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Österreich
Zeitung trennt sich von einem homophoben Kolumnisten
Zwei Monate nach einem extrem homophoben Kommentar gibt die österreichische Tageszeitung "Die Presse" die Trennung vom Autor des Artikels bekannt.

Nachdem ein Kolumnist Homosexuelle als "Speerspitze in der Auflehnung des Menschen gegen die Natur" diffamierte, zieht "Die Presse" die Reißleine
- 3. Dezember 2018, 15:36h 2 Min.
Der freie Journalist Martin Leidenfrost wird künftig keine Kolumnen mehr für die Wiener Tageszeitung "Die Presse" schreiben. Das gab Rainer Nowak, der Chefredakteur des nach eigenem Verständnis "bürgerlich-liberalen" Blatttes, am Samstag bekannt.
Leidenfrost war vor zwei Monaten in die Kritik geraten, weil er in einem Gastkommentar mit homophoben Sprüchen gegen die Ehe für alle Stimmung machte. Nach Leserbeschwerden beschäftigt sich derzeit der österreichische Presserat mit dem Artikel (queer.de berichtete).
Chefredakteur bedankt sich bei Autor "für seine Unerschrockenheit"
"Die Samstagskolumne 'Der letzte Kreuzritter' wird nach knapp einem Jahr nicht mehr fortgeführt", so Nowak. "Wir konnten uns mit Martin Leidenfrost über Form und Inhalt auf keine gemeinsame Linie für das Format einigen", schrieb der Chefredakteur. Die Zeitung habe sich die Trennung nicht leicht gemacht. Man danke dem Autor "für seine Unerschrockenheit und für viele Debatten".
In seinem Kommentar hatte Leidenfrost unter anderem geschrieben: "Mich verstört die Willkür, mit der ausgerechnet den Homosexuellen das Los zugefallen ist, die Speerspitze in der Auflehnung des Menschen gegen die Natur abzugeben." Das Tempo, mit der sich diese "exotische Ideologie" durchsetze, sei "erschreckend", so der 46-Jährige aus dem ostösterreichischen Burgenland weiter.
Der Einsatz für LGBTI-Rechte sei eine neue Religion, für die viel "propagandistische[r] Aufwand" betrieben werde. Gleichstellungsgegner würden in ihrer Meinungsfreiheit einschränkt: "Filmindustrie und Medien massieren uns mit homosexuellen Rührdramen, die Privilegierung einer im Westen wohlsituierten Minderheit wird als 'Ehe für alle' verkauft, Andersdenkende werden an Schandpfähle gebunden. Aus einer lustigen Travestie ist eine todernste Staatsdoktrin geworden."
LGBTI-Gegner kritisieren Rausschmiss
In der Einstellung der Kolumne sehen LGBTI-Gegner einen weiteren Beweis für die Macht der "Gay Lobby" und kultivieren die angeblich eigene Opferrolle. Das konservative österreichische Katholiken-Magazin kath.net attestierte am Montag etwa ein "mediales Einknicken vor dem Zeitgeist" nach der Veröffentlichung des "homokritischen Gastkommentar[s]". Weiter heißt es: "Wer gegen den Zeitgeist anschreibt, der muss mit Konsequenzen rechnen." (cw)















"Mich verstört die Willkür, mit der ausgerechnet den Homosexuellen das Los zugefallen ist, die Speerspitze in der Auflehnung des Menschen gegen die Natur abzugeben."
Niemand lehnt sich gegen die Natur auf. Homosexualität ist genauso natürlich wie Heterosexualität - es gab sie zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Und es gibt sie auch massenhaft im Tierreich bei den unterschiedlichsten Arten. Was soll also daran unnatürlich sein?
Natürlichkeit ergibt sich nicht aus der empirischen Fallanzahl.
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"Das Tempo, mit der sich diese "exotische Ideologie" durchsetze, sei "erschreckend""
In wen man sich verliebt ist keine Ideologie. Und exotisch ist daran auch nichts (s.o.). Und wenn jemand sich davor erscheckt, sollte man vielleicht mal seine eigene leichte Erschreckbarkeit hinterfragen.
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"Der Einsatz für LGBTI-Rechte sei eine neue Religion, für die viel "propagandistische[r] Aufwand" betrieben werde."
Was ist an Liebe eine Religion? Im Gegenteil: die meisten LGBTI sind (zu Recht) sehr religionskritisch.
Und seit wann ist die Forderung nach Rechten und Einhaltung des demokratischen Gleichheitsgrundsatzes Propaganda?
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"Gleichstellungsgegner würden in ihrer Meinungsfreiheit einschränkt"
Nein, die können selbstverständlich auch ihre Meinung frei äußern. Aber dann müssen sie eben auch Widerspruch ertragen können. Denn dieselbe Meinungsfreiheit, die sie für sich reklamieren, gilt eben umgekehrt auch für diejenigen, die das anders sehen als sie.
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"die Privilegierung einer im Westen wohlsituierten Minderheit wird als 'Ehe für alle' verkauft"
Privilegierung bedeutet Besserstellung. Aber homosexuelle Ehepaare haben keinen einzigen rechtlichen, monetären, o.ä. Vorteil gegenüber heterosexuellen Ehepaaren. Es geht also nicht um Privilegierung/ Besserstellung, sondern um Gleichstellung. Und Gleichheit sollte in einer Demokratie ja wohl selbstverständlich sein.
Im übrigen sind nicht alle LGBTI "wohlsituiert", sondern es gibt genauso auch LGBTI, die von Sozialhilfe leben, obdachlos sind, etc.
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"Aus einer lustigen Travestie ist eine todernste Staatsdoktrin geworden."
Liebe ist keine "lustige Travestie". Und Homosexualität ist auch keine Staatsdoktrin, weil der Staat seine Politik eben nicht nur an LGBTI ausrichtet, sondern an ALLEN Menschen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. (Was in der Praxis nicht mal der Fall ist, solange wir nicht rechtlich vollkommen gleichgestellt sind.)
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"mediales Einknicken vor dem Zeitgeist"
Mal ganz abgesehen davon, dass es Homosexualität schon immer gegeben hat (s.o.), aber was soll an Gleichstellung aller Menschen "Zeitgeist" sein? Das ist schlicht und einfach Demokratie. Und Liebe ist hoffentlich auch kein "Zeitgeist", sondern etwas, was die Menschheit von den Maschinen unterscheidet.