Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?32546

Politisch motivierte Homophobie

Verbot von "Homopropaganda" führte zu mehr Hass und Gewalt

Das 2013 in Russland eingeführte Gesetz gegen "homosexuelle Propaganda" hat zutiefst schädliche Auswirkungen für LGBT-Jugendliche, dokumentiert Human Rights Watch in einem 92-seitigen Bericht.


Protestaktion gegen das russische "Homopropaganda"-Gesetz 2013 in New York City (Bild: Kasya Shahovskaya / flickr)

Das russische Verbot von "homosexueller Propaganda" hat negative Auswirkungen auf LGBT-Jugendliche, so Human Rights Watch in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Das Gesetz aus dem Jahr 2013 habe die bestehende Feindseligkeit gegenüber sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten in Russland verstärkt. Zudem blockiere es den Zugang zu Aufklärungs- und Hilfsangeboten.

Der 92-seitige Bericht "No Support: Russia's 'Gay Propaganda' Law Imperils LGBT Youth" dokumentiert die zutiefst schädlichen Folgen des Verbots. Human Rights Watch befragte dafür jugendliche LGBT und psychologische Fachkräfte an verschiedenen Orten in ganz Russland, sowohl in ländlichen als auch in urbanen Gebieten. Die Jugendlichen sprachen über ihre alltäglichen Erfahrungen in der Schule, Zuhause und in der Öffentlichkeit.

Mehr Stigmatisierung, Belästigung und Gewalt

"Russlands Gesetz über 'homosexuelle Propaganda' schadet Jugendlichen, indem es ihnen lebenswichtige Informationen vorenthält", so Michael Garcia Bochenek, Senior Counsel in der Kinderrechtsabteilung von Human Rights Watch. "In der russischen Gesellschaft treffen LGBT bereits auf starke Feindseligkeiten. Das Gesetz verhindert jedoch zusätzlich, dass Jugendliche, die Fragen zu ihrer sexuellen Orientierung und Genderidentität haben, durch psychologische Beratungsangebote unterstützt werden."

Das Gesetz hat formal zum Ziel, "Kinder vor Informationen zu schützen, welche die Ablehnung traditioneller Familienwerte fördern", und verbietet "Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen unter Minderjährigen". Dies wird allgemein als Verbot der Aufklärung von Minderjährigen über die Lebensrealität von LGBT aufgefasst. Das Verbot erstreckt sich unter anderem auf die Verbreitung solcher Informationen über Presse, Fernsehen, Radio und Internet, wenn die Inhalte nicht als "ab 18" gekennzeichnet sind.

Die Bestimmung aus dem Jahr 2013 hat zu einer Zunahme der Stigmatisierung, Belästigung und Gewalt gegen LGBT-Personen in Russland beigetragen, so der Bericht von Human Rights Watch. Hilfsorganisationen und psychologische Fachkräfte wurden mithilfe des Gesetzes dazu bewegt, nicht mehr mit Minderjährigen zu arbeiten. Das Gesetz hat zudem eine abschreckende Wirkung auf psychologische Gesundheitsfachkräfte entfaltet, die mit jugendlichen LGBT arbeiten. Einige Psychologen berichten über Selbstzensur bei Themen der sexuellen Orientierung und Genderidentität.

Regierung verschafft sich politische Vorteile

Russlands Gesetz gegen "homosexuelle Propaganda" ist laut Human Rights Watch ein "klassisches Beispiel für politisch-motivierte Homophobie". Mit der Bestimmung gehe die Regierung gegen schutzlose Minderheiten vor, um sich politische Vorteile zu verschaffen. Mit der Unterzeichnung des Bundesgesetzes im Juni 2013 habe Präsident Wladimir Putin an die weit verbreitete Abneigung gegenüber LGBT appelliert. Durch die Novelle stütze der russische Staat die unzutreffende und diskriminierende Ansicht, LGBT bedrohten Tradition und Familie. Auf der internationalen Bühne habe das Gesetz dazu beigetragen, Russland als Verfechter sogenannter "traditioneller Werte" zu positionieren.

"Niemand möchte auf der Straße verprügelt werden. Doch mit dieser Angst müssten LGBT-Personen in Russland heute leben", so Nikita R., ein 18 Jahre alter trans Mann, gegenüber Human Rights Watch. "Wir wissen, dass die meisten Menschen den Massenmedien glauben. Dort werden wir als Monster dargestellt. Deshalb sind wir permanent in Gefahr."

Verstoß gegen Europäische Menschenrechtskonvention

Während der Verhandlungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte über das Gesetz legte Dr. Ilan Meyer, ein international anerkannter Experte für Sozialpsychologie und Gesundheitswesen und spezialisiert auf Minderheiten, dem Gericht eine Sachverständigenaussage vor, wonach die Bestimmung Jugendliche nicht schützt, sondern ihnen vielmehr schadet. "Sollte Russland tatsächlich die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Bürger verbessern wollen, wären Maßnahmen notwendig, die das genaue Gegenteil des Propagandagesetzes sind", so Meyer.

"Darüber hinaus können Gesetze wie das russische Propagandagesetz schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlergehen [von LGBT] zur Folge haben, da das Gesetz Stigma und Vorurteile verankert, was zu Diskriminierung und Gewalt führt." Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte im Jahr 2017 zu regionalen Vorläufern des Gesetzes, diese verletzten die Rechte auf freie Meinungsäußerung und auf Freiheit von Diskriminierung, welche durch die Europäische Menschenrechtskonvention geschützt sind (queer.de berichtete).

Zunahme der Selbstzensur bei Psychologen

Im Gespräch mit Human Rights Watch erklärte eine Psychologin, die mit jugendlichen LGBT arbeitet, fast jeder Klient, den sie je gehabt habe, werde "behandelt wie ein Sündenbock, Clown oder Aussätziger". Angesichts dieser intensiven gesellschaftlichen Feindseligkeit gegenüber LGBT-Personen, seien psychologische Hilfsangebote für Jugendliche äußerst wichtig. Das Gesetz über "homosexuelle Propaganda" schränke psychologische Fachkräfte in ihrer Fähigkeit zu helfen ein.

Ein anderer Psychologe erklärte, er fühle sich selbst in Situationen, in denen die Thematisierung der sexuellen Orientierung eines minderjährigen Klienten klinisch relevant sei, durch das Gesetz eingeschränkt: "Teenager warten oft darauf, dass ich ihnen einen direkte und präzise Frage über ihre sexuelle Orientierung oder Genderidentität stelle. Doch das Gesetz verbietet mir, dies zu tun." Eine Berufskollegin gab an, sie verstecke während ihrer Therapiesitzungen alle Bücher zu LGBT-Themen in ihrem Büro, um dem Vorwurf zuvorzukommen, sie verbreite "homosexuelle Propaganda".

"Das Gesetz über 'homosexuelle Propaganda' droht Generationen russischer Jugendlicher nachhaltig zu schaden, indem es Diskriminierung fördert und den Zugang zu Hilfsangeboten einschränkt", so Bochenek. "Dieses Gesetz schützt niemanden, doch es schneidet Jugendliche von den Angeboten ab, die sie für ein erfolgreiches Leben bzw. zum nackten Überleben brauchen." (cw/pm)



#1 swimniAnonym
  • 12.12.2018, 14:30h
  • Putin ist die Inkarnation des Zynismus, der Menschenverachtung und der Charakterlosigkeit, er zerstört die Einheit seines landes
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Carsten ACAnonym
  • 12.12.2018, 20:47h
  • Manche Menschen behaupten immer, Gesetzgebung, politische Debatten, kirchliche Indoktrination, etc. hätten keinen Einfluss auf eine Gesellschaft, weil tumbe LGBTI-Hasser eh zu dumm und desinteressiert seien, sowas zu verfolgen.

    Aber man sieht hier wieder mal, dass dies nicht der Fall ist. Erstens gibt es durchaus viele LGBTI-Hasser, die sowas mitkriegen und sich davon noch mehr aufstacheln lassen. Und selbst wenn man es nicht direkt verfolgt, gibt es ja auch noch indirekte Effekte durch ein Klima, das geschaffen wird.

    Und in die andere Richtung gilt das genauso:
    rechtliche Gleichstellung hat durchaus auch große Bedeutung auf die Gesellschaft. Auch auf diejenigen, die z.B. keine Nachrichten verfolgen oder das vielleicht nicht mal mitkriegen, die aber indirekt davon beeinflusst werden. Denn rechtliche Gleichstellung zeigt, dass LGBTI vollkommen gleichwertig und keine Menschen 2. Klasse sind. Und den betroffenen LGBTI gibt sowas auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein und Auftreten. So wird das ganze gesellschaftliche Klima massiv beeinflusst.

    Und hier sieht man halt, dass das leider auch umgekehrt funktioniert, wenn LGBTI-feindliche Gesetze erlassen werden...
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Homonklin44Profil
  • 13.12.2018, 08:22hTauroa Point
  • Das Problem ist, wenn die Aufforderung zum Hass erst mal politisch hofiert wird, dann in Gesetzen Ablehnung erlaubt und dazu ermutigt wird, steigt das auch volksweit bis hinab zu den "tumben Massen". Diese Propaganda-Bezichtigung und das Gesetz dazu ist eine Aufforderung zu Schmähungen, Denunziation und LGBTIQ*-Treibjagd-Lizenz. Wenn so Homophobie und Transphobie staatlich gefördert wird, was, anderes, ist zu erwarten?

    Ähnlich machen das hierzulande unsere Allianz faschistischer Deppen. Sie versuchen, LGBTIQ*-Ablehnung zu fördern, und in allen möglichen Formen salonfähig zu bekommen. Besonders eben in ihrer typisch verdrehten, mit falsifizierten Fak(e)ten gespickten und verlogenen Rhetorik. Wer weiß, inwiefern russisch-rechte Vorbilder da nicht in die Gesinnung fließen? Man muss mit aller Vehemenz dagegen eintreten. Wehret den Wiederanfängen!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 bioveganAnonym
  • 16.12.2018, 11:26h
  • Nicht umsonst betrinken sich viele Russen bzw. ein Drittel sind Raucher.

    Das ist auch Frust im Alltag. Und es wundert mich nicht
  • Antworten » | Direktlink »