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Professor, Dichter, Schriftsteller

Literarische Maskierung von Homosexualität par excellence

Vor 100 Jahren erschien Ernst Bertrams Buch "Nietzsche. Versuch einer Mythologie", das damals hohe Wellen schlug und auch im homosexuellen Diskurs eine große Bedeutung einnahm.


Ernst Bertram (1884-1957) als Student

  • Von Erwin In het Panhuis
    7. Dezember 2018, 07:05h, 5 Kommentare

Vor einem Jahrhundert erschien Ernst Bertrams Buch "Nietzsche. Versuch einer Mythologie". Der 1884 geborene Autor begründete damit seine wissenschaftliche Karriere und brachte damit auch seine Sozialisation als Homosexueller zum Ausdruck.

Heute ist Bertram kaum noch jemandem bekannt. Das ist schade, denn schließlich hatte sein Nietzsche-Buch zeitgenössisch hohe Wellen geschlagen und im Rahmen der Nietzsche-Rezeption auch im homosexuellen Diskurs eine große Bedeutung gehabt.

Im Rahmen seiner Dissertation "'Aristokraten aus Not' und ihre 'Philosophie der zu hoch hängenden Trauben'. Nietzsche-Rezeption und literarische Produktion von Homosexuellen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts" (2001) stellt der Autor Jan Steinhaußen neben Thomas Manns "Doktor Faustus" vor allem Ernst Bertrams "Nietzsche"-Buch in den Mittelpunkt seiner weitreichenden Analyse. Viele der nachfolgenden Äußerungen – auch die über sein soziales Umfeld – beziehen sich auf Steinhaußens Forschungen.

Bertrams Nietzsche-Buch


Das Cover von Bertrams "Nietzsche"-Buch ziert neben einem stilisierten Hakenkreuz auch eine Vignette "Blaetter für die Kunst" – ein Bezug auf die Literaturzeitschrift von Stefan George, der für seinen (homoerotischen) George-Kreis bekannt war

Mit "Friedrich Nietzsche. Versuch einer Mythologie" (1918) konnte sich Ernst Bertram in Bonn habilitieren und wurde 1921 an die Kölner Universität als Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte berufen. Bis 1929 erlebte sein Nietzsche-Buch sieben Auflagen.

Auch wenn Bertram an keiner Stelle seines Buches Homosexualität ausdrücklich benennt, arbeitet er an vielen Stellen mit literarischer Maskierung von Homosexualität und thematisiert nach Steinhaußen an "zentralen Stellen homosexuelles Leidempfinden sowie Hoffnungen und Sozialisationsvorstellungen eines Homosexuellen" (S. 9). Bertrams Buch verweist dabei auch auf die Nietzsche-Rezeption bei anderen Homosexuellen wie Stefan George und Thomas Mann.

Steinhaußen zeigt dies zunächst anhand einer für Homosexuelle typischen Methodenauffassung und Wahrnehmungsperspektive: Zu den herkömmlichen universitären Methoden gehören der Versuch einer Objektivierung der Geschichte und eine schematische Behandlung von Themen. Für Schwule, die sich in einer Geschichtstradition nicht repräsentiert fühlten, habe die Bestätigung subjektiver Erfahrungen einen wesentlich höheren Stellenwert gehabt.

Genau diese Duldung individueller Sichtweisen zur Geschichte finden sich in Bertrams Betrachtungen wieder. Indem "wir es uns verdeutlichen, deuten wir es schon", war ein Zitat von Bertram. Diese Form der Methodenauffassung hatte er dabei wohl nicht ohne Grund auch bei anderen Homosexuellen, wie denen im George-Kreis, wiederfinden können (S. 95-111).

Bertrams (schwule) Motive im Nietzsche-Buch

Mehrere von Ernst Bertrams verwendeten Motiven deutet Steinhaußen aus homosexueller Sicht: So war zwar die "Nord-Süd-Polarität" als literarisches Motiv ein weit verbreitetes Bewertungsmuster, indem z.B. der Süden mit Massengesellschaft gleichgesetzt wurde. Homosexuelle haben mit dem Süden jedoch geistesgeschichtlich die Antike, Toleranz, Schönheitsideal und eine männliche Gesellschaft verbunden.

Im "Nietzsche"-Buch interpretiert Bertram den Süden im letzteren Sinne als eine unerfüllte Sehnsucht. In seinem Kapitel über Venedig verweist Bertram auf (die Homosexuellen) Platen, Lord Byron und auf Thomas Manns Novelle "Tod in Venedig" (S. 178-183). Das Motiv "Krankheit" kommt auch im Buch vor, was Bertram jedoch weniger wie eine erlittene physische Einzelerfahrung zu sehen scheint, eher wirkt es wie ein Versuch, die als krankhaft empfundene eigene Homosexualität in die Schöpfungsordnung zu integrieren (S. 247-248). In Bertrams Nietzsche-Buch finden sich auch Stilisierungen von Organisationsformen (u.a. religiösen) als homosoziale Gemeinschaften. Bertram vergleicht in diesem Zusammenhang Nietzsche mit Leonardo da Vinci und Friedrich II., was aufgrund der bekannten Affinität beider Personen zur Homosexualität beziehungsreich wirkt (S. 258-260).

Die Verehrung bedeutender Personen war zwar in Literatur und Kunst oft anzutreffen, hatten bei Bertram und im George-Kreis darüber hinaus aber – unter Bezugnahme auf Nietzsche – auch die Funktion einer Legitimation von Homosexualität. Das sieht man auch daran, dass Bertram Persönlichkeiten wie Friedrich II., Michelangelo und Shakespeare in seine Verehrungen einbezieht, die in einer homosexuellen Tradition stehen (S. 270-272). Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine Diskussion darüber, dass mit der herkömmlichen Sprache nur bedingt Gefühlswelten ausgedrückt werden könnten. Im Gegensatz zu Heterosexuellen wurde dies jedoch von Homosexuellen als individuelle und nicht als kollektive Wahrnehmung empfunden.

Bertram reflektierte über dieses Problem und bezog es dabei konkret auf Geschlecht und Sexualität (S. 407-422). Die von Bertram verwendeten Begriffe wie "Sterilität" und "Unfruchtbarkeit" sind in vielen Zusammenhängen bedeutungstragend bzw. metaphorisch zu verstehen und verweisen gleichzeitig auf einen geschlechtlichen Zusammenhang. Daneben findet man bei Bertram aber auch abstraktere Begriffe wie "Schicksal" und "Natur", welche nach Steinhaußen ebenfalls in einem (homo-)sexuellen Zusammenhang zu interpretieren sind (S. 422).

Wer war Ernst Bertram?

Ernst Bertram (1884-1957) studierte in Bonn, Münster und Berlin Deutsche Literaturgeschichte, Neuere Kunstgeschichte und Philosophie. Während seines Studiums in Bonn lernte er 1906 seinen späteren Lebensgefährten Ernst Glöckner kennen und freundete sich auch mit Saladin Schmitt an, über den er Zugang zu den Werken von Stefan George erhielt.

Von 1907 bis 1918 veröffentlichte er in den "Mitteilungen der literarhistorischen Gesellschaft" in Bonn insgesamt elf Beiträge, von denen sechs homosexuelle Autoren behandeln, nämlich ein Beitrag Hugo von Hofmannsthal, zwei Beiträge Stefan George und drei Beiträge Thomas Mann. In einigen seiner Arbeiten griff er zu den Mitteln der literarischen Maskierung, um sich über Homosexualität zu äußern. Deutlich wird dies vor allem in einem Beitrag über George Sand und die Sitten der Griechen in der Antike.

Mit der im Oktober 1918 erschienenen Arbeit über Nietzsche konnte er sich habilitieren. Eine der Grundlagen der Arbeit an diesem Buch war dabei der Austausch mit Thomas Mann. 1921 wurde Bertram als Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an die neu gegründete Universität Köln berufen. Sein Versuch, sich als Professor an die Universität München berufen zu lassen, scheiterte höchstwahrscheinlich an seiner Homosexualität.

In den Dreißigerjahren begrüßte er den Aufstieg der Nationalsozialisten. An den Bücherverbrennungen nahm er teil, bemühte sich jedoch, die Werke von Thomas Mann vor der Vernichtung zu bewahren. Bis 1946 lehrte er ohne Unterbrechung an der Kölner Universität, bis er wegen seiner NS-Verstrickungen seines Amtes enthoben wurde.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Bertram in Köln-Marienburg, wo er am 2. Mai 1957 starb. Nach seinem Tode wurde er in Weilburg an der Seite seines Freundes Ernst Glöckner bestattet. Die Formulierung im offiziellen Nachruf der Universität Köln über die Beisetzung von Bertram "neben seinem […] Freunde" wird mitunter als Indiz dafür gesehen, dass seine Homosexualität innerhalb der Universität bekannt war.


Der Nachruf der Stadt Köln mit der Formulierung "neben seinem […] Freunde"

Bertrams Beziehung mit Ernst Glöckner

Ernst Glöckner (1885-1934) und Ernst Bertram lernten sich während ihrer Bonner Studienzeit 1906 kennen. Der umfangreiche und noch erhaltene Briefwechsel seit 1906 ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer Beziehung mit ihren Problemen und Nöten. Die Briefe zwischen beiden schildern in überraschender Klarheit auch die sich aus der Homosexualität ergebenden Schwierigkeiten, wie sie aus keinem der Briefe von Thomas Mann oder anderen zeitgenössischen Dokumenten hervorgehen.

Beide litten zumindest in den ersten Jahren unter gravierenden Selbstwertstörungen und Depressionen. 1910 schrieb Glöckner an seinen Freund: "Für mich hätte ich mit diesem Dasein abgeschlossen, wenn Du nicht wärest". Während sich Bertram seiner homosexuellen Orientierung sicher war, deuten die Briefe bei Glöckner auf Bisexualität hin. Anfang 1908 wurde die Beziehung intimer: Die Briefe beider sind in diesen Monaten überladen von Treueschwüren und Beteuerungen, sich ewig zu lieben. Zweifel am Partner verschwanden zwischen 1910 und 1913 bei Glöckner fast völlig.

Im zweiten Jahrzehnt ihrer Beziehung scheint es eine Stabilisierung der Beziehung gegeben zu haben – verbunden mit einer Versachlichung der Briefe. 1913 lernte Ernst Glöckner Stefan George kennen, und es entwickelte sich eine platonische Freundschaft, die bis 1928 bestand. Glöckner missbilligte Bertrams Freundschaft mit Thomas Mann, weil Stefan George wiederum Thomas Mann ablehnte. Später wurde Glöckner – genauso wie Ernst Bertram – ein überzeugter Anhänger Adolf Hitlers. 1934 starb Glöckner und wurde in Weilburg beerdigt.


Ernst Bertram (rechts) und Ernst Glöckner (links)

Bertrams Freundschaft mit Thomas Mann

Ernst Bertram lernte Thomas Mann durch einen Artikel kennen, den er über Thomas Manns Roman "Königliche Hoheit" in den "Mitteilungen der literarhistorischen Gesellschaft" veröffentlichte und diese an Thomas Mann schickte. Bertram war zu dieser Zeit Student und Doktorand und hatte sich bereits in mehreren Beiträgen über Thomas Mann geäußert. Bertram verehrte Manns Werke – er erkannte in Mann den Homosexuellen und brachte dies andeutungsweise auch in diesem Artikel zum Ausdruck. Bis 1919 waren die folgenden Jahre von enger Freundschaft und intensiver Zusammenarbeit geprägt. Die Homosexualität war vermutlich das geheime Band zwischen Thomas Mann und Ernst Bertram, auch wenn sich Thomas Mann seine homoerotische Veranlagung außerhalb seiner Tagebücher wohl nie offen eingestand.

Bertram war für Mann lektorierender Kritiker, und Thomas Mann griff als Anregung für seine "Betrachtungen eines Unpolitischen" auf fertige Kapitel aus Bertrams "Nietzsche"-Buch zurück. Beide Bücher entstanden nicht nur zur gleichen Zeit, sondern wurden auch im gleichen Monat, im Oktober 1918, verlegt.

Jene Werke waren dabei auch Ausdruck ihrer Homosexualität. "Es unterliegt für mich selbst keinem Zweifel, daß auch die 'Betrachtungen' ein Ausdruck meiner sexuellen Invertiertheit sind", schrieb Thomas Mann am 17. September 1919 in sein Tagebuch. Ihre Freundschaft war jedoch nicht nur auf literarische Diskussionen reduziert. Bertram war auch der Taufpate von Thomas Manns dritter Tochter, was Ausdruck engster freundschaftlicher Beziehung war. In dieser Zeit gehörte Bertram fast zur Familie der Manns. Als Bertram 1918 das Angebot zur Habilitation in Bonn bekam, schrieb Mann in sein Tagebuch, dass Bertrams Weggang ein empfindlicher Verlust für ihn sei.

Eine vergleichbare intellektuelle Freundschaft über so viele Jahre hinweg hatte Thomas Mann mit keinem anderen Homosexuellen – in den Jahren 1918 bis 1921 war Bertram sein vertrautester Freund. Seit 1928 kündigten sich durch die Hinwendung Ernst Bertrams zum erstarkenden Nationalsozialismus grundsätzliche politische Differenzen an, die 1933 zum Bruch ihrer Freundschaft führten. In einem Brief an Glöckner berichtete Bertram, dass er die Werke von Thomas Mann vor der Bücherverbrennung bewahren wolle. Weil Thomas Mann in existenzieller Unsicherheit lebte, mussten die Differenzen zu einem Bruch führen. Sie sahen sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg – 1954 – wieder und versöhnten sich oberflächlich.

Am 23. und 24. März 2001 wurde im Kölner Auktionshaus Venator & Hanstein ein großer Teil der Bibliothek von Ernst Bertram versteigert. Insbesondere die Ergebnisse der Auktion bei den von Thomas Mann gewidmeten Büchern und Fotografien dokumentieren den hohen Wert, der ihnen von Liebhabern zugemessen wird.

Bertrams weiteres soziales Umfeld

Mit dem Lyriker Stefan George und dem Bonner Professor Berthold Litzmann gab es noch Verbindungen zu Personen des öffentlichen Lebens. Bertram hörte von George wahrscheinlich zuerst über seinen Studienfreund Saladin Schmitt oder von Prof. Litzmann, der George in seinen Seminaren behandelte.

Auf Anregung von Litzmann beschäftigte sich auch Bertram mit George, den er später auch persönlich kennen lernte. Das Verhältnis zwischen Bertram und George war jedoch eher von Eifersucht geprägt, da zwischen George und seinem Freund Glöckner eine sehr intensive Freundschaft bestand. Es ist zu vermuten, dass Bertram als Homosexueller Kontakt zum George-Kreis erhielt, auch wenn er ihm selbst nicht unmittelbar angehörte.

Was bleibt von Ernst Bertram?

Ernst Bertram ist für viele Kölner der bedeutende Literaturwissenschaftler; für andere ist er ein Lyriker, der auch einige Gedichtbände publizierte. Aus schwuler Perspektive hat sein Nietzsche-Buch, in Verbindung mit dem im Literaturarchiv Marbach aufbewahrten Briefwechsel mit seinen Freunden, eine große Bedeutung.

Den (schwer lesbaren) Briefwechsel hat Steinhaußen für seine Dissertation ausgewertet und damit einen weitreichenden Einblick in Ernst Bertrams Leben ermöglicht, der schon vor 100 Jahren ein spannendes schwules Leben führte – mit einem festen Partner und einem schwulen (und zum Teil prominenten) Freundeskreis. Ernst Bertrams Leben und Werk lohnt sich wiederentdeckt zu werden.

Dieser Artikel fußt auf einem Kapitel in Erwin In het Panhuis' Buch "Anders als die Andern. Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" (S. 77-81), das der Autor auf seiner Homepage digital und im Volltext kostenlos anbietet.



#1 Danny387Profil
#2 Ith_Anonym
  • 07.12.2018, 10:18h
  • Das mit dem schwer lesbar kann ich leider auch diesem Beitrag attestieren..

    Es mag ja sein, dass als Zielpublikum Studenten von Literatur und/oder Sprachwissenschaften angedacht sind.. aber selbst dann finde ich den Ansatz im ersten Teil des Beitrags schwierig. Einfach mal davon ausgehen, dass der Leser alle referenzierten Werke und Biographien hinreichend auswendig und detailliert kennt, damit ein kleiner Nebensatz zum Verständnis ausreicht?
    Wenn als einziges "greifbares" Beispiel eine Nord-Süd-Polarität erwähnt wird, die Bertram zugeschrieben wird, mit der Überschrift aber auf Nietsche verweist, hätte ich außerdem gerne irgendeinen Tipp, welcher der drei in Frage kommenden Autoren (Bertram, Nietzsche, Steinhaußen) damit jetzt nun wie genau arbeitet, und wer sich da wie auf wen bezieht.
    Abgesehen davon, dass ich als Nicht-Fachidiot auch gerne wüsste, wie und wo genau diese Polarität hier denn nun konstruiert wurde, und inwiefern sich dabei Unterschiede zur heteronormativen Masse ergeben, da ja nunmal angedeutet wird, dass das Motiv auch dort nicht unüblich war. Bleibt alles sehr schwammig.
    Mal ein einziges, klares Beispiel, bei dem man die Bücher nicht alle selbst gelesen haben muss, um sich bezüglich des Beitragstitels aufgeklärt zu fühlen, wäre schon nett gewesen.

    Im unteren, biographischen Anteil bin ich erstmal nicht dahinter gekommen, was auch das für mich schwer lesbar macht, bis mir zumindest aufgefallen ist, dass alle drei Absätze die Perspektive gewechselt wird, wobei man aber auch hier mit den Biographien wohl sehr viel sebstverständlicher sehr viel vertrauter sein müsste als ich es bin, um mit diesen referentiellen Hinweisen viel anfangen zu können.

    An der Länge und am Thema, würde ich behaupten, liegt's nun nicht, ich lese eure Literaturkritiken hier grundsätzlich gerne, und über längere Texte freue ich mich ebenfalls. Nur... der deutliche Eindruck, der hier entsteht, ist "von Fachidioten für Fachidioten", oder, was vielleicht noch näher dran ist: Viel direkte Wiedergabe bzw. Übernommenes aus einem Buch für Fachidioten, ohne selbst in der Lage, vielleicht aber auch einfach nicht willens gewesen zu sein, das Gelesene abschließend und umfassend einzuordnen.
    Aka, wenn eine Buchbeschreibung derart ohne verständnisfördernden Lesefluss auskommt, drängt sich der Eindruck auf, dass vom Beitragsautor teilweise selbst nicht verstanden wurde, was und worüber da geschrieben wird.

    Also... möglicherweise bin ich bloß nicht die angedachte Zielgruppe, was ggf. in Ordnung ist, wenn nunmal ein Werk für Fachpublikum vorgestellt wird, und das aus einem Fach, das davon lebt, sich möglichst unverständlich auszudrücken, um für Pöbel wie mich unerreichbar zu sein.
    Vielleicht wurde allerdings auch der Mangel an Verstehen und der Unfähigkeit der z.B. historischen Einordnung bereits übernommen, und in dem Fall braucht sich dann niemand wundern, wieso das "Wiederentdecken" so schwer fällt.

    Eine Dissertation muss jetzt nicht schön und gut zu lesen sein. Aber naja. Wenn man sie als Anstoßpunkt nehmen und aufgreifen möchte, um Interesse zu wecken, wäre ein Ticken mehr Zugänglichkeit ja nun nicht verkehrt.
    Erster Vorschlag meinerseits wäre, es beim Beitrag einfach mal damit zu versuchen, die Reihenfolge der Absätze umzukehren. Also, oben den Überblick über das geben, worüber man hier schreibt (Dissertation über Briefwechsel), über wen man schreibt (Biographie), und dann abschließend zum Verfassten/Werk zu kommen, und zwar als kritisch wertender Rezipient.
    Und wenn der Leser des Beitrags dann halt bis zur Besprechung des Werks nicht kommt, weil die in der Biographie auftauchende Begeisterung für Hitler abschreckend wirken könnte (die einzige klare Begründung, die sich mir für die gewählte Reihenfolge aufdrängt), dann ist das halt so.

    Schreckt mit dieser Herangehensweise und diesem Textaufbau leider eher davon ab, die erwähnte Maske abzunehmen und dahinter zu blicken.
    Mag Absicht sein - im Sinne vom Titel als Arbeitsauftrag. Müsste man dann mit leben. Sehr nett wär's aber nicht. Und irgendwie auch nicht einladend.
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#3 QwertzuiopüAnonym
  • 07.12.2018, 10:29h
  • Der ganze Artikel beschäftigt sich mit dem Mann als schwulem Literaturwissenschaftler, man kann die Begeisterung des Autoren durchaus spüren. Dann wird in einem kurzen Absatz über seine Anhängerschaft zu den Nazis lediglich informiert. Mit fehlt da eine Problematisierung und genauere Information, wie er zum Nationalsozialismus stand. Alles in allem habe ich den Eindruck, der Artikel würde völlig anders damit umgehen, wenn der Mann nicht schwul gewesen wäre, und das hinterlässt in mir einen ziemlich faden Beigeschmack.
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#4 Ralph
  • 07.12.2018, 12:09h
  • Ich halte es für überflüssig und völlig fehl am Platze, hier einen Nazi zu würdigen. Habt Ihr vergessen, was der Nationalsozialismus war und was er gerade schwulen Männern angetan hat? Dieser Mann hat in glühenden Worten, die der Wikipedia-Eintrag zu ihm zitiert, die Bücherverbrennung gefeiert. Seinen eigenen Büchern sollte man schon allein deshalb nur eines angedeihen lassen: das ewige Vergessen.

    Wegweisung für die Zukunft: Auf dieser Website bitte nie wieder eine Hommage an einen Nazi.
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 07.12.2018, 12:30h
  • Antwort auf #4 von Ralph
  • Für mich ist er nur noch etwas wichtig als Briefpartner von Thomas Mann, der halt die Nazis so treffend beurteilen konnte, weil er sie vom Nahen kannte.

    Ich denke, dass Bertram und Glöckner das Glück hatten, dass Glöckner vor der Verschärfung des Par. 175 1935 noch gestorben ist. Sonst hätte es für beide tödlich enden können.
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