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Katholische Kirche

"Ein katholischer Reflex ist leicht und schnell homophob"

Mit akzeptierenden Äußerungen zur Homosexualität hat Priester Ansgar Wucherpfennig für Wirbel gesorgt. Letztlich durfte er Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen bleiben – und zeigt sich weiter mutig.


Ansgar Wucherpfennig ist seit 2014 Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main (Bild: Hochschule St. Georgen)
  • Von Sandra Trauner, dpa
    28. Dezember 2018, 08:09h 35 4 Min.

Ein Interview hätte ihn 2018 fast den Job gekostet. Trotzdem spricht der Frankfurter Pater Ansgar Wucherpfennig weiter mit Journalisten – und ist kein bisschen leiser geworden. Der Rüffel aus Rom hat ihn in seiner Haltung eher bestärkt. Sexualmoral, Frauen in der Kirche, Ökumene, kirchliche Machtstrukturen – in all diesen Fragen muss die katholische Kirche sich weiterentwickeln, sagt er: "Wir sind in einer Wendezeit: Eine Zeit, in der man im Rückblick merkt, dass es so jetzt nicht mehr weitergehen kann, ein Point of no Return."

Der Mann, der 2018 wider Willen zum Sprachrohr einer liberalen Reformbewegung wurde, hält sich selbst gar nicht für besonders progressiv. "Ich sehe mich eher als konservativ", sagt der Jesuit, aber genau das sei der Punkt: "Auch in konservativen Milieus ist nicht mehr verstehbar, warum sich die Kirche in den angesprochenen Punkten nicht weiter auf die Gesellschaft zubewegt."

Als an der katholischen Hochschule Sankt Georgen das Wintersemester begann, war nicht klar, ob Wucherpfennig Rektor bleiben kann: Der Vatikan hatte dem Theologen das "Nihil obstat" verweigert, eine Art Unbedenklichkeits-Bescheinigung für Lehrende. Jemand hatte der Glaubens- und der Bildungskongregation in Rom ein Interview zugespielt, in dem sich Wucherpfennig verständnisvoll über Homosexualität geäußert hat. Der Vatikan forderte einen Widerruf.

"Ich werde nicht lügen, um mein Amt behalten"

Hat er darüber nachgedacht, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren? "Zu keinem Augenblick. Nee, wirklich nicht. Ich werde nicht lügen, um mein Amt behalten – und eine Lüge wäre es gewesen." Der Brief aus Rom, die Unsicherheit, "das hat schon an mir gezehrt und gezerrt", berichtet er. "Aber es war für mich auch ein wichtiger Prozess, mir klar zu werden: Stehe ich zu dem, was ich da geäußert habe?" Die Antwort: "Ich kann jetzt noch mehr dazu stehen."

Wer in Rom welche Strippen zog und wieso der Vatikan am Ende doch einlenkte, weiß er bis heute nicht – es ist ihm auch egal, er will nach vorne schauen. Der Rüffel aus Rom hat ihn aber eher ermutigt als entmutigt. Er habe eine "wahnsinnige Welle von Solidarität" erfahren. "Dieser Rückhalt hat mich gestärkt und ermuntert, auf diesem Weg weiterzugehen."

Was ihm missfällt, ist der Umgang der römischen Institutionen mit innerkirchlichen Kritikern: "Es ist schon eine grundsätzliche Schwierigkeit, dass Wahrheitsfragen in der Kirche oft über Machtfragen entschieden werden." Daher würde er sich wünschen, dass der Amtseid für Amtsträger und Lehrende abgeschafft wird. "Das fände ich außerordentlich sinnvoll. Einerseits weil Jesus gesagt hat, ihr sollt nicht schwören. Zum anderen weil, dadurch die Diskussion auf Themen gelenkt werden, die für den Glauben nicht zentral sind." Die Auferstehung Jesu etwa sei zentraler für den Glauben als Fragen der Zulassung zu kirchlichen Ämtern.

Homosexuelle "volle und gleichberechtigte Mitglieder in der Kirche"

Leider sei Homosexualität in der katholischen Kirche "nach wie vor vor ein starkes Tabu, da darf man sich nicht darüber täuschen", sagt Wucherpfennig. "Ein katholischer Reflex ist leicht und schnell homophob." Wucherpfennig engagiert sich hingegen in einer Seelsorge-Initiative für gleichgeschlechtliche Paare. Er will damit "ein großes Willkommenssignal senden", wie er sagt: "Es gibt Schwule und Lesben in der katholischen Kirche, die müssen sich auch nicht rechtfertigen, sondern sie sind volle und gleichberechtigte Mitglieder in der Kirche. Basta."

Nicht alle sehen das so. Kardinal Gerhard Ludwig Müller etwa bezichtigte Wucherpfennig offen der Ketzerei. "Die Position dieses Mannes zur Homosexualität widerspricht dem Wort Gottes", sagte er in einem Interview, sie sei "als häretisch zu qualifizieren", also ketzerisch. Wucherpfennig hat mit Kritik aus der konservativen Ecke "überhaupt keine Schwierigkeiten", behauptet er. "Ich kann das sogar verstehen: Ich habe selbst einen langen Weg zurückgelegt bis zu den Standpunkten, an denen ich mich jetzt wiederfinde."

Vor rund 50 Jahren hat es in der katholischen Kirche eine andere "Wendezeit" gegeben, erinnert sich Wucherpfennig: das Zweite Vatikanische Konzil. Die katholische Kirche öffnete sich für die Welt, ermöglichte den Dialog mit Andersgläubigen. In der nun anstehenden "Wendezeit" müsse die Kirche sich erneut neu ausrichten, "damit sie sich nicht zu weit von den Glaubenden entfernt". Alle 50 Jahre eine Revolution müsse es nicht gerade ein, "aber die Fenster aufreißen und durchlüften wäre doch ganz passend."

-w-

#1 stephan
  • 28.12.2018, 10:26h
  • "Es gibt Schwule und Lesben in der katholischen Kirche, die müssen sich auch nicht rechtfertigen, sondern sie sind volle und gleichberechtigte Mitglieder in der Kirche. Basta."

    Zu spät! Als junger Mann war ich - obwohl als Mathematik- und Physikstudent nie unkritisch der Kirche gegenüber - für gut drei Jahre Benediktinermönch und habe bis heute einen langen gedanklichen Lernwege zurückgelegt! Nun will ich nicht mehr Mitglied der Kirche sein! ... Basta!
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#2 Ith__Ehemaliges Profil
  • 28.12.2018, 11:04h
  • Was er halt als Deutscher nicht bedenkt, was eine auf internationalen Machterhalt ausgelegte katholische Kirche aber nunmal berücksichtigen muss: Den größten, extremsten Glauben und Rückhalt bieten der Kirche nunmal Staaten, in denen die Gesellschaft weit entfernt davon ist, dass konservativ zu sein sich mit Akzeptanz vereinbaren ließe.
    Während hierzulande mit mehr und mehr Kirchenaustritten gerechnet werden muss, gibt's da draußen auch noch Staaten, in denen man bis hin zur direkten Beeinflussung politischer Entscheidungen, statt bloß mal einem Propagandaauftritt vor dem Parlament, sehr viel mehr zu sagen hat und eine sehr viel gesichertere Position inne als hier.

    Man kann und muss sich als katholische Kirche nunmal auch die Bindung zu Mitgliedern derjenigen Staaten erhalten, in denen konservativ zu sein bedeutet, Homosexualität bis hin zum Lynchmord zu bestrafen, und das als Tat zu sehen, für die Gotteslohn zusteht, statt als bestrafenswert. Da mag die Gesellschaft in Teilen Europas inzwischen auch im Querschnitt so liberal sein, wie sie will. Ausgerechnet auf das zahlenmäßig schwindende Pferd zu setzen, ist für eine derart machtpolitisch orientierte Organisation schlichtweg undenkbar.

    Und das ist halt mit Buchreligionen grundsätzlich auch so eine Sache, gerade in Zeiten des Internets und der Archäologie. Wenn man in den vergangenen Jahrhunderten mal fand, dass ein Stück Moral im Glauben fehlt, das inzwischen gesellschaftlicher Konsens geworden ist, dann hat man halt mal kreativ ein neues Gleichnis ins Neue Testament eingefügt, das vorher nachweislich nicht dazugehörte - sie die Geschichte mit "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein". Damals war das dann keine Fälschung und keine Manipulation, damals erbrachte der Vergleich seitens der anderen dann sowas wie "ohje, unser Exemplar ist unvollständig!".
    Heute merkt sowas halt jeder, da kann man nicht einfach Jesus eine Homoehe andichten.

    Das mit dem Text als Religionsgrundlage hat ja durchaus etwas für sich, weil ein gewisses Fundament da ist, auf das gebaut werden kann.
    In einer Zeit, in der solcherlei Betrügereien, die Anpassung an neue Zeiten erinnern, nicht mehr möglich sind, und die Welt gleichzeitig derart vernetzt ist, dass auch gar keine Einigkeit darüber aufkommen könnte, wohin eine Entwicklung stattfinden sollte, bleibt einer Buchreligion dann aber eben nichts anderes übrig als inhaltliches Erstarren.
    Solange unsere Welt so vernetzt ist wie heute, so dass diverse afrikanische Staaten, in denen auch Hexenjagden noch zum Standard gehören, mit der Politik zufrieden sein müssen, die der Vatikan in Europa macht, gibt es keine kreativen Ausflüchte. Da muss man halt mit dem leben, was im Laufe der letzten Jahrhunderte fest-geschrieben wurde.
    Und wenn das zu einer Gesellschaft eben nicht mehr passt.. ist es dann auch nicht Sache der Kirche, sich zu verändern.
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#3 stephan
  • 28.12.2018, 11:31h
  • Antwort auf #2 von Ith_
  • Nun ja, dann bin ich einmal sehr gespannt, wie es mit RKK weitergeht, wenn das Geld aus Westeuropa und insbesondere aus Deutschland nicht mehr zu reichlich in die aufblühenden Kirchen fließt ... Und insbesondere muss in Deutschland der Geldhahn der Kirche generell zugedreht werden! Die Staatsleistungen an die Kirche abzulösen, ist sogar ein Verfassungsziel, um das sich aber niemand kümmert, vielmehr werden Lobreden auf unser tolles GG gehaltene, das man in Teilen missachtet!
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