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Russland

Wolgograd: LGBTI-Protest durch Polizisten und Kosaken unterbunden

Bei der ersten queeren Kundgebung in der Stadt seit fünf Jahren beschimpften die Offiziellen die Teilnehmer und zerrissen Plakate.


Wolgograd am Montag: Ein Kosake entreißt einem LGBTI-Aktivisten ein Plakat, ungestört von einem dutzend weiteren Kosaken und Polizisten im Umfeld

In der russischen Millionenstadt Wolgograd ist am Montag ein friedlicher Protest zweier junger LGBTI-Aktivisten durch Polizisten und Kosaken beendet worden. Die Polizei schritt nicht ein, als Kosaken die mitgeführten Plakate zerrissen.

Vlad Pogorelow und Alina Smoljakowa waren mit Plakaten in der Innenstadt erschienen. "Liebe Homosexuelle wie dich selbst", stand etwa auf einem. Ein anderes Plakat wies darauf hin, dass in der Sowjetunion Homosexuelle eingesperrt wurden und sie nun in Russland "erniedrigt, entlassen, gefoltert und getötet" werden. Anlass der Kundgebung: Am 17. Dezember 1933 hatte die Sowjetunion Homosexualität erneut unter Strafe gestellt.

Die Aktivisten hatten die Kundgebung vorab gegenüber örtlichen Medien angekündigt, ein Artikel forderte indirekt eine Überprüfung der Aktion durch die Polizei. Auch ein russlandweit bekannter Anti-LGBTI-Aktivist aus St. Petersburg, Timur Bulatow, schrieb im sozialen Netzwerk vk, die Stadt erwarte ein Besuch von "sexuell Perversen mit Aids-Bezügen" und ihren "Truppen aus St. Petersburg", und kontaktierte offenbar vorab die Behörden.

Letztlich tauchten Polizeibeamte und Mitglieder der paramilitärischen Kosaken schon eine Stunde vor Kundgebungsbeginn an dem Ort auf. Ein Polizist nahm die Personalien der beiden Aktivisten auf; ein Journalist, der die Aktion filmte, wurde zwischenzeitlich zur Seite gezogen und seine Kamera mit Schlägen attackiert. Ein Polizist meinte zu den Aktivisten: "Du Schwuchtel, das hier ist Wolgograd. Dafür hat mein Großvater nicht gekämpft." Nach einer längeren Diskussion ließ die Polizei die Aktivisten zunächst gewähren – Proteste, in denen Menschen in Abstand voneinander demonstrieren, sind in Russland erlaubt und nicht genehmigungspflichtig.

Unter weiteren Beleidigungen und Geschimpfe etwa über "Homo-Propaganda" entrissen die Kosaken den Aktivisten schließlich die Plakate, zerrissen sie und warfen sie in einen Papierkorb. Die zahlreich anwesenden Polizisten schritten nicht ein. Der LGBTI-Protest war so nach wenigen Minuten vorzeitig beendet.

Letzte Kundgebung 2013 nach Hassverbrechen

"Das war die erste LGBTI-Kundgebung in fünf Jahren", sagte Smojakowa gegenüber russischen Medien. "Es gibt keine LGBTI-Aktivisten in unserer Stadt. Ich denke, das liegt daran, dass die Kosaken-Community hier sehr einflussreich ist, auch die Polizei ist sehr aggressiv." Ein Beamter habe sich überrascht gezeigt, dass es sich um Jugendliche aus der Stadt handelte. Offenbar hatte man Aktivisten aus St. Petersburg erwartet. "Dass sie eigene LGBTI-Aktivisten in Wolgograd haben, konnten sie sich nicht vorstellen."

Smoljakowa schließt aus ihrer ersten Kundgebung, dass man Veranstaltungen noch besser planen und auch die Lage von Journalisten im Blick haben müsse. Auf Provokationen sollte man nicht reagieren, sondern immer freundlich bleiben. Und: "Das nächste Mal nehmen wir mehr Plakate mit."

Die letzte queere Kundgebung in Wolgograd habe es 2013 nach dem brutalen Mord an Wladislaw Tornowoi gegeben, so Smoljakowa. Der 23-Jährige war am Rande der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg wegen dessen angeblicher Homosexualität von zwei Männern zusammengeschlagen worden. Sie führten ihm Bierflaschen rektal ein und verletzten ihn mit Messern, seine Leiche verbrannten sie (queer.de berichtete).


Wladislaw Tornowoi wurde 2013 in Wolgograd brutal ermordet

Die brutale Tat hatte landesweit für Entsetzen gesorgt, Aktivisten machten die homophobe Politik des Landes mitverantwortlich (queer.de berichtete). Wenig später wurde dennoch das landesweite Gesetz gegen "Homo-Propaganda" verabschiedet, das in den Folgejahren einer Studie zufolge zu einer Verdoppelung von schweren Hassverbrechen gegenüber LGBTI führte (queer.de berichtete).

Jahrelange Menschenrechtsverletzungen gegenüber LGBTI

Kundgebungen von LGBTI werden in Russland fast immer nicht genehmigt und enden wie Oppositionsproteste oft in der Festnahme von Teilnehmern – der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte das Vorgehen der Behörden gegen LGBTI ebenso mehrfach beanstandet wie Gesetze gegen "Homo-Propaganda" (queer.de berichtete).


Obwohl es sich um soziale und politische Proteste und eine Frage von Meinungs- und Versammlungsfreiheit handelt, erschien im staatlichen russischen Propagandakanal RT Deutsch dieser Tage ein zynischer und irreführender Gastkommentar, wonach sich Russland lediglich gegen CSD-"Events" wehre, die "einen dem Neoliberalismus verpflichteten Lebensstil feiern" und dem Westen "als Instrument für neoliberalen Regime-Change" dienten – in Wirklichkeit unterstützt Russland unter anderem homo- und transfeindliche Bewegungen im Ausland, im Rahmen umfassender Destabilisierungsversuche. Autor Gert-Ewen Ungar hatte in früheren RT-Artikeln bereits die Schwulenverfolgung in Tschetschenien abgestritten.

Vor der Weltmeisterschaft in diesem Jahr in Russland hatte es Sorge gegeben, dass die staatliche Unterdrückung auch queere Fußballfans betreffen könnte. So wurden in mehreren Städten berittene paramilitärische Kosaken-Einheiten zur "Sicherheit" der Fans und Unterstützung der Polizei eingesetzt. In Rostow am Don hatte ein Kosakensprecher angekündigt, dass man sich küssende homosexuelle Paare der Polizei melden wolle (queer.de berichtete). Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi waren Kosaken mit Peitschen gegen einen Protest von Pussy Riot vorgegangen. (nb)

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#1 goddamn liberalAnonym
  • 18.12.2018, 14:16h
  • Bei solchen Nachrichten bin ich immer gespannt auf die Stellungnahmen der Putin-Fans von der 'Links'-Partei, allen voran Frau Wagenknecht.

    Und die kommen dann nie!

    Zufall?
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#2 TomDarkProfil
  • 18.12.2018, 17:37hHamburg
  • Wenn ich den Bericht lese, dann habe ich kaum Hoffnung, dass sich für LGBTI in diesem Land in absehbarer Zeit etwas zum Positiven verändert.

    Die Homophobie ist in der russischen Seele so tief verankert, dass sich wohl auch nach Putins Amtszeit so schnell kein Wandel herbeiführen lässt.

    Eine Ursache lässt sich auf der letzten Seite in diesem älteren Artikel finden:

    www.zeit.de/2013/34/homophobie-russland

    Ich wünsche allen LGBTI-Aktivisten dort weiterhin viel Kraft und Mut um ihre Freiheit, Liebe und Rechte zu verteidigen!
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 18.12.2018, 18:07h
  • Antwort auf #2 von TomDark
  • "Die Homophobie ist in der russischen Seele so tief verankert, dass sich wohl auch nach Putins Amtszeit so schnell kein Wandel herbeiführen lässt."

    Die 'russische Seele' ist seit jeher ein Konstrukt russischer Machthaber, Zaren und Popen.

    Wenn es sie gibt, dann lebt sie seit langer Zeit im Todesmut russicher Rebellen.

    Der ist gerade angesichts des deutschen Biedersinns bewundernswert!
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#4 RWTHAnonym
  • 18.12.2018, 19:43h
  • Wer keine Argumente hat, muss zensieren, unterdrücken, verfolgen und bestrafen.

    So ist das in totalitären Systemen.
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#5 TomDarkProfil
  • 18.12.2018, 19:50hHamburg
  • Antwort auf #3 von goddamn liberal
  • Danke. Ja es war eine schlechte Wortwahl!

    Wollte ursprünglich auch schreiben:

    "Die Homophobie ist in der russischen Mentalität, Gesellschaft und Kultur so tief verankert,..."

    Ich dachte, je kürzer der Text, desto besser. =)
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#6 goddamn liberalAnonym
#7 swimniAnonym
#8 Patroklos
#9 goddamn liberalAnonym
  • 18.12.2018, 20:55h
  • Antwort auf #7 von swimni
  • Kosaken demütigen (und töten) aber traditionell vor allem andere.

    Juden, Polen, Linke und andere Minderheiten in Russland z. B.

    Also insofern sind unsere LGTBI-Rebellen in guter Gesellschaft.
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#10 Gerlinde24Ehemaliges Profil
  • 19.12.2018, 03:41h
  • Und da gibt es immer noch Politiker von Rechts und Links, die Putin und den Russkis in den Arsch kriechen.
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