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Ab Donnerstag im Kino

Goethe und Schiller – hatten die was miteinander?

Rosa von Praunheim sucht in "Männerfreundschaften" nach schwulen Motiven in der Weimarer Klassik. Ein unterhaltsamer Genremix, der zeigt: Nichts Genaues weiß man nicht, aber das Queer-Lesen macht Spaß.


Szene aus "Männerfreundschaften": Rosa von Praunheim beleuchtet auf unterhaltsame Weise die Homoerotik und Homosexualität in der Weimarer Klassik (Bild: missingFILMs)

Es gibt einen ganzen Stapel an Büchern, Regisseur Rosa von Praunheim zeigt ihn gleich zu Beginn seines Films "Männerfreundschaften", die sich mit Homosexualität zu Goethes Zeit oder mit der Homosexualität des Nationaldichters selbst beschäftigen.

Davon ausgehend macht sich Rosa von Praunheim auf eine Spurensuche. Er sucht nach schwulen, homoerotischen Zwischentönen in den Werken der Weimarer Klassik. Was steckte wirklich hinter den Männerfreundschaften des 18. Jahrhunderts?

Die freundschaftliche Liebe, die in den Briefen beschrieben, überhöht, gepriesen wird, klingt für uns heute übertrieben bis kitschig. Doch damals war das ein gesellschaftlich akzeptierter, öffentlicher Umgang unter Männern. Oder doch mehr?

Junge Männer, die sich im See mit Wasser vollspritzen


Regisseur Rosa von Praunheim feierte am 25. November seinen 76. Geburtstag (Bild: missingFILMs)

Rosa von Praunheim trifft Literaturwissenschaftler und andere Experten. Manche widersprechen einander, manche – wie der Medizinhistoriker Florian Mildenberger – sind besonders thesenstark. Kein Wunder, dass ihm die Kamera immer besonders nahe ist, während sie zu anderen eher auf Distanz geht. So ergibt sich auf der einen Seite ein Dokumentarfilm, der ganz im Sinne der Dialektik versucht, dem Thema möglichst nahe zu kommen.

Doch Rosa von Praunheim erschafft mehr als das: Durch seine Motivation, durch seine Person, die immer wieder selbst auftritt, macht er "Männerfreundschaften" zu einer persönlichen Erkundung. Dazu kommen Reenactments, zu denen sich die Schauspieler selbst äußern. Sie diskutieren, streiten sich – und sie spielen Goethe, Schiller, Gleim, Adele Schopenhauer, von Kleist oder August von Platen nach. Dadurch sind sie mehr als Living History oder Dokutainment. Die Darsteller sind mehr als das, sie werden selbst zu Experten, ihre Meinung wird gehört.

Wenn dann italienische junge Männer im See toben, sich nahe kommen, streicheln und mit Wasser vollspritzen, und sich Rosa von Praunheim fragt, wie Sex bei den damaligen Hygiene-Zuständen überhaupt funktioniert hat ("denn so ein Schwanz muss ja auch unheimlich gestunken haben!"), dann ist das endgültig keine schnöde Doku mehr, sondern ein echter Praunheim-Film.

Das Männlichkeits-Bild ist nicht beständig


Poster zum Film: Rosa von Praunheims Doku "Männerfreundschaften" startet am 13. Dezember 2018 im Kino

Ein Film, der den Horizont erweitert, zum Nachdenken anregt, Diskussionsstoff liefert, und vor allem unheimlich viel Spaß macht – und gleichzeitig eine seriöse Lockerheit bewahrt. Rosa von Praunheim holt kein neues oder aktuelles Thema auf die Leinwand, und auch das Fazit seiner Experten bietet keine großen Überraschungen.

Und doch beweist "Männerfreundschaften", dass das aktuelle Bild von Männlichkeit, Männerfreundschaft, Liebe und Zuneigung kein beständiges ist. Es hat sich gewandelt, es sah zu Goethes Zeit völlig anders aus, und es wird sich weiter wandeln.

Rosa von Praunheim konzentriert sich nicht nur auf Homosexualität. Er beweist, dass es ein breites Spektrum Queerness und Fluidität im 18. Jahrhundert schon gab – und damit alles andere als eine Mode oder Erscheinung unserer Zeit ist. August von Sachsen-Gotha-Altenburg etwa hat damals seinen Hof schon in Frauenkleidern schockiert.

Ob Goethe und Schiller denn etwas miteinander hatten – wir wissen es nicht. Aber das Spekulieren, das Neu-Lesen und Queer-Lesen der Gedichte und Episoden, es macht sehr viel Spaß. Und Lust auf Literatur!

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Männerfreundschaften. Dokumentarfilm. Deutschland 2018. Regie: Rosa von Praunheim. Mitwirkende: Matthias Luckey, Valentin Schmehl, Thomas Linz, Tobias Schormann, Max Conrad, Sybille Enders, Petra Hartung, Bernhard Jarosch, Sebastian Lange, Wolfgang Mirlach, Maximilian Müller, Nils Ramme, Runa Schäfer, Willi Seibt, Jakob Turkôsek. Laufzeit: 85 Minuten. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 13. Dezember 2018
Galerie:
Männerfreundschaften
6 Bilder


#1 Ith__Ehemaliges Profil
  • 11.12.2018, 13:31h
  • Männer in Frauenkleidern hin oder her, aber so fluide, dass mal Männer ohne angeborenen Schwanz vorkommen, wird's wahrscheinlich nicht werden, oder?

    Zum Teil natürlich Hypothese, die auf die Selbstverständlichkeit von erwünschter "Genderfluidität" im schwulen Kontext als sehr auf eine Richtung fixiert hinweisen soll, aber durchaus auch ernstgemeinte Frage für den Fall, dass ich mich irre.
    Was ich für unwahrscheinlich halte.

    Wenigstens irgendwelche Transmänner unter den Schauspielern/Darstellern, die mit dem trans*-Thema offen umgehen?

    Für euch Cis-Schwule gehört unsereins für gewöhnlich ja nicht dazu, wird nicht mitgedacht und auch nicht repräsentiert.
    Irgendein Tipp für mich, ob sich das da für mich lohnt, wenn ich eine nicht-Cis-Identifikationsfigur suche, die ohne Penis auf die Welt gekommen ist? Ein klares und ehrlich-entlarvendes Nein als Antwort wäre mir lieber als einfach keine Information. Auch wenn's wohl auf dasselbe hinausläuft, denn würde sowas vorkommen, wäre das wohl Aufreger genug, um's erwähnt zu haben.
    Das ist ja ungefähr so wie mit schwulen, alltagstauglichen Selbstverständlichkeiten im Mainstream. Der Großteil des Zielpublikums wird sich unangenehm berührt fühlen davon, sich damit nicht identifizieren zu können, und ein Teil wird gar angewidert und ablehnend reagieren, und das wollen wir bitte vermeiden. Wenn's nicht schon die Grundhaltung bei den Verantwortlichen ist.
    Ist nicht so, dass ich's nicht verstehen würde. Wenn man schon Leute nicht dazu bringen kann, in den Produktionen Rücksicht drauf zu nehmen, könnte man aber bitte wenigstens bei der Berichterstattung und Werbung dafür und darüber Leute wie mich mitdenken.

    Ich bin vielleicht der einzige schwule Transmann, der sich hier halbwegs regelmäßig per Buchstaben zu Worte meldet und damit u.a. der öffentlichen Diskussion darüber aussetzt, ob sowas wie ich sein darf, und dann auch noch ohne GA-OP. Aber ich bin nicht der einzige schwule Transmann ohne vollständige OPs, der hier mitliest.
    Nur mal so als Hinweis.
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#2 LarsAnonym
  • 11.12.2018, 17:36h
  • Antwort auf #1 von Ith_
  • "Ich bin vielleicht der einzige schwule Transmann, der sich hier halbwegs regelmäßig per Buchstaben zu Worte meldet und damit u.a. der öffentlichen Diskussion darüber aussetzt, ob sowas wie ich sein darf, und dann auch noch ohne GA-OP."

    Literaturhistorische Antwort auf diese Frage: Selbstverständlich "darf" "so was wie Du" sein und Transmänner und -frauen kann man in der Literatur nicht selten finden.

    Es gibt bei Goethe eine sehr berühmte Figur, die man als schwulen Transmann lesen kann: Mignon, Liebhaber (was für ein schönes Wort übrigens) von Wilhelm.

    de.wikipedia.org/wiki/Mignon_(Figur)

    Es wird beim Definieren allerdings oft das gleiche Problem auftauchen, wie bei den anderen schwulen Männern, die vor dem 19. Jahrhundert lebten: Die Idee der sexuellen Orientierung existierte damals noch nicht, insofern sind die klaren Etiketten etwas, dass wir den Menschen und Figuren aus heutiger Sicht verpassen.
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#3 Ith__Ehemaliges Profil
  • 12.12.2018, 11:16h
  • Antwort auf #2 von Lars
  • Oh, wenn du so schöne literaturhistorische Antworten hast, mögen wir uns dann mal einen Account auf den Blauen Seiten teilen, und du gibst mir dann nach dem Erstellen und ein paar Wochen sortieren grünes Licht fürs einloggen, sobald du genügend Leute gefunden hast, die das gelten lassen?
    Das wär doch praktisch: Das Stigma im Profil stehen haben und die Reaktionen darauf, die Resignation darüber, als Schwanzmädchen einsortiert zu werden, sowie auch die unangenehmen Diskussionen über Genitalien einfach mal jemandem überlassen, der sich nicht persönlich betroffen, missverstanden oder abgewertet fühlen braucht.

    Wobei ich gestehen muss, es geht mir da mit dem Existenzrecht, was ebendieses schwule Einwohnermeldeamt betrifft, vielleicht ein bisschen so wie schwulen Männern, die dem Braten noch nicht ganz trauen, dass sie wirklich nicht im Knast landen werden, wenn man sie "erwischt": Wer oder was mal jahrelang systematisch ausgeschlossen wurde, und auch heute erlebt, dass viele User sich wünschen, dem wäre noch immer so, tut sich schwer damit, sich wirklich erwünscht und akzeptiert zu fühlen. (Im Klartext, falls es nicht bekannt sein sollte: Vor ein paar Jahren wurden Profile von Transmännern ohne rechtlich gültige Vornamensänderung noch aus Prinzip gelöscht.)
    Geduldet vielleicht gerade so, knapp über der Grenze dessen, was zu verschwinden hat, und möglicherweise begründet durch gesellschaftliche Trends.
    Abneigung und Nicht-Akzeptanz gibt's allerdings auch auf diesem Portal hier gratis, und daran wird deine literaturhistorische Antwort nicht viel ändern.
    Wobei das Vorschieben der Literatur dich freundlicherweise ja davon entbindet, die Frage selbst beantworten zu müssen. Und ich fürchte, derartige Diplomatie hat man wohl nur nötig, wenn man selbst die Frage anders beantworten würde.

    Ich finde's in mancherlei Hinsicht halt schade. LARP-Bezug habe ich genügend, um mich fürs Thema interessieren zu können. Aber das ist da halt wie auf sonstigen Kommunikationskanälen auch. Der Preis ist für die zu erwartende Ausbeute einfach zu hoch.
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#4 LarsAnonym
  • 12.12.2018, 16:18h
  • Antwort auf #3 von Ith_
  • "Wobei das Vorschieben der Literatur dich freundlicherweise ja davon entbindet, die Frage selbst beantworten zu müssen. Und ich fürchte, derartige Diplomatie hat man wohl nur nötig, wenn man selbst die Frage anders beantworten würde."

    Ich bin nicht auf den blauen Seiten, aber ich schließe im realen Leben niemanden davon aus, ihn oder sie attraktiv zu finden oder umgekehrt attraktiv gefunden zu werden.
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