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Antike

Die unehrenhafte "Ehrenrettung" von Sappho

Vor 150 Jahren starb Friedrich Gottlieb Welcker. Der deutsche Philologe empörte sich über Lesben, schwärmte von Hermaphroditen und berichtete wertfrei von Schwulen.


Friedrich Gottlieb Welcker in einem Stich von Adolf Hohneck aus dem Jahr 1840 (Bild: Adolf Hohneck /wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    17. Dezember 2018, 06:07h, 2 Kommentare

Heute vor genau 150 Jahren starb Friedrich Gottlieb Welcker (04.11.1784 – 17.12.1868), der als klassischer Philologe auch zu gleichgeschlechtlichen Verhältnissen in der Antike forschte und publizierte. Zu Welckers Werken gehört die 1816 veröffentlichte Schrift von rund 150 Seiten über die sexuelle Orientierung von Sappho – der bedeutendsten Dichterin der Antike. Kein Sachbuchautor hatte sich jemals zuvor so ausführlich mit Lesben auseinandergesetzt.

Sappho von Lesbos ist die indirekte Namensgeberin aller Lesben und wird manchmal auch als Urmutter der Lesben bezeichnet. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts waren "lesbische Frauen" einfach nur Frauen aus Lesbos. Erst danach wurden sie zu Frauen, die das eigene Geschlecht begehrten. Lesben bekamen damit nicht nur eine Bezeichnung – sie bekamen auch eine Geschichte, eine Identität und mit Sappho auch noch eine positive Möglichkeit der Identifikation.

Welcker: Sappho ist nicht lesbisch


Die griechische Dichterin Sappho (5. Jh. v. Chr.) in einem Fresko aus Pompeji. Über ihre sexuelle Orientierung wird bis heute gestritten

Die Veranlassung für Welckers Schrift "Sappho von einem herrschenden Vorurtheil befreyt" (1816) war das "Erstaunen über die unsägliche Gemeinheit" (S. 6), Sappho Homosexualität nachzusagen.

Einige seiner Gedankenansätze sind noch gut nachvollziehbar: Er betont, dass die Kirche manchmal in ihrer Darstellung übertreibt, weil sie Homosexualität verabscheut und dass Aristophanes auf sie verweist, weil er sie entschuldigen möchte (S. 22). Dabei bemerkt er aber offenbar nicht, dass auch er selbst keine wertneutrale Position vertritt. Als Ursachen gleichgeschlechtlicher Anziehung benennt er eine "innere Missgeburt", besondere Umstände und eine "höchste Ausgelassenheit" (S. 29-30). Nach ihm sind Feierlichkeiten und Versammlungen, bei denen nur ein Geschlecht unter sich ist, dafür geeignet die "größten Scheußlichkeiten" hervorzubringen. Er vergleicht solche Vereinigungen mit Krankenhäusern, die die "schlimmsten Krankheiten erzeugen" (S. 30-31), womit er Homosexualität pathologisiert.

Welcker zieht eine Parallele zwischen den homoerotischen Frauenfreundschaften auf Lesbos und den homoerotischen Männerfreundschaften (S. 57-76) – verweist dabei auch auf Quellen, welche die Frauenliebe mit der Männerliebe auf eine Stufe stellen (S. 60-61). Das ist nachvollziehbar, historisch richtig und – nebenbei bemerkt – auch noch emanzipatorisch.


Welckers Sappho-Schrift (1816) im Original und als Reprint

Im Umgang mit Schwulen und Lesben verdeutlicht Welcker aber auch die Unterschiede: Die keusche Männerliebe wird ständig gepriesen, keusche Frauenliebe jedoch nicht (S. 58). Auf die wichtigen Gründe dafür geht Welcker leider nicht ein, denn wenn eine Gesellschaft im sexuellen Kontext bei Frauen weniger repressiv vorging, war das meistens kein Ausdruck von Toleranz, sondern davon, dass man Frauen weniger ernst nahm. Trotz dürftiger Quellenlage legt sich Welcker mit dem angreifbaren Fazit fest, dass "weder in den Gedichten der Sappho, noch in der öffentlichen Kunde etwas gewesen [ist], dass einen verdächtigen Ruf hätte begründen" können (S. 76).

Aus dem gleichen Grund sieht er auch im Verhältnis von Königin Christina von Schweden zu Ebba Sparre kein lesbisches Verhältnis, obwohl beide Frauen "Liebe und Zärtlichkeit" verbindet (S. 85-86). Aus seiner Biografie (S. 176) wissen wir, dass sich Welcker seit seiner Jugend mit Sappho beschäftigte und diese Schrift auch an Johann Wolfgang von Goethe weiterleitete (S. 150). In den Jahren 1845 und 1973 wurde seine Sappho-Schrift nachgedruckt.

Rezensenten: Welcker hat Recht

Mit seiner Sicht auf Sappho – die auf keinen Fall lesbisch sein sollte – hat Welcker den Zeitgeist offenbar gut getroffen. Die zeitgenössischen Rezensenten stärkten ihm den Rücken und machten deutlich, dass sie zwar viel von Sapphos Dichtkunst, aber wenig von Lesben hielten. Schon alleine die Vermutung, lesbisch zu sein, wurde als beleidigend und verleumderisch empfunden.

Anton Steinbüchel freut sich in "Sappho und Alkaios" (1822, S. 28) recht pathetisch über Welckers Sicht der Dinge, weil er "uns" die Sappho "wieder in ursprünglichem reinem Glanze zurück gab". Dass der als beleidigend angesehene Spott einen lesbischen Hintergrund hat, muss die Leserschaft bei ihm leider zwischen den Zeilen suchen.

Die "Göttingische gelehrte Anzeigen" (1827, S. 35) werden bezüglich der "lesbischen Sitten" deutlicher und loben ebenfalls Welcker für seine "trefflichen Erörterungen über das Verhältnis der Sappho zu ihren Freundinnen". Den "Gerüchten über lesbische Unsittlichkeit" gestehen sie "nur eine sehr bedingte Wahrheit zu" – was einer Verunglimpfung als "Fake News" schon sehr nah kommt.

Für die "Griechische Anthologie" (1838, S. 121-122) hat Welcker die Sappho "gegen den Vorwurf, einer unnatürlichen Wollust […] gerettet." In seiner Publikation: "Sappho" (1871, S. 4) betont Bernhard Arnold: "Unter der treuen Führung Welckers [ist es] gelungen, ein wesentlich anderes, aber umso richtigeres Bild der schwer verleumdeten Dichterin herzustellen". Sappho scheint damit rehabilitiert und ihre Heterosexualität wissenschaftlich bewiesen zu sein.

Magnus Hirschfeld: Sappho ist lesbisch

Welcker habe es nicht geschafft, "den strikten Beweis" von Sapphos Heterosexualität zu führen – betont dagegen der Homosexuellen-Aktivist Magnus Hirschfeld in seinem Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 25). Natürlich wusste Hirschfeld, dass ein "Beweis" weder für Homo- noch für Heterosexualität möglich ist, aber es ging ihm aus seinen emanzipatorischen Bestrebungen heraus eher darum, prominente Lesben und Schwule als Identifikationsmöglichkeiten darzustellen bzw. nicht zu verlieren. Er selbst bleibt in seiner Einschätzung vorsichtig und schreibt nur von der "Annahme", dass die "größte Dichterin" der Antike (Sappho) und der "größte Philosoph" der Antike (Sokrates) vermutlich homosexuell seien.

An dieser Stelle sei an Hirschfelds erste homopolitische Emanzipationsschrift "Sappho und Sokrates" (1896) erinnert. Mit dem Titel bot er eine kulturgeschichtliche Legitimation, er sprach – politisch korrekt – gleichermaßen Lesben und Schwule an und spielte zudem mit dem sprachlichen Reiz einer Alliteration.

Welcker schwärmt von Hermaphroditen

Wer Welckers harsche Worte zu Sappho kennt, muss sich wundern, wie unglaublich positiv er einige Jahre zuvor noch "Ueber die Hermaphroditen der Alten Kunst" (1808, S. 159-215) schrieb. In diesem eher kultur- als kunstgeschichtlichen Beitrag betont er, dass "viele ausgezeichnet schöne Kunstwerke" Hermaphroditen darstellen (S. 160) und dass in der Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen die "Unbeschränktheit der Kraft, Allerzeugung und Belebung" ausgedrückt wird (S. 165). Er schreibt auch deutlich von Sex und davon, dass ein Hermaphrodit "das Schönste und die Phantasie Erhitzendste beider Geschlechter" vereint (S. 171).


Eine Kopie aus dem Louvre: Der Hermaphrodit aus der Villa von Borghese. Welcker geht auf S. 169 seiner Publikation auf ihn ein (Bild: InSapphoWeTrust / wikipedia)

Der Begriff "Hermaphrodit" wurde sogar als "scherzhafter Schimpfname" für all die verwendet, die sich passiv hingaben (S. 186). Wenn Welcker über Hermaphroditen schreibt: "Die Anmuth und Weichheit des Leibes habe er, gleich dem Weibe, das männliche Ansehen und das Kräftige vom Manne" (S. 192), wirkt das nicht nur wie eine Win-Win-Situation, sondern wie ein leidenschaftliches Schwärmen, dass sich nicht auf Bilder und Statuen, sondern auf Menschen mit Fleisch und Blut bezieht. Bei seinem Hinweis, dass Hermaphroditen für ihn nicht nur eine physische, sondern auch eine göttliche Bedeutung (S. 194) haben, gibt ihm zumindest die Etymologie des Wortes Recht.

Welcker übersetzt "lesbisiren", "beigewohnt" und "weitgearscht"

Welcker fand auch Gefallen am antiken Schriftsteller Aristophanes (ca. 450-380 v. Chr.). Mit seinen Komödien wie "Lysistrata" wird Aristophanes nach über 2.500 Jahren immer noch aufgeführt und lieferte mit dieser Komödie auch die Grundlage für einen queeren Comic von Ralf König.

Eigentlich wollte Welcker das gesamte Werk von Aristophanes übersetzen und publizieren, schaffte das aber letztendlich nur bei zwei Komödien. Welckers Wortwahl der Übersetzung ist dabei nicht nur hinsichtlich seiner Entstehungszeit beachtlich: In "Die Frösche" (1812) übersetzt er einen Satz von Dionysos mit den Worten: "Hat diese Muse niemals lesbisirt?" (S. 96) und erklärt dieses Wort mit "schmu[t]zige Art der Wollust" (S. 180-181). Eine lebendige Umgangssprache findet sich auch in Bezug auf schwule Männer, wo die Leserschaft trotz der Wortspiele schnell merkt, dass mit "bestieg" (S. 7) und "beigewohnt" (S. 8) der Sex von Dionysos mit einem Mann gemeint ist.

Aristophanes' "Die Wolken" (1810) beinhaltet einen vergleichbar derben Sprachwitz: So meint "durchrettigt" zu werden (S. 77) die anale Penetration mit einem Rettich – allerdings nicht aus einem persönlichen Lustgewinn, sondern als eine Form der demütigenden Strafe für und an einem Ehebrecher.

Die Komödie war ursprünglich ein Theaterstück, bei der auch die Männer im Publikum als "weitgearscht" (S. 79) bezeichnet wurden und diesen somit Erfahrungen mit einem Rettich im Hintern unterstellte. [Andere Übersetzer sind mit "hochverficktes Volk" sogar noch etwas deutlicher]. Welcker bezeichnet es ausdrücklich als "sehr schonend", dass Aristophanes bei diesem Stück gar nicht auf die Knabenliebe anspielt, "die sein auffallendes Betragen gegen Jünglinge so leicht argwöhnen ließ" und gegen die ihn sogar Platon verteidigte (S. 212-213).


Ralf König schuf mit "Lysistrata" eine schwule Persiflage nach einer Komödie von Aristophanes

Laut einem seiner Biografen wurde Welcker für seine beiden Aristophanes-Übersetzungen gelobt (S. 369) und hielt zu beiden Komödien auch Vorträge (S. 149). Mit seinen Studenten hat er bestimmt viele spannende Gespräche über sexuelle Wortspiele und Begriffe wie "lesbisieren" und "durchrettigt" geführt.

Bis heute wird Welcker gelobt: Er arbeitet eng am Original, übernimmt geschickt viele der Wortspiele – formuliert zwar manchmal farblos, aber immer geistvoll. Zeitgenössisch gibt es kaum eine bessere Übersetzung, später wird sie allenfalls noch von Ludwig Seegers Übersetzung übertroffen.

Welckers "Götterlehre" mit dem "Patron der Päderastie"


Der betrunkene Bacchus als Skulptur von Michelangelo. Bacchus ist ein Beiname von Dionysos, dem griechische Gott des Weines und der Ekstase (Bild: Attilios / wikipedia)

Ab 1857 publizierte Welcker sein dreibändiges Werk über die "Griechische Götterlehre", bei dem wegen der vielen gleichgeschlechtlich liebenden Götter und Männer vor allem der zweite Band (1860: hier 2. Aufl.) Interesse verdient. Welcker berichtet hier von Kuss-Wettbewerben zwischen Jünglingen, bei denen man auch einen Schwan gewinnen konnte (S. 382-384). Besonders hat es ihn Dionysos – der griechische Gott des Weines und der Ekstase – angetan, der in vielen Darstellungen in Frauenkleidung und femininer Körperhaltung gezeigt wird (S. 628-629).

Recht mutig erzählt Welcker zumindest vom Beginn der Sage, bei dem sich Prosymnos wünschte, dass sich Dionysos "ihm hingäbe". Welcker schreibt an gleicher Stelle zwar auch von Dionysos als "Patron der Päderastie" (S. 650-651), verschweigt dann allerdings den Rest der ziemlich derben Sage: Danach wollte sich Dionysos zwar Prosymnos hingeben, kam jedoch durch dessen frühen Tod nicht mehr dazu. Um seinem Versprechen gerecht zu werden, schnitzte sich Dionysos aus einem Feigenbaum einem Dildo und befriedigte sich damit selbst. [Die vollständige Sage lässt sich bei Arnobius auf S. 154-155 nachlesen]. Der androgyne Dionysos soll nach Welcker prägend für die Darstellungen von Hermaphroditen gewesen sein und wie andere androgyne Figuren den "Kinädismus" gefördert haben – also den Wunsch von Männern, sich passiv hinzugeben (S. 652-653).

Welckers "Götterlehre" mit dem Hirtengott Pan

Im gleichen Werk ist auch Welckers Interesse für den griechischen Hirtengott Pan erkennbar, den er als Liebhaber von Daphnis mit dem Göttervater Zeus als Liebhaber von Ganymed vergleicht (S. 665-666). Er spricht von der Verbreitung von Päderastie in Venedig und dass dort eine Kapelle errichtet wurde, um Männer wieder "zur Natur" zurückzuführen (S. 715). "Die Heilige Schar von Theben bestand aus Erasten (Liebende) und Eromenen (Geliebte), die mit und für einander starben" (S. 724), was Welcker offenbar als respektabel erschien. Sein Hinweis, dass die Knabenliebe von den Kretern zu den Griechen gekommen war (S. 725) ist eine Angabe über die Verbreitung und hört sich heute wie eine Frühform der "Verführungs"-Theorie an.


Pan und Daphnis (Bild: Museo Nazionale Romano)

Recht wertfrei sind seine Äußerungen über Charmos (S. 725) und Prokleides (S. 726) als Erasten. Auch die Vielfältigkeit der antiken Symbolik hat es Welcker angetan, und so verweist er auf Sokrates, der – einen Tag bevor er Platon traf – von einem jungen Schwan vom Altar des Eros träumte, welcher in seinen Schoß flatterte (S. 726). Die wenigen negativen Kommentare beziehen sich auf die Gymnasien, die die "scheußliche Entartung begünstigt" haben und die "größte Schuld" trugen (S. 726-727). Das Kapitel beendet er dann aber doch noch recht positiv und versöhnlich mit dem Satz: "Der Eros Uranios" [die Homosexualität] wird unserem Kulturkreis dann verständlich, wenn wir durch die "anschauliche, erfahrungs[ge]mäße Kenntnis von Südländern" diese Sexualität verstehen lernen (S. 728).

Heutige Beurteilung: Welcker betreibt abstruse Wortklauberei

Zwei Bücher zur Geschichte von Homosexualität über den Zeitraum 1750 bis 1850 gehen auf Welcker ein und fokussieren dabei sein umstrittenes Sappho-Buch. Paul Derks betont in "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) zunächst, dass er von insgesamt fünf Aristophanes-Übersetzungen die von Welcker – zusammen mit der von Johann Heinrich Voß – am besten findet. Angesichts dieser guten (und vorurteilsfreien) Übersetzung wundert sich Derks zu Recht, dass sich ausgerechnet Welcker über die Vorurteile in Bezug auf Sappho so entrüsten konnte (S. 125).

Für Derks steht Welckers "Ehrenrettung" in einer "Rettungen-Tradition" (S. 10). Dazu gehört auch Lessing, der in "Rettungen des Horaz" (1754, S. 42-57) den antiken Dichter Horaz vor homosexuellen Gerüchten in Schutz nimmt. Nach Derks "dürfte" Welckers Buch über Sappho das Sappho-Bild der klassischen Philologie im 19. Jahrhundert "bestimmt haben" (S. 46).

Nach Angela Steideles Äußerungen in ihrem Buch "Als wenn Du mein Geliebter wärst" (2003) wurde schon im 18. Jahrhundert der Versuch unternommen, Sappho zu "rehabilitieren" (S. 106). Sie betont die "Abstrusität von Welckers altphilologischer Wortklauberei und seine Fälschungen" und verweist dazu auch auf die jüngeren Forschungen (S. 109). "Welckers Arbeit bildete den Schlusspunkt eines wissenschaftlichen Diskurses, in dem um die Deutungshoheit über Sapphos Liebesgedichte gerungen wurde" (S. 110). Seine Bemühungen hatten in der altphilologischen Fachwelt wohl Erfolg, die lesbische Liebe in Literatur und Theater blieb jedoch – so Steidele – weiterhin eng mit Sappho verbunden (S. 150).

Die lesbische Sappho bleibt eine Frage der Perspektive

Wie fände es wohl Sappho, wenn sie wüsste, dass man auch noch nach zweitausend Jahren über lesbische Elemente in ihren Texten streitet und sie zu vereinnahmen versucht? Für die frühere und heutige Homosexuellenbewegung ist Sappho eindeutig lesbisch, für Welcker und viele andere ist sie heterosexuell.


Gemälde "Sappho and Erinna in a Garden at Mytilene" von Simeon Solomon (1864)

Dieser Streit sagt weniger etwas über antike Texte, sondern vor allem etwas über die jeweilige Gegenwart aus. Nach heutigen Schätzungen sind nur etwa sieben Prozent ihres Gesamtwerks erhalten. Sappho beschrieb die Schönheit von Frauen, aber auch die von Männern und die ihrer eigenen Tochter. Ob Sappho lesbisch war, lässt sich nicht mehr beantworten.

Emanzipation mit den Mitteln des Postfaktischen?

Sappho ist aus meiner Sicht (gefühlt) lesbisch und als Gallionsfigur für Lesben hervorragend geeignet. Für die Suche der Homosexuellenbewegung nach Identifikationsmöglichkeiten habe ich – auch bei einer Überinterpretation von Quellen – mehr Verständnis für diese Bewegung als für Wissenschaftler wie Welcker mit weniger nachvollziehbaren Motiven. Welcker hat seine persönlichen Vorurteile den jeweiligen Quellen überstülpt und seine voreingenommene wissenschaftliche Position, aus der heraus er Fakten bewertet, nicht in Frage gestellt.

Aus queerer Perspektive kann man sich über seine vorurteilsbeladene Sappho-Schrift ärgern. Es erscheint mir jedoch möglich, dass auch seine Sappho-Schrift eine emanzipatorische Wirkung gehabt haben kann, denn schließlich hat auch sie zur Enttabuisierung von Homosexualität beigetragen.

Hinweise auf das Vorhandensein von gleichgeschlechtlichen Neigungen in der Antike können für sich genommen schon eine Legitimation und Hilfestellung sein. Homosexualität anzuerkennen und nicht mehr zu tabuisieren ist ein wichtiger erster Schritt. Kulturgeschichtliche Beiträge wie die von Welcker haben zudem mehr emanzipatorisches Potenzial als die meisten juristischen, medizinischen und religiöse Publikationen.

Dummes Zeug im Namen der Wissenschaft

Welcker konnte sich vermutlich weder lesbische Liebe noch lesbische Sexualität vorstellen und hat wohl deshalb den "Beweis" ihrer Heterosexualität führen wollen. Eine solche Vorgehensweise erinnert an viele zeitgenössische und wissenschaftlich anmutende Beiträge, die davon berichten, dass sich Lesben mit einer übergroßen Klitoris gegenseitig penetrieren, wie z.B. die von Tissot (1773, S.62) und Müller (1796, S. 133).

Solche Beiträge bringen vor allem eines zum Ausdruck: Die Unfähigkeit vieler Männer, sich lesbischen bzw. nicht penetrativen Sex vorzustellen. Sie sind genauso wenig auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen fußend wie die Warnungen vor Onanie, welche angeblich die Gefahr des Rückenmarkschwunds aufzeigen. Anders ausgedrückt: Sie sind dummes Zeug im Namen der Geschichtswissenschaft.

Welckers Sicht spiegelt nicht die Antike, sondern ihn selbst wider

Der Umstand, dass Welckers unterschiedliche Positionierungen von eigenen Vorbehalten subjektiv geprägt sind, lässt sich im Rahmen eines biografisch angelegten Artikels übrigens auch positiv ausdrücken: Welckers Schriften – in seiner Bandbreite von Abscheu bis Faszination – sagen fast mehr über ihn als über die Antike aus. Dass dies nicht seine Absicht war, steht außer Frage.

Zum einen bietet Welckers Schrift damit einen guten Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, aus welcher Position heraus historische Fakten gedeutet werden. Zum anderen ist gerade durch die Auseinandersetzungen spürbar, als wie notwendig positive Identifikationsmöglichkeiten angesehen werden, und dass es sich lohnt, für diese zu kämpfen.



#1 Oliver_KBHProfil
#2 KatrinaAnonym
  • 18.12.2018, 14:25h
  • Nach dem, was man heute über Sappho weiß, ist anzunehmen, dass sie wahrscheinlich bi- oder pansexuell war.
    Dass sie (auch) auf Frauen stand, hat sie selbst offen zugegeben:
    Sweet mother, I cannot weave
    slender Aphrodite has overcome me
    with longing for a girl.

    Ich für meinen Teil bin stolz, mich zu Sapphos (geistigen) Töchtern zu zählen.

    - eine Lesbe
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