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Jahresrückblick, Teil 1

Höhepunkte des Jahres 2018

Was waren die Höhepunkte des Jahres aus LGBTI-Sicht? Im ersten Teil unseren Jahresrückblicks stellen wir die zehn besten Geschichten und Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres vor.


In vielen Teilen der Welt geht es bei LGBTI-Rechten voran (Bild: Radek Oliwa / flickr)

EU schützt schwule und Lesben
Wie wichtig europäische Institutionen und starke Menschenrechtsgrundsätze im Kampf gegen staatliche Homo- und Transphobie sind, zeigte sich im Juni 2018: Der Oberste Gerichtshof der Europäischen Union stellte fest, dass Partner von Schwulen und Lesben ein Anrecht auf EU-Freizügigkeit haben.

Das Urteil ist vor allem wichtig für EU-Länder, in denen Homophobie noch weit verbreitet sind – besonders im Osten der Union. Damit zeigt die Gemeinschaft aus (ab nächstes Jahr) 27 Nationen, dass LGBTI-Grundrechte nicht mehr schmückendes Beiwerk, sondern zentral für die EU sind – und homophobe Länder auch zu ihrem Glück gezwungen werden können. Kurz nach dem Urteil des EU-Gerichts scheiterte in Rumänien, dem Land der Kläger, ein homofeindliches Referendum (queer.de berichtete).

Coming-outs des Jahres
Mehrere Promis haben sich auch dieses Jahr wieder als schwul, bisexuell, lesbisch oder trans geoutet – und damit zur Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBTI-Lebensweisen beigetragen. Aus deutscher Sicht besonders interessant ist das Coming-out von Juso-Chef Kevin Kühnert, der kurz zuvor mit seiner Kampagne gegen die Große Koalition das politische Berlin elektrisierte. Dem erst 29-Jährigen wird eine große politische Karriere vorausgesagt.

Auch viele andere Coming-outs machen Mut, besonders im Profisport, der noch immer als Hochburg der Homophobie gilt: So outeten sich der Profi-Golfer Tadd Fujikawa oder der Fußballer Collin Martin. Für Schlagzeilen sorgte auch das Coming-out von Felix Jaehn als bisexuell – der 24-Jährige gilt als einer der bedeutendsten DJs der Welt. Auch das Coming-out von Christoff in der oft konservativen Schlagerbranche dürfte zur Akzeptanz von Schwulen beitragen.

Coming-outs von HIV-Positiven nehmen zu
In deutschen Parlamenten tummelt es inzwischen an schwulen oder lesbischen Abgeordneten. Bislang musste man aber lange suchen, bis man einen offen HIV-positiven Parlamentarier fand – obwohl in Deutschland rund 90.000 HIV-positive Menschen leben. Wie beim Thema Homosexualität sind Coming-outs von Positiven wichtig, um durch Sichtbarkeit Vorurteile abzubauen.

Im April outete sich Eurovision-Siegerin Conchita Wurst, außerdem wurde im Oktober mit dem Grünenpolitiker Felix Martin erstmals ein offen HIV-Positiver in den hessischen Landtag gewählt. Der einzig andere offen HIV-positive Abgeordnete auf Landesebene ist der Linkspolitiker Carsten Schatz, der seit 2013 im Berliner Abgeordnetenhaus mitentscheidet.

Im Bundestag hat noch kein einziger Parlamentarier diesen Schritt gewagt. Anders in England: Dort outete sich der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle Ende November anlässlich des Welt-Aids-Tages. Der 32-Jährige war bereits das zweite Mitglied des Unterhauses, das offen zu seiner HIV-Infektion stand.

Indien schafft Verbot der Homosexualität ab
Das Hü und Hott im zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde scheint beendet: Zum wohl letzten Mal schaffte der Subkontinent das noch aus der britischen Kolonialzeit stammende Verbot von Homosexualität ab. Nach 158 Jahren entschied der oberste Gerichtshof, dass das Verbot "offenkundig verfassungswidrig" sei.

Bereits 2009 hatte ein Gericht das archaische Gesetz abgeschafft. Vier Jahre später führten die Höchstrichter des Obersten Gerichtshofs nach Beschwerden religiöser Gruppen den umstrittenen Paragrafen wieder ein.


Im 1,2 Milliarden Einwohner zählenden Indien ist Homosexualität künftig legal

PrEP setzt sich in Deutschland durch
Die Aids-Hilfen werben seit Jahren erfolgreich für Safer Sex in Deutschland: Neben Kondomen und dem Schutz durch Therapie soll dabei als dritte Safer-Sex-Säule die sogenannte Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) an Wichtigkeit gewinnen. Dabei handelt es sich um eine Pille für HIV-Negative, die die Übertragung von HIV zu praktisch 100 Prozent verhindert.

Im Juli kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an, dass dieses Angebot zur Kassenleistung werden soll – für alle Menschen, die ein besonders hohes Risiko für eine Ansteckung haben, darunter sexuell aktive Schwule. Zwar gab es die üblichen homophoben Reaktionen auf die Ankündigung – doch die PrEP ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Ende November kündigte bereits die erste Krankenkasse an, die Kosten zu übernehmen.

"Queer as Folk" kehrt zurück
Die Kultserie "Queer As Folk" kehrt 20 Jahre nach ihrer ersten Ausstrahlung zurück: Als die Serie 1999 in Großbritannien anlief, galt sie als Novum – als erste Mainstream-Fernsehreihe, die das schwule Leben offen, positiv und ein bisschen märchenhaft darstellte. Das Original wurde bereits nach zehn Teilen eingestellt, zwischen 2000 und 2005 produzierte aber ein US-Sender das erste Remake, das dann weltweit auf diversen Fernsehkanälen lief – in Deutschland auf ProSieben. Jetzt kündigte der US-Sender Bravo die Produktion eines neuen Remakes an, das ebenfalls auf dem britischen Original basiert.


Das QAF-Originaltrio wird in Kürze ein Update erhalten

Bereits 2017 gab es so viele queere Rollen in internationelen Produktionen wie lange nicht, Streamingdienste wie Netflix oder Amazon sorgten auch in diesem Bereich für eine Zunahme von Qualitäts-Inhalten. Hervorzuheben sind Ryan Murphys Serie "Pose" mit über 50 Trans-Rollen oder die Mini-Serien "A Very English Scandal" und "American Crime Story" (zweite Staffel zum Mord an Gianni Versace).

Bundestag zeigt Rückgrat gegen homophobe AfD
Seit einem Jahr vergiftet die AfD auch im Bundestag die politische Debatte in Deutschland: Homo- und Transsexuelle werden dabei regelmäßig in sozialen Netzwerken und Parlamentsreden als nicht gleichwertig diffamiert, gleichzeitig wird ihnen wird pauschal Kindesmissbrauch vorgeworfen. Neben Ausländern sind LGBTI die beliebtesten Feindbilder der Rechtspopulisten.

Doch die homophoben Provokationen stoßen an ihre Grenzen: So wollte die Partei mit Nicole Höchst eine ihrer schrillsten Homo-Hasserinnen ins Kuratorium der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld schicken – der Bundestag verweigerte aber mehrfach die Zustimmung. Eine homophobe Kandidatin fiel auch bislang bei der Wahl der Bundestagsvizepräsidentin durch. Zwar kann die rechte Partei wegen der Nichtwahl wieder ihrem angeblichen Opferstatus frönen – aber immerhin zeigen die anderen Abgeordneten den AfD-Populisten ihre Grenzen auf. In Bundestags- und Landtagsdebatten machte auch die Union der Partei deutlich, dass es auch mit ihr nicht die erwünschte Rolle rückwärts bei der Ehe für alle geben werde.

Drittes Geschlecht in Deutschland eingeführt
Zwar ist das Gesetz zum dritten Geschlecht, das der Bundestag im Dezember 2018 beschlossen hat, bei weitem nicht das, was sich Aktivisten erträumt haben. Aber immerhin: Die Anerkennung des Geschlechts "divers" macht Deutschland zu einem der wenigen Länder der Welt, die einen Platz für einen nicht-binären Geschlechtseintrag bieten. Jetzt bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass die Regierung die Erfahrungen aus den Gesprächen mit Experten und Betroffenen nutzt, um das Transsexuellengesetz zu ersetzen und zeitgemäße und selbstbestimmte Regelungen für alle Personen zu ermöglichen.

Filmemacher werden für queere Sichtbarkeit belohnt
Inzwischen kommen Filmpreise im weltweit führenden Bewegtbilderland USA kaum noch ohne queere Themen aus: Bei den Oscars konnten etwa die schwule Romanze "Call Me By Your Name" und die Transgeschichte "Eine fantastische Frau" je eine der Trophäen einheimsen. Im Vorjahr gewann mit "Moonlight" sogar ein Film mit schwuler Thematik den Preis als bester Spielfilm.

Auch im nächsten Jahr könnte der Preissegen für LGBTI-Themen weitergehen: "Bohemian Rhapsody" wurde etwa bereits für die Golden Globes nominiert. Auch dem Homo-"Heiler"-Drama "Boy Erased – Der verlorene Sohn" werden gute Chancen bei den Oscars eingeräumt.

Bei aller Freude über den Erfolg dieser Themen bleibt aber noch viel zu tun, insbesondere bei den traditionellen Blockbustern: Die LGBTI-Organisation GLAAD bemängelte etwa im Frühjahr einen "alarmierenden Rückgang" von schwulen, lesbischen, bisexuellen, transsexuellen oder queeren Figuren in den Kassenschlagern Hollywoods im letzten Jahr.


"Der verlorene Sohn" kommt am 21. Februar in die deutschen Kinos

Süß: Pornostar macht Heiratsantrag nach Dreh
Selten sorgen Pornostars mit Romantik für Schlagzeilen: Als aber Brian Bonds, der Star aus einschlägigen Filmchen wie "Butt Stuffers" oder "Breeding Las Vegas", nach einem Rudelfick um die Hand seines Liebsten anhielt, floss auch unter Pornoverächtern das eine oder andere Tränchen der Rührung.

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#1 AnonymAnonym
  • 27.12.2018, 17:21h
  • "Drittes Geschlecht in Deutschland eingeführt"

    Es geht um eine Dritte Geschlecht Option.

    "Zwar ist das Gesetz zum dritten Geschlecht, das der Bundestag im Dezember 2018 beschlossen hat, bei weitem nicht das, was sich Aktivisten erträumt haben."

    Träume?! Aktivisten?! - Es geht um eine offensichtlich weiterhin unerhebliche Anzahl an vorrangig deutschen Staatsbürgern.
    131 Menschen haben den Mut gefasst und Änträge mit unterschiedlichsten "Bezeichnungen" bei Ihren Standesämtern eingereicht. (Stand 01.11.2018)

    aktionstandesamt2018.de/

    "Aber immerhin: Die Anerkennung des Geschlechts "divers" macht Deutschland zu einem der wenigen Länder der Welt, die einen Platz für einen nicht-binären Geschlechtseintrag bieten."

    Das Gesetz wurde hinsichtlich der Personengruppe medizinisch eingegrenzt und anderen nicht-binären Menschen wird damit bewusst, dieses Recht versucht zu verweigern.

    "Jetzt bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass die Regierung die Erfahrungen aus den Gesprächen mit Experten und Betroffenen nutzt, um das Transsexuellengesetz zu ersetzen und zeitgemäße und selbstbestimmte Regelungen für alle Personen zu ermöglichen."

    Es geht nicht um Hoffnung und Weihnachtswünsche, sondern um die Beendigung der schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen in Deutschland.
    Einem Ende der erniedrigenden TSG Begutachtung, die Sicherstellung der medizinischen Versorgung und den Schutz von Babies und Kinder vor Intersex Genitalverstümmelungen und Kastrationen, durch entsprechende umfangreiche Gesetze. Sowie dem Recht auf Selbstbestimmung.
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#2 Ith__Ehemaliges Profil
  • 27.12.2018, 19:01h
  • Antwort auf #1 von Anonym
  • Fällt für mich definitiv auch unter die Tiefpunkte des Jahres.
    War im Vorjahr ein Höhepunkt, in der Hinsicht, dass das Verfassungsgericht eine gesetzliche Anerkennung angeordnet hat. Was dieses Jahr passiert ist, war kein Höhepunkt und auch keine emanzipatorische Leistung, sondern das Gegenteil - eine Übung darin, wie man möglichst viele Menschen weiterhin um ihre Grundrechte betrügt. Die Umsetzung war die maximale Beschränkung, die unsere Bundesregierung angesichts der Vorgaben bezüglich des zu schaffenden Gesetzes vornehmen konnte - bei gleichzeitiger Beibehaltung der Diskriminierung gegen so viele Menschen wie nur möglich, und auch in so großem Umfang, wie es dem Buchstaben nach gerade noch möglich war. Wobei sogar bezweifelt werden dürfte, dass dem überhaupt so ist, also dass die Vorgaben mit diesem Gesetz überhaupt umgesetzt wurden.

    Was sich da dieses Jahr abgespielt hat, war einfach eine Schande.
    Als Höhepunkt kann man das nur betrachten, wenn man weder betroffen noch informiert ist.
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#3 Ith__Ehemaliges Profil
  • 27.12.2018, 19:32h
  • Ich frag mich übrigens manchmal, ob man Homosexuellen die Bedeutung von Pathologisierung besser verständlich machen könnte, wenn zum rechtskräftigen Beschluss einer homosexuellen Partnerschaft auch erstmal ein Attest vorgelegt werden müsste.

    Ungefähr so:

    "Diagnose: Homosexualität
    Der/die Patient*in leidet seit mindestens drei Jahren unter einem Mangel an sexueller Affinität zum entgegengesetzten Geschlecht. Nach zweijähriger Therapie (Behandlungsbericht siehe Anhang) ist von einer Änderung dieses Zustands nicht mehr auszugehen. Die Ermutigung zur heterosexuelle Partnersuche mit dem Ziel des Beitrags zum Arterhalt blieb im gesamten Zeitraum vollständig erfolglos. Zur Stabilisierung der Einbindung in die Gesellschaft wird hiermit eine Freigabe zur Partnerschaft mit einem/einer weiteren Patient*in mit vergleichbarer Diagnose erteilt.
    [Eine Sterilisation zur Vermeidung der Weitergabe defekten Genmaterials wurde in die Wege geleitet.]*

    Anmerkungen für Standesbeamte I: Bitte beachten Sie, dass eine Partnerschaft in diesem Fall nur mit einer Person mit ähnlich schlechter Prognose geschlossen werden darf - Patienten mit Aussicht auf Besserung sollen stattdessen in der gegengeschlechtlichen Partnersuche unterstützt werden, um die Genesung zu beschleunigen.
    Anmerkung für Standesbeamte II: Hinweise auf Interesse am entgegengesetzten Geschlecht sind in regelmäßigen Abständen zu prüfen und Veränderungen unverzüglich zu melden, um notfalls eine Trennung in die Wege zu leiten, falls dies einer Genesung zugute kommen könnte.

    *Mit GG unvereinbar und bis zum Inkrafttreten einer gesetzlichen Neuregelung nicht anwendbar gem. BVerfGE"

    Und ihr wollt mir echt erzählen, wenn sowas Bedingung für eine rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften wäre, würdet ihr das feiern.
    Aber was gäb's schließlich groß zu meckern, ne? Ist immer noch besser als in Saudi-Arabien oder Russland. Wollen wir also mal alle nix zu gesagt haben, sonst nehmen sie uns vielleicht sogar das wieder weg.

    Und der größte Witz ist noch: Wahrscheinlich würden eine Menge Homosexuelle da draußen herumlaufen, die deutlich dafür wären, dass es so ablaufen sollte, wenn man's erstmal so formuliert hätte, weil das ja eigentlich alles richtig sei. Wer würde es wagen, einer Frau W. in dieser Hinsicht zu widersprechen?
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#4 UschiAnonym
#5 Homonklin44Profil
  • 28.12.2018, 01:35hTauroa Point
  • Antwort auf #3 von Ith_
  • Ich würde es für möglich halten, dass das in der Zeit, als Homosexualität noch pathologisiert wurde, durchaus so irgendwo gestanden haben könnte, oder in ähnlichen Ausführungen auch noch unter den Konsorten zirkuliert, die Homosexualität immer noch als (heilbare, änderbare) Krankheit sehen.

    ""Und ihr wollt mir echt erzählen, wenn sowas Bedingung für eine rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften wäre, würdet ihr das feiern."" Die, welche immer noch oder lebensbegleitend in einer Art (angeprägter) Selbstablehnungsphase oder Stockholm-Syndrom als Verteidiger ihrer Peiniger stecken, wahrscheinlich schon.

    Ich bin ja eher dafür, das völlig veraltete und wenig haltbare Konzept von "Norm" und ihrer Nichtübertragbarkeit auf natürliche Varianz zu überholen, und dass auch die werte Fachgemeinde endlich vom angeprägten Denken in solchen Kategorien herunterkommen möge. Auf meine Ideen wird da aber niemand dort hören. Das wäre so, wie wenn ein Glühwürmchen am Fuß vom Fujisan blinkt.
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#6 Ith__Ehemaliges Profil
  • 28.12.2018, 10:47h
  • Antwort auf #5 von Homonklin44
  • Naja, das mit dem "auf mich wird niemand hören" ist halt sonne Sache, in ner theoretischen Demokratie. Wenn das genug Leute so sehen, und das hat man gerade bei dem von mir thematisierten Konzept "Ehe für alle" gesehen, lässt sogar unsere letzte "Volks"-Partei es im Zweifelsfalle nicht darauf ankommen.

    Überhaupt werd ich nicht schlau daraus, wieso auf der CDU/CSU so viel weniger rumgehackt wird als auf der AfD. Was die Sichtweise auf LGBT*IQA betrifft, ist das eine Einheitspartei. Das mit der Ehe für alle war, wie die Abstimmungsergebnisse zeigten, nie eine Frage von Einsicht, sondern schlichtes Wahlkalkül - gerade der demokratische Aspekt von zu vielen Glühwürmchen, die sich zu Wort gemeldet haben, bei denen man dann doch Sorge hatte, an Macht zumindest so viel einbüßen zu müssen, dass die Koalitionsbedingungen ungünstiger ausfallen.
    Nicht die AfD war es, die dieser rechtlichen Gleichstellung jahrelang im Weg stand, nicht nur die AfD betrachtet Aufklärungsbroschüren als pornografisch, in denen übrigens gar nicht bloß wir als letzte Dämonen des christlichen Abendlandes auftauchen mit unserer "Geschlechtsidentitätsstörung", sondern auch der Umgang mit den doch als sehr viel normaler betrachteten Regenbogenfamilien. Und es ist auch nicht die AfD gewesen, die dieses Gesetz so auf den Weg gebracht hat, dass es unserer Verfassung nach wie vor so wenig entspricht, dass man dabei bloß von einer extrem demütigenden Niederlage sprechen kann.
    Auch und gerade, weil's von außen betrachtet und ohne Wissen um die Vorgeschichte offenkundig ein ganz toller Erfolg ist.

    Und dass dieser Widerspruch, diese Doppelbind-Strategie, hier so wenig hinterfragt wird, dass man wirklich meinte, dieses verhunzte, beschämende Gesetz, das nach uns Trans*-Leuten nun auch Intersexuelle endgültig im Namen des Volkes für krank erklärt, müsse gefälligst als positiv betrachtet werden, nachdem während des gesamten Prozesses zu dessen Beschluss hin immer wieder von emanzipierten Leuten, die es betreffen könnte, klargestellt wurde, wie wenig wir davon halten, erinnert leider mich daran, dass an sowas wie Einsicht und Verstehen hier nur minimales Interesse besteht.
    Mal wieder eine Erinnerung daran, dass bei den entscheidenden Stellen schlicht und ergreifend niemand sitzt, der irgendwas mit der Sache zu tun hätte.
    Nicht, dass ich glauben würde, man hätte da was gegen Trans* und Intersexuelle. Irgendeinen kennt man ja auch bestimmt, ne? Und auffallenderweise meckert die Person wahrscheinlich auch irgendwie ziemlich wenig, wenn man mit ihr drüber redet, bloß weil man irgendwann mal zwei Stunden fand, er*sie sei im Gegenzug für die Anerkennung eine ausführliche Rechtfertigung und Erklärung schon schuldig.

    Und klar, wir dürfen gefälligst gar keine Meinung zu diesem Gesetz haben - sind sich ja offenbar alle darüber einig, wie zweitklassig und wünschenswerterweise auch reversibel unsere Geistesgestörtheit ist, gegenüber der körperlichen Gestörtheit/Krankheit der Intersexuellen, die ja nun wirklich nichts dafür können, so auf die Welt gekommen zu sein. Tja, stellt euch vor, die können nichts dafür, genausowenig wie irgendjemand was dafür kann, in einen weiblichen Körper geboren zu sein und sich als Frau zu empfinden. Bei uns kann man ja vielleicht noch was dran machen, ne? Wenn wir unbedingt meinen, trans* sein zu müssen, sollen wir uns einfach mal den passenden Therapeuten suchen, damit dafür gesorgt wird, dass unsere Verwirrung wieder aufhört.

    Dieses Gesetz wäre die Chance gewesen, den gesamten Umgang mit dem binären Geschlechtssystem innerhalb unserer Gesellschaft grundlegend zu überholen. Stattdessen wird getrennt zwischen denen, die körperlich so in Mitleidenschaft gezogen sind, dass man ihnen gewisse Rechte nun wirklich nicht verwehren kann, und allen anderen - und nicht bloß die heteronormative Mehrheit fällt darauf rein und bezichtigt alle ausgegrenzten des billigen, narzisstischen Neides und der Missgunst, sondern auch in der Community erlebt man das wieder und wieder.
    Und stellt euch mal vor: Gerade diese forcierte Wertigkeitsunterscheidung war mitnichten das Ziel bei dem langen Weg, die Anerkennung für etwas nicht-binäres vor dem Verfassungsgericht einzufordern.
    Genauso wie erzwungene Ehetrennung, Sterilisation und Gutachterpflicht als staatliche Selbstverständlichkeiten nicht das waren, was man sich beim vergleichbaren Erklagen des TSG gewünscht hätte. Das ist nämlich auf ganz ähnlichem Wege entstanden, ebenfalls über den Umweg zum Verfassungsgericht. Genau wie seither sämtliche Änderungen daran. Unsere Regierung schert sich um unsere Rechte seit jeher einen feuchten Dreck, und etwas anderes als Spaltung und Schikane ist von dort, wie man sieht, nach wie vor nicht zu erwarten.

    Man kann nicht aufhören, trans* zu sein, man kann bloß aufhören, damit out zu leben.
    Und wenn man sich ansieht, wie eben nicht bloß die AfD, sondern auch die letzte verbleibende Volkspartei auf uns spucken kann, ohne dass das selbst innerhalb der LGBTQ-"Community" ernsthaft kritisch gesehen wird, kann ich es niemandem verübeln, lieber im Pseudo-Cis oder Stealth zu verschwinden. Die Welt wäre weniger anstrengend, wenn man nicht ständig wählen müsste, ob man sich lieber verstecken oder ein halbwegs gleichwertiger Mensch sein möchte.
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#7 PierreAnonym
  • 28.12.2018, 11:53h
  • Sorry, aber für mich ist die Einführung des Dritten Geschlechts, so wie es gemacht wurde, leider kein Höhepunkt des Jahres.

    Es wurde nur das absolute Minimum umgesetzt, wozu man vom Bundesverfassungsgericht gezwungen wurde. Dabei wurde jedoch noch so viel Diskriminierung wie möglich beibehalten.

    Es fällt z.B. nicht der Gutachterzwang weg. Und diese Option steht auch nur Leuten offen, die biologisch nicht eindeutig zuordnungsbar sind, aber nicht Leuten, die vielleicht biologisch eindeutig ein Geschlecht haben, aber dennoch divers empfinden. Auch werden Zwangs-OPs an Kindern weiterhin nicht verboten. Etc. etc. etc.

    Und wenn das erst mal so beschlossen wurde, fällt es viel schwerer, das nachher zu ändern, als wenn man das vor dem Druck der Urteils-Umsetzung gleich richtig gemacht hätte.

    Das was Union und SPD da verabschiedet haben, ist also allenfalls ein Mini-Fortschritt, aber kein Höhepunkt des Jahres...
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#8 FinnAnonym
  • 28.12.2018, 12:31h
  • "Die LGBTI-Organisation GLAAD bemängelte etwa im Frühjahr einen "alarmierenden Rückgang" von schwulen, lesbischen, bisexuellen, transsexuellen oder queeren Figuren in den Kassenschlagern Hollywoods im letzten Jahr."

    Das ist tatsächlich ein riesiges Problem.

    Denn Sichtbarkeit ist das Wichtigste überhaupt. Und dazu können gerade Filme und Serien enorm beitragen. Erst recht solche, die auch Leute erreichen, die sich sonst gar nicht mit dem Thema beschäftigen würden.
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#9 Ith__Ehemaliges Profil
  • 28.12.2018, 13:38h
  • Antwort auf #8 von Finn
  • .. die das nicht würden, die das aber häufig auch gar nicht wollen, und so verwöhnt davon sind, das einzig Gezeigte und Repräsentierte zu sein, dass sie sich schon auf den Schlips getreten fühlen, wenn überhaupt mal etwas vorkommt, mit dem sie sich nicht identifzieren können.

    Hollywood ist da ganz extrem 20. Jahrhundert.. und die wundern sich, wieso Netflix so großen Zulauf bekommt. Ein offensichtlicher Grund ist: Weil Netflix vielen Menschen zeigt, dass Filme, Shows und Serien, die ihre Lebensrealität reflektieren, überhaupt möglich sind. Im "großen" Kino ist das nach wie vor undenkbar, besonders beim ewigen Blick auf das nach rechts rückende Amerika.

    Wirklich beschämend ist übrigens das Konzept, GEZ von allen Bürgern zu verlangen, für ein öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm - was insofern meine Zustimmung hat, als dass auf diese Weise theoretisch keine Abhängig von vermögenden Arbeitgebern/Industrie/Wirtschaft/reichen Leuten oder auch Parteien bestehen müsste - das im Gegenzug zur verfassungsgemäßen Finanzierung durch die gesamte Bevölkerung aber theoretisch dann auch verpflichtet wäre, einerseits stets neutral und umfassend zu informieren, um eine nicht interessengesteuerte Meinungsbildung zu erlauben, aber eben auch die gesamte Bevölkerung angemessen zu repräsentieren.
    Bloß, dass die Entscheidungen eben dann auch da für gewöhnlich von konservativ-heteronormativ-kapitalismusgläubig-christlichen weißen Männern gefällt werden, weswegen genau deren Interessen, Normen, Werte und Vorstellungen von dem, was "richtig" zu sein hat, auch umgesetzt werden.

    Und wenn dann mal ein queere Filmreihe läuft, dann bitte nicht vor zehn Uhr abends. Denn wie wir alle wissen: Wenn ein schwules Paar Händchen hält, sich verliebt ansieht oder auch bloß in der gemeinsamen Wohnung zu Abend isst, hat das bereits einen so hohen Porno-Wert, das man sowas Kindern und Jugendlichen nicht zumuten kann.
    Die selbstverständlich ja als hetero, weiß und cis gedacht werden, und besser gar nicht erst zu sehen bekommen, dass etwas anderes überhaupt normal sein könnte.

    Vielleicht finden wir den Hinweis zu "Harry Potters berühmteste schwule Figur erhält nach wie vor nicht eine einzige Szene gemeinsam mit dem Ex- oder Noch-Lover, um das Hetero-Publikum nicht zu verschrecken" ja dann bei den Tiefpunkten des Jahres wieder. Bin schon froh, dass die eine, unauffällige, gut getarnte Szene mit dem Wunschspiegel es nicht hierher geschafft hat, zu den Höhepunkten des Jahres. Das wär's dann ehrlich auch noch gewesen.
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#10 NichtAlleGleichAnonym
  • 28.12.2018, 14:44h
  • Antwort auf #3 von Ith_
  • Ich gehöre nicht zu denen, die länger brauchen, um etwas zu verstehen.
    Bitte nicht alle in einen Topf werfen. Eure Situation tut mir durchaus leid und ich würde mir wünschen, Deutschland wäre weiter.

    Grüße von BuntesUndSchönes und ein gutes neues Jahr :-)
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