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Protegé von Pasolini

Der Filmregisseur Bernardo Bertolucci ist tot

Zum Tod des italienischen Filmregisseurs, der in seinen Filmen aufzeigte, wie man Homosexualität verdrängen, aber auch feiern kann.


Bernardo Bertolucci (1940-2018) starb am Montag im Alter von 79 Jahren (Bild: Associazione Culturale Cinemazero / wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    27. November 2018, 07:47h, 3 Kommentare

Am 26. November starb der Filmregisseur Bernardo Bertolucci (1940-2018), der seit Anfang der Sechzigerjahre Filme drehte und zu den bekanntesten italienischen Regisseuren zählte. Zu seinen meistbeachteten Werken gehören "Der große Irrtum" (1970), "Der letzte Tango in Paris" (1972) und "Der letzte Kaiser" (1987). Seine Filme waren aufwändig inszeniert und enthielten häufig kulturelle Referenzen zu Musik und Literatur.

Das Frühwerk von Bertolucci stand dabei unter dem erkennbaren Einfluss des schwulen Regisseurs Piere Paolo Pasolini. Bertolucci Vater kannte Pasolini und so kam es, dass Pasolini Mentor des jungen Bertolucci wurde und ihm das filmische Handwerk lernte. Bertolucci assistierte bei Pasolinis Erstlingswerk "Accatone". Später drehte er seine eigenen Filme, die manchmal auch schwule Haupt- und Nebenrollen enthielten.

"La Commare Secca" (1962)


Nie unter einem deutschen Titel erschienen: Plakat zum Film "La Commare Secca"

Noch ganz im Schatten von Pasolini steht der Film "La Commare Secca" (1962), der auf einer Erzählung von Pasolini beruht und bei dem der erst 21-jährige Bertolucci Regie führte. Im Film halten sich mehrere junge Menschen in einem Park auf. Einer von ihnen – ein homosexueller Mann – wird überfallen.

Ein Mord bildet hier den äußeren dramatischen Rahmen, die Schicksale dieser jungen Menschen näher zusammen zu führen. Der schwule Mann findet nach langem Zögern den Mut, die Polizei auf die Spur des Mörders zu bringen. Die Krimihandlung dient hier als Klammer einer soziologischen Beschreibung, der in seiner Bildsprache deutlich an Pasolinis "Accattone" erinnert – also jenem Neorealismus, indem ebenfalls Laiendarsteller des unteren sozialen Milieus agieren.

Direktlink | Der Film auf Youtube

"Der große Irrtum" (1970)

Der Film "Der große Irrtum" bzw. "Der Konformist" (1970) brachte Bertolucci den internationalen Durchbruch. Es ist ein überzeugendes Psychogramm eines NS-Mitläufers, der seine Homosexualität verdrängt. Wie wird man zu einem Konformisten wie Marcello Clerici, der sich plötzlich den Faschisten andiente?

Im Rückblick erfährt der Zuschauer, wie der erst 13-jährige Marcello von seinem aufdringlichen Chauffeur Lino belästigt wird. Zuerst wirkt es eher wie ein Versteckspiel – aufgehängte weiße Bettlaken verweisen hier allzu deutlich auf die sexuelle Unschuld von Marcello. Dann eskaliert die Situation: Marcello nimmt sich die Pistole, die Lino direkt vor sein Geschlechtsteil abgelegt hatte, und schießt auf ihn. Wegen des vermeintlichen Mordes plagen ihn Schuldgefühle, die von seiner uneingestandenen Homosexualität bestärkt werden.

Im Film gibt es keine schwulen Sexszenen, aber das durch Blicke und Symbole angedeutete Begehren des erwachsenen Marcello wird auf subtilere und viel reizvollere Weise umgesetzt. In einer Szene stellt ein Stricher seinen nackten Fuß auf den teuren Schuh des Freiers. Das ist nicht nur körperliche Annäherung und das vorsichtige Angebot von einem Stricher, sondern ein unmittelbarer Ausdruck der sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich.


Schuhe und Füße, die Nähe und soziale Gegensätze ausdrücken

In diesem Film ist Licht viel mehr als nur Beleuchtung und Stimmung: Es ist ein wichtiges symbolisches Erzählmittel, das u.a. für die Hauptmetapher des Films eingesetzt wird: Platons Höhlengleichnis. Auf das antike Höhlengleichnis, das verdeutlicht, wie menschliche Verblendung die Wahrheitssuche behindern kann, wird im Film mehrfach eingegangen, u.a. in der Schlussszene mit dem Stricher.

Einige Rezensenten warfen zwar Bertolucci vor, eine Kausalität zwischen Homosexualität und Faschismus herzustellen, aber eigentlich werden im Film simple Erklärungsversuche eher vermieden. Der Fokus liegt dabei zwar auf dem Nationalsozialismus, aber es sind eher zeitlose Themen, die hier behandelt werden: Ein Schwuler will eine Frau heiraten, um nach außen hin als "normal" zu erscheinen, oder auch der Wunsch andere zu diskriminieren, um ja nicht selber diskriminiert zu werden. Bertolucci hätte diese Themen nicht mit einem Schwulen aufgreifen müssen, aber ich freue mich, dass er es gemacht hat.

"Die Träumer – Verbotene Spiele zu dritt" (2003)

Ein Student lernt im Mai 1968 in Paris zwei Geschwister kennen. Bald verbindet diese drei eine gemeinsame Liebe – eine Ménage-à-trois entwickelt sich. Vor dem Hintergrund der sexuellen Befreiung wird sehr erotisch und frei das Leben von drei Menschen geschildert, die ihr Leben und ihr Bett miteinander teilen. Bertolucci versteht es, die persönliche Befreiung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umwälzungen zu parallelisieren.

Dabei wird neben Sex und Politik auch das Kino selbst – als ein Ort der Aufklärung – mehrfach behandelt. Es gibt eine sehr erotische Szene im Film, die dies aufgreift: Theo und Matthew unterhalten sich in der Badewanne darüber, dass eine Kamera auch ein Schlüsselloch und ein Filmemacher "ein Spanner, ein Voyeur" ist. Mit Schaum wird dabei ein Guckloch geformt und der Zuschauer angesehen. Diese Äußerung ist nicht nur richtig, sondern lässt sich mit Bezug auf Bertolucci auch als eine selbstreferentielle Äußerung verstehen. Für ihn war Kino vor allem eine voyeuristische Kunst.


Der Regisseur als Spanner und Voyeur: Badewannenszene aus "Die Träumer"

Der Film ist zwar keine Doku über die sexuelle Revolution, aber er verbindet durchaus geschickt die politische und sexuelle Befreiung, das Öffentliche und Private. Eine meiner Lieblingsszenen findet während einer Demonstration statt, wo nach vielen homoerotischen Abenteuern der Kuss, den Matthew seinem Freund Theo gibt, eben nicht nur ein Zeichen seiner Liebe, sondern auch ein Zeichen des Friedens ist, da er ihn mit diesem von einer geplanten gewalttätigen Auseinandersetzung abzuhalten versucht. Auch wenn Bertolucci mit diesem Film die 68er-Bewegung vielleicht ein bisschen zu nostalgisch verklärt hat, kann man es auch genießen, wie er das damalige Lebensgefühl feiert.

Bertoluccis schwule Bilder

Der recht alte, aber immer noch sehr aussagekräftige Artikel von Will Aitken "Leaving the dance: Bertolucci's gay images" (1977) geht auch auf einige Filme Bertoluccis ein, die nur im weiteren Sinne noch Aufmerksamkeit verdienen. So behandelt er auch seinen größten Skandalfilm "Der letzte Tango in Paris" (1972), der als erster Mainstream-Film eine Szene über Analverkehr zwischen Heterosexuellen beinhaltet.

In dem Film treffen sich ein Amerikaner (Marlon Brando) und eine Französin (Maria Schneider) zum anonymen Sex. Nach Aitken hat der schwedische Regisseur Ingmar Bergman kritisiert, dass dieser Film mit einem schwulen Paar viel wahrheitsgetreuer hätte erzählt werden können. Ein Mainstream-Film mit dieser Thematik und einem homosexuellen Paar wäre allerdings weitaus kontroverser diskutiert worden.

Auch in Bertoluccis Film "Vor der Revolution" (1964) sieht Aitken einen schwulen Zusammenhang, weil sich Agostino auch wegen seiner unerwiderten Liebe zu Fabrizio tötet. Aitken steht nicht alleine da, wenn er in der Darstellung von Homosexualität und Tod ein durchgehendes Muster erkennt. Auch andere Autoren fiel auf, dass Bertolucci in seinen Filmen häufig den Tod aufgriff, aber nicht immer nur als das plötzliche Ende des Lebens, sondern manchmal auch als eine im Leben präsente Agonie.

Gerade in Bertoluccis älteren Filmen stehen Männer im Fokus, während Frauen eher passiv und Projektionsflächen von Angst und Hass sind. Besonders deshalb freue ich mich über seinen Film "Die Träumer" (2003), weil er als Korrektiv ein aktuelles Frauenbild zeigt und damit beweist, dass seine Filme nicht nur ein historisches Interesse verdienen.

Der Glauben an eine private Utopie

Vor einem halben Jahr las ich auf queer.de, dass Bertolucci den öffentlichen Umgang mit Kevin Spacey nach den gegen ihn erhobenen Missbrauchsvorwürfen kritisierte. Auch dies ist für mich eine Art Korrektiv. Es ist richtig, dass er den sexuellen Missbrauch in "Der Konformist" (1979) so schildert, wie er ihn geschildert hat. Es ist aber auch richtig, in der heutigen Zeit den Missbrauch mit dem Missbrauch in dieser Form zu kritisieren. Insofern sagt nicht nur sein Film, sondern auch seine klaren Worte über Kevin Spacey etwas über Bertoluccis Persönlichkeit aus.

Zu den verbindenden Elementen seiner Filme gehörte, mit der Hilfe von psychoanalytischen Themen die Grenzen des Kinos zu sprengen und dabei auch Tod und verflossene Zeit zu inszenieren. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres verbindendes Element, wie es in "Der letzte Tango in Paris" (1972) und "Die Träumer" (2003) deutlich wird: Diese Filme zeigen zwar die harte Realität, aber auch den Glauben an eine private Utopie. Es sind solche Filme, die ich von Bernardo Bertolucci vermissen werde.



#1 Patroklos
#2 paul senftenbergAnonym
#3 blablaAnonym
  • 29.11.2018, 15:33h
  • Lieber Autor,

    Bertolucci war ohne Zweifel ein Meister seines Faches und hat großartige Werke vollbracht. Grotesk in dieser Hommage ist allerdings Ihr Umgang mit seinem Verbrechen an die Unverletzbarkeit der Menschenwürde. Auf der einen Seite beschrieben Sie Bertoluccis Kritik beim Umgang mit Kevin Spacey als "Korrektiv". Auf der anderen Seite verlieren Sie keine einzige Silbe zum von Bertolucci angewiesenen Missbrauch Maria Schneiders durch Marlon Brando vor laufender Kamera. Dies wird besonders abstrus mit der direkt nachfolgenden Kritik Bergmanns, die Szene wäre realistischer mit einem Homopaar gewesen. Maria Schneiders Entsetzen und Tränen in den Augen waren echt -- und haben ihr restliches Leben gezeichnet.

    aus
    www.vox.com/2018/11/26/18112531/bernardo-bertolucci-maria-sc
    hneider-last-tango-in-paris


    >>>
    Bertolucci acknowledged that he hadnt told Schneider about the butter beforehand. I wanted her reaction as a girl, not as an actress, he said. I wanted her to react humiliated.

    The director said he felt guilty for the way he had treated Schneider, but did not regret it. As a filmmaker, he said, you have to be completely free.
    <<<

    So grossartig seine Werke auch waren, dies wird immer einen tiefschwarzen Schatten auf seine Werke werfen -- zumindest für mich und darf in dem spezifischen Kontext ihrer Hommage einfach nicht unerwähnt bleiben.
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