aus französischen Militärarchiven kommen. Man sieht dort hochrangige Offiziere, die offiziell Crossdress-Aufführungen beiwohnten, lachten und begeistert applaudierten. Offensichtlich befürworteten sie diese Art Theater und Truppenaktivität.

Wenn man die Ausstellung nun außerhalb des Schwulen Museums sieht, sind die homoerotischen Bezüge nicht sofort ersichtlich. Der Besucher stolpert erst darüber, wenn er anfängt, die Texttafeln zu lesen. Vielleicht ist das auch gut so. Denn als ein Repräsentant des Schwulen Museums zur Eröffnung eine Rede hielt und dabei das S-Wort mehrmals verwendete, konnte man beim lokalen Publikum Zuckungen beobachten bei jeder Erwähnung des "schlimmen" Begriffs. (Das musste man wirklich live sehen, um es zu glauben. Ich staune immer noch darüber.)

Weitere Details zur homoerotischen Seite dieser Geschichte findet man im Katalog im Essay von Jason Crouthamel, er hat die Überschrift "Wir brauchen ganze Männer. Cross-Dressing, Kameradschaft und Homosexualität im deutschen Heer während des Ersten Weltkriegs."

In "Soldier Studies" stehen die Fotografien im Vordergrund


Martin Dammanns Buch "Soldier Studies" ist im Hatje Cantz Verlag erschioenen

Während es im Katalog von "Mein Kamerad – die Diva" ziemlich viel zu lesen gibt, ist der Textgehalt bei Martin Dammanns "Soldier Studies" eher übersichtlich. In einer kurzen Einleitung erklärt Dammann, wo er die Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hat, die er in seiner Publikation vorstellt. Und abschließend gibt es einen Essay von Harald Welzer mit dem Titel "The Normality of Military Life."

Welzer stellt die schwierige Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass wir hier solch sorgenfreie Momente des Soldatenlebens sehen, mit Männern, von denen wir wissen, dass viele von ihnen zeitgleich in die schrecklichsten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts verwickelt waren.

In vielen Fällen wissen wir nicht, wer diese Soldaten sind. Man muss also raten, ob es sich um knallharte Nazi-Anhänger handelt, um Antisemiten, um Männer, die sich für Politik und Ideologie interessierten oder nicht, ob es Heteros, Bisexuelle oder Schwule sind, ob sie den Krieg gutheißen, ob sie davor Angst haben oder vielleicht völlig dagegen sind. Was wir auch nicht wissen ist, welche Stücke sie aufführen. Ganz im Gegensatz zu "Mein Kamerad – die Diva", denn da haben wir Besetzungszettel und Stücktitel. Bei Dammann bleibt alles anonym und vage. Wenn man Glück hat, erfährt man etwas zum Jahr und Ort.

Einige der Wehrmachtssoldaten scheinen Kopien der berühmten Wunschkonzerte aufzuführen, verkleidet als Rosita Serrano oder anderen Stars der Zeit.

Travestie unterm Hakenkreuz

Was die Aufführungen in "Soldier Studies" von den offiziellen Aufführungen in Film und Theater unterscheidet ist die Tatsache, dass man Hakenkreuze und andere Symbole der NS-Ära überall sieht. Das ist im Widerspruch zur offiziellen Goebbels-Doktrin, dass die Unterhaltungsindustrie eine politikfreie Zone sein soll, die auch ein Schutz- und Entspannungsraum für kriegsmüde Deutsche sein sollte.

Zumindest oberflächlich betrachtet, die ideologische Indoktrinierung geschah subtiler. Folge davon war, dass es in keinem einzigen NS-Operettenfilm und in keiner Theateraufführung Hitlergrüße oder sonstige visuelle Äußerungen von Parteiunterstützung gab. Es gab auch nirgends NS-Fahnen oder Symbole. Aber genau diese sieht man in "Soldier Studies" zuhauf. Das macht die hier gesammelten Fotos selten und spannend. Sie erzählen eine Geschichte, die nicht von Goebbels geschönt wurde, eine Geschichte, dichter an der gelebten Realität.


Wehrmachts-Soldaten performen "Lili Marleen" (Bild: Sammlung Martin Dammann)

Martin Dammann schreibt in seiner Einleitung, dass er solches Crossdressing-Fotomaterial regelmäßig in alten Alben auf Flohmärkten gefunden habe. Das heißt, diese Bilder waren niemals wirklich geheim oder versteckt. Das heißt auch, dass die Obrigkeit davon gewusst haben muss. Und wie es scheint, tolerierte sie solche Aufführungen, vielleicht weil sie die Soldaten ermuntern wollte, mit solchen Veranstaltungen geistig zu entspannen, damit sie später einsatzbereiter für den Kampf und die Vernichtung sind?

Man sieht auch Bilder von Männern, sie sich innig umarmen und küssen, und das zu einer Zeit, wo Hitler bereits das Gesetz unterschrieben hatte, das die sofortige Hinrichtung von Militärs und SS- und SA-Mitgliedern anordnete, sie sich homosexuellen Handlungen hingaben. Man kann dazu ausführlich etwas lesen in Dagmar Herzogs "Sexuality and German Fascism".

70 Jahre Schweigen nach der Befreiung

In der Adenauer-Ära wollte sich niemand an solche Wehrmachtsmomente erinnern. Denn wie konnte sich die Nachkriegsgesellschaft der Schuldfrage am Holocaust und Vernichtungskrieg stellen, wenn gleichzeitig solche Party- und Performance-Bilder im Umlauf sind? Es dauerte mehr als 70 Jahre bis jemand das Schweigen durchbrach und diese Fotos nun veröffentlichte – und in diesem Kontext auch die offensichtlichen Fragen stellt. Es ist schade, dass die dazugehörigen Antworten ziemlich knapp ausfallen.

Übrigens: eines der spannendsten Exponate in Meiningen ist kein historisches Foto oder Plakat, sondern ein ziemlich zeitgenössisches Video, in dem man Soldaten der US-Armee in Afghanistan sieht, die das Lied "Call Me Maybe" aufführen. Sie tun das als Eins-zu-eins-Kopie bzw. Parodie der Version der Miami Dolphin Cheerleader. Das Video zeigt, dass die Geschichte von Militärs, die mit Gendernormen spielen und dabei populäre Musik benutzen, nicht vorbei ist. Und nach wie vor entstehen dabei verwirrende und teils auch irritierende Resultate.

Direktlink | US-Soldaten performen "Call Me Maybe" in Afghanistan

Der andere bemerkenswerte Themenabschnitt zur Jetztzeit betrifft Cross-Dressing in der Bundeswehr im Rahmen von weihnachtlichen Krippenspielen, mit dem Segen der Kirchenrepräsentanten. Die wiederum gaben aber nicht den Segen dafür, dass die entsprechenden Fotos in der Ausstellung gezeigt werden dürfen. (Denn was würde das für ein Bild auf die Kirche werfen?)

Stattdessen sieht man Bilder von Musikabenden im Kosovo und in Afghanistan mit Bundeswehrsoldaten, die gebannt einem Kameraden in Fummel lauschen: als Andrea-Berg-Double und als Uschi-Blum-Kopie. Mehr noch: Man sieht weitere Soldaten, die mit ihm/ihr im Tütü auftreten. Der Andrea-Berg-Darsteller heißt Oliver Z. und war damals schon gegenüber seinen Kameraden geoutet. Sie hatten kein Problem mit seiner sexuellen Orientierung, obwohl die Bundeswehr insgesamt noch eine Weile gebraucht hat, um damit ebenso entspannt umzugehen.

Infos zum Buch

Martin Dammann (Hrsg.): Soldier Studies. Cross-Dressing in der Wehrmacht. Gebundene Ausgabe. 128 Seiten. 118 Abbildungen. Hatje Cantz Verlag. Berlin 2018. 28 €. ISBN 978-3-7757-4483-6


#1 PeerAnonym
  • 25.11.2018, 09:27h
  • Tja, wenn junge Männer voll mit Hormonen ständig aufeinander hocken und ohne Frauen sind, bleibt es gar nicht aus, dass man auch mal "experimentiert"... :)
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#2 Patroklos
#3 lucdfProfil
  • 25.11.2018, 14:55hköln
  • Ich verstehe, dass die gestressten Soldaten sich ablenken und Tabus brechen wollten aber ich frage mich , was es bringt, jetzt diese Bilder zu zeigen. Wie lautet die Botschaft???????
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#4 BotschaftsflüchtlingAnonym
  • 25.11.2018, 15:48h
  • Antwort auf #3 von lucdf
  • Ralf König legte seiner Comicfigur "Paul" im Band "Super Paradise" diese welthaltigen Worte in den Mund:

    "Ich glaube nicht an Heterosexualität. Ich glaube an guten Sex und subtil-erotische Männerfreundschaften."

    Alle Erotik ist ein dynamisches Kontinuum. Meiner Ansicht nach ist das die Botschaft.
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#5 lucdfProfil
#6 daVinci6667
  • 25.11.2018, 17:04h
  • Antwort auf #5 von lucdf
  • Erotisch oh nein, finde ich das auch nicht. Eher belustigend. Ähnlich wie an einer Fasnacht oder Fasching wie er dies nennt.

    So eine Ablenkung oder meinetwegen Verwirrung brauchen Männer auch dringend wenn sie sich in solch hierarchischen Strukturen wie der Armee befinden. Ich allerdings finde immer noch ein echter schwuler Mann der Männer liebt lehnt es ab ändere Männer zu töten und tritt somit es gar nicht in so eine Organisation ein.
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#7 gifiAnonym
  • 25.11.2018, 18:07h
  • Das ist einfach zu 90% Misogynie. Die abgebildeten Männer fanden es lustig, weil lächerlich, weiblich konnotierte Kleidung zu tragen. Finde es albern bis geschmacklos, im Nachhinein ganz postmodern-wichtigtuerisch eine queere Intention hineinzulesen. Geschmacklos vor allem gegenüber den Millionen Weltkriegstoten, die unter den Nazis der Wehrmacht zu leiden hatten.
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#8 historyAnonym
#9 LotiAnonym
  • 26.11.2018, 09:51h
  • Antwort auf #6 von daVinci6667
  • Sehr richtig.
    Meine erste Reaktion zum Musterungsbefehl war: leckt mich doch. Dann kam die zweite Aufforderung, mit der Androhung der Militärpolizei. Somit bin ich hin u.vollgepumpt mit Speed, nur um ja nicht einberufen zu werden. Alles lief so ab wie ich es mir vorgestellt hatte, bekam NUR die Ersatzreserve 2. ( wegen Allergien u.Hautveränderngen;-) Den Wehrpass habe ich noch am gleichen Tag zerrissen.
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