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HIV in der Bundesrepublik

Als die Schwulen über sich hinauswuchsen

Aids hat das Leben und Lieben in der Gay-Community tiefgreifend verändert. In seinem Buch "Die Kapsel" erzählt Martin Reichert die oft schmerzhaften Geschichten von Betroffenen.


Klaus mit Kette: Der Berliner Fotograf Jürgen Baldiga gab in den Achtziger- und Neunzigerjahren an Aids erkrankten Menschen ein Gesicht. 1993 starb er selbst an den Folgen seiner HIV-Infektion

Martin Reichert zeichnet auf einfühlsame Weise die Geschichte von HIV und Aids in der Bundesrepublik nach, indem er Protangonisten porträtiert. Sein Buch "Die Kapsel" ist persönlich motiviert, denn erst jetzt kann er sich diesem Thema stellen.

Während seiner Coming-out-Phase in Berlin Mitte der Neunzigerjahre war das große Sterben knapp vorbei. Die neuen HIV-Medikamente ermöglichten ein Leben mit der Infektionserkrankung. Doch über die Zeit davor wollte weder er etwas wissen noch wollten die Betroffenen darüber sprechen. Sie kapselten die Zeit ein. Dieser Kapsel nähert sich Reichert langsam an.

Das Ende der erkämpften Freiheit


Martin Reicherts Buch "Die Kapsel" ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Reichert spricht zunächst mit dem Langzeitüberlebenden Udo, der schon früh in den Achtzigern an Aids erkrankte und der als einer der wenigen bis heute mit HIV lebt. Er betont, wie sich die Schwulenaktivisten der damaligen Zeit als Nachzügler der Achtundsechziger verstanden. Sie lebten in der erkämpften Freiheit. "Es war das große Gefühl von Freiheit, bevor der Aids-Schock kam."

1996 wurde auf der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver die HAART vorgestellt. Ein Kombinationstherapie, die endlich wirksam den Virus in Schach hielt. Ein medizinischer Durchbruch, der den Betroffenen die Angst vor dem Tod nehmen sollte. "Plötzlich war da wieder Hoffnung", sagt Udo. Die HAART sollte die Geschichte von Aids nachhaltig verändern.
Martin Reichert beleuchtet die ersten Jahre von Aids, als es bekannt wurde und die ersten Patienten in Deutschland sichtbar wurden. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" spielte damals eine unrühmliche Rolle, indem es Aids dramatisierte und den Betroffenen eine Schuld zuwies. In dieser Zeit wurde weltweit über den richtigen Umgang mit der neuen Infektionskrankheit politisch gerungen.

Verunsicherungen und Angst machten sich vor allem in der schwulen Community breit. Safer-Sex-Kampagnen wurden gestartet. Die Deutsche Aids-Hilfe übernahm die zielgruppenspezifische Prävention mithilfe erheblicher finanzieller Unterstützung des Staates. Erfolgreich. Reichert verweist auf die Untersuchung des Berliner Soziologen Michael Bochow, der 1987 feststellte, dass 81 Prozent der Schwulen ihr Sexualverhalten veränderten. Das Kondom wurde Teil der schwulen Kultur.

Die große Angst vor dem Tod

Jan Feddersen und Wieland Speck zeichnen im Gespräch mit Martin Reichert ein unterschiedliches Bild der damaligen Zeit. Der heutige "taz"-Redakteur war in den Achtzigerjahren beim Kommunistischen Bund und Homo-Aktivist. Rückblickend sagt Feddersen, "dass ich in den ersten Jahren des Coming-out meinen auch vorhandenen Selbsthass in Aktivistische gedreht habe. Und meine Panik, als Aids aufkam, kam auch daher, dass ich so lebenshungrig war… Und Aids, das war der Tod." Das klingt stark nach einer analytisch-therapeutischen Reflektion, doch es kennzeichnet die damalige Todesfurcht.

Berlinale-Urgestein Wieland Speck hat auf Aids stets den cineastischen Blick, doch gerade auch im direkten Umfeld ist der Tod präsent. "Wir in der Jury [des Teddy-Award; Anm. d. Red.] wussten ja nie, ob wir uns im nächsten Jahr wiedersehen."

Die Geschichte von Aids ist zugleich die Erfolgsgeschichte des nicht repressiven Umgangs mit einer Epidemie. Ein Novum. Hierfür steht in Deutschland nicht zuletzt die Figur "Lovely Rita", wie Prof. Dr. Rita Süssmuth, die ehemalige CDU-Bundesgesundheitsministerin in der Szene genannt wird. Sie war die Antipodin zum CSU-Scharfmacher Peter Gauweiler, der Aids durch Absonderung und Wegsperren der Betroffenen bekämpfen wollte, übrigens damals unterstützt vom heutigen Bundesinnenminister Horst Seehofer.

Süssmuth sagt Reichert: "Aids hat in der Gesellschaft viele Durchbrüche bewirkt – nicht nur im Umgang mit Minderheiten." Sie nimmt sich im Gespräch zurück, doch eigentlich kämpfte sie für die auskömmliche Ausstattung der Aidshilfen in Deutschland, sie setzte den liberalen Umgang – als liberale Konservative – gegen alle Widerstände durch, so dass Deutschland bis heute weltweit als Leuchtturm für einen liberalen, aber vor allem höchst erfolgreichen Umgang mit der Epidemie steht.

Solidarität in der Krise

Zum Schluss des Buches wendet sich Martin Reichert den neueren Forschungen zu Aids zu und lässt auch hier Hoffnung aufkommen. Doch vielleicht am nachhaltigsten wird die PreP, also die Einnahme von antiretroviralen Medikamenten zum Schutz vor Aids, nochmals das Sexualverhalten der Schwulen in der westlichen Welt nachhaltig verändern.

Viele der Informationen, die Reichert liefert, sind Insidern bekannt. Aber die gelungene Art der Darlegung und der Einblick durch die Brille der Betroffenen, macht das Buch auch für informierte Leser*innen zu einem Erlebnis. Die Metapher der Kapsel trifft recht gut die kollektive Verdrängung. Umso wichtiger, wie Reichert uns die Geschichte von Aids in Deutschland nachfühlen lässt und zeigt, wie notwendig Solidarität war und ist.

Zutreffend schreibt Reichert: "Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass die Zeit der Aids-Krise auch eine Zeit war, in der viele Menschen über sich hinausgewachsen sind in ihrer Bereitschaft, Hilfe und Beistand zu leisten." Punkt.

"Die Kapsel" ist ein wunderbares Buch, auch wenn die Geschichte der betroffenen Junkies, Prostituierten und Bluter unerzählt bleibt. Es ist eine schwule Sicht der Dinge, aber Aids ist auch Teil der schwulen Emanzipationsgeschichte, deshalb sollte das Manko nicht vom Lesen abhalten. Vielleicht, und dies halte ich in diesem Zusammenhang wichtig, wäre noch zu erwähnen, dass die Geschichte der Selbst- und Aidshilfen auch eine Geschichte ist, wo Menschen solidarisch füreinander einstehen. Inseln in Zeiten einer zunehmend egoistisch und nationalborniert werdenden Gesellschaft.

Infos zum Buch

Martin Reichert: Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik. 271 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2018. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN: 978-3-518-42771-2). Ebook: 21,99 €


#1 PiepmatzAnonym
  • 01.12.2018, 14:36h
  • Um einen auch emotionalen Eindruck in die grassierende Hysterie der frühen Aids-Zeit zu bekommen, ist es immer ganz hilfreich, einen Blick in den 'Spiegel' zu werfen.

    Bisweilen muss man leider feststellen, dass sich manche Dinge seitdem gar nicht so sehr geändert haben, beispielsweise Seehofers ekelhafte Obsession für Menschenlager als "Lösung" gesellschaftspolitischer Probleme. Man beachte die Wortwahl:

    "Infizierte und Kranke, schlug der CSU-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer vor, müßten künftig 'in speziellen Heimen' gesammelt werden. Er sprach von 'konzentrieren', sein Parteifreund und neuer Bonner Staatssekretär Erich Riedl von 'absondern'. "

    www.spiegel.de/spiegel/print/d-13522444.html
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#2 JadugharProfil
  • 01.12.2018, 15:57hHamburg
  • Antwort auf #1 von Piepmatz
  • Das Aussondern hat eine extrem lange Tradition im jüdisch und christlich geprägten Kulturkreisen. Aussätzige wurden von der Gesellschaft ausgestoßen und mußten unter sehr armseligen und lebenswidrigen Bedingungen leben, so daß sie möglichst schnell von der Bildfläche verschwanden. Das Wegsperren bedeutet: Aus den Augen - aus den Sinn, eine Kultur des Verdrängens, anstatt Probleme zu lösen.
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#3 seb1983
  • 01.12.2018, 18:11h
  • Antwort auf #2 von Jadughar
  • Zum Glück würden nicht christlich jüdische Kulturkreise, sagen wir mal hinduistische, ein solches aussondern, sagen wir mal mit Lepra Kranken, natürlich nieeeeee machen, und natürlich würden sie auch nicht nicht nur darüber diskutieren sondern es auch nicht bis heute massiv fortsetzen.
    Nein so etwas würden sie bestimmt nicht tun....
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#4 andreAnonym